Search

Your search for Erlangen returned 52 results.

Sunday, July 11 2010

Caster Semenya will Schadenersatz von Sportverbänden (XXI)

>>> Nachtrag

IOC IAAF: Intersex - Guilty by SuspicionLaut einer >>> englischsprachigen Meldung auf businessweek.com vom 8.6.10 hat Geg Nott, Mitglied des Anwaltsteams von Mokgadi Caster Semenya in Südafrika, in einem ersten Schritt vor allem den südafrikanischen Sportverband ASA im Visier. Zwar will er zur Zeit von gerichtlichen Klagen (noch?) nichts wissen:

"Wir klagen nicht, aber wir überlegen, wie [Caster] am besten für die Rennen entschädigt werden kann, die sie auslassen musste. [...] Es wird für unsere Klientin und den Verband hilfreich sein, sicherzustellen, dass ihre entgangenen Gewinne ordnungsgemäss entschädigt werden."

Nott nannte das Verfahren gegen Caster Semenya "eine Travestie", die "nie wieder gegen ein menschliches Wesen wiederholt werden" dürfe.

In einer >>> heutigen Meldung der südafrikanischen Sunday Times wird Greg Nott zitiert, dass mögliche zivilrechtliche Forderungen sich nicht allein auf den südafrikanischen Athletikverband beschränken würden, sondern auch "andere Verbände" mit einbeziehen werden:

"Wir werden definitiv schauen, wie mögliche Verdienste entschädigt werden können, die [Caster Semenya] hätte erhalten können, während sie durch ASA oder welchen anderen Verband auch immer suspendiert war."

Die Zeit titelte darauf heute "Caster Semenya verklagt Südafrikas Verband", der Spiegel "Semenya will Geld".

Nachtrag: Ob ein Zusammenhang besteht mit dem heutigen ASA-Entscheid (englisch), Caster Semenya nicht unter die 42 AthletInnen aufzunehmen, die Südafrika in Nairobi ab dem 28. Juli an den Afrika-Meisterschaften vertreten werden, wurde nirgends angesprochen.

Als weitere Organisationen, von denen Caster Semenya Entschädigungen verlangen könnte, kommen nebst dem Athletikweltverband IAAF auch das südafrikanische Oympische Komitee Sascoc in Frage. Der südafrikanische Athletikverband und IAAF-Mitglied ASA hatte sich im Februar bei seinem Entscheid, Caster Semenya den Start an einem lokalen Rennen in Stellenbosch zu verweigern, auf eine offizielle IAAF-Weisung berufen. Das Olympische Komitee Sascoc war derjenige Verband gewesen, der entgegen dem ursprünglichen Ansinnen von ASA, Caster Semenya für lokale Rennen zuzulassen, ein absolutes Startverbot verhängt hatte, allerdings ebenfalls unter Berufung auf IAAF.

Kommentar: Bleibt zu hoffen, dass Caster Semenyas Anwaltsteam die unseligen Sportverbände auch für die dreiste Missachtung des Arztgeheimnisses sowie von Caster Semenyas Persönlichkeits- und ihrer sonstigen Menschenrechte gehörig zur Kasse bitten werden ...

>>> Zwitter im Sport: IOC und IAAF leugnen Verantwortung
>>> IOC/IAAF/FIFA: "Zwitter brauchen OPs und Hormonbehandlungen"
>>> Pressemitteilung Zwischengeschlecht.org von 22.01.2010

Siehe auch:
- Alle Posts über Caster Semenya
- Gerechtigkeit für Santhi Soundarajan!  
- "Caster Semenya wird als Zwitter verheizt" (IV) 
- Diskriminierung von Zwittern im Sport weltweit
- Protest gegen Diskriminierung von Zwittern im Sport, IOC 19.11.09

Monday, April 19 2010

"Intersexualität: Mann oder Frau - oder was?" - taz, 19.4.2010

FrançaisEnglishVerein Zwischengeschlecht.orgSpendenMitglied werdenAktivitäten

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter!

Interessanter, wenn auch mitunter reichlich schönfärberischer
>>> Artikel von Eiken Bruhn über die Diskussionsveranstaltung in Bremen von letzter Woche.

Leider kolportiert der Artikel einmal mehr die stets beliebte Medizynermär von "früher war es vielleicht schlimm, aber heute ist es ganz anders". Unhinterfragt wird verkündet, "in den vergangenen zehn Jahren setzte ein Umdenken ein", bzw. "die Zeiten [haben sich] tatsächlich geändert". (Wie demgegenüber aktuelle Leitlinien, zahllose Publikationen und nicht auch zuletzt die (frisierten) Studien des "Netzwerks DSD/Intersexualität" (PDF -> S. 3 "Beschreibung des Samples") zweifelsfrei belegen, wird in Tat und Wahrheit auch in deutschen Spitälern weitgehend ungebrochen weiterverstümmelt – allein in Deutschland JEDEN TAG ein wehrloses Zwitterkind!)

Ebenfalls unhinterfragt wird ausgerechnet im Schlusssatz des Artikels eine weitere "zeitlose" Medizyner-Rechtfertigung nachgebetet: "Solange sich unsere binär strukturierte Gesellschaft nicht ändert, darf man auch von Intersexuellen nicht verlangen, die Gender-Vorreiter zu geben." Beinah wörtlich nach einem seinerzeit von vielen Zwittern kritisierten Zitat der wohl unverbesserlich zwangsoperationsgeilen Chefpsychologin des "Netzwerk DSD/Intersexualität" Ute Thyen ...

(Ums klar zu sagen: Ausser ethisch, moralisch und menschlich gestörten Medizynern und oft überforderten Eltern will niemand Zwittern etwas aufzwingen. Wenn nicht-zwangsoperierte Zwitter später OPs wollen und ihre informierte Zustimmung dazu geben, ist dies ihr gutes Recht und auch praktisch möglich – im Gegensatz zum Rückgängigmachen von irreversiblen kosmetischen Zwangsoperationen an Zwitterkindern.)

Unreflektiert über den grünen Klee gelobt wird weiter die parlamentarische Initiative vom letzten Jahr in Hamburg (die seinerzeit auch auf diesem Blog prinzipiell begrüsst wurde – allerdings wurde hier auch entsprechend kritisiert, dass die zentrale Problematik der uneingewilligten kosmetischen Genitaloperationen an Kindern in dieser Initiative mutwillig ausgeklammert wurde).

Befremdlich ist nicht zuletzt, wie der Artikel prominent im Lead vollmundig behauptet, die Bremer Grünen würden sich nun für Zwitter "engagieren". Worin dieses Engagement konkret bestehen soll, darüber schweigt sich der Artikel allerdings vornehm aus ... In deutlichem Gegensatz dazu teilte Michel Reiter, der an der Verabstaltung auf dem Podium sass und ein Impulsreferat beisteuerte (und die Veranstaltung insgesamt "eine Katastrophe fand" – wie übrigens auch diesen Blog "völlig daneben"), auf Anfrage mit: "den Grünen war keine Zusage zur Themenaufnahme zu entlocken."

Damit scheinen letztlich auch die Bremer Grünen dem (bisher konkret noch einiges unrühmlicheren) Negativbeispiel der Bundestags-Grünen zu folgen, zuerst grosse Blabla-Veranstaltungen durchzuführen, denen dann allerdings keine Taten folgen (mal abgesehen von den üblichen politischen Vereinnahmungen, zuletzt in den Grundgesetzvorstössen um Aufnahme von "sexuelle Identität" letztes Jahr im Bundesrat sowie aktuell im Bundestag dieses Jahr).

Daran kann vorerst wohl auch der im Artikel extra herausgestrichene, pragmatische Vorschlag der Rechtsprofessorin und Podiumsteilnehmerin Konstanze Plett nichts ändern, "dass kosmetische Genital-Operationen an Minderjährigen nur nach einer auf Gutachten gestützten richterlichen Entscheidung durchgeführt werden dürfen. Damit, so Pletts Hoffnung, soll sicher gestellt werden, dass die Wünsche der Kinder im Mittelpunkt stehen - und nicht die von MedizinerInnen und Eltern."

Bedenklich auch, dass im Infokasten die schnellstmögliche Beendigung der Zwangsoperationen nicht angesprochen wird, sondern es dort lediglich heisst: "Zu den Forderungen von Selbsthilfeorganisationen zählen die Durchsetzung von Entschädigungsansprüchen und die Übernahme von Behandlungskosten."

Die Zwangsoperateure freut's ...

Nachtrag 20.4.: Die ursprüngliche Version des Artikels wurde inzwischen wegen der "anstössigen" Illustration (Abbildung einer medizynischen Wachsplastik eines "intersexuellen" Genitals) nach entsprechender Kritik zensiert, einzig die Kommentare finden sich dort noch (und fehlen dafür in der neuen Version).

Neue Version: http://www.taz.de/1/nord/artikel/1/mann-oder-frau-oder-was-1/

Wednesday, April 7 2010

Caster Semenya verzichtet vorläufig auf Klage (XIII)

FrançaisEnglishVerein Zwischengeschlecht.orgSpendenMitglied werdenAktivitäten

IOC IAAF: Stop Intersex Discrimination!

Entgegen ursprünglichen Ankündigungen, im Falle einer erneuten Nicht-Zulassung zu einem lokalen Rennen am Dienstag 6.4.10 in Gemiston (nahe Kapstadt) gerichtlich gegen den südafrikanischen Athletikverband ASA vorzugehen (dieser Blog berichtete), entschloss sich Mokgadi Caster Semenya laut einem von den Agenturen AP und Reuters auszugsweise verbreiteten Statement vorerst keine rechtlichen Schritte einzuleiten.

Im Statement hält Caster Semenya an ihrer Ansicht fest, die Entscheidung, sie letzte Woche nicht zuzulassen, sei "falsch und unrechtmässig". Trotzdem habe sie sich entschlossen, der Bitte von ASA zu entsprechen, erst das sich seit über sieben Monate hinziehende Verfahren des Weltathletikverbandes IAAF abzuwarten. Sie habe deshalb ihre Anwälte angewiesen, von der IAAF eine Zusicherung zu erlangen, dass das Verfahren tatsächlich Anfang Juni abgeschlossen würde, und ihre Rückkehr auf den 24.6.10 in Zaragoza (Spanien) verschoben.

Über die konkreten Hintergründe für diese Kehrtwende wurde einmal mehr nichts öffentlich. Ebenso, warum IAAF das Verfahren offensichtlich hinzieht, obwohl die eigentlichen medizinischen Ergebnisse schon seit Monaten vorliegen müssen. Dies lässt Raum für Spekulationen, dass der IAAF Caster Semenya offensichtlich nicht mehr zulassen will, weil er dies sonst schon längst getan hätte, aber möglicherweise Schwierigkeiten hat, eine juristisch wasserdichte Argumentation zu finden, da der Druck von Seiten von Caster Semenya wie auch vom Staat Südafrika gross wäre, gerichtlich gegen eine ungerechtfertigte Sperre vorzugehen, wovor der IAAF offensichtlich grossen Respekt hat. Sowie für Befürchtungen, dass IAAF eventuell Caster Semenya nötigen möchte, sich medizinischen Zwangseingriffen zu unterziehen (wie sie IAAF, IOC und FIFA gemeinsam forcieren wollen), bevor sie eine Starterlaubnis erhält, was ebenfalls juristisch heikel werden könnte.

Gemäss einem Bericht der südafrikanischen Agentur SAPA, der sich auf einen Insider beruft, sei das "Geschlechtsverfahren" von Caster Semenya jetzt schon das mit Abstand am längsten dauernde in der gesamten Geschichte der IAAF. 

Nachtrag: Gemäss einer AP-Meldung vom Abend des 7.4.10 liegen laut Benedict Phiri, einem Mitglied von Caster Semenyas Anwaltsteam in Südafrika, die medizinischen Ergebnisse seit Mitte Februar vor, und gemäss ihrem Medizinerteam, das zusätzlich eigene Untersuchungen angestellt habe, gebe es keinen Grund, Caster Semenya die Teilnahme an Wettkämpfen zu verweigern. Laut Greg Nott würden die Anwälte zudem den Druck auf den IAAF aufrechterhalten, die unbestimmte Situation endlich zu beenden und zu einem verbindlichen Schluss zu kommen. Laut einem AP-Kommentar vom späten Nachmittag des 7.4.10 habe auch Jeffrey Kessler, Mitglied von Caster Semenyas Anwaltsteam in New York, ebenfalls bekräftigt, Caster Semenya habe "jedes Recht an IAAF Wettkämpfen teilzunehmen".

Bleibt zu hoffen, dass trotz dieser Kehrtwende letztlich der juristische und politische Druck auf die internationalen Sportverbände weiterhin wächst, damit sie ihre willkürlichen, intransparenten, menschenrechtswidrigen und diskriminierenden Praktiken gegenüber zwischengeschlechtlichen bzw. als solchen verdächtigeten Sportlerinnen endlich abschaffen müssen!

>>> Bitte unterschreibt die Petition an das IOC!

>>> Zwitter im Sport: IOC und IAAF leugnen Verantwortung

>>> IOC/IAAF/FIFA: "Zwitter brauchen OPs und Hormonbehandlungen"

>>> Pressemitteilung Zwischengeschlecht.org von 22.01.2010

Siehe auch:
- Caster Semenya kündet offiziell Rückkehr an – IAAF verlangt Denkpause bis August (XI) 
- "Caster Semenya wird als Zwitter verheizt" (IV) 
- Diskriminierung von Zwittern im Sport weltweit
- Protest gegen Diskriminierung von Zwittern im Sport, IOC 19.11.09

Thursday, March 25 2010

"Sexueller Missbrauch": Justizministerin fordert Entschädigungen auch "in den Fällen, in denen die rechtliche Verjährung eingetreten ist"

>>> Petition „Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch im Zivilrecht aufheben“

Ein weiterer "Blick über den eigenen Tellerrand hinaus":

Wie immer, wenn ein Thema die Schlagzeilen beherrscht, versuchen sich auch die PolitikerInnen eine Scheibe abzuschneiden. So auch in der gegenwärtigen Debatte um sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Wieviel von den schönen Absichtsbekundungen dann auch verwirklicht wird, bleibt abzuwarten.

Traurig genug, dass am lautstark geforderten "runden Tisch der Bundesregierung" nach wie vor nicht klar ist, ob dort auch die Betroffenen nur schon angehört werden. (Zum "runden Tisch" vgl. weiter die heutige Pressemitteilung der Deutschen Kinderhilfe e.V.)

Trotzdem ist's fürs erste erfreulich, dass z.B. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sich immerhin schon mal verbal-öffentlich für die Opfer sexualisierter Gewalt einsetzen. So z.B. am 9.3. in der Süddeutschen Zeitung:

[...] Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) forderte die katholische Kirche auf, die Aufklärung von Missbrauchsfällen konsequenter anzugehen als bisher. "Es braucht ein klares Signal an die Opfer, wie zum Beispiel das Gespräch über freiwillige Wiedergutmachungen in den Fällen, in denen die rechtliche Verjährung eingetreten ist."

Dies wäre "ein Stück Gerechtigkeit, auch wenn sich das erlittene Unrecht materiell nicht aufwiegen lässt", sagte Leutheusser-Schnarrenberger [...]. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass nur Fälle zugegeben werden, die sich nicht länger bestreiten lassen, fügte die Ministerin hinzu.

Auch SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, eine praktizierende Katholikin, appelliert an ihre Kirche, Opfer zu entschädigen, richtet ihren Appell aber auch an Träger weltlicher Einrichtungen wie etwa die Odenwaldschule, wo es ebenfalls Missbrauchsfälle gab. "Überall dort, wo systematischer Missbrauch über längere Zeit vertuscht wurde, muss Aufklärung geschaffen werden, damit sich das nicht wiederholt." Eine symbolische Entschädigung "wäre ein angemessenes Angebot an die Opfer von damals", sagte sie [...].

Prompt wurde dies auch auf Spiegel Online aufgegriffen, wobei auch weitergehende Forderungen nach Verlängerung/Aufhebung der Verjährung formuliert wurden (wie Norbert Denef diese seit Jahren zunächst erfolglos im Bundestag und nun vor dem Europäischen Menschengerichtshof fordert >>> Petition):

"Entschädigungsansprüche verjähren zu schnell"

Vermehrt wurden in FDP und Union Stimmen laut, die eine Verlängerung der zivilrechtlichen Verjährungsfristen fordern. Für eine entsprechende Änderung sprachen sich Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger sowie der FDP-Politiker Max Stadler aus. Stadler sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", die regelmäßige Verjährungsfrist von drei Jahren für Ansprüche auf Schmerzensgeld und Schadenersatz sei deutlich zu kurz. Der FDP-Rechtsexperte Hartfrid Wolff will die Verjährungsfrist für Ersatzansprüche daher auf 30 Jahre anheben. Unionsfraktionsvize Günter Krings sprach sich ebenfalls für längere zivilrechtliche Fristen bei Missbrauch aus. "Entschädigungsansprüche der Opfer laufen heute in der Regel ins Leere, weil sie zu schnell verjähren", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Viele Betroffene fänden erst nach Jahren oder Jahrzehnten die Kraft, sich zu offenbaren. "Eine Verzehnfachung der Verjährungsfrist auf 30 Jahre würde in den allermeisten Fällen Abhilfe schaffen."

Dito auch im Stern:

Vor allem Mitglieder der christlichen Parteien fordern zudem schärfere Gesetze, um künftig auch in jahrzehnte-alten Missbrauchsfällen die Täter bestrafen zu können. [...] Der FDP-Rechtsexperte Hartfrid Wolff will die Verjährungsfrist für Ersatzansprüche daher auf 30 Jahre anheben.

[...] Viele Opfer seien erst nach vielen Jahren in der Lage, sich mit ihrem Leid auseinanderzusetzen, sagte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. CSU-Chef Horst Seehofer und seine Justizministerin Beate Merk sprachen sich wie Wolff für eine längere Verjährungsfrist von mindestens 30 Jahren aus. Bislang liegt die Frist bei 10 Jahren, in besonders schweren Fällen bei 20 Jahren - gerechnet vom 18. Geburtstag des Opfers an.

Laut der ARD-Tagesschau sprach sich auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) für verlängerte Verjährungsfristen aus. Einzig Grünen-Chef Cem Özdemir will davon nichts wissen.

Wenig überraschend hält laut einer epd-Pressemeldung die katholische Kirche nichts von Entschädigungen:

Der Beauftragte für Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, Stephan Ackermann, geht nicht davon aus, dass die Missbrauchsopfer finanzielle Entschädigung verlangen. "Sie wollen über ihr Schicksal sprechen", sagte der Trierer Bischof [...].

Betroffene sind da offensichtlich anderer Meinung (werden aber leider nach wie vor weniger öffentlich wahrgenommen), wie folgender Offener Brief von Helmut Jacob beweist:

Wollen Sie auch nur noch ein bisschen Glaubwürdigkeit zurück erobern, so richten Sie gemeinsam mit der Evangelischen Kirche umgehend einen Opferfonds ein, aus dem dringende soziale und therapeutische Maßnahmen bezahlt werden. [...]

Bleibt abzuwarten, wieviele konkrete Taten den obigen schönen Worten der PolitikerInnen folgen werden ...

>>> Petition „Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch im Zivilrecht aufheben“

>>> Pressemitteilung Deutsche Kinderhilfe e.V. zum Runden Tisch

>>> Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt

Siehe auch:
- Prozesse wegen sexualisierter Gewalt an Kindern: "Die Lawine rollt"
- Vom Mut der Betroffenen von sexualisierter Gewalt lernen (1) 
- Vom Mut der Betroffenen von sexualisierter Gewalt lernen (2)
- Vom Mut der Betroffenen von sexualisierter Gewalt lernen (3)
- "Runder Tisch Heimerziehung": Betroffene zum 2. Mal gedemütigt und erpresst
- Alle Posts zu "Blick über den eigenen Tellerrand hinaus" 

Friday, January 29 2010

Georg Klauda: "Krankheitsbilder", Vortrag vom 5.6.2002 (Medizin und Verbrechen)

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen![Dokumentation der AGGPG-Seite]

Krankheitsbilder

Die medizinische Fotografie als Todesengel für Menschen des dritten Geschlechts

von Georg Klauda

Vortrag, gehalten im Rahmen der Reihe "Beiträge zur Biotechnologie- und Medizinkritik", Themenabend "Medizin und Verbrechen", FU Berlin, 05.06.2002.

Teratologie als Beruf

Als Hermaphroditen vergöttlicht, als Intersexuelle medikalisiert und als Zwitter für unwert erklärt, können Menschen mit uneindeutigem Geschlecht seit den 50er Jahren im Alltag als "verschwunden" gelten. Ähnlich wie in den Monsterbüchern der Frühen Neuzeit tauchen sie statt dessen in teratologischen Abhandlungen auf, d.h. in Medizinwerken, die den menschlichen Missbildungen gewidmet sind. Die dort abgebildeten Fotografien zeigen Kinder, die an Händen und Füßen gewaltsam festgehalten werden, während die Kamera mit einem Zoomobjektiv auf ihre Genitalien fokussiert und sie so zu einem Stück unappetitlichen Fleisches macht, zum Torso zerstückelt und ihres Subjektseins beraubt. Es gibt sogar einen Berufsstand, den des Teratologen nämlich, der sich allein mit der Produktion solcher menschenverachtender Bilder befasst. Herstellung von Kinderpornos heißt deshalb einer der Vorwürfe, die von der Lobby für Menschenrechte gegen den klinischen Umgang mit Hermaphroditen erhoben werden. Doch ÄrztInnen sehen darin nichts anderes als die wertfreie Dokumentation von medizinischen Befunden. Ihre mögliche Verhinderung durch ein paar dahergelaufene Spinner erscheint ihnen als hinterwäldlerische Maschinenstürmerei. Sich selbst betrachten sie hingegen als neutrale Instanz, allein dem wissenschaftlichen Fortschritt verpflichtet und unkorrumpiert von kulturellen Konstruktionen.

Dass dem nicht so ist, hat Maurice Florence in seinem kurzen Beitrag hinreichend deutlich gemacht, indem er den Status des Priesters im Mittelalter mit dem des Arztes in der Neuzeit verglich. Das Bild des Arztes, der das Kranke und Abnorme aus dem individuellen wie aus dem Volkskörper herausschneidet, ist kein unschuldiges, neutrales oder gar notwendiges. Vielmehr gehört es zu den perfiden Metaphoriken, die die nationalsozialistische Menschenvernichtung angetrieben haben. Dabei erfährt der Begriff der Krankheit selbst eine charakteristische Umbildung. In einem lebensweltlichen Horizont bezeichnet man jemanden als krank, wenn er einen Schnupfen hat, an Fieber leidet oder gar von einer Lungenentzündung dahingerafft zu werden droht. Es ist ein missliches Schicksal, das ihm von außen widerfährt und das er doch niemals mit seiner Existenz als solcher gleichsetzen wird. Dieser sinnlich greifbare Krankheitsbegriff wird jedoch von MedizinerInnen spätestens seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in einer völlig neuen Weise metaphorisiert. Als "krank" gelten nun Homosexuelle - ein Wort, das übrigens genau wie Intersexuelle aus dem Schatzkästlein der Sexualmedizin stammt -, als "krank" gelten Irre, Manisch-Depressive und Behinderte. Es ist nicht mehr ein temporärer Zustand, der ihren Köper befällt, sondern sie selbst sind es, die "krank" sind. Ihr Sosein ist es, das eine Gefährdung der Volksgesundheit nach sich zieht, und sie sind es, die, wenn die Gemeinschaft keinen Schaden erleiden will, entfernt werden müssen. Sei es durch Einsperrung in Kliniken, Psychiatrien und Konzentrationslagern, sei es durch ihre Aussperrung aus dem Genpool künftiger Generationen.

Umbettungen hinter Anstaltstüren

Zum Blick auf Hermaphroditen als "krank" und "missgebildet", als "Störung" und "Syndrom", der insbesondere in der teratologischen Fotografie inszeniert wird, gesellt sich die Praxis der Verstümmelung (das Herausschneiden uneindeutiger Genitalien), der Vergewaltigung (die jahrelange Bougierung, d.h. Dehnung der künstlich angelegten Neovagina) und schließlich die Konspiration des Schweigens, derer sich die Eltern als angeblich wohlmeinende MittäterInnen schuldig machen. Die Sprache ist die der technokratischen VollstreckerInnen, denen selbst die schlimmsten Gräuel lediglich unter dem Blickwinkel ihrer handwerklichen Perfektionierung vor die Linse geraten. Allein an einer einzigen Patientin können dabei bis zu einer viertel Million Euro umgesetzt werden. Da jedes zweitausendste Kind dieser Behandlung unterzogen wird, kann man sich leicht die Profitabilität dieses milliardenschweren Industriezweigs ausmalen. Es ist daher unwahrscheinlich, dass er jemals freiwillig, aus besserer Einsicht, einfach aufgegeben wird.

Schon eher verlagert er sich aufgrund der mittlerweile in den Mainstream-Medien aufbrandenden Kritik in andere Sparten des medizinischen Betriebs, wird entweder durch Pränataltherapie und eugenische Selektion vorverlegt oder in die Psychiatrie umgebettet. Die ProtagonistInnen für beide Möglichkeiten finden sich schon heute. So Prof. Helmuth-Günther Dörr aus Erlangen, der auf dem Magdeburger Endokrinologen-Kongress im März 2001 die Möglichkeiten einer pränatalen Dexamethason-Therapie vorführte. Mit dieser soll die Herausbildung eines sog. androgenitalen Syndroms (AGS) verhindert werden, bei dem ein Kind mit XX-Chromosomensatz vermännlichte Genitalien entwickelt. Jedoch sind die Nebenwirkungen der Behandlung drastisch: die Schwangeren klagen über Gewichtszunahmen bis zu 30 Kilogramm; bei Abbruch der Therapie kommt es zu einer Abort-Rate von 5 Prozent. Bei mehr als der Hälfte der Fälle handelt es sich zudem um eine Fehldiagnose von AGS. Deshalb scheint der Weg der Psychiatrisierung unter Umständen aussichtsreicher. Sog. Geschlechtsidentitätsstörungen können dabei schon heute im medizinischen Abrechnungskatalog ICD unter den Codes F64 und F65 gebucht werden. Notwendig ist dafür eine Psychiatrisierung von Hermaphroditen, wie sie etwa die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung verfolgt, wenn sie erklärt, dass "die medizinische Praxis in der Vergangenheit bei vielen Intersexuellen zu erheblichen Problemen in ihrer psychosexuellen Entwicklung geführt" hat.

Als repräsentativ kann dabei auch das Auftreten des Psychotherapeuten Knut Werner-Rosen bei einem Fachgespräch der grünen Bundestagsfraktion zur "Situation intersexueller Menschen" gelten, das am 27. Februar diesen Jahres stattfand. Seit einigen Jahren arbeitet der Seelenklempner Werner-Rosen mit der Serienverstümmlerin Prof. Annette Grütters an der Virchow-Klinik zusammen. Seine Aufgabe besteht darin, den Eltern des verstümmelten Kindes eine Gehirnwäsche zu verpassen: Sie sollen die Behandlung und das neue Geschlecht ihres Kindes unter keinen Umständen in Zweifel ziehen. Trotzdem interessierte sich Werner-Rosen auf dem Fachgespräch nicht im geringsten für die Frage, ob medizinische Eingriffe nun notwendig seien oder nicht. Vielmehr ging es ihm an diesem Tag allein darum, die psychotherapeutische Behandlung künftig regulär bei den Krankenkassen abrechnen zu können, ob mit oder ohne Verstümmelung.

Das Thema seines Vortrags "Kann die Gesellschaft Intersexualität verkraften?" begann er deshalb mit dem ungeheuerlichen Satz, das Verkraften beginne ja schon damit, dass er durch die Teilnahme an diesem Fachgespräch auf 300 Euro Honorar verzichte. Kein Zweifel: So jemand wie Werner-Rosen wird auch nach der Abschaffung der Zwangsverstümmelungen an Hermaphroditen sein Geschäft machen.

Verquere Verbindungen

Werner-Rosen steht dabei in Verbindung zu dem Studiengang Gender Studies an der Humboldt-Universität Berlin, an dessen Praxistag er den Studierenden sein Berufsfeld vorstellte. Unübersehbar gibt es auch sonst eine enge Zusammenarbeit zwischen den hauptamtlichen Gender-DekonstrukteurInnen in der Sexualmedizin und der nicht minder professionalisierten Variante derselben Spezies in den Kulturwissenschaften. Beide Sparten des Betriebs sind nicht nur in einem Studiengang vereinigt, sondern stützen sich auch inhaltlich gleichermaßen auf radikalkonstruktivistische Prämissen, nämlich auf die Behauptung, dass Menschen bei Geburt ein "unbeschriebenes Blatt" seien, denen man nach Belieben und chirurgischer Machbarkeit eine Männer- oder Frauenrolle zuweisen könne. Ein natürliches Geschlecht dahinter gebe es nicht.

Zwar sehen das die zahlreichen Opfer des auf diesen Annahmen ruhenden Menschenversuchs mitunter ganz anders. Doch das scheint nicht weiter zu stören. Denn von Anfang an basierte dieser unerschütterliche Glaube eher auf axiomatischen Setzungen denn auf irgendwelchen Erfahrung. John Money, der die Praxis der Geschlechtsneuzuweisungen in den 50er Jahren in Gang setzte, ließ sogar seine eigene Dissertation im Archiv verschwinden, weil sie nachwies, dass eine medizinische Behandlung von Hermaphroditen überflüssig sei. Unverstümmelte Erwachsene kämen mit ihrer Geschlechts-Uneindeutigkeit nämlich sehr gut zurecht und entwickelten eine starke Persönlichkeit. Doch nicht nur das musste Money verheimlichen, er vertuschte auch den katastrophalen Ausgang seines berühmtesten Zwillingsexperiments, bei dem ein kleiner Junge, der bei einer Vorhautbeschneidung seinen Penis verloren hatte, zu einem Mädchen umoperiert wurde. Nach vielen traumatischen Jahren, in denen der junge Bruce, alias Brenda, alias David Reimer durch die Hölle ging, kehrte er schließlich mit 14 in sein männliches Geschlecht zurück. Noch heute wirkt er zutiefst verstört und versucht seine Erinnerungen so gut es geht in seinem Gedächtnis zu begraben.

Der Quacksalber als Hohepriester

Weil die Intersex-Chirurgie mittlerweile in arge Bedrängnis durch die Medien geraten ist, wurden nun Studien in Auftrag gegeben, die, so unglaublich das klingt, von niemand anderem als den behandelnden ÄrztInnen selbst durchgeführt werden. Aufgrund des Ergebnisses einer interkulturell vergleichenden Studie zwischen Deutschland und Malaysia rückte Prof. Ursula Kuhnle von der Universität München zwar mittlerweile von der medizinischen Praxis der Geschlechtszuweisungen ab. Prof. Meyer-Bahlburg aus New York ist da jedoch etwas pragmatischer. Während er in Magdeburg als Ergebnis seiner Studie referierte, dass die Geschlechtsidentität sich statistisch unabhängig von der ärztlichen Entscheidung und der späteren kindlichen Sozialisation entwickle, gab er in einem Dokumentarfilm auf N3 bekannt, die meisten Hermaphroditen würden auch heute noch in dem ihnen zugewiesenen Geschlecht leben. So publikumsgebunden kann wissenschaftliche Forschung manchmal sein! Nicht auszuschließen, dass zwischenzeitlich einige Dollars den Besitzer gewechselt haben, die des Wissenschaftlers Ansichten ins glatte Gegenteil verkehrten.

An dieser Stelle möchte ich Schluss machen, dieses kriminelle Gewerbe weiter aus einer Innensicht zu betrachten und mich der Frage zuwenden, warum alle zuschauen, während in den Kliniken vergewaltigt, verstümmelt und gefoltert wird. Denn all dies wäre sicher nicht möglich, wenn wir der Medizin als Hohepriestertum der technokratischen Moderne nicht blindlings vertrauen würden. Doch wir glauben noch immer, nach der Euthanasie, nach Mengele, nach der Rampe von Auschwitz, nach Elektroschocktherapien und Hodentransplantationen an Homosexuellen, nach gehirnchirurgischen Eingriffen an Systemdissidenten und psychiatrischer Folter an "Irren", dass die ÄrztInnen nur unser "Heil" im Auge hätten. So setzten sich KulturwissenschaftlerInnen aus Berlin und Potsdam auf das Podium des bereits erwähnten Endokrinologen-Kongresses in Magdeburg, schauten sich Schlachthaus-Bilder an, auf denen aufgeschlitzte Unterleiber und herauspräparierte Genitalien zu sehen waren, ohne auch nur mit einem Wort zu intervenieren. Man fühlte sich schließlich nicht kompetent, all diese ethischen Fragen zu beantworten, sah sich aber immerhin geehrt, dass auch die Kulturwissenschaft auf der Ebene der Theorie ihr Scherflein beitragen könnte zur Frage, wie die Geschlechter gemacht werden.

Dabei handelt es sich doch um Mord! Denn vor nicht allzu langer Zeit nahmen die ÄrztInnen bei den von ihnen eingesetzten chirurgischen Techniken noch in Kauf, dass ein Teil ihrer "PatientInnen" auf dem Operationstisch verstarb. Und auch heute sind es noch geschätzte 30 Prozent der Zugewiesenen, die sich in Folge der traumatischen Eingriffe und ihrer systematischen Entmenschlichung durch die Sprache und Praxis der Medizin irgendwann das Leben nehmen.

Der Raum des Politischen

Wir müssen auch der Entpolitisierung dieser Fragen begegnen. Etwa, wenn diese Tatsachen allein zum Problem einer kleinen Minderheit gestempelt werden. Dieser soll endlich Recht widerfahren, um sie danach als neue identitäre Lebensweise ins multikulturelle Gewebe der kapitalistischen Gesellschaft zu integrieren. Genau dies ist das Bild, das die Massenmedien in bester zivilgesellschaftlicher Manier zu zeichnen versuchen, um einen entstandenen politischen Spalt pragmatisch zu schließen. Hermaphroditen werden als distinkte Existenzweise konstruiert, die sie nicht sind, und als Kontrastfolie missbraucht, an denen die Gesellschaftsmehrheit ihre Konstruktionen von Normalität überprüfen und beweisen kann.

Eine politische Sichtweise wäre demgegenüber, die medizinische Praxis der Geschlechtszuweisungen als symbolische Metapher für die grundlegenden Operationen der Gesellschaft und die Mythen der westlichen Kultur zu lesen. Die Reduktion von Hermaphroditen auf eine phantasierte Identität und ein gesellschaftliches Einzelinteresse ist hingegen ein technokratischer Traum, der der Gewalt noch den Hohn hinzufügt.

Für eine mögliche politische Kontextualisierung steht in jüngster Zeit etwa Carl Wiemer. Die Kritik am "Ärzteracket" liefert für ihn den Brennspiegel des Besonderen, durch den eine allgemeine Theorie der Gesellschaft hindurch muss. Anhand von zahlreichen verstreuten Fragmenten aus Max Horkheimers Werk hat er dessen Ärzte- und Medizinkritik rekonstruiert und die Versehrungen im medizinischen Apparat als Schlüssel verwendet, um das diagnostische Potential einer kritische Theorie der Gesellschaft zu demonstrieren. In seinem Buch Krankheit und Kriminalität kritisiert er dabei mit Horkheimer eine großmäulige Linke, die sich lieber mit fernen weltpolitischen Fragen befasst, an denen sie ohnehin nichts ändern wird, als mit solchen profanen Dingen wie der Situation in Psychiatrien, Spitälern und Gefängnissen. Eine Gesellschaftskritik ist auf die Versenkung ins Besondere angewiesen, wenn sie nicht mit jenem schlechten Allgemeinen im Bunde stehen will, das die Essenz der kapitalistische Gesellschaft ist. Horkheimer ist deshalb der Anwalt der bestimmten gegen die abstrakte Negation und unterscheidet sich, wie Wiemer treffend formuliert, dadurch auffällig von der "Spreu der soziologischen Weggucker", die heutzutage Luhmann- und Habermas-Seminare bevölkern.

© Copyright Klauda - 2002

>>> Kommentar: Georg Klauda über Knut Werner-Rosen ("Netzwerk DSD/Intersexualität") und Psychologen als Windfahnen  

>>> Georg Klauda über Instrumentalisierung von Zwittern durch LGBT 

Wednesday, September 2 2009

"Intersexualität und Recht" in Österreich - Eva Matt, 8.11.06

Menschenrechte auch für Zwitter!Die Zwitter Medien Offensive™ war schon da!

>>> http://www.dieuniversitaet-online.at/beitraege/news/intersexualitat-und-recht/10/neste/205.html

Erschienen in der "Online-Zeitung der Universität Wien", mit aktuellem Bezug zu Alex Jürgen, "Tintenfischalarm" und intersex.at. Eva Matt "ist Juristin in Wien und arbeitet [...] an einer Dissertation zum Thema "Intersexualität aus rechtlicher Perspektive".

Kommentar: "körperliche Integrität und Selbstbestimmung" – einmal mehr allen ins Stammbuch, die nachher sagen werden, "Das haben wir aber nicht gewusst!"

Traumatisierende Eingriffe

Zusammenschlüsse von Intersexuellen machen seit Mitte der 1990er Jahre darauf aufmerksam, dass die an "Betroffenen" im Rahmen von Geschlechtszuweisungen durchgeführten genitalchirurgischen Eingriffe keineswegs als heilend empfunden wurden, sondern für diese missbrauchsähnlich, verstümmelnd und traumatisierend waren. Sie fordern ein sofortiges Abgehen von Genitalkorrekturen und verlangen einem patientenorientierten Behandlungsmodell folgend den offenen, tabulosen Umgang mit intersexuellen Menschen und dem Thema Intersexualität. Den Kindern soll ein Geschlecht "zugewiesen" werden, in dem sie aufwachsen; irreversible Eingriffe sollen aber jedenfalls aufgeschoben werden, bis das Kind selbst zustimmen kann.

[...] Auf juristischer Ebene steht die wissenschaftliche und praktische Auseinandersetzung mit dem Thema Intersexualität noch am Anfang. [...]

[...] Rechtspolitische Überlegungen sollten sich auch hierzulande der Frage widmen, wie die Rechte intersexueller Menschen auf körperliche Integrität und Selbstbestimmung so weit wie möglich gewahrt werden können und wie etwa ein "Recht auf eine offene Zukunft" rechtlichen Niederschlag finden kann.

>>> http://www.dieuniversitaet-online.at/beitraege/news/intersexualitat-und-recht/10/neste/205.html

Siehe auch:
- Zwangsoperationen an Zwittern: Bundesregierung beugt Grundgesetz Art. 2 (Recht auf körperliche Unversehrtheit) 

Friday, June 26 2009

Neuerscheinung: "Bodies in Doubt: An American History of Intersex" von Elizabeth Reis

Allem Anschein nach eine weitere Veröffentlichung primär aus der Gender Studies Perspektive, diesmal aus dem Verlag der Johns Hopkins University (der Heim-Uni von John Money & Co. sowie Ort der ersten Professur von Judith Butler). Elizabeth Reis war bisher vor allem bekannt dür ihren Vorschlag, das "Disorder" in DSD durch "Divergence" zu ersetzen (englisches PDF).

Die bisher zugänglichen Infos zum Buch lassen die Befürchtung aufkommen, die Geschichte der Kritik der Betroffenen an den Zwangsoperationen bleibe einmal mehr aussen vor. Mensch darf gespannt sein, ob der Abschnitt "OPs in den Zwanzigern und Dreissigern" die längst überfällige kritische Aufarbeitung der medizinischen Verbrechen von Prof. Dr. Hugh "Schnipp, Schnapp!" Hampton Young bringt, der an der Johns Hopkins University das Zwangsoperieren salonfähig machte und so die chirurgischen Voraussetzungen für John Money schuf (der allzuoft als Alleinschuldiger an den Menschenrechtsverbrechen an Zwittern geschildert wird).

Erster Eindruck: Punkto Menschenrechte und Ethik wird es das Buch wohl schwer haben, an das exzellente "Surgically Shaping Children" (Hrsg. Erik Parens) heranzukommen aus dem gleichen Verlag (in Zusammenarbeit mit dem Hastings Center).

>>> Vorabinfo Oregon University

Inhaltsverzeichnis (laut OpenLibrary.org):

  1. Hermaphrodites, monstrous births, and same-sex intimacy in early America 
  2. From monsters to deceivers : early 19th century          
  3. The conflation of hermaphrodites and sexual perverts at the turn of the century
  4. Cutting the gordian knot : gonads, marriage, and surgery 1920s and 1930s
  5. Psychology, john money, and the gender of rearing 1940s, 1950s, 1960s

Nachtrag zum 4. Kapitel (OPs während der 20er und 30er):

Leider entpuppt sich das Buch einmal mehr als die übliche Zwangsoperateur-Verharmlosung. Zwar gibt es einen Abschnitt "Soziale Rechtfertigung für die Operationen" (hier wie im folgenden handelt es sich jeweils um meine Übersetzungen), wo belegt wird, dass die "primäre Motivation" für die Chirurgen "eher sozialer Art" seien als "strikt medizinisch" (S. 86). Dass es (mit der einzigen Ausnahme von Verschlüssen oder Behinderungen im harnableitenden System, die aber nicht erwähnt werden) schlichtwegs keinerlei medizinische Begründung für die Genitaloperationen überhaupt gibt, wird hingegen vornehm ausgelassen.

Absolut enttäuschend auch der Abschnitt "Ethik der Operationen" – ethische Erwägungen bleiben dort nämlich ebenfalls schlicht aussen vor. Zwar wird einmal kurz festgehalten, "Chirurgen selbst" hätten später "bestürzt auf diese Periode zurück[ge]blickt", die einzige angeführte Belegstelle nimmt aber nicht einmal konkret auf Genitaloperationen an Zwittern Bezug, sondern es geht um das Anlegen künstlicher Dickdarmausgänge (S. 91). Zwar räumt die Autorin an einer Stelle ein, "Männer, Frauen und Kinder kamen zu den Ärzten auf der Suche nach Hilfe, und verliessen sie oft in einem schlechteren Zustand, körperlich und seelisch, als sie sie aufsuchten" (S. 91), aber genauer will sie es offenbar lieber nicht wissen.

Die kritischste Aussage, zu der sich Elizabeth Reis durchzuringen vermag, lautet: "In den 20ern und 30ern, offen gesagt, experimentierten die Ärzte mit den Körpern all ihrer PatientInnen" (S. 91), sowie folgende Passage, die wohl allen heutzutage zwangsoperierten Zwittern als der pure Hohn vorkommen wird: "Wir können vernünftigerweise nicht von der Vergangenheit diejenigen Standards verlangen, die wir heute erwarten, aber wir können kritisch sein gegenüber allzu optimistischen Berichten, welche die Mediziner über ihre chirurgischen Praktiken veröffentlichten. Heute verlangen PatientInnen und ÄrztInnen [!!!!!] [...] evidenzbasierte Behandlungen." (S. 92)

Dementsprechend kommt auch Hugh Hampton Young, der unselige Wegbereiter John Moneys, der die Zwangsoperationen in unsäglicher "Fleischlego-Manier" im Johns Hopkins Universitätsspital zur Serienreife brachte, ohne jegliche ethische oder gar menschenrechtliche Kritik weg – kritisert wird er einzig dafür, dass er zu sehr in den damaligen Ideen vom "falschen" und dem "richtigen Geschlecht" verhaftet gewesen sei.

(Wenigstens geht Elizabeth Reis damit nicht soweit wie Anne Fausto-Sterling, die in ihrem Buch "Sexing the Body" für Dr. "Schnipp, Schnapp" Young ausschliesslich Lob übrig hat [!!!], und sich gar zur Behauptung versteigt, Young habe nie Zwitter "zur Behandlung zwingen wollen", siehe dort S. 42 – peinlicherweise bringt Fausto-Sterling auf S. 92 selbst ein Beispiel, das das Gegenteil belegt ...)

Ein rarer Lichtblick, auf S. 113 räumt Elizabeth Reis immerhin ein, es sei leicht zu verstehen, wie die Medizyner darauf verfielen, die verhängnisvollen GenitalOPs möglichst früh an Kleinkindern zu praktizieren (die können sich nämlich nicht wehren, und auch Eltern sind im ersten Schock am leichtesten herumzukriegen).

Fazit, auch bei Elizabeth Reis' "Bodies in Doubt" geht einmal mehr weniger um Ethik und Menschenrechte auch für Zwitter, sondern um "Gender"(Theorie). Trotzdem bietet das Buch einen ergreifenden historischen Überblick über die Behandlungsmethoden an Zwittern, wenn auch eine Tendenz zur allgmeinen Schönfärbung und zur Verklärung der "aufgeklärten" Gegenwart im Speziellen unübersehbar sind.

Monday, April 27 2009

Erneute Aufforderung um Unterstützung an Amnesty International

Mindestens seit 1996 wird Amnesty International von Zwitterorganisationen um Hilfe angegangen.

Eine ähnliche Aufforderung wie die nachfolgende vom April 2009 ging am 15.8.09 zusätzlich auch an die Schweizer Sektion von Amnesty – einmal mehr hiess es in der Absage: "Amnesty International hat bisher [...] keine offizielle Position zu Intersex und Zwangsoperationen erarbeitet."

2010 haben nun Amnesty Schweiz sowie Amnesty Deutschland an ihren Jahresversammlungen Beschlüsse verabschiedet, wonach beide Sektionen sich beim Dachverband dafür einsetzen, dass Amnesty International endlich eine offizielle Position erarbeiten soll. Danke!

------------------------------------------------------
Subject:       Massivste Menschenrechtsverletzungen an Zwittern
From:
       presse_at_zwischengeschlecht.info
Date:
       Mon, April 27, 2009 14:34
To: 
      [...]@mersi-amnesty.de
------------------------------------------------------


Lieber [...]

ich beziehe mich auf Ihre Antworten auf die Anfragen von Michaela R. und Lucie Veith von Intersexuelle Menschen e.V. vom Dezember letzten Jahres zum Thema, insbesondere auf Ihren Wunsch nach weiterführenden konkreten Informationen, dem ich im folgenden nachkommen möchte:

==================================================

INHALT

1. Einleitung

2. Studien des Netzwerks Intersexualität/DSD widerlegen Bundesregierung
a) Bundesregierung ignoriert Menschenrechtsverletzungen und propagiert genitale Zwangsoperationen
b) Aktuelle Forschungsergebnisse des "Netzwerk Intersexualität/DSD" beweisen massive Menschenrechtsverletzungen
c) Einige Auszüge aus den beiden Studien
d) Literatur und Quellen

3. Schattenbericht CEDAW 2008, Rügen an Bundesregierung
a) Auflistung der menschenrechtswidrigen Zwangseingriffe (Deutsch)
b) List of non-consented, forced treatments violating the human rights of the victims (english)
c) UNO rügt Bundesregierung wegen mangelndem Schutz der Menschenrechte von Zwittern

4. Forderungsliste betroffener Menschen

5. Urteile LG und OLG Köln: Zwangsoperierte "schuldhaft in Selbstbestimmungsrecht verletzt"

6. Juristische Probleme und Diskriminierungen
a) Das Problem der frühzeitigen Verjährung der genitalen Zwangsoperationen
b) Diskrimierung gegenüber Knaben- und Mädchenbeschneidung
c) Diskriminierung Sterilisations- und Kastrationsverbot
d ) Zwangskastrierte Zwitter müssen Ersatzhormone selber bezahlen

7. Wir bitten um Ihre Unterstützung!


==================================================

1. Einleitung

==================================================

Bis heute werden Menschen, die mit "uneindeutigen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen geboren werden, ohne ihre Einwilligung meist im frühen Kindesalter zwangskastriert, an ihren "uneindeutigen" Genitalien zwangsoperiert und Zwangshormontherapien unterzogen, um ihr "uneindeutiges" Geschlecht zu "vereinheitlichen". Diese Zwangseingriffe sind medizinisch nicht notwendig, sondern rein "kosmetisch".

Die meisten Opfer dieser unmenschlichen Praxis leiden ein Leben lang unter den massiven psychischen und physischen Folgen der Zwangsbehandlungen (Traumatisierungen, Verlust des sexuellen Empfindens, Schmerzen im Genitalbereich, gesundheitliche Schäden durch erzwungene, inadäquate sogenannte "Hormonersatztherapien (HETs)", sehr hohe Selbstmordrate Zwangsoperierter, usw.).

Allein in Deutschland leben schätzungsweise 80’000 bis 100’000 sogenannte Zwischengeschlechtliche, Intersexuelle, Zwitter oder Hermaphroditen.

Juristisch, politisch und sozial werden sie nach wie vor unsichtbar gemacht und ihrer (Menschen-)Rechte beraubt.

Siehe auch: Präambel Forderungsliste Intersexuelle Menschen e.V.:
http://intersex.schattenbericht.org/pages/Forderungen-Intersexuelle-Menschen-eV

Diese massiven Menschenrechtsverletzungen an Zwittern geschehen aufgrund ihres sogenannt "uneindeutigen" körperlichen Geschlechts.

Das Problem der genitalen Zwangsoperationen ist KEIN "Gender Issue"; es handelt sich auch NICHT um ein Problem der blossen Diskriminierung aufgrund sexueller Identität bzw. Orientierung, sondern es handelt sich um massive körperliche Schädigungen (vgl. unten 3a), deren Folgen von den Opfern nicht von ungefähr mit den Folgen von Folter, sexuellem Kindesmissbrauch oder medizinischen Experimenten während der Nazizeit verglichen werden!

Die hohe Zahl der Opfer, die Schwere und das Ausmass der an ihnen in den letzten 60 Jahren systematisch begangenen Menschenrechtsverletzungen machen die Zwangsoperationen an Zwittern zur wohl gravierendsten Menschenrechtsverletzung in den westlichen Demokratien seit dem 2. Weltkrieg.


Siehe auch: Auflistung von Berichten Betroffener (2.  Medizinische Verbrechen an Zwittern / Persönliche Berichte):
https://blog.zwischengeschlecht.info/pages/Unterstutzt-den-Kampf-der-Zwitter-um-Selbstbestimmung-und-gegen-genitale-Zwangsoperationen

Erhebungen betroffener Menschen in Deutschland in der 1990er-Jahren ergaben, dass 80% der Zwangsoperierten Selbstmordversuche unternehmen, sowie eine effektive Selbstmordrate von 20%!
Vgl. Flugblatt der AGGPG [1997]: http://www2.iisg.nl/id/Systematik.asp?cat=3&id=83

Trotzdem werden diese massiven Menschenrechtsverletzungen bisher weitgehendst ignoriert, obwohl die Geschädigten seit nunmehr 13 Jahren Gerechtigkeit fordern. Offiziell gibt es noch nicht einmal Statistiken zur Häufigkeit von Zwittern, geschweige denn zur Problematik der genitalen Zwangsoperationen und sonstigen nicht-eingewilligten Zwangseingriffe an Zwittern.


==================================================

2. Studien des Netzwerks Intersexualität/DSD widerlegen Bundesregierung

==================================================

a) Bundesregierung ignoriert Menschenrechtsverletzungen und propagiert genitale Zwangsoperationen

Bis heute schaut die Bundesregierung weg und negiert diese systematischen Menschenrechtsverletzungen an Intersexuellen, obwohl sie in den letzten zwölf Jahren mehrmals dazu aufgefordert wurde, zur Situation der intersexuellen Menschen in Deutschland, der medizinischen Praxis und den rechtlichen Implikationen Stellung zu nehmen.

Stattdessen propagiert die Bundesregierung die Zwangseingriffe aktiv mit tatsachenwidrigen Behauptungen:

- Der Bundesregierung sei nicht bekannt, „dass eine Vielzahl von Intersexuellen im Erwachsenenalter die an ihnen vorgenommenen Eingriffe kritisiert“ (14/5627).
- Die Zwangsoperationen seien ausnahmslos "medizinisch indiziert" und dienten deshalb dem "Kindeswohl [...] (§ 1627 BGB)" (14/5627).
- "[G]rößer angelegte Nachuntersuchungen als auch die klinische Praxis" würden laut Bundesregierung gar beweisen, "dass die Mehrzahl der betroffenen Patienten rückblickend (d. h. im Erwachsenenalter) die bei ihnen in der Kindheit vorgenommene operative Vereindeutigung ihres Genitalbefundes für richtig befinden" – allerdings vermochte die Bundesregierung dafür keine Belege anzuführen (16/4786).

Ausführlicher: Die Bundesregierung vs. Zwitter:
http://de.indymedia.org/2008/11/233955.shtml

b) Aktuelle Forschungsergebnisse des "Netzwerk Intersexualität/DSD" beweisen massive Menschenrechtsverletzungen

- Die meisten Opfer der menschenrechtswidrigen Zwangsbehandlungen tragen massive psychische und physische Schäden davon, unter denen sie ihr Leben lang leiden.
- Nicht zwangsoperierte Zwitter haben im Vergleich eine deutlich höhere Lebensqualität.
- Trotzdem werden nach wie vor über 80% aller Zwitter meist mehrfach zwangsoperiert.

Aktuelle Studienergebnisse in Deutschland: Ausführlicher hier:
https://blog.zwischengeschlecht.info/post/2008/12/04/Weltweit-grosste-Zwitter-Studie-straft-Bundesregierung-Lugen

c) Einige Auszüge aus den beiden Studien

Schon 2007 bekräftigte die "Hamburger Studie": Die "Behandlungsunzufriedenheit von Intersexuellen ist eklatant hoch".

Denselben Tatbestand untermauert nun auch eine erste Vorveröffentlichung der "Lübecker Studie", mit 439 ProbandInnen die weltweit bisher größte Untersuchung der Folgen von Zwangsbehandlungen:

Die Behandlungszufriedenheit ist bei intersexuellen Erwachsenen und auch Eltern intersexueller Kinder "gering" (S. 18). Vor allem erwachsene Intersexuelle sind "mit der medizinischen Behandlung sehr unzufrieden" (S. 37), insbesondere diejenigen, die keine psychologische Beratung erhalten haben (S. 19). (Obwohl Betroffenenorganisationen seit 15 Jahren psychologische Beratung als Muss fordern, ist sie immer noch die Ausnahme.)

Die Beratungszufriedenheit auch der Eltern ist signifikant geringer als bei "anderen chronischen Erkrankungen" (S. 18).

Eltern sowie Kinder und Jugendliche berichten von "Beeinträchtigungen ihrer Lebensqualität" (S. 21). Sowohl das körperliche als auch das psychische Wohlbefinden ist "deutlich niedriger" als bei Nicht-Intersexuellen (S. 21). Die gesundheitsbezogene Lebensqualität ist auch bei erwachsenen Intersexuellen deutlich niedriger als bei Nicht-Intersexuellen (S. 22).

Je mehr Zwangsoperationen durchgeführt wurden, desto stärker leidet die Lebensqualität besonders "im Bereich körperliche Schmerzen" (S. 22). "25 Prozent aller operierten StudienteilnehmerInnen" berichten von Komplikationen "im Anschluss an die Operationen" (S. 17).

Insbesondere bei operativ und hormonell dem weiblichen Geschlecht "angeglichenen" Intersexuellen sind "in den Bereichen allgemeine Lebensqualität, psychische und körperliche Gesundheit deutliche Unterschiede zur Vergleichsgruppe" (S. 22) zu finden.

Insgesamt leiden 45 Prozent der Erwachsenen unter psychischen Problemen, die "insbesondere die Arbeit und den Alltag" beeinträchtigen (S. 37).

Auch im Bereich "Sexualität und Partnerschaft" offenbart die Studie ein erschreckendes Bild:

Während bei nicht-intersexuellen Jugendlichen und Erwachsenen nur eine Minderheit keine Beziehungen und sexuelle Kontakte haben, sind die Verhältnisse bei Intersexuellen genau umgekehrt (S. 30-31).

Fast die Hälfte der Erwachsenen berichten "über eine Vielzahl von Problemen im Zusammenhang mit der Sexualität" wie "sexuelle Lustlosigkeit" oder "Schmerzen", zwei Drittel sehen "einen Zusammenhang zwischen diesen sexuellen Problemen und [...] den [...] medizinischen und chirurgischen Maßnahmen" (S. 31).

Die Studienergebnisse bestätigen überdies, je häufiger Intersexuelle Zwangsoperationen unterworfen werden, desto seltener leben sie in einer festen Partnerschaft – und umgekehrt (S. 31).

d) Literatur und Quellen

"Hamburger Studie"
http://www.springer.com/medicine/thema?SGWID=1-10092-2-513709-0

Vorabbericht der "Lübecker Studie"
https://blog.zwischengeschlecht.info/post/2008/12/04/Weltweit-grosste-Zwitter-Studie-straft-Bundesregierung-Lugen

CEDAW-Schattenbericht Intersexuelle Menschen e.V.
http://intersex.schattenbericht.org


==================================================

3. Schattenbericht CEDAW 2008, Rügen an Bundesregierung

==================================================

Am 21. Juli 2008 reichte eine Delegation von Intersexuelle Menschen e.V. in New York vor dem UN-Komitee CEDAW einen ersten Schattenbericht zu den Menschenrechtsverstössen an intersexuellen Menschen in Deutschland ein. Bestandteil des Schattenberichts ist die Forderungsliste des Vereins Intersexuelle Menschen e.V., die am 20. Juli 2008 präsentiert wurde.

Darin sind verschiedene Menschenrechtsverletzungen, denen intersexuelle Menschen regelmässig ausgesetzt sind, detailliert dokumentiert.

CEDAW-Schattenbericht (Deutsch):
http://intersex.schattenbericht.org

CEDAW Shadow Report (english):
http://intersex.shadowreport.org
Leider ist die Übersetzung, die im Auftrag des Instituts für Menschenrechte (Berlin) vorgenommen wurde, teilweise irreführend, da z.B. wiederholt von "gender" die Rede ist, wo im deutschen Text eindeutig körperliches Geschlecht ("sex") gemeint ist.

a) Auflistung der menschenrechtswidrigen Zwangseingriffe (Deutsch)

http://intersex.schattenbericht.org/post/2008/07/21/32-Auflistung-der-Menschenrechtsverletzungen-infolge-der-Behandlung-nach-den-Standards-entwickelt-von-Prof-Dr-John-Money

3.2.1  Gonadenentnahme (Kastration)   S. 13
3.2.2  Genitalamputation   S. 13
3.2.3  Wirksamer Rechtsschutz    S. 13
3.2.4  Behandlungsdokumentation    S. 14
3.2.5  Irreversible genitalchirurgische Eingriffe bei Unmündigen und Erwachsenen   S. 14
3.2.6  Off-Label-Use von Medikamenten   S. 14
3.2.7  Behandlungskonsequenzen im Handlungsspielraum
           der medizinischen Definition   S. 15

b) List of non-consented, forced treatments which violate the human rights of the victims (english)

Shadow Report (PDF): http://intersex.shadowreport.org/public/Association_of_Intersexed_People-Shadow_Report_CEDAW_2008.pdf

3.3.1  Removal of Gonads (Castration)   13
3.3.2  Genital Amputation   14
3.3.3  Effective Protection of Rights   14
3.3.4  Documentation of Treatment   15
3.3.5  Irreversible Genital Surgery of Minors and Adults   15
3.3.6  Off–Label Use of Pharmaceuticals   15
3.3.7  Consequences of Treatment in Scope of Medical Definition   16

c) UNO rügt Bundesregierung wegen mangelndem Schutz der Menschenrechte von Zwittern

Im mündlichen Examen des 6. CEDAW-Staatenberichts der Bundesrepublik mahnte das CEDAW-Komitee am 2.2.2009:

- Es sei der Wille des Ausschusses, dass auch Zwitter "die vollen Menschenrechte erhalten".
- Auch Zwitter hätten "immer" das Recht auf "volle informierte Zustimmung".
- Weiter rügte der Ausschuss die Nicht-Beantwortung einer vorgängigen schriftlichen Frage des Ausschusses durch die Bundesregierung und rügte die Bundesregierung weiter ebenfalls überraschend deutlich dafür, dass sie bisher jegliche Kommunikation mit den Interessenverbänden der Zwitter stets verweigert hatte.

Ausführlicher: https://blog.zwischengeschlecht.info/post/2009/02/05/Genf%3A-UNO-mahnt-Bundesregierung

In den schriftlichen Concluding Observations (CEDAW/C/DEU/CO/6) rügte das Komitee die Bundesregierung wie folgt (Fettschreibung im Original):

61. [...]  Der Ausschuss bedauert jedoch, dass die Forderung nach einem Dialog, die von Nichtregierungsorganisationen von intersexuellen [...] Menschen erhoben wurde, vom Vertragsstaat nicht positiv aufgegriffen worden ist.

62. Der Ausschuss fordert den Vertragsstaat auf, in einen Dialog mit Nichtregierungsorganisationen von intersexuellen [...] Menschen einzutreten, um ein besseres Verständnis für deren Anliegen zu erlangen und wirksame Maßnahmen zum Schutz ihrer Menschenrechte zu ergreifen.


Ausführlicher, mit Links zu den Concluding Observations deustch und englisch:
https://blog.zwischengeschlecht.info/post/2009/02/13/CEDAW%3A-Schriftliche-Empfehlungen-an-die-Bundesregierung


==================================================

4. Forderungsliste betroffener Menschen

==================================================

Dem CEDAW-Schattenbericht beigefügt war auch die Forderungsliste von Intersexuelle Menschen e.V.

http://intersex.schattenbericht.org/pages/Forderungen-Intersexuelle-Menschen-eV


==================================================

5. Urteile LG und OLG Köln: Zwangsoperierte "schuldhaft in Selbstbestimmungsrecht verletzt"

==================================================

Am 12.12.2007 fand am Landgericht in Köln ein Prozess statt, der auf ein grosses Medienecho stiess und für zwischengeschlechtliche Menschen einen Meilenstein im Kampf für ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit und Würde darstellte. Mit von der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org organisierten Kundgebungen vor dem Landgericht drückten Zwischengeschlechtliche und sympathisierende Frauen und Männer ihre Solidarität mit Christiane Völling aus und forderten: Menschenrechte auch für Zwitter! Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!

Das erste Urteil erfolgte am 6.2.2008 am Landesgericht Köln: Christiane Völling gewann den Prozess gegen Ihren ehemaligen Operateur in erster Instanz! Richter Dietmar Reiprich hielt gleich zu Beginn fest: "Die Klage ist dem Grunde nach gerechtfertigt."

Vollständiges Gerichtsurteil LG:
http://www.justiz.nrw.de/nrwe/lgs/koeln/lg_koeln/j2008/25_O_179_07grundurteil20080206.html)

Prozessbericht und Pressespiegel:
https://blog.zwischengeschlecht.info/post/2008/02/07/Sieg-fur-Christiane-Volling

Am 3.9.2008 lehnte das Oberlandesgericht Köln die Berufung des Chirurgen einstimmig definitiv ab: "Der Chirurg hat die Patientin vor der Operation nicht hinreichend aufgeklärt und sie daher mangels wirksamer Einwilligung schuldhaft in ihrer Gesundheit und ihrem Selbstbestimmungsrecht verletzt."

Das Verfahren ging ans Landgericht zurück, wo bis heute über die Höhe des Schmerzensgeldes entschieden wird. Gefordert sind mindestens 100'000 Euro.

Vollständiges Urteil OLG:
http://www.justiz.nrw.de/nrwe/olgs/koeln/j2008/5_U_51_08beschluss20080903.html

Pressespiegel:
https://blog.zwischengeschlecht.info/post/2008/09/10/Von-Zwangsoperateur-schuldhaft-in-Selbstbestimmungsrecht-verletzt-Zwitterprozess-Pressespiegel-OLG-4608


==================================================

6. Juristische Probleme und Diskriminierungen

==================================================

a) Das Problem der frühzeitigen Verjährung der genitalen Zwangsoperationen

Christiane Völling (siehe oben 5.) gelang es nur buchstäblich in letzter Minute, ihre erfolgreiche Anzeige gegen ihren Zwangsoperateur einzureichen; die Verjährung wäre ihr um ein Haar zuvor gekommen. Viele weitere Betroffene haben keine Möglichkeit zur Klage, da die herkömmlichen Verjährungsbestimmungen und die durch die Zwangsbehandlungen resultierenden Traumata eine rechtzeitige Klage verunmöglichen (ähnlich wie bei sexuellem Kindsmissbrauch).

b) Diskrimierung gegenüber Knaben- und Mädchenbeschneidung

Bei Knabenbeschneidungen handelt es sich in der Regel ebenfalls nicht um eingewilligte, medizinisch nicht indizierte Operationen, zu welcher auch die Erziehungsberechtigten keine Einwilligungserlaubnis haben. Die hat inzwischen auch das Oberlandesgericht Frankfurt a.M. festgehalten:
http://web2.justiz.hessen.de/migration/rechtsp.nsf/92FC95DE06E27651C125734C0031B366/$file/04w01207.pdf
Auch bei Phimose wird deshalb inzwischen von Knabenbeschneidungen im Kleinkindalter abgeraten:
http://www.aerztezeitung.de/medizin/fachbereiche/paediatrie/default.aspx?sid=305805

Mittlerweile setzt sich gar die Auffassung durch, Beschneidungen an Knaben ohne Einwilligung der Betroffenen seien generell widerrechtlich:
http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=61273

Die Mädchenbeschneidung ist in Deutschland unbestrittenermassen prinzipiell strafrechtlich geächtet.

Obwohl juristisch wie auch betreffend der Folgen für die Opfer in vielfacher Hinsicht mit Knaben- und Mädchenbeschneidung vergleichbar, werden uneingewilligte genitale Zwangsoperationen ohne medizinische Indikation an jungen Intersexuellen nach wie vor systematisch praktiziert und zwischengeschlechtliche Kinder somit gegenüber Knaben und Mädchen aufgrund ihres körperlichen Geschlechts massiv diskriminiert.

c) Diskriminierung betreffend Sterilisations- und Kastrationsverbot

In Deutschland sind Eltern zur Einwilligung von Kastration oder Sterilisation bei ihren Mündeln unbestrittenermassen nicht befugt nach  § 1631c BGB (Verbot der Sterilisation eines Kindes). Trotzdem werden an intersexuellen Kindern systematisch Zwangskastrationen durchgeführt. Wiederum werden zwischengeschlechtliche Kinder somit gegenüber Knaben und Mädchen aufgrund ihres körperlichen Geschlechts massiv diskriminiert.

Siehe dazu folgende Ausführungen der Rechtsprofessorin Konstanze Plett:
http://www.lobby-fuer-menschenrechte.de/Intersexualitaet02.php

d ) Zwangskastrierte Zwitter müssen Ersatzhormone selber bezahlen

Viele Zwitter werden nicht nur genital zwangsoperiert, sondern zusätzlich zwangskastriert und benötigen deshalb für den Rest ihres Lebens eine so genannte "Hormonersatztherapie (HET)". Da die meisten dieser Zwangskastrierten "zu Mädchen gemacht" werden, besteht die HET prinzipiell aus Östrogen – obwohl viele Zwitterkörper "von Haus aus" Testosteron produzieren (und dieses je nach Bedarf in körpereiges Östrogen umwandeln – Zwitter mit so genanntem "Androgen-Insuffizienz-Syndom (AIS)").

Diese Östrogen-HETs wurden nie klinisch getestet, den Zwangsoperierten werden Präparate aufgezwungen, die eigentlich nur für Frauen in der Menopause zugelassen sind, d.h. sie erfolgen experimentell als "Off Label-Use". Obwohl negative Folgen seit längerem auch in der medizinischen Literatur bekannt sind (unter anderem Depressionen, Adipositas, Stoffwechsel- und Kreislaufstörungen, Osteoporose, Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten und Libidoverlust), weigern sich die Mediziner bis heute, zwangskastrierten Zwittern eine HET nach Bedarf und Wunsch zuzugestehen.

Mehrere Betroffene begannen schliesslich, auf eigene Faust Testosteron zu nehmen, viele davon mit positiven Resultaten. Auch in Deutschland weigern sich die Mediziner jedoch, für Testosteron Rezepte auszustellen, die von der Kasse übernommen werden – bezeichnenderweise gerne mit der Ausrede, eine HET mit Testosteron sei "Off Label-Use" ... Sprich, die Zwangskastrierten müssen eine adäquate HET noch aus der eigenen Tasche bezahlen!

Ausführlicher:
http://de.indymedia.org/2009/04/248071.shtml


==================================================

7. Wir bitten um Ihre Unterstützung!

==================================================

Zwischengeschlechtliche Menschen werden systematisch medizinisch nicht notwendigen, traumatisierenden Zwangsbehandlungen unterworfen. Diese stellen einen erheblichen Verstoß gegen ihr Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde dar.

Zwischengeschlecht.org fordert die vollständige Umsetzung und Anwendung der Menschenrechte auch für Intersexuelle. Unsere Anliegen dürfen nicht mehr länger ignoriert werden. Menschen mit einer Besonderheit der geschlechtlichen Entwicklung sind ein Teil unserer Gesellschaft und haben als gleichberechtigte Bürger ein Recht auf freie Entfaltung und Entwicklung.

Wir bitten Amnesty International, sich mit unserer Situation ernsthaft auseinander zu setzen, insbesondere mit der ausserordentlichen Schwere der an Zwittern systematisch verübten Menschenrechtsverletzungen, welche dringendes Handeln erfordert, und fordern dazu auf, einen konkreten Beitrag zu leisten, damit diese massivsten Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierungen gegen intersexuelle Menschen endlich ein Ende haben.

Jeder Tag, an dem die genitalen Zwangsoperationen nicht endlich gestoppt werden, macht aus wehrlosen Kindern neue, irreparabel geschädigte Opfer!

Ich hoffe, es ist mir gelungen, Ihnen vom Umfang, Ausmass und von der Dringlichkeit des Problems eine Vorstellung vermittelt zu haben, und bitte Sie dringend um Vorschläge, wie die Dringlichkeit unseres Anliegens innerhalb ihrer Organisation am besten vermittelt werden kann.

Dies umso mehr, da diese Menschenrechtsverletzungen keinesfalls auf Deutschland beschränkt sind. (Weltweit hat bisher Kolumbien als einziges Land damit begonnen, diese systematischen Menschenrechtsverletzungen an Zwittern unter Strafe zu stellen.)

Bei eventuellen weiteren Fragen oder Anliegen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Freundliche Grüsse

n e l l a
Daniela Truffer
presse_at_zwischengeschlecht.info
+41 (0)76 398 06 50
http://zwischengeschlecht.org
Gründungsmitglied Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org
Gründungsmitglied Schweizerische Selbsthilfe intersex.ch
Mitglied XY-Frauen
Mitglied Intersexuelle Menschen e.V.

Regelmässige Updates: http://zwischengeschlecht.info

Friday, February 13 2009

CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung

>>> Mahnwache vor der UNO, Genf 2.2.2009   (Bild: Ärger)    

Nach langem Warten gingen heute die Empfehlungen des CEDAW-Committees online (CEDAW/C/DEU/CO/6):
>>> PDF-Download    >>> PDF deutsche Übersetzung BMFSFJ
>>> PDF deutsche Übersetzung Frauenrat

>>> UN-Seite zur 43. CEDAW-Session mit weiteren Downloads
>>> CEDAW-Seite Deutscher Juristinnenbund (djb)
>>> CEDAW-Seite Deutscher Frauenrat
>>> CEDAW Schattenbericht Intersexuelle Menschen e.V.

Leider krebste das Komitee im Vergleich zum mündlichen Examen mit den VertreterInnen der Bundesregierung merklich zurück:

Weder wurde das Problem der fehlenden informierten Zustimmung und das Recht auch der Zwitter darauf erneut konkret thematisiert, noch wurde die Bundesregierung erneut explizit kritisiert für ihre (auch sonst übliche) Verweigerung, überhaupt inhaltlich auf das Thema einzutreten.

Trotzdem wurde die Bundesregierung erneut gerügt, wiederum für ihr mangelndes Eintreten für die Menschenrechte der Zwitter sowie für die bisherige Weigerung der Bundesregierung, mit den Organisationen der Zwitter endlich in einen Dialog zu treten, um ihre Menschenrechte künftig zu schützen.

Weiter verknurrte das CEDAW-Committee die Bundesregierung dazu, innerhalb von 2 Jahren in einem Follow-up-Bericht über diesbezüglich neu unternommene Massnahmen Rechenschaft abzulegen (Fettschreibung nachfolgend auch im englischen Original – die nachfolgend benutzte, offizielle deutsche Übersetzung des BMFSFJ weicht teilweise vom Original ab):

4. Der Ausschuss [...] bedauert jedoch, dass diese [Nichtregierungsorganisationen] bei der Erstellung des
Staatenberichts nicht hinzugezogen wurden.

Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen

61. [...]  Der Ausschuss bedauert jedoch, dass die Forderung nach einem Dialog, die von Nichtregierungsorganisationen von intersexuellen [...] Menschen erhoben wurde, vom Vertragsstaat nicht positiv aufgegriffen worden ist.

62. Der Ausschuss fordert den Vertragsstaat auf, in einen Dialog mit Nichtregierungsorganisationen von intersexuellen [...] Menschen einzutreten, um ein besseres Verständnis für deren Anliegen zu erlangen und wirksame Maßnahmen zum Schutz ihrer Menschenrechte zu ergreifen.

Follow-up zu den abschließenden Bemerkungen

67. Der Ausschuss fordert den Vertragsstaat auf, innerhalb von zwei Jahren einen schriftlichen Bericht über die Maßnahmen vorzulegen, die zur Umsetzung der in den Absätzen 40 und 62 enthaltenden Empfehlungen ergriffen wurden.


( 4. The Committee [...] regrets that they [non-governmental human rights and women’s organizations] were not consulted in the preparation of the State party’s report.

Cooperation with non-governmental organizations

61. [...] The Committee regrets, however, that the call for dialogue by non-governmental organizations of intersexual [...] people has not been favourably entertained by the State party.

62. The Committee request the State party to enter into dialogue with non-governmental organizations of intersexual [...] people in order to better understand their claims and to take effective action to protect their human rights.

Follow-up to concluding observations 

67. The Committee requests the State party to provide, within two years, written information on the steps undertaken to implement the recommendations contained in paragraphs 40 and 62. )

Kommentar: Damit haben die Zwitter-NGOs trotz dem vergleichsweise vagen und unverbindlichen Wortlaut einen ersten bedeutenden Sieg errungen. Es wird der Bundesregierung künftig fühlbar schwerer fallen, die berechtigten Forderungen der Zwitter nach sofortiger Beendigung der genitalen Zwangsoperationen und sonstigen nicht-eingewilligten Zwangsbehandlungen sowie nach Entschädigung der Zwangsoperierten wie bisher gehandhabt einfach stillschweigend zu ignorieren und stattdessen die Zwangsbehandlungen unter Vorspiegelung falscher Tatsachenbehauptungen aktiv zu propagieren. Der Ball liegt damit nicht zuletzt bei den Zwitter-NGOs, mit der Bundesregierung hart und konsequent zu verhandeln und sich nicht über den Tisch ziehen zu lassen ...

Nachtrag: In der Pressemitteilung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zu den abschliessenden Bemerkungen des Committees finden sich ausschliesslich Lobhudeleien in eigener Sache. Menschenrechtsverletzungen an Zwittern und das von CEDAW gerügte Dialogdefizit der Bundesregierung u.a. mit den Zwitter-NGOs beiben – Überraschung! – von Anfang bis Schluss vornehm unter dem Teppich ... Ohne zusätzlichen, kontinuierlichen Druck in der Öffentlichkeit und im Parlament ist jetzt schon absehbar, dass es von Seiten der Bundesregierung kaum je zu mehr als einer Alibiübung kommen wird ... Nachtrag 20.2.: Oliver Tolmein berichtet auf FAZ Online.

Siehe auch:
- Schattenbericht Intersexuelle Menschen e.V.
- Schattenbericht: Bundesregierung leugnet Menschenrechtsverletzungen an Zwittern 
- Zwitter-Demos vor der UNO 26.1.
- Weitere Medienberichte zu Genf
- Genf: UNO mahnt Bundesregierung
- CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung
- Oliver Tolmein zu CEDAW-Empfehlungen
- CEDAW: Offener Brief des Deutschen Juristinnenbundes erwähnt Zwitter
- CEDAW im Bundestag: Nach bekanntem Muster

Fortsetzung folgt ...

Saturday, November 8 2008

Transsexuelle verklagt Ärzte wegen uneingewilligter Penisamputation

Sabrina Schwanczar war wie alle Transsexuellen in Deutschland damit konfrontiert, dass sie als Bedingung für die Änderung des Vornamens und des Geschlechtseintrags das Gutachterverfahren durchlaufen und eine "Geschlechtsangleichungs-OP" durchmachen musste. Bei letzterer wurde ihr der Penis ohne informierte Einwilligung kurzerhand amputiert (wie auch vielen Zwittern das "uneindeutige" Lustorgan); von den Ärzten wurde ihr gegenüber dazu behauptet, die Auslösung des Orgasmus sei problemlos auch über Harnröhrenmündung möglich. Aktuell hat Sabrina Schwanczar nun ein Ärztehaftungsverfahren angestrengt, das wir im Folgenden auszugsweise dokumentieren.

Auch wenn wir durchaus nicht mit allen Ansichten und Meinungen von Sabrina Schwanczar einverstanden sind (vgl. z.B. hier), finden wir ihren Prozess wichtig und möchten sie auf diese Weise solidarisch unterstützen.

--> Fortsetzung / Zur Dokumentation

Continue reading...

Sunday, September 14 2008

Die grosse "Intersex"-Statistik-Lüge

Frage: Wieviele "Intersexuelle" — Pardon: "geschlechtsentwicklungsmässig Gestörte" bzw. "DSD-Patienten" — gibt's nun wirklich?

Antwort: Schweigen ...

Und egal wieviele "hochgerechnete" Zahlen auch herumgereicht werden: Letztlich weiss es niemand genau.

Der Staat weiss es nicht, will es nicht wissen und besteht darauf, dass alle Zwitter lediglich als "Mann" oder "Frau" erfasst werden. Der einzige Stand, der über exakte Zahlen verfügen könnte, sind ausgerechnet die Medizyner, deren Jahrzehnte lange moralische Korruptheit speziell gegenüber dieser besonderen "Patientengruppe" deren aktuellen Probleme grösstenteils überhaupt erst verschuldete.

Wenn Medizyner zu sehr vertuschen

Zwar geben die Medizyner mittlerweile vermehrt zu, dass "früher Fehler gemacht" wurden (sprich heute nicht mehr, da ist die "Behandlung besser""auch wenn entsprechende Studienergebnisse noch konsolidiert werden müssen"). Stets sorgsam ausgeblendet bleiben allerdings die realexistierenden Opfer dieser "früheren Fehler". Auch aus den exakten Statistiken. Nach wie vor wurde die Zahl der in Deutschland lebenden "Intersexuellen" nie konkret erfasst, sondern (aber nur wenns denn wirklich sein muss) lediglich "hochgerechet", von den Medizynern aktuell nach folgenden Schlüssel:

  • 1:1000 rsp. 80'000-100'000 Personen in Deutschland — wenn es darum geht, sich Zugang zur "Patientengruppe" zu verschaffen (Quelle: Finke/Höhne: "Intersexualität bei Kindern", Bremen: Uni-Med 2008, S. 4)

Der Rest war Schweigen, wegschauen, Akten verloren ...

Und auf keinen Fall die aktuellen Daten rausrücken, bewahre. Lieber nach wie vor gar nicht erst erheben! (Obwohl in Bundestag neue Anfragen vorliegen, gibt es "offiziellen Zahlen", die jünger sind als 2004.)

Oft berufen sich die Medizyner (wie auch bei anderen "kritischen" Themen) auf "Datenschutz" — obwohl statistische Daten genau nicht unter Datenschutz stehen, sondern im Gegenteil von öffentlichem Interesse sind.

So können die Medizyner die Statistik dann jeweils nach Lust, Laune und Bedarf "hochrechnen". Den Vogel schiesst dabei einmal mehr das "Netzwerk DSD" ab, das dabei offenbar noch nicht einmal rechnen kann, sondern allen Ernstes behauptet, 80'000'000 : 5'000 = 8'000-10'000:

Laut Statistik liegt die Häufigkeit bei 1:5.000; d.h., dass eines von 5000 Kindern mit DSD zur Welt kommt. Demnach leben in Deutschland heute ungefähr 8.000 bis 10.000 Menschen mit DSD. (Quelle: http://www.netzwerk-dsd.uk-sh.de/teen-is/index.php?id=62#Frage2)

Und niemand wills gemerkt haben ...

»Die meisten Fälle sind medizinisch keine Notfälle« Professor Olaf Hiort, Kinder- und Jugendarzt am Universitätsklinikum Lübeck(Apotheken-Umschau, 1.6.11)

Auch in der Anhörung vor der Hamburger Bürgerschaft drückte sich "Netzwerk DSD"- sowie "Euro DSD"-Chef Olaf Hiort bewusst kryptisch aus (mensch beachte auch die verräterische Formulierung "danach wurde nicht gefragt"):

Dazu hat meine Kollegin Frau Thyen eine umfangreiche Untersuchung gemacht. [...] Das heißt, 160 Kinder wären das in zwei Jahren, also es bleibt bei 80 pro Jahr. Wobei man die in Berücksichtigung nehmen muss, die quasi so unauffällig wirken zum Zeitpunkt der Geburt, dass die Diagnosestellung erst sehr viel später erfolgt; das kann durchaus sein, danach wurde nicht gefragt. Das heißt, das verdoppelt die Zahl sicherlich noch einmal. (Protokoll S. 18)

Das heisst, bei "sicherlicher Verdoppelung" wären es in Deutschland mindestens 160 Geburten pro Jahr! Kurioserweise behandelt aber nur schon die Klinik in Lübeck, wo Hiort und Thyen arbeiten, laut eigenen Aussagen auf der "EuroDSD"-Homepage über 100 "DSD Patient_innen" pro Jahr:

During the last 15 years, approximately 1750 DSD patients were cared for at the University of Lübeck

Und einmal mehr wills niemand gemerkt haben ...

Ein beliebter Trick ist auch, die Definition von Intersexualität so einzuengen, dass am Ende das gewünschte statistische Resultat herauskommt, vgl. dazu etwa die Formulierung verräterische Formulierung "schwerwiegendere[...] Abweichungen" im offiziellen Statement der Bundesregierung zum Thema: "Die Gesamtzahl der schwerwiegenderen Abweichungen der Geschlechtsentwicklung liegt in Deutschland etwa 8 000 bis 10 000." (Drucksache 16/4786).

Dabei gab etwa gegenüber dem ZDF "EuroDSD"-Chef Olaf Hiort unumwunden zu: "Leichtere Fehlbildungen des Genitale sind relativ häufig [...]. Hierzu gehört zum Beispiel die Hypospadie, eine Fehlöffnung der Harnröhre beim Jungen." Dass auch diese "Leichtere[n] Fehlbildungen" alle ohne medizinische Notwendigkeit möglichst rasch chirurgisch "korrigiert" werden (oft mit schrecklichen Komplikationen), liess Hiort allerdings vornehm aus ... 

Fazit: Mindestens jedes 1000. Kind landet auf dem OP-Tisch!

Zwischengeschlecht.org und andere Betroffenenorganiatonen (z.B. ISNA) gehen bis zum Bekanntwerden verlässlicher Zahlen weiterhin aus von einem Vorkommen von mindestens 1:1000, d.h. mindestes jedes 1000. Neugeborene ist "undeutig" bzw. "atypisch" genug, um den Rest seines Lebens mit höchster Wahrscheinlichkeit menschenrechtswidrigen genitalen Zwangsoperationen, Zwangskastrationen, Zwangshormonbehandlungen oder sonstigen nicht-eingewilligten Zwangseingriffen ausgeliefert zu sein! Die Intersex Society of North America geht gar davon aus, dass auf 1000 Geburten 1-2 Kinder kosmetisch genitaloperiert werden.

(Zwar wird in der Fachliteratur über Intersexualität oft auch die Zahl von "nur" 1:2000 genannt, vgl. etwa Ulla Fröhling: "Leben zwischen den Geschlechtern" oder Claudia Lang: "Intersexualität". Vgl. ebenfalls Netzwerk-Pressemitteilung der Universität Lübeck (Hiort/Thyen/Holterhus/Richter-Appelt): "Bei einer von 2000 Geburten lässt sich das Geschlecht des Neugeborenen nicht exakt bestimmen." Diese Zahl geht jedoch von einer verengenden "Intersex"-Definition aus, die nicht alle kosmetischen Genitaloperationen an Kindern mit "atypischen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen berücksichtigt und z.B. "Hypospadie" ausschliesst.)

Das heisst, allein in Deutschland wird JEDEN TAG mindestens ein Kind genital zwangsoperiert!

Bei ca. 680'000 Geburten pro Jahr in Deutschland (Stand 2006, "Die niedrigste Geburtenzahl seit dem Ende des 2. Weltkrieges", Quelle: Statistisches Bundesamt (PDF), Wiesbaden 2007) kommen demnach jährlich ca. 680 "uneindeutige" bzw. "atypische" Kinder auf die Welt. Wird zusätzlich berücksichtigt, dass sogar laut der frisierten Version der nternationalen "Lübecker Studie" nach wie vor 90% aller Kinder und Jugendlichen mindestens 1x kosmetisch "genitalkorrigiert" wird, und mehr als jedes 5. Zwitterkind über 12 Jahren sogar mindestens 2x zwangsoperiert ist, folgt daraus, dass allein in Deutschland JEDEN TAG mehr als ein wehrloses Zwitterkind genital zwangsoperiert wird! Plus in der Schweiz und in Österreich zusätzlich JEDE WOCHE je mindestens eines! 

58% aller Kinder von 0-3 Jahren sind zwangsoperiert. 87% aller Kinder von 4-12 Jahren sind zwangsoperiert. 91% aller Jugendlichen sind zwangsoperiert. 90% aller Erwachsenen sind zwangsoperiert. (BMBF-Studie mit 434 Proband_innen, 2009)

>>> BMBF-finanzierte "Lübecker Studie" mit 434 Proband_innen (2009)


Zwangsoperationen, Zwittertabu und Statistiklügen müssen aufhören!

Freiwillig werden die Medizyner kaum von ihren menschenrechtswidrigen Zwangsbehandlungen absehen – sonst sie hätten sie inzwischen längst getan.

Umso wichtiger ist es, auf politischem Wege Druck aufzusetzen, sprich: in parlamentarischen Vorstössen immer wieder aktuelle Zahlen/Statistiken zu verlangen. Z.B. wieviele "geschlechtlich gestörte" Kinder kommen jährlich in "Behandlung", wie sieht die Diagnosenverteilung aus, welche "Störungsbehebungs-Massnahmen" werden zu welchem Zeitpunkt ergriffen, werden auch die Eltern betreut und wenn ja wie, ist Peer Support für Eltern und Kinder gewährleistet, und wie stehts aktuell auch mit den übrigen Punkten der Forderungliste, dem Schattenbericht usw.? Bzw., weshalb hat sich da ein weiteres Jahr lang immer noch nichts entscheidendes getan? Und dabei Bundesregierung und Medizyner jedes Mal erneut auf ihre gesammelten Ausreden und Lügen zu behaften.

Die Behandlung "geschlechtsentwicklungsmässig gestörter" Patient_innen ist offensichtlich ein hochsensibler und dabei tabuisierter Bereich, in dem "früher" regelmässig schändlich versagt wurde, wie z.T. sogar die Mediziner zugeben und u.a. die Netzwerkstudien auch statisch erhärten.

Folglich ist kontinuierliches Monitoring angesagt, und wo das nicht verfügbar ist (d.h. für "Intersexuelle" – Pardon: "DSD-Patienten" – eigentlich fast in allen Bereichen), wäre es höchste Zeit.

Auch, soweit das überhaupt noch möglich ist, für Wiedergutmachung für die realexistierenden Opfer der "früheren Behandlungsfehler"!

Siehe auch:
- "EuroDSD"-Chef Olaf Hiort: "Intersexuelle" nur ein Bruchteil aller chirurgischen Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken
Streicheleinheiten für die Bundesregierung
- Faule Eier für "die Bundesregierung"!
- Diskussion auf dem Hermaphroditforum

Thursday, February 7 2008

Antke Engel: "Ene mene meck ..." - Hamburger Frauenzeitung (1997)

Antke Engel

ene mene meck und du bist weg.
über die gewaltsame herstellung der zweigeschlechtlichkeit.

Hamburger Frauen Zeitung, No. 53, Herbst 1997, S. 26-28

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!

Seit geraumer Zeit bemühen sich Intersexuelle, als Menschen, deren Geschlecht nicht in einer Eindeutigkeit von entweder "männlich" oder "weiblich" aufgeht, Öffentlichkeit für ihre Erfahrungen mit familiären und gesellschaftlichen Tabus, Normalisierungszwängen und gewaltsamen medizinischen Praktiken herzustellen. Die bis ins 20. Jahrhundert hinein als Hermaphroditen oder entwertend als Zwitter kategorisierten, werden infolge des sogenannten medizinischen Fortschritts nicht nur pathologisiert, sondern zunehmend "wegtherapiert"(1). Heute eignen sie sich den Namen "Intersexuelle" als politische Kategorie an, nachdem sie oft lange Jahre unter einer erzwungenen Geschlechtszuweisung gelebt haben.

Die Infragestellung der rigiden binären und zwangsheterosexuellen Geschlechterordnung durch lesbischwule und feministische Theorie und Praxis hat zumindest einen begrenzten Rahmen für Sicht- und Existenzweisen geschaffen, die den geschlechtlichen und sexuellen Normen nicht gerecht werden wollen. Trotzdem existiert bislang so gut wie keinerlei Wahrnehmung, Wissen oder gar bestätigende Aufmerksamkeit für diejenigen, die eingespielte, dominante "Wirklichkeiten" und Wahrnehmungsraster verwirren.

Grenzen der Wahrnehmung

Die Verweigerung von Stimme und Sichtbarkeit in den Medien oder in Buchpubikationen verdoppelt die gesellschaftliche Ignoranz, die Intersexuelle gegenüber ihren Lebensrealitäten erfahren. Wie ist es zu erklären, dass die Medien diesem Thema mit derartiger Abwehr begegnen? Ist es deshalb so schwierig Öffentlichkeit herzustellen, weil es nicht nur darum geht, Akzeptanz für eine angebliche "Andersheit" zu erlangen , sondern weil Intersexuelle die "Normalität des Normalen" fragwürdig machen? Auch in feministischen Kontexten besteht nur begrenzt die Bereitschaft, die eigenen normativen Standards zu reflektieren, und Intersexuelle als mögliche TeillnehmerInnen feministischer Politik und Bewegungen anzuerkennen. Zwar werden inzwischen weitgehend einhellig Machtdifferenzen und Heterogenität unter Frauen betont - und damit auf eine vereinheitlichte Kategorie "Frau" verzichtet. Wer aber "Nicht-Frau" ist, scheint weiterhin klar zu sein. Eine Verwischung der Grenze stellt nicht nur für diejenigen Ansätze, die Politik im Namen von Frauen zu machen gedenken, sondern auch für diejenigen, deren Analyse und Perspektive in einer Geschlechterdifferenz gründen, eine Provokation dar. Doch selbst queerfeministische Kontexte, denen zwangsheterosexuelle oder sonstwie normierende Geschlechter- und Sexualitätskonstrukte ein Dorn im Auge sind, verstehen sich nicht unbedingt als Forum für die Anliegen Intersexueller.

Deutlich ist jedenfalls, dass sich feministische Medien für Genitalverstümmelungen als alltäglicher medizinischer Praxis in modernen westlichen Gesellschaften nicht interessieren, während - häufig rassistisch gefärbte - Beiträge über "unzivilisierte" Praktiken der Klitorisbeschneidung und Verstümmelung in einigen afrikanischen Staaten durchaus zum bewährten Repertoire zählen. Dabei ließe die Aufmerksamkeit für gewaltsame Geschlechtsvereindeutigungen im Rahmen westlicher Medizin sowohl diese ethnographischen Diskurse in anderem Licht erscheinen, wie sie auch die Diskussionen über sexuelle Misshandlungen von Kindern um einen bedeutsamen Aspekt erweiterte.

Allerdings scheint der Blick auf die Gewaltförmigkeit der Geschlechterverhältnisse augenblicklich sowieso nicht gerade hoch im Kurs zu stehen. Auch in feministischen Kreisen werden die Thesen zur Konstruiertheit und historischen Veränderung von Geschlecht häufig so interpretiert, dass eine Zufälligkeit, Freiwilligkeit und individuelle Definitionsmacht hinsichtlich der Geschlechtsidentitäten zu bestehen scheint. Geschlecht wird nicht selten verhandelt als eine Frage von Geschmack und Stil, die in veränderlichen Inszenierungen auf der Gesellschaftlichen Bühne zur Aufführung kommt. Einzig mangelnde finanzielle und kulturelle Ressourcen werden als (individuell) beschränkende Faktoren anerkannt, während die psychischen und körperlichen Spuren einer Lebensgeschichte oder soziale bzw. materielle Sanktionierungen bestimmter Existenzweisen scheinbar zu vernachlässigen sind. Demgegenüber lässt der Blick auf die medizinischen und sozialen Gewaltmechanismen, mittels derer Intersexuellen eine geschlechtliche Eindeutigkeit im Rahmen der Binären Ordnung aufgezwungen wird, die Rede von Freiwilligkeit, Wahl und spielerischer Veränderung zynisch erscheinen. Möglicherweise liegt einer der Gründe für die fortdauernde Ignoranz genau darin, dass die Zurkenntnisnahme der gesellschftlichen Praktiken gegenüber Intersexuellen, das befreiende Versprechen einer weniger schicksalshaften Bindung an die eigene Geschlechtlichkeit sehr fragwürdig machen würde.(2)

Eigentlich ist es absurd, dass aus queer-feministischer Perspektive fortwährend postuliert wird, dass Zweigeschlechtlichkeit weder naturgegeben noch notwendig sei, und doch diejenigen, die die gesellschftlichen Methoden zur Herstellung geschlechtlicher Eindeutigkeit am eigenen Leib erfahren, übersehen werden. Die Auseinandersetzung mit Intersexualität ermöglicht es aufzuzeigen, wie mühselig es ist, die scheinbar selbstverständliche Auffassung, es gäbe zwei, genau zwei Geschlechter und es sei "natürlich" entweder "Mann" oder "Frau" zu sein, mittels sozialer Technologien immer wieder abzusichern. Daß nur wenige die rigide geschlechtliche Norm tatsächlich erfüllen, bleibt ohne Bedeutung, denn es existiert ein breites Spektrum an Interventionen, begonnen bei selektiver Wahrnehmung bis hin zu gewaltsamen medizinischen Praktiken, die die Zweiheit als kulturelle Selbstverständlichkeit sicherstellen. Deutlich wird, dass Geschlecht nicht allein diskursiv oder psycho-sozial hervorgebracht wird, sondern gleichermaßen im direkten Zugriff auf die Körper.

Das Heilungsgebot

Imposed medical cures

Die Pathologisierung von Intersexuellen ist die Kehrseite der Medaille, dass welche in der Illusion schwelgen, geschlechtlich eindeutig zu sein und dem Normalitätsideal zu entsprechen. Die Pathologisierung kann somit als rhetorisch-praktischer Mechanismus verstanden werden, der verhindert, dass die binäre geschlechtliche Ordnung in Frage gestellt wird. Indem das Phänomen in den Begriffen von Krankheit und Fehlentwicklung formuliert wird, bestätigt sich indirekt die "Normalität", die via "Heilung" angeblich zu erreichen sei. Führt eine sich vor Augen, welch immense soziale Ausgrenzungseffekte auch die Krankheitszuschreibung und die Unterwerfung unter das Heilungsgebot beinhalten, so stellt sich die Frage, ob es nicht einfacher wäre, Kinder Erwachsene würden lernen, mit geschlechtlicher Uneindeutigkeit zu leben. Insofern dies noch nicht einmal als Denkmöglichkeit zugelassen ist, drängt sich der Eindruck auf, dass es bei den geschlechtlichen Regulierungen keineswegs um die Interessen der Beteiligten geht, sondern darum, die hierarchischen Geschlechterverhältnisse abzusichern, indem deren Verunsicherung verhindert wird.

Im Zuge der politischen Organisierung Intersexueller und der Kämpfe gegen rigide Geschlechter- und Sexualitätsnormen entstehen Sichtweisen, die das historisch und kulturell veränderliche und gleichzeitig doch zwanghafte Funktionieren von Geschlecht und Sexualität als soziale Konstruktion erklären. Das heißt auch, dass sich Interpretationsraster hinsichtlich dessen, wie Intersexualität verstanden wird, berändern. Statt als Pathologie, als eine krankhafte Abweichung, die in die Zuständigkeit der Medizin fällt, wird Intersexualität zu einem gesellschaftlichen und politischen Phänomen: einer Existenzweise, die mittels der binären Geschlechternorm zugleich hervorgebracht und "verboten" wird.

Welche Denk- und Lebensmöglichkeiten eröffnen sich, wenn eine davon ausgeht, dass Zweigeschlechtlichkeit ein gesellschaftliches "Ideal" darstellt, das sowieso nur wenige erfüllen, und dessen "Notwendigkeit" gesellschaftlich definiert ist? Was heißt das im Hinblick auf Möglichkeiten und Grenzen von Veränderung der Geschlechterverhältnisse und politische Strategien, die sich nicht auf Parodie und Maskerade, aber auch nicht auf eine toleranz-pluralistische Anerkennung des "Anderen" beschränken?

Akzeptanz oder Destabilisierung

Was Öffentlichkeitsstrategien betrifft, so lassen sich zwei Herangehensweisen unterscheiden: diejenige, die im Sinne einer sogenannten Minderheitenpolitik Anerkennung für Intersexuelle als einer "eigenen", somit wie auch immer bestimmbaren, gesellschaftlich unterdrückten Gruppe fordert, und diejenige, die die Aufmerksamkeit auf die Uneindeutigkeit, Veränderlichkeit und Widersprüchlichkeit geschlechtlicher und sexueller "Normalität" zu lenken und die Idealkonstruktionen zu destabilisieren versucht. Zwischen beiden Strategien besteht eine Spannung und eine gewisse Unvereinbarkeit, insofern erstere wiederum eine Identitätskategorie produziert, die zweitere als unhaltbare Vereinheitlichung kritisiert. Trotzdem macht es meiner Ansicht nach Sinn, beide im öffentlichen Raum nebeneinander zu inszenieren, statt sich um eine Entscheidung oder eine Synthese zu bemühen. Zumindest dann, wenn eine kein Interesse daran hat, der Illusion einer "politischen Wahrheit" hinterherzuhechten, sondern Politik als fortwährende Auseinandersetzungen versteht. Wohl aber ist es angebracht darüber nachzudenken, welche unterschiedlichen Effekte diese beiden Strategien erzielen, welchen Interessen sie genügen, wen sie ansprechen - um deren Differenz und Spannung verständlich und nutzbar zu machen.

Die medizinisch-wissenschaftliche Aufspaltung dessen, was zuvor als Hermaphroditismus benannt wurde, in etliche verschiedene Syndrome (vgl. Artikel von Birgit-Michel Reiter in diesem Heft), löst Intersexuelle als eigenständige Gruppe auf. Gemäß dem Prinzip des "teile und herrsche" verflüchtigen sich damit die Möglichkeiten, die gemeinsamen Unterdrückungs- bzw. Gewalterfahrungen und deren Systematik wahrzunehmen. Demgegenüber macht das identitätspolitische Agieren unter einem gemeinsamen Namen eine "soziale Gruppe" überhaupt sichtbar und lässt sprechende Subjekte, statt medizinischer Objekte, im Feld gesellschaftlicher Machtverhältnisse auftauchen. Dann wiederum aber greift eine Politik, die Intersexuelle als eigene Gruppe meint abgrenzen zu können, die Definition über die dominanzgesellschaftlich Abnormitätszuschreibung auf und setzt Intersexualität als "das Besondere". Es liegt allerdings ein Unterschied darin, ob dies in form einer Selbstermächtigung geschieht, die sich herausnimmt, Rechte zu fordern, oder in Form einer Fremdzuschreibung, die die Macht beansprucht, Rechte wahlweise zu verweigern oder zu gewähren. Ein Recht auf gesellschaftliche Anerkennung, auf Integrität und Identität zu fordern bzw. anders herum formuliert, Verletzung und Gewalt anzuklagen, wie dies aus marginalisierter Position heraus geschieht, bedeutet nicht, dass diese Forderungen universell, ahistorisch oder kontextlos seien. Sie können durchaus - und d.h. aus (relativ) dominanter Perspektive - unterstützt werden, ohne gleichwohl davon auszugehen, dass damit alle sich diese Konzepte von Anerkennung, Integrität und Identität zu eigen machen müssten.

Das Privileg der Normalität

Wie lässt sich aber darüber hinaus gleichzeitig ein kritischer und veränderungswilliger Blick auf die Funktionsweise der sogenannten Normalität richten, statt sie als Instanz zu bestätigen, die Recht gewährt und an die Forderungen zu richten sind? Die gesellschaftliche Ignoranz gegenüber Intersexuellen verweist auf anderes las nur Verlegenheit oder Verunsicherung gegenüber der/dem "Anderen", denn das andere als "Anderes" lässt sich mittels eines Toleranzkonzepts durchaus integrieren, ohne die bestehende Ordnung ernsthaft zu verwirren. Was aber ist, wenn deutlich wird, dass die "Sicherheit" der eigenen Identität auf der Ausgrenzung anderer Identitäten beruht? Die Konfrontation mit Intersexualität stellt die Stabilität der eigenen binär verorteten Identität in frage und rückt den Zwang zur geschlechtlichen Vereindeutigung als Mittel zur Aufrechterhaltung hierarchischer Geschlechterverhältnisse in den Blick. Genau darin liegt die Bedrohung für die Dominanzkultur. Vielleicht aber auch die Chance, das Privileg der Normalität zu problematisieren. Erst dann kann über Koalitionsmöglichkeiten (und Interessendifferenzen!) verhandelt werden, die zwischen denjenigen, die sich selbst mehr oder minder ungebrochen in der binären Geschlechterdifferenz verorten können und denjenigen, denen dies nicht gelingt, bestehen. Intersexualität als Produkt einer rigiden binären Geschlechterordnung zu verstehen und es gleichwohl in seiner konkreten, je spezifischen, je individuellen Gelebtheit und als eine historische Existenzwiese anzuerkennen, bietet Anlaß für eine Infragestellung und Widerständigkeit gegen die normative Zweigeschlechtlichkeit.

Antke Engel

Anmerkungen:

(*) Ich danke Birgit-Michel Reiter für ihren/seinen Artikel sowie die Gespräch, die wir per Telefon und e-mail geführt haben. Ohne diese Anregungen, Entgegnungen und kommunikativen wie intellektuellen Verwicklungen wäre ich nicht dazu gekommen, mich der Auseinandersetzung mit Intersexualität zu stellen, noch hätte ich diesen Artikel schreiben können. Viele meiner Gedanken knüpfen direkt an Birgit-Michels Text an bzw. greifen ihn wieder auf, weshalb es sich empfiehlt, ihn vorweg zu lesen. Obwohl ich mich seit mehreren Jahren denkend und schreibend um eine Denaturalisierung und Destabilisierung der rigiden Zweigeschlechterordnung bemühe, hat sich etwas in mir geweigert, mich mit der Gewaltförmigkeit der Definitionsmacht und der medizinischen Praktiken zu konfrontieren, die diejenigen erfahren, deren deren zweigeschlechtliche Kategorisierung nicht mit der üblichen unhinterfragten Selbstverständlichkeit erfolgt ist. Über die Veränderung meines Blicks freu ich mich !

(1) Geht eine von den juristischen Gegebenheiten aus, so gibt es heutzutage schlichtweg keine Hermaphroditen mehr. Eine geschlechtliche Eindeutigkeit ist im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaftsordnungen zwingend notwendig: mensch ist entweder Frau oder Mann - kein Entkommen.

(2) Was in ähnlicher Weise vielleicht auch für das gegenwärtige Desinteresse an Vergewaltigung, sexueller Mißhandlung von Kindern, Pornographie oder der zunehmend offeneren Gewalt gegen Lesben und Schwule gilt, deren Bedeutung für die Konstituierung von Geschlechtern und Sexualitäten kaum diskutiert wird.

Siehe auch:
- "Genitalverstümmelung ein afrikanisches Problem?"
- Internationaler Tag gegen Mädchenbeschneidung (aber die Zwitter operiert nur ruhig weiter, sind ja keine Frauen, äh, Menschen ...)

page 3 of 3 -