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Wednesday, October 8 2014

Bayerisches Landessozialgericht: Intersex-Genitalverstümmelungen (IGMs) führen zu Schwerbehinderung, ist rückwirkend anzuerkennen

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Menschenrechte auch für Zwitter!

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Hipp, hipp! Während der 2. Zwitterprozess in Bayern um Schadenersatz gegen das IGM-Universitätsklinikum Erlangen und den ausführenden Verstümmler-Chirurgen vom zuständigen Landesgericht in Nürnberg mittlerweile seit Jahren verschleppt wird, tat sich nun offenbar vor Sozialgericht etwas:

Laut >>> datev.de [mittlerweile offline] und >>> kostenlose-urteile.de entschied das Bayerische Landessozialgericht in einem Urteil vom 10.09.2014:

Schwerbehinderung als Folge einer Intersex-Genitalverstümmelung (Kastration) muss auch rückwirkend anerkannt werden; das Amt unterlag diesbezüglich im Berufungsverfahren. Einzig die zusätzliche Anerkennung einer Gehbehinderung (Merkzeichen "G") wurde vom Sozialgericht verneint.

"Im vorliegenden Fall begehrte ein 1974 geborener intersexueller, schwerbehinderter Mensch die rückwirkende Feststellung eines GdB von 80 ab dem 01.08.1994. [...] Das zuständige Amt erkannte auf den Antrag von 2008 hin einen GdB von 50 rückwirkend ab 1994 an. Das Sozialgericht verurteilte die Behörde zur Bemessung eines GdB von 60 ab 01.08.2006 und von 80 ab 01.06.2007.

Medizinische Befunde rechtfertigen rückwirkende Feststellung

Das Bayerische Landessozialgericht hat entschieden, dass der Kläger ein dafür komme die Inanspruchnahme von rückwirkenden Nachteilsausgleichen nach dem Einkommenssteuerrecht in Betracht. Zudem rechtfertigten die medizinischen Befunde die rückwirkende Feststellung. Ein entsprechendes Angebot hatte das Amt schon für die Zeit ab 01.01.1999 im Berufungsverfahren abgegebenen."

Meine 2 Cent: Intersex-Genitalverstümmelungen sind Unrecht, Folter und führen zu lebenslangen, schweren Gesundheitsschäden. Trotzdem werden sie wieterhin täglich in Deutschen Kinderkliniken verbrochen, und die TäterInnen und ihre HelfershelferInnen in Politik und Justiz tun allzu oft alles, damit die Verstümmelungen noch möglichst lange möglichst ungestört andauern und die Überlebenden möglichst mundtot gemacht werden. Wie lange noch?!

>>> Intersex-Chronologie Deutscher Ethikrat 2008-2013 
>>> Sieg für Christiane Völling im Kölner Zwitterprozess!! 
>>> 2. Zwitterprozess gegen die Uniklinik Erlangen!
>>> UN-Sonderberichterstatter über Folter verurteilt "genitale Zwangsoperationen"
>>> Europarat verurteilt Intersex-Genitalverstümmelungen
 
>>> Zwangsoperierte Zwitter über sich selbst und ihr Leben
>>> Intersex-Genitalverstümmelungen: Typische Diagnosen und Eingriffe
>>> IGM – eine Genealogie der TäterInnen

Monday, October 7 2013

Cheryl Chase: Beleidigende Vernunft (Affronting Reason, 1995)

[ D o k u m e n t a t i o n   v o n   http://home.t-online.de/home/aggpg/affront.htm ]

Ausgeliefert!Affronting Reason (Beleidigende Vernunft)

von Cheryl Chase

Unautorisierte Übersetzung [ergänzt 2013]  [Fn 1]
Prepared for publication in Third Wave Now, ed Rebecca Walker. Anchor/Doubleday 1995 [Looking Queer, ed Atkins, 1998, p205-219
]

“Es scheint so, als wären sich ihre Eltern eine ganze Weile nicht sicher gewesen, ob Sie ein Mädchen oder ein Junge gewesen sind”, erklärte Dr. Christen, als sie mir drei unscharf kopierte Seiten übergab. Ich war 21 Jahre alt und hatte sie gefragt, ob sie mir helfen würde, die Aufzeichnungen von meinem Krankenhausaufenthalt zu bekommen. Damals war ich eineinhalb Jahre alt, zu jung, um mich noch daran zu erinnern. Ich wollte verzweifelt die vollständigen Krankenhausakten bekommen, um zu erfahren, wer meine Klitoris operativ entfernt hatte, und warum. Ich wollte wissen, gegen wen sich meine mörderische Wut richten sollte. “Diagnose: echter Hermaphrodit; Operation: Klitorektomie”. Die Krankenakte zeigte Charlie, Alter 18 Monate. Sein getippter Name war grob durchgestrichen und Cheryl darüber gekritzelt worden.

Obwohl ich mich klar an die Szene erinnern kann, als Dr. Christen mir die Akten aushändigte und mich aus dem Büro entließ, kann ich mich überhaupt nicht mehr an meine emotionale Reaktion erinnern. Wie ist es möglich, daß ich ein Hermaphrodit sein könnte? Ein Hermaphrodit ist ein mythologisches Wesen. Ich bin eine Frau, eine lesbische Frau, auch wenn mir Klitoris und innere Schamlippen fehlen. Wie haben meine Genitalien vor diesem operativen Eingriff ausgesehen? Bin ich mit einem Penis geboren worden?

Fünfzehn Jahre emotionaler Benommenheit vergingen, bevor ich in der Lage, war die Antworten auf diese und viele andere Fragen herauszufinden. Dann, vor zwei Jahren, überkam mich plötzlich ein extremes emotionales Durcheinander, und selbstzerstörerische Verzweiflung und beides drohte mich zu vernichten. “Das ist nicht möglich”, dachte ich, “dies` kann nicht die Geschichte von jemandem sein und ganz bestimmt nicht meine, ich will sie nicht.” Dennoch ist sie meine. Diese Zeit sehe ich als den Anfang meines Coming out als ein/e politische/r Intersexe; „eines/r bekennenden Intersexe/n“, wenn ich mir den Beinamen leihen darf, der in der letzten Zeit an Homosexuellen, die sich weigern unsichtbar zu bleiben, haftet.

Die Geschichte meiner Kindheit ist eine Lüge. Ich weiß jetzt, daß meine Eltern nach der Klitorektomie dem ärztlichen Ratschlag gefolgt sind, indem sie jeden noch so kleinen Beweis, daß Charlie jemals existierte, vernichteten. Sie haben alle blaue Babykleidung durch rosa ersetzt, vernichteten Fotos und Geburtstagskarten. Wenn ich mir meine Großeltern, Tanten und Onkel ansehe, dann ist mir bewußt, daß sie wissen müssen, daß Charlie eines Tages in meiner Familie aufgehört hat zu existieren, und Cheryl seinen Platz einnahm.

Der Film “Blade Runner” schildert eine futuristische Welt, in der Androiden beinahe nicht von Menschen unterschieden werden können. Harrison Ford, als Protagonist, ist ein Cop, dessen Aufgabe es ist, die Androiden, die sich als Menschen tarnen, zu töten. Im Verlauf seines Auftrages trifft und verliebt er sich in die wunderschöne Tochter des reichen Gründers einer der Androidenproduktionsfirmen. Als sich ihre Beziehung entwickelt, wird es allmählich beiden klar, daß sie ein Android ist. Alle ihre Erinnerungen an eine glückliche Kindheit mit ihrer Familie sind in Wirklichkeit künstlich- in ihr Hirn programmiert worden als sie produziert wurde. Genau wie in meinem Fall hat sie den Boden unter den Füßen und jeden Sinn für die eigene Identität verloren. Sie wird gezwungen, mit einer stigmatisierten Identität zurechtzukommen. Sie ist völlig isoliert von den Anderen, die so sind wie sie, von jedem, der ihre Erfahrungen teilt oder auch nur verstehen kann, daß solche Erfahrungen überhaupt möglich sind.

In den letzten Jahren begannen eine Zahl von GelehrtInnen in so unterschiedlichen Gebieten wie z.B. der Philosophie, Geschichte, Psychologie und Ethnographie zu untersuchen, inwieweit Sex und Gender sozial konstruiert sind (Butler 1990; Foucault1980b; Kessler and McKenna 1978; Laqueur 1990; Vance 1991) Diese und ähnliche Arbeiten sind Ausdruck der Erkenntnis, daß früheren ForscherInnen durch die Wahl ihrer Paradigmen, Informationen über sexuelle(s) Verhalten, Praktiken und Kategorien übersehen haben, die nichts mit Fortpflanzung zu tun haben. Daten, welche von ihrem kulturell bestimmten heterosexuellen, zweigeschlechlichen Standpunkt abwichen, konnten nicht erklärt werden.

Für die meisten Menschen ist es selbstverständlich, sie setzen es sogar als “wissenschaftliche Tatsache” voraus, daß es zwei, und nur zwei Geschlechter gibt. Aber in Wirklichkeit wird eins von mehreren tausend Babys mit einer Anatomie geboren, die sich weigert unserer vorgefaßten Meinung von “männlich” und “weiblich” zu entsprechen. Nur wenige, die nicht im medizinischen Bereich arbeiten, sind sich unserer Existenz bewußt.

Die Medizin benutzt die Begriffe “Hermaphrodit” und “intersexuell”, um uns zu beschreiben. Das Wort Hermaphrodit ist mir mythologisch zu vorbelastet Außerdem rechtfertigt die Bezeichnug der Klitoris als Penis, indirekt die Klitorektomie, deshalb bevorzuge ich den Ausdruck intersexuell. Kira Triea, eine Intersexe, die jetzt als Frau lebt und offen über ihre Intersexualität spricht, liegt dieses Thema auch sehr am Herzen: „Es ärgert mich so, wenn ich jemandem versuche zu erklären wer ich bin und welche Erfahrungen ich gemacht habe und sie anfangen, Ovid zu zitieren.“ (Triea 1994) Für Triea, die als Junge aufgezogen wurde und in ihrer Pubertät plötzlich durch die Harnröhre anfing zu menstruieren, hat Ovid keine Bedeutung.

Am Anfang meines Coming out Prozesses, habe ich mich entschieden, die medizinischen Akten, die ich seit fünfzehn Jahren zur Seite gelegt hatte, noch einmal zu untersuchen. Das Wort „Hermaphrodit“ war fürchterlich verletzend und brachte mich an den Rand des Selbstmordes. Meine Versuche, eine positive Akzeptanz von mir wieder herzustellen, scheiterten; ich konnte es nicht. Ich weiß, daß ich durch die Klitorektomie fürchterlich verstümmelt und ausgeschlossen worden bin von den sexuellen Erfahrungen, welche die meisten Menschen, männlich oder weiblich, als selbstverständlich betrachten. Hätte ich die Möglichkeit haben sollen, daß meine Genitalien intakt blieben? “Nein”, dachte ich “ich will keinen Penis zwischen meinen Beinen haben, keinen Körper, der aussieht wie der eines Mannes”.

“Macht nichts, denk’ einfach nicht daran”, das war der Ratschlag von den wenigen Leuten, mit denen ich darüber gesprochen habe, zwei von ihnen waren Therapeutinnen. “Du siehst aus wie eine Frau”. Es gibt einen starken Widerstand, über Intersexualität nachzudenken. Weil sie mich ansehen und in mir weibliche Attribute erkennen, finden es die meisten Menschen unmöglich, sich vorzustellen, daß meine Erfahrungen und meine Geschichte nicht weiblich sind. Der Widerstand, darüber nachzudenken, was meine sexuellen Erfahrungen sind, ist um so stärker. Die meisten Menschen, eingeschlossen die beiden Therapeutinnen, die ich schon erwähnte, sind gelähmt durch ein generelles Verbot, explizit über Sex zu reden. Aber politisch engagierte und Aktive im Bereich der Sexualität sind nur wenig besser. Sie gehen davon aus, ich hätte “vaginale Orgasmen” oder sogar “Ganzkörper-Orgasmen”. Wenn ich meine sexuelle Disfunktion immer wieder betone, behandeln mich viele herablassend. ”Ich bin mir vollkommen sicher, daß Du lernen wirst, wie man einen Orgasmus bekommt”, sagte mir ein Mann. Weiter erklärte er mir, daß, aller meiner Erfahrung zum Trotz, die männliche Beschneidung gleich zerstörend wie die Klitorektomie wäre.

Ich brauchte Monate, um den Rest meiner medizinischen Unterlagen zu bekommen. Ich erfuhr, daß ich nicht mit einem Penis, sondern mit intersexuellen Genitalien geboren wurde: einer typischer Vagina und äußeren Schamlippen, einer weiblichen Harnröhre und einer sehr großen Klitoris. Zu bedenken ist dabei, daß die Ausdrücke “groß” und “klein”, wenn sie intersexuellen Genitalien zugeschrieben werden, Urteile sind, die nur im Kopf des Betrachters sind. Von meiner Geburt bis zur Operation, als ich Charlie war, befanden meine Eltern und die ÄrztInnen meinen Penis als furchtbar klein, genauso wie ihm die Harnröhre fehle. Meine Eltern waren so beschämt und traumatisiert durch das Aussehen meiner Genitalien, daß sie niemandem erlaubten, sie zu sehen: keine Babysitter, keine Möglichkeit für die müden Eltern, durch eine hilfreiche Großmutter oder Tante vom Wickeln abgelöst zu werden. In dem Moment als, Intersexen-Spezialisten eröffneten, daß mein “wahres Geschlecht“ weiblich sei, war meine Klitoris plötzlich fürchterlich groß. Das geschah ohne jegliche Änderung in der objektiven Erscheinung oder Größe meines Phalloklit.

Wenn in unserer Kultur ein Kind geboren wird, bestimmen die anwesenden Experten, entweder ÄrztInnen oder Hebammen, ein Geschlecht, basierend auf dem Aussehen der kindlichen Genitalien. Im Falle einer intersexuellen Geburt wird das Kind entweder dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zugeordnet, auch wenn meist Spezialisten konsultiert werden, und die Geschlechertzuweisung vielleicht nur für ein paar Tage gemacht wird. Intersexualität ist ein menschenmögliches, aber sozial undenkbares Phänomen. Die Geschlechtszuweisung wird manchmal geändert, wie es bei mir getan wurde. Tatsächlich gibt es dokumentierte Fälle, in denen die Geschlechtszuschreibung, manchmal sogar drei mal [Fn 2], geändert wurde, ohne die Meinung des Kindes einzuholen oder es überhaupt darüber zu informieren.

In vielen anderen Kulturen aber ist das Phänomen der Intersexualität wohl bekannt und ein intersexuelles Kind wird als solches anerkannt. Leider ist der Blick der Ethnographen durch den absoluten Begriff der Zweigeschlechtlichkeit geprägt, die die westliche Kultur seit Darwin beherrscht. In letzter Zeit haben Etnographen Beispiele über Kulturen geliefert, in denen eine Zuweisung als intersexuell einen hohen aber auch einen niedrigen Status verleiht oder sogar intersexuelle Neugeborene bei Entblößung, als ein schlechtes Omen, zu Tode verurteilt. (Edgerton 1964; Furth 1993; Herdt 1994; Nanda 1994; Roscoe 1991) Auch der Talmud hat z.B. einige Regularien, die nur auf Intersexuelle bezogen sind.(Berlin and Zevin 1974)

Die heutigen Nordamerikaner zeigen Gefühle des Horrors und des Ekels, wenn sie mit Fällen von Intersexualität konfrontiert werden. Die moderne westliche Kultur ist die erste, die sich auf die Technologie verläßt, um die Geschlechterdichotomie zu erzwingen, indem sie chirurgische und hormonelle Mittel nutzt, um den Beweis von dem Körper eines intersexuellen Neugeborenen zu entfernen. Die medizinische Literatur ist sich einig über die Notwendigkeit der Praxis, selbst wenn sie zugeben muß, daß chirurgische Eingriffe die sexuellen Funktionen schädigen können. (Conte and Grumbach 1989; Emans and Goldstein 1990; Hendricks 1993) Die einzige Indikation für diesen chirurgischen Eingriff, ist die Verbesserung des Körperbildes dieser Kinder, so daß sie sich ‘normaler fühlen’. “Keine einzige hat sich über Verlust der Empfindungsfägigkeit beklagt, nicht einmal wenn die ganze Klitoris enfernt wurde ... Die Klitoris ist klar nicht notwendig für die Orgasmusfähigkeit” (Edgerton 1993, Fn 3)

Wofür sind Genitalien? Meiner Auffassung nach sind meine Genitalien für mein Vergnügen. In einer sexuell repressiven Kultur mit starken Eingriffen in die Funktion der Geschlechterdichotomie, sind die Genitalien von Neugeborenen dazu da, männliche von weiblichen Neugeborenen zu unterscheiden. Es ist schon schwer, Eltern oder auch ÄrztInnen dazu zubringen, in Erwägung zu ziehen, daß Neugeborene zukünftige Erwachsene sind, sexuelle Wesen. Jedoch sind medizinische Intersexen-Spezialisten stolz auf sich selbst, daß sie in der Lage sind, das zu tun.

Für Intersexen-Spezialisten sind männliche Genitalien zur aktiven Penetration und zum Vergnügen, während weibliche Genitalien zur passiven Penetration und Reproduktion sind. Auf die Frage, warum die Standart-Praxis 90% der intersexuellen Säuglinge als weiblich bestimmt (und chirurgisch die Zuweisung erzwingen, indem die Klitoris entfernt wird), antwortet ein prominenter Chirurg: “you can make a hole, but you can’t build a pole” (Hendricks 1993) Schauen wir uns mal an wie John Gearhart, ein bekannter Spezialist in der Genitalchirurgie für intersexuelle Kinder, der Befragung über orgasmische Funktionen, in der folgenden veröffentlichten Diskussion über zusätzliche Chirurgien für das Ausbessern von Vaginen, die chirurgisch bei intersexuellen als weiblich bestimmten Neugeborenen, konstruiert wurden, ausweicht. (Bailez et al. 1992)

Dr. Frank: Wie definieren sie einen erfolgreichen Geschlechtsverkehr? Wieviele der Mädchen haben zum Beispiel tatsächlich einen Orgasmus? Wieviele von diesen hatten eine Klitorektomie [Klitorisamputation], wieviele eine Klitorisplastik und macht es irgendeinen Unterschied für den Orgasmus?

Dr. Gearhart: Die Interviews mit den Familien wurden von einer weiblichen Kinderchirurgin durchgeführt, die sehr freundlich und mitfühlend ist. Ich denke sie hat ein Maximum an Informationen von diesen Patienten. Adäquater Geschlechtsverkehr wurde als erfolgreiche vaginale Penetration definiert...

Intersexen-Spezialisten betonen oft die Wichtigkeit eines heterosexuellen Resultates für die intersexuellen Kinder, die sie behandeln. Slijper et al. z. B. erklärt, “Eltern werden beruhigt sein, wenn sie wissen, daß ihre Tochter Heterosexualität genauso wie andere Kinder entwickeln kann.” (Slijper et al. 1994) (p.15). Dr. Y., ein prominenter Chirurg auf dem Gebiet der Intersexualität, hat einem Interview mit Ellen Lee nur unter der Bedingung der Anonymität zugestimmt. Er behauptet, daß das höchste Maß an Erfolg für die Geschlechtszuweisung von intersexuellen Kindern die “Effektivität des Geschlechtsverkehrs” ist, welche sie als Erwachsene erlangen werden. (Lee 1994) (p.60) Intersexuelle, die als weiblich bestimmt wurden und Frauen als Sexualpartnerinnen wählen, und solche, die als männlich bestimmt wurden und Männer als Sexualpartner wählen, symbolisieren das Scheitern der Behandlung in den Augen der Eltern und Spezialisten. Die Reaktion meiner Mutter, als sie erfuhr das ich mit Frauen sexuellen Kontakt hatte, war ja, daß sie ihre Entscheidung bereute, dem ärztlichen Ratschlag gefolgt zu sein und mich als weiblich, anstelle von männlich, zu bestimmen.

Meine Mutter und mein Vater nahmen mich eines Tages mit in ihr Zimmer, um ein Geheimnis mit mir zu teilen. Ich war zehn Jahre alt, immer noch völlig unwissend betreffend sexueller Dinge. „Als Baby warst du krank”, erklärten sie. „Deine Klitoris war zu groß, sie war vergrößert.“ Die Art, in der sie vergrößert sagten, machte mir klar, daß es eine spezielle, nicht normale Bedeutung hatte. „Du mußtest ins Krankenhaus, und sie wurde entfernt.“ „Was ist eine ‘Klitoris’?“, fragte ich. „Eine Klitoris ist ein Teil eines Mädchens, der ein Penis sein würde, wenn das Mädchen ein Junge wäre. Deine war vergrößert, deshalb mußte sie entfernt werden. Jetzt ist alles in Ordnung. Aber erzähle das Niemand.“

Wer bin ich? Ich sehe mir meinen Körper an. Er sieht weiblich aus. Bisher hatte ich immer einen geheimen Zweifel gehegt. Ich erinnere mich an mich als einen zurückgezogenen, depressiven Jugendlichen, immer versuchend einen Blick auf weibliche Genitalien werfen zu können. Sehen sie so aus wie meine? Ich hatte niemals eine nackte Frau aus der Nähe gesehen. Ich hatte keine Ahnung davon, daß an meinen Genitalien Teile fehlten. Eigentlich kann man die Unterschiede zwischen meinen Genitalien und denen von irgendeiner anderen Frau, ohne die äußeren Schamlippen zu öffnen, nicht erkennen. Ich erinnere mich, wie ich in einem Buch das Phänomen der Masturbation entdeckte. Ich konnte jedoch den Mittelpunkt der lustbringenden Empfindungen in meinen Genitalien nicht lokalisieren, konnte den Trick nicht zustande bringen, über den ich gelesen hatte. Ich war nicht in der Lage, dieses Versagen mit dem Geheimnis über die vergrößerte Klitoris, die entfernt wurde, in Verbindung zu bringen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, daß mir jemand eine solche unwiderrufliche Sache angetan hatte, besonders nicht Erwachsene, die für mein Wohl verantwortlich sind. Oft weckten mich Alpträume, in denen mein Leben in Gefahr, mein Geschlecht fraglich und meine Genitalien deformiert waren und aus mir so wie Organe heraus schwappten. Als junge Erwachsene, gelang es mir, eine Verbindung zwischen der Entfernung meiner Klitoris und meiner schwachen sexuellen Reaktion, der Unfähigkeit einen Orgasmus zu erleben, zu erkennen.

Wer bin ich? Ich betone meine Weiblichkeit und meine intersexuelle Identität, die Tatsache, daß ich nicht weiblich bin. Das ist kein Paradoxon; die Tatsache, daß mein Geschlecht (Gender) problematisiert wurde ist der Ursprung meiner intersexuellen Identität. Die meisten Menschen, die nie an ihrem Geschlecht gezweifelt haben, sind unfähig, auf die Frage: “woher wissen sie, daß sie eine Frau (ein Mann) sind,” zu antworten.

Ich konnte mich nicht als total weiblich erleben. Auch wenn mein Körper als weiblich durchgeht, passen mir Frauenkleider nicht. Die Schultern sind zu eng, die Ärmel zu kurz. In die meisten Frauenhandschuhe passen meine Hände nicht, genauso wenig wie meine Füße in Frauenschuhe. Für die meisten Frauen wäre das nichts weiter als eine Unannehmlichkeit. Aber wenn die Kleidung nicht paßt, erinnert mich das an meine Geschichte. Selbstverständlich paßt auch die Männerkleidung nicht. Die geraden Linien lassen keinen Platz für meine großen Brüste und breiten Hüften. Dennoch erlebe ich etwas in der Art, in der ich arbeite und mich in der Welt bewege als relativ männlich. Und wenn ein Mann sexuelles Interesse an mir zeigt, habe ich oft den Verdacht, daß er vielleicht mit einer unterdrückten homosexuellen Neigung kämpft.

Als Frau bin ich weniger als vollständig- ich habe eine geheime Vergangenheit, mir fehlen wichtige Teile meiner Genitalien und sexuellen Reaktionen. Wenn eine Geliebte mit ihrer Hand das erste Mal meine Genitalien berührt, wird der Mangel sofort offensichtlich für sie. Schließlich fühle ich mich einfach nicht wie eine Frau (und noch weniger als ein Mann). Aber die Identität als Hermaphrodit war mir zu ungeheuerlich fremd , zu abnorm als daß ich das Leicht hätte annehmen können. Eine medizinische Anomalie, so zusammengeflickt wie es der Chirurg am besten bewältigen konnte. Ich hatte einen Artikel aus einer medizinischen Zeitschrift, in der angegeben wurde, daß nur zwölf “echte Hermaphroditen” (die Formulierung, die in meinen medizinischen Akten benutzt wurde) jemals registriert worden sind.

Zu wessen Gunsten wirkt sich dieser Mechanismus der medizinischen Entfernung und dem gesellschaftlichen Totschweigen aus. Gewiß nicht zu Gunsten der intersexuellen Kinder. Ich wurde brutal verstümmelt, zurückgelassen voller Fragen, und auf der Suche nach der Wahrheit befand ich mich in völliger Stille und Isolation. Als ich, mit 36 Jahren, schließlich meine Mutter zur Rede stellte, fragte ich sie, wie sie überhaupt ihr Schweigen die ganzen Jahre wahren konnte, und es mir überlassen hat meine Geschichte als Charlie, das Etikett „Hermaphroditismus“ aus medizinischen Akten zu erfahren. Ihre Antwort? „ Nun ja, du hättest mich fragen können.“ (Ich frage mich, welche anderen Fragen ich noch fragen sollte solange sie lebt.)

Das Thema meiner Identität brachte mich vor zwei Jahren furchtbar auf. Meine früheren Erfahrungen mit meinem Coming out als Lesbe, halfen mir eine Entschlüsslung meiner Zwangslage zu erkennen. Die Ausdrücke homosexuell und lesbisch, so wie der Ausdruck intersexuell, waren Erfindungen eines medizinischen Diskurses, benutzt, um nicht gebilligte Sexualitäten zu pathologisieren. Ich muß meine Identität selbstbewußt geltend machen, darauf bestehen, daß die medizinische Konstruktion, von Intersexualität als Krankheit, Unterdrückung ist und nicht Wissenschaft. Ich muß Andere finden, die meine Erfahrungen teilen, Andere, die mit mir an die Öffentlichkeit gehen. Eine Gemeinschaft kann den Mitgliedern emotionale und logistische Stütze sein und läßt einen viel mächtigeren Widerstand entstehen, als Individuen die alleine agieren.

Es war nicht leicht die intensiven Schamgefühle zu überwinden. Ich erinnere mich noch, wie ich verstohlen den Drucker, Kopierer und das Fax im Büro benutzte, und ich mit Herzklopfen vor Angst, daß jemand die Dokumente, mit denen ich arbeitete sehen könnte. Medizinische Akten, Artikel aus medizinischen Zeitschriften, und ein Bericht über meinen emotionalen Fortschritt. Ich glaubte immer noch das Intersexualität so selten war, daß ich vielleicht niemals Andere mit ähnlichen Erfahrungen finden könnte. So habe ich statt dessen nach Transexuellen gesucht und mit ihnen gesprochen. Alice Walker hatte gerade ihren Roman „Possessing the Secret of Joy“ herausgebracht, der die Aufmerksamkeit der westlichen Öffentlichkeit auf einen afrikanischen, kulturellen Ritus lenkte, der beschönigend als weibliche Beschneidung bezeichnet wird. Ich war aufgeregt von der älteren Hebamme zu lesen, die ihr ganzes Leben lang Klitorisentfernungen durchgeführt hat, und ihr früheres Opfer beschimpfe in dem sie Hermaphroditismus als abnormal bezeichnete, „It’s all normal, as far as that goes, says M’lissa. You didn’t make it, so who are you to judge?“ (Walker 1992) Ich fand und sprach mit den auf diese Weise verstümmelten afrikanischen Frauen, die sich in den USA organisiert haben, um gegen diesen Brauch in ihrer Heimat zu kämpfen. Das für mich beispielhafte Verhalten all dieser tapferen Menschen half mir mit meiner Scham umzugehen.

Ich fing an wahllos mit Freunden und Bekannten, darüber zu reden was mir angetan wurde. Innerhalb eines Jahres habe ich ungefähr ein halbes Dutzend anderer Intersexen gefunden, die meisten von ihnen waren auch genitalverstümmelt, zwei von ihnen lebten mit ihren intakten atypischen Genitalien. Einer Frau wurde die Klitoris operativ entfernt als sie Teenagerin war, obwohl sie durch Masturbation wußte, daß ihre Klitoris der Mittelpunkt von sexueller Lust war, konnte sie dieses weder mitteilen noch anders dem Druck von Eltern und ÄrztInnen widerstehen; ein Kind, dem erst vor zwei Jahren die Klitoris operativ entfernt wurde; eine Frau die ihrer Mutter dankbar war, weil diese dem jahrelangen Druck der MedizinerInnen widerstand und sich weigerte, die große Klitoris ihrer Tochter entfernen zu lassen; ein Mann, der als Mädchen großgezogen wurde, der sich entschied als Mann (mit intakten intersexuellen Genitalien) zu leben, nachdem er in der Pubertät einen männlichen Körper entwickelte; ein Mann dessen Penis schwer geschädigt wurde, durch wiederholte Operationen die, die Position der äußeren Mündung seiner Harnröhre [Fn 4] ‘korrigieren’ sollten; ein Mann der herausgefunden hatte, daß bei der Operation in seiner Kindheit, die ihm niemand erklären wollte, sein Uterus und ein Eierstock entfernt wurde. Keiner von diesen Menschen hat jemals mit einer Intersexe gesprochen.

ChirurgInnen von Intersexen behaupten, daß eine psychologische Beratung deshalb nicht angeboten wird, weil sie keine qualifizierten PsychologInnen oder PsychiaterInnen ausfindig machen können, welche die Intersexen oder ihre Familien beraten könnten (Lee1994). Doch die ChirurgInnen erhalten diese Situation in dem sie ihre intersexuellen PatientInnen verstümmeln, traumatisieren und stigmatisieren. Diese Kinder wachsen mit soviel Scham auf, daß sie als Erwachsene nicht in der Lage sind ihre Erfahrungen offen zu diskutieren, so daß das Phänomen der Intersexualität unsichtbar bleibt.
Was sehe ich, wenn ich in den Spiegel schaue? Einen weiblichen Körper, der vernarbt ist und dem einige der wichtigen Teile der Genitalien fehlen. Im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen, erfahre ich eine merkwürdige Art von körperlicher Auflösung- ich nehme mein Selbst als entkörperlichtes Wesen war, ohne Sex oder Gender. Ich betrachte die Heilung dieser Spaltung als ein wichtiges Element von persönlichem Wachstum, das mir erlauben wird, meine Sexualität zurückzugewinnen und wirkungsvoll für intersexuelle Belange einzutreten. Mein Körper ist nicht weiblich, er ist intersexuell. Operationen können Intersexualität nicht auslöschen und ganze Männer oder Frauen schaffen: was sie schaffen sind emotional mißbrauchte, und sexuell disfunktionale Intersexen. Wenn ich meine postoperative Anatomie mit dem Etikett weiblich versehe, dann schreibe ich den Chirurgen die Macht zu, eine Frau zu kreieren, in dem sie Körperteile beseitigen; Ich stimme ihrem Programm: „Frau als Mangel“ zu. Ich kollaboriere mit dem Verbot meiner intersexuellen Identität. Kessler zitiert einen Endokrinologen, der sich auf die Behandlung von intersexuellen Kindern spezialisiert hat: „In the absence of maleness, you have femaleness... It´s really the basic design.“ (Kessler1990)

Cliffard Geertz (Geertz 1984) stellt die Behandlung von Intersexen bei den Navajos und den Pokot in Kenia („ein Produkt; wenn auch ein etwas ungewöhnliches Produkt des normalen Laufs der Dinge“) der Amerikanischen Haltung gegenüber. “Amerikaner betrachten die Weiblichkeit und Männlichkeit als die Erschöpfung der natürlichen Kategorien, in welche Personen überhaupt fallen können: was dazwischen fällt, ist Dunkelheit, eine Beleidigung der Vernunft.“ Die Zeit für die Intersexuellen ist gekommen, unsere Behandlung als Mißbrauch anzuprangern, und offen auf das Recht zu bestehen, unsere Identität als Intersexen anzunehmen und absichtlich diese Art von Vernunft zu beleidigen, die verlangt, daß wir verstümmelt und zum Schweigen gebracht werden.

Jetzt schon sind vage Bewegungen im Gange. Suzanne Kessler, deren Arbeit einflußreich den Diskurs über Gender als eine soziales Konstrukt begründete, publizierte 1990 einen Artikel, in dem sie die medizinische Behandlung von intersexuellen Kindern, als von kulturellen Annahmen und nicht von objektiven Kriterien bestimmt, charakterisiert. (Kessler 1990) Anne Fauston-Sterling, eine feministische Kritikerin der Biologie veröffentlichte 1993 einen Artikel, in dem sie nahe legt, daß Operationen den intersexuellen Kindern nicht aufgedrängt werden sollen. (Fausto-Sterling 1993) Beide Schriftstellerinnen arbeiteten offensichtlich, ohne mit einem erwachsenen Intersexuellen gesprochen zu haben und obwohl beide Artikel die Motivation für die operative Veränderung von den Genitalien der Kinder hinterfragen, benennen sie die Operationen nicht als Verstümmlungen.

Ein Brief, mit dem ich auf Fausto-Sterlings Artikel (Chase 1993) antwortete und in dem ich die Formierung der Intersex Society of North America [Fn 5] bekannt gab, führte zu emotionalen Antworten von acht anderen Intersexen. Eine, Morgen Holmes, hat kürzlich eine ausführliche Analyse der Gründe fertiggestellt, weshalb medizinische Technologie benutzt wird, um Intersexualität im Allgemeinen auszulöschen, und ihre Intersexualität im Speziellen (Holmes1994). Bis sie mit mir in Kontakt trat, hatte Holmes ihre Erfahrungen der Intersexualität mit keinem Lebewesen geteilt. Die einzige intersexuelle Person in ihrem Universum war Herculine Barbin, ein französischer Hermaphrodit im 19ten Jahrhundert, dessen Tagebücher von Foucault editiert und publiziert wurden (Foucault1980a). Barbins Leben endete mit Selbstmord.

Auch in Großbritannien haben zwei Intersexuelle die extreme Heimlichkeit, die Scham und „Abnormität“ die ihren Zustand umgibt, in dem angesehenen medizinischen Magazin BMJ angeprangert.

Meines war ein dunkles Geheimnis, allen außerhalb der medizinischen Berufe (meine Familie eingeschlossen) verborgen, aber das ist keine Alternative, denn es verstärkt sowohl das Gefühl von Abnormität als auch die Isolation. (Anonymous 1994b)

Nicht daß mein Gynäkologe mir die Wahrheit sagt, macht mich zornig (ich hatte sowieso medizinische Büchereien besucht, um eine Diagnose zu bekommen), sondern daß weder mir, noch meinen Eltern psychologische Unterstützung angeboten wurde, daß wir alleine gelassen wurden mit unseren verzweifelten Gefühlen von Scham und dem Tabu. (Anonymous 1994a)

Beide AutorInnen haben das Androgenresistenz Syndrom, und sind mit großer Wahrscheinlichkeit mit typisch weiblich aussehenden Genitalien geboren, aber einer kurzen Vagina, und ohne Uterus. Erzogen als Mädchen mit Körpern, die sich in der Pubertät zu erwachsenen weiblichen Körpern entwickelten, werden diese Frauen oft traumatisiert, wenn sie in medizinischen Akten oder Texten lesen, daß sie „genetisch männlich“ sind.

Lesende: wißt Ihr wie die Zusammensetzung Ihrer „Geschlechts Chromosomen“ ist? Wenige Leute (die nicht intersexuell oder transsexuell sind) kennen ihren Karyotyp. Es ist lächerlich, daß das Wissen um die Resultate von Labortests (bei den Karyotypen nicht sichtbar) Wirkung auf die Wahrnehmung von Sex oder Gender einer Person haben kann. Die soziale Fiktion des männlich/weiblichen binären Gegensatzes leitet zu dem generellen Vorurteil, daß alle Menschen ein chromosomales, gonales, hormonales und anatomisches Geschlecht (Sex) und eine geschlechtliche, soziale Rolle (Gender) haben, die übereinstimmen. Die Verletzung dieser Weltsicht, ist der Ursprung für Traumata bei androgenresistenten Frauen, die entdecken, daß ihr Karyotyp männlich ist und bei Eltern von intersexuellen Neugeborenen.

Als ich anfing, nach Intersexen zu suchen, erwartete ich, wollte ich Menschen finden, deren Erfahrungen meinen genau glichen. Was ich fand war sehr unterschiedlich - die Bandbreite von Persönlichkeiten, politischen Ansichten und Anatomien in unserer wachsenden intersexuellen Gemeinschaft, ist so weit wie der Raum zwischen Mann und Frau, den wir besetzen. Einige von uns leben als Frauen, einige als Männer, einige als offene Intersexen. Viele von uns sind homosexuell, wenn der Ausdruck als Begriff von den sozialen Geschlechterrollen (Gender) der PartnerInnen verstanden wird. Manche von uns sind niemals sexuell aktiv gewesen. Diejenigen von uns, die medizinischen Interventionen ausgesetzt waren, teilen unsere Erfahrungen von ihnen als Mißbrauch.

Heilung ist ein Prozeß ohne Ende. Das Gefühl äußerster Einsamkeit ist vielleicht der zerstörerischste Teil dessen, was uns angetan wurde. Meine Arbeit in der Intersex Society, das Zuhören, Beraten und Vernetzen anderer Intersexen, war ein wichtiger Teil meiner eigenen Heilung, und half mir nicht von dem Gefühl des Zorns überwältigt zu werden.

Fussnoten:

Fn 1: Übersetzung: S. Owsinski und E. Meiser. [fehlendes Zitat Edgerton 1993 ergänzt von Markus Bauer / Zwischengeschlecht.org 2013].
Da es im Englischen keine geschlechtsspezfischen Berufsbezeichnungen oder ähnliches gibt, ist die Übersetzung problematisch und immer auch eine Interpretation. Da wir keine Profis sind, bitten wir dieses und andere Holperigkeiten in der Übersetzung zu entschuldigen.

Fn 2: Money beschreibt ein Kind, dem bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde, einige Tage später das weibliche, wieder das männliche im Alter von 3 Wochen und im Alter von 4 ½ erneut das weibliche Geschlecht. Ihm wurde die Klitoris, in Verbindung mit der endgültigen Veränderung ihres Geschlechts, operativ entfernt. Die Geschichte der Geschlechts- wieder- Zuweisung (sex- reassignment) wurde vor dem Kind geheim gehalten, bei Familiendiskussionen tabuisiert, obwohl sie sich in Träumen erinnern konnte (Money 1991) (p 239 ff.)

Fn 3: Obwohl diese These im Zusammenhang mit einem Artikel über „clitoroplasty without loss of sensitivity ” geschrieben wurde, stellen die Autoren keinerlei Beweise zur Verfügung, daß dieses Standartverfahren, bei welchem beinahe die gesamte Klitoris entfernt und der Rest verlegt wird, sexuelle Gefühle unversehrt läßt. In der Tat, Morgan Holmes, als Kind Versuchsperson, charakterisierte es als „partial clitorectomy ”. Eine andere Frau, an welcher dieses Verfahren als Erwachsene durchgeführt wurde und die in der Lage war, ihre sexuelle Erfahrung vor und nach der Operation einander gegenüberzustellen, benennt es “unwahrscheinlich desensibilisierend”.

Fn 4: Bei ungefähr einer von drei- oder vierhundert Geburten, wird ein Kind mit einem Zustand geboren, der sich Hypospadie nennt, in welchem der Teil der Harnröhre der sich im Penis befindet, teilweise oder komplett offen ist. Dieser Zustand ist selten schädlich, es sieht ungewöhnlich aus, und der Junge oder der Mann müssen vielleicht in Sitzen urinieren . Nach der „routinierten“ männlichen Beschneidung, sind die Hypospadien „Korrektur“ - Operationen wahrscheinlich die zweit häufigste Form der kosmetischen Genitaloperationen, die in den USA durchgeführt werden.

Fn 5: Ich lade intersexuellen LeserInnen und ihre Familien und PartnerInnen ein, an die Intersex Society of North America, P.O. Box 31791, San Francisco CA 94131, oder email info_at_isna.org. zu schreiben.

Literaturliste:

Anonymous. 1994a. Be open and honest with sufferers. BMJ 308 (16 April): 1041-1042.
Anonymous. 1994b. Once a Dark Secret. BMJ 308 (19 February): 542
Bailez, M.M., John P. Gearhart, Claude Migeon, and John Rock. 1992. Vaginal Reconstruction after Initial Construction in Girls with Salt- Wasting Adrenal Hyperplasia. The Journal of Urology 148 (August, 1992): 680-684.
Berlin, Meyer and Shlomo Josef Zevin. 1974. Encyclopedia Talmudica, 1:386-389. Jerusalem
Butler, Judith. 1990. Gender Trouble: Feminism and Subversion of Identity. New York: Routledge.
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Edgerton, Milton. 1993. Discussion: Clitoroplasty for Clitoromegaly Due to Adrenogenital Syndrom Without Loss of Sensitivity. Plastic and Reconstructive Surgery 91 (5): 956.
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Fausto-Sterling, Anne. 1993. The Five Sexes: Why Male and Female are not Enough. The Sciences, March/April 1993, 20-25.
Foucault, Michel. 1980a. Herculine Barbin, Being the Recently Discovered Memoirs of a Nineteenth-Century Hermaphrodite Translated by Richard McDougall. New York: Colophon.
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Furth, Charlotte. 1993. Androgynous Males and Deficient Females: Biology and Gender Boundaries in Sixteenth- and Seventeenth-Century China. In The Lesbian and Gay Studies Reader, ed. Henry Abelove et al. New York: Routledge.
Geertz, Clifford. 1984. Local Knowledge. New York: Basic Books
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Laqueur, Thomas. 1990. Making Sex: Body and Gender from the Greeks to Freud. Cambridge: Havard University Press.
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Roscoe, Will. 1991. The Zuni Man-Women. Albuquerque: university of New Mexico Press.
Slijper, F.M.E., S.L.S. Drop, J.C. Molenaar, and R.J. Scholmeijer. 1994. Neonates with Abnormal Genital Development Assigned the Female Sex: Parent Counseling. Journal of Sex Education and Therapy 20 (1):9.17.
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Walker, Alice.1992. Possessing the Secret of Joy. New York: Simon and Schuster.

© Copyright Chase - 1995
 

>>> Genitalverstümmelungen im Kinderspital: Fakten und Zahlen
>>>
150 Jahre Menschenversuche ohne Ethik und Gewissen
>>>
Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken – eine Genealogie der Täter

Kann ein Zwitter Sünde sein?

Sunday, June 23 2013

Australien: Intersex-Organisationen fordern Ende kosmetischer Genitaloperationen an betroffenen Kindern

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Zwischengeschlecht.org «Körperliche Unversehrtheit auch für Zwitter!» (Bild: NZZ Format/SF1)

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Laut einem >>> Artikel u.a. auf theage.com.au fordern die Betroffenenorganisationen OII Australien und Androgen Insensitivity Syndrome Support Group of Australia (AISSGAU) offiziell die Beendigung von medizinisch nicht notwendigen Genitaloperationen an Intersex-Kindern, bzw. ein Moratorium für solche Eingriffe (wie dies u.a. Milton Diamond und Kenneth Kipnis schon seit 1997 vorschlagen – die Antwort der MedizynerInnen darauf bis heute: Spott und Hohn).

Der Artikel nimmt zudem Bezug auf die (erneut hervorragende) >>> 3. Eingabe von OII zu den aktuellen Senatsanhörungen Thema "Unfreiwillige oder erzwungene Sterilisierung von Menschen mit Behinderungen in Australien" (dieser Blog berichtete).

Weiter nennt der Artikel Zahlen zu Intersex-Genitalverstümmelungen an Prof. Dr. Garry L. Warnes Verstümmlerklinik Melbourne's Royal Children's Hospital (wobei "Hypospadiekorrekturen" offensichtlich gar nicht erst mitgezählt wurden):

"eine oder zwei Gonadektomien [Kastrationen] pro Jahr an Kindern mit nicht abgestiegenen Hoden, sowie 10 bis 15 genitale Rekonstruktionsoperationen pro Jahr, oft an Mädchen unter zwei Jahren"

Leider steht nichts im Artikel, ob die beiden Organisationen auch gesetzgeberische Massnahmen zur Durchsetzung ihrer Forderungen verlangen – über alles andere lachen die GenitalabschneiderInnen bekanntlich bloss ...

>>> Zwangsoperierte Zwitter über sich selbst und ihr Leben
>>> Intersex-Genitalverstümmelungen: Typische Diagnosen und Eingriffe

Wednesday, May 15 2013

USA: Historische Klage gegen Intersex-Genitalverstümmelung - Do 16.5. Bundestag berät gesetzliches Verbot

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Pressemitteilung von Zwischengeschlecht.org vom 15.05.2013:

Intersex-Genitalverstümmelungen stoppen!

Gestern Dienstag reichten in South Carolina die Eltern des mittlerweile 8-jährigen Intersex-Kindes M.C. Klage ein u.a. gegen die Medical University of South Carolina und individuelle ÄrztInnen wegen Durchführung irreversibler und medizinisch nicht notwendiger Genitaloperationen. Dies ist nach dem "Zwitterprozess" von Christiane Völling von 2007 und dem kommenden Prozess in Erlangen weltweit die 3. Klage gegen Intersex-GenitalverstümmlerInnen.
Morgen Donnerstag debattiert der Deutsche Bundestag in seiner 240. Sitzung als weltweit erstes Parlament in erster Beratung über 3 Anträge, die ein explizites Verbot von Inters*x-Genitalverstümmelungen fordern sowie eine umfassende Aufarbeitung der menschenrechtswidrigen aktuellen Praxis (TOP 19 a-c).

--> Ausführliche Informationen + Quellen via Weblog Zwischengeschlecht.info

Die Eltern Mark und Pam Crawford reichten die Klage im Namen von M.C. am 14. Mai 2013 nach über 2-jähriger Vorbereitung ein.

Das von den VerstümmlerInnen als "echter Hermaphrodit" klassifizierte Kind M.C. war im Alter von 16 Monaten sog. "feminisierenden Genitalkorrekturen" unterworfen worden, während es sich in staatlicher Pflegeunterbringung befand. Dabei wurde wie üblich gesundes Genitalgewebe ohne medizinische Notwendigkeit weggeschnitten und in den Mülleimer geworfen (Penisentfernung/"Klitorisverkleinerung" plus Entfernung von Hodengewebe). M.C. lebt inzwischen als Knabe.

Die Klage auf Verstoß gegen die US-Verfassung sowie auf Verletzung der medizinischen Berufspflicht wurde gleichzeitig auf Staates- und auf Bundesebene eingereicht.

Die Beklagten haben laut Klage gegen die "Due Process"-Klausel der US-Verfassung verstoßen, in dem sie M.C. "einer medizinisch nicht notwendigen Operation unterwarfen, die M.C.s Körper veränderte und und seine Fortpflanzungsfähigkeit dauerhaft verminderte ohne Mitteilung oder einer Anhörung um sicherzustellen, dass die Behandlung in M.C.s bestem Interesse war".

Es sei nicht ordnungsgemäß über die erheblichen Risiken der Operation aufgeklärt worden oder über die Möglichkeit, darauf zu verzichten. Schlimmer noch, es sei "nicht einmal darüber aufgeklärt worden, dass der Eingriff medizinisch gar nicht notwendig war". M.C. sei durch die Operation "möglicherweise sterilisiert worden und seine s*xuelle Empfindungsfähigkeit in hohem Maße vermindert, wenn nicht gar gänzlich zerstört worden" .

M.C.s Mutter Pam Crawford: "Indem sie diese nicht notwendige Operation durchführten, sagten der Staat und die Ärzte M.C., so wie er auf die Welt kam, er sei nicht akzeptabel und liebenswert. Sie entstellten ihn, weil sie ihn nicht akzeptieren konten, wie er war – nicht, weil er Operationen gebraucht hätte. M.C. ist ein liebreizendes, bezauberndes und widerstandsfähiges Kind. Wir werden nicht aufhören, bis wir Gerechtigkeit erlangen für unseren Sohn."

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen mit "atypischen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen sowie "Menschenrechte auch für Zwitter!".

Betroffene sollen später selber darüber entscheiden, ob sie Operationen wollen oder nicht, und wenn ja, welche.

Freundliche Grüße

n e l l a
Daniela Truffer
Gründungsmitglied Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org

Mobile +41 (0) 76 398 06 50
presse_at_zwischengeschlecht.info

http://zwischengeschlecht.org
Regelmäßige Updates: http://zwischengeschlecht.info 

>>> USA: Historische Klage gegen Intersex-Genitalverstümmelung!

>>> Zwangsoperierte Zwitter über sich selbst und ihr Leben
>>> Intersex-Genitalverstümmelungen: Typische Diagnosen und Eingriffe
>>> UN-Sonderberichterstatter über Folter verurteilt "genitale Zwangsoperationen"

Intersex im Bundestag - Was bisher geschah:
- 1996-2009: Bundesregierung verleugnet Betroffene 
- Bundestag 05.03.2009: 1. Erwähnung von "Intersex" während CEDAW-Debatte
- 1. "richtige" Intersex-Bundestags-Debatte 24.11.2011: Protokoll und Videos 
- Öffentl. Anhörung 25.06.2012: Schriftliche Stellungnahmen
- Öffentl. Anhörung 25.06.2012: Protokoll und Video + Medienspiegel
- Fachgespräch 24.10.2012: Beate Rudolf bringt Klartext 
- Bundesregierung 04.01.2013: "Keine Meinung" zu Intersex-Genitalverstümmelungen
- Bundestag 31.01.2013: Fragwürdige Personenstandsnovelle (§ 22 PStG)  
- Bundestag 16.5.2013: Intersex-Verstümmelungen - CDU/CSU für Verbot - Anträge überwiesen

Tuesday, May 14 2013

USA: Historische Klage gegen Intersex-Genitalverstümmelung!

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>>> Pressemitteilung zum Thema von Zwischengeschlecht.org vom 15.05.2013

Zwischengeschlecht.org «Körperliche Unversehrtheit auch für Zwitter!» (Bild: NZZ Format/SF1)

Am Dienstag, den 14. Mai 2013 reichten in South Carolina die Eltern Mark und Pam Crawford im Namen ihres mittlerweile 8-jährigen Intersex-Adoptivkindes M.C. Klage ein gegen das South Carolina Department of Social Services, das Greenville Hospital System, die Medical University of South Carolina und einzelne MedizynerInnen und SozialarbeiterInnen wegen Durchführung irreversibler und medizinisch nicht notwendiger Genitaloperationen.

Das von den VerstümmlerInnen als "echter Hermaphrodit" klassifizierte Kind M.C. war im Alter von 16 Monaten sog. "feminisierenden Genitalkorrekturen" unterworfen worden, während es sich in staatlicher Pflegeunterbringung befand. Dabei wurde wie üblich gesundes Genitalgewebe ohne medizinische Notwendigkeit weggeschnitten und in den Mülleimer geworfen (Penisentfernung/"Klitorisverkleinerung" plus Entfernung von Hodengewebe). M.C. lebt inzwischen als Knabe.

Die Klage auf Verstoss gegen die US-Verfassung sowie auf Verletzung der medizinischen Berufspflicht wurde gleichzeitig auf Staates- und auf Bundesebene eingereicht.

Die Beklagten haben laut Klage gegen die "Due Process"-Klausel der US-Verfassung verstossen, in dem sie M.C. "einer medizinisch nicht notwendigen Operation unterwarfen, die M.C.s Körper veränderte und und seine Fortpflanzungsfähigkeit dauerhaft verminderte ohne Mitteilung oder einer Anhörung um sicherzustellen, dass die Behandlung in M.C.s bestem Interesse war".

Es sei nicht ordnungsgemäss über die erheblichen Risiken der Operation aufgeklärt worden oder über die Möglichkeit, darauf zu verzichten. Schlimmer noch, es sei "nicht einmal darüber aufgeklärt worden, dass der Eingriff medizinisch gar nicht notwendig war". M.C. sei durch die Operation "möglicherweise sterilisiert worden und seine sexuelle Empfindungsfähigkeit in hohem Masse vermindert, wenn nicht gar gänzlich zerstört worden" .

M.C.s Mutter Pam Crawford: "Indem sie diese nicht notwendige Operation durchführten, sagten der Staat und die Ärzte M.C., so wie er auf die Welt kam, sei er nicht akzeptabel und liebenswert. Sie entstellten ihn, weil sie ihn nicht akzeptieren konnten, wie er war – nicht, weil er Operationen gebraucht hätte. M.C. ist ein liebreizendes, bezauberndes und widerstandsfähiges Kind. Wir werden nicht aufhören, bis wir Gerechtigkeit erlangen für unseren Sohn."

M.C.s Vater Mark Crawford: "Dies war ein fahrlässiges und rücksichtsloses Vorgehen. Indem wir die Verantwortlichen verklagen, hoffen wir andere Ärzte, Kliniken und staatliche Stellen davon in Kenntnis zu setzen, dass sie nicht Kinder verstümmeln können, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden."

Die Crawfords werden bei der Klage unterstützt durch die US-Zwitter-Lobbyorganisation Advocates for Informed Choice (AIC), das Southern Poverty Law Center (SPLC) und 2 pro bono arbeitenden privaten Anwaltskanzleien.

Anne Tamar-Mattis (Advocates for Informed Choice): "In diesem Fall geht um Sicherheit für alle Kinder, die keine Stimme haben. Niemand setzte sich ein für M.C.s Rechte, als diese Entscheidung getroffen wurde, während der Staat für seine Sicherheit und sein Wohlbefinden verantwortlich war. Es ist an der Zeit, dass alle Beteiligten für das Leid, das sie M.C. zufügten, geradestehen müssen."

Alesdair H. Ittelson (Southern Poverty Law Center): "Gott schuf M.C. so, wie er ist, aber mit einer unnötigen Operation hat ihn der Staat South Carolina irreparabel geschädigt. Der Staat hat eine Entscheidung getroffen, die ihn ihn seiner Freiheit beraubte, zu entscheiden was mit seinem Körper geschehen soll. Es ist Zeit, dass der Staat und alle übrigen Beteiligten dafür zur Verantwortung gezogen werden."

Dieser Blog wünscht den mutigen Eltern Mark und Pam Crawford und M.C. sowie ihren Unterstützer_innen alles Gute – und den Verklagten einen lehrreichen und hoffentlich teuren Denkzettel!

Möge diese Klage allen sebstherrlichen Intersex-GenitalabschneiderInnen und ihren HelfershelferInnen weltweit, die nach wie vor unbeirrbar täglich weiterverstümmeln, die Freude an ihrem blutigen "Handwerk" gründlichst vermiesen!

Diese Klage ist nach dem "Zwitter-Prozess von Christiane Völling von 2007 und nach dem kommenden Prozess in Erlangen weltweit die 3. Klage gegen Intersex-GenitalverstümmlerInnen. Es ist das 1. Mal, dass nebst individuellen TäterInnen und (wie auch in Erlangen) einer Universitätsklinik gleichzeitig weitere staatliche Stellen belangt werden, und das 1. Mal, dass zusätzlich auf Verfassungsebene geklagt wird.

(Bild: Heidi Walcutt an einer Protestaktion von "Hermaphrodites with Attitude", NYC 1997)

>>> Pressemitteilung Advocates for Informed Choice (AIC) (PDF)
>>> Meldung Southern Poverty Law Center (SPLC)
>>> Video der PK auf wltx.com 
>>> Video der PK auf wsfa.com 
>>> YouTube-Interview mit den Eltern Mark und Pam Crawford
>>> Unterschriftensammlung von AIC
>>> Artikel von Alice Dreger auf theatlantic.com
>>> Artikel auf USA Today 
>>>
Artikel auf Wyff4.com 
>>> Artikel auf U.S. News
>>> Reuters-Agenturmeldung
>>> Blogpost auf Advocates for Informed Choice

Fortsetzung: 25.08.2013: Verfassungsklage nimmt erste Hürde!

>>> Zwangsoperierte Zwitter über sich selbst und ihr Leben
>>>
Intersex-Genitalverstümmelungen: Typische Diagnosen und Eingriffe
>>> UN-Sonderberichterstatter über Folter verurteilt "genitale Zwangsoperationen"

Genitalabschneider, wir kriegen euch! Zwangsoperateure, passt bloss auf!

Gonade um Gonade, Lustorgan um Lustorgan!

Tuesday, April 16 2013

Intersex-Genitalverstümmelungen: Warum wir gegen das "8. Berliner Symposium für Kinder- und Jugendgynäkologie" protestieren

>>> Interview Radio Dreyeckland     >>> Flyer zum heutigen Protest (PDF)  

Bild: Aktion zur Ethikrat-Pressekonferenz, Berlin 23.02.2012

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Zwischengeschlecht.org on Facebook>>> Infoveranstaltung: Do 18.4. 19h     >>> 3 Friedliche Proteste: Fr + Sa 19.-20.4.

Zwischengeschlecht.org «Körperliche Unversehrtheit auch für Zwitter!» (Bild: NZZ Format/SF1)

Diese Woche findet an der Friedrichstraße das "8. Berliner Symposium für Kinder- und Jugendgynäkologie" statt.
Schon das "3. Symposium" von 1998 war Schauplatz eines der ersten Intersex-Proteste gegen "genitale Verstümmelungen" und für "Menschenrechte für Intersexuelle".
Auch das "5. Symposium" von 2005 führte zu Protesten.

Intersex-Genitalverstümmelungen in Berlin & anderswo:
Etwas Kontext
(ausgehend von 2013):

2013: Die TäterInnen machen unbeirrt weiter

Auch am "8. Berliner Symposium für Kinder- und Jugendgynäkologie 2013" sind hauptsächlich Universitäts-Kinderkliniken und Forschungsprojekte prominent vertreten, die medizinisch nicht notwendige kosmetische Genitaloperationen an Kindern mit "atypischen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen propagieren und praktizieren, darunter die Kinderkliniken Charité (Berlin), Erlangen, Kiel und Dortmund, sowie die aktuellen Täter-Forschungsprojekte "I-DSD" und "DSD-Life" (Nachfolger von "EuroDSD" rsp. "Netzwerk Intersexualität/DSD"). Betroffene sind wiederum nicht geladen.

Freitag + Samstag stehen "Störungen der Geschlechtsentwicklung (DSD)"  beim "8. Symposium" gleich mehrfach auf dem "Wissenschaftlichen Programm" (PDF) , zudem "Genitale Fehlbildungen", "Vermehrte Behaarung von Mädchen" und diverse einschlägige Einzeldiagnosen. Menschenrechte und Ethik sind dabei nicht vorgesehen.

Wir wollen bei den täglichen Genitalverstümmelungen vor unserer Haustüre nicht mehr länger tatenlos zusehen! 

Helft mit, die TäterInnen daran zu erinnern, dass wehrlose Kinder zu verstümmeln NICHT OK ist!
 

• Do 18.4. 19:00h  INFO  Haus der Demokratie und Menschenrechte
"50 Jahre systematische Klitorisamputationen, Kastrationen und andere 'Genitalkorrekturen' in Kinderkliniken – 20 Jahre Proteste Betroffener"
mit Markus Bauer (Zwischengeschlecht.org)
Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin, Veranstaltungsraum VH2 (Vorderhaus, 2. Stock)
M4 + Bus 142 u. 200: Am Friedrichshain

3 FRIEDLICHE PROTESTE + OFFENER BRIEF „KJG 2013“ FR + SA
• Fr 19.4. 07:45-10:00h + 15:00-19:00h    • Sa 20.4. 08:00-13:15h

"8. Berliner Symposium für Kinder- und Jugendgynäkologie"
Russisches Haus der Wissenschaft und Kultur, Friedrichstraße 176-179, 10117 Berlin
U2 + U6: Stadtmitte, U6: Französische Straße

>>> Zwangsoperierte Zwitter über sich selbst und ihr Leben
>>> Kosmetische Genitaloperationen an Kindern: Typische Diagnosen und Eingriffe

>>> Charité-Kinderklinik: Neues "überregionales Intersex-Verstümmler-Zentrum"
>>> Betroffene protestieren gg. Genitalverstümmelungen in der Charité (2011)
>>> Offener Brief zu Genitalverstümmelungen in der "Charité" (PDF)
>>> Charité leugnet kosmetische Genitaloperationen an Intersex-Kindern

>>> Zitty 14/2013: Heute noch Intersex-Genitalverstümmelungen in der "Charité"

>>> Berliner Senat leugnet Intersex-Genitalverstümmelungen in der Charité
>>> Prof Dr. Martin Westenfelder (Charité): "Knapp 4.000 Hypospadien, über
        160 Feminisierungsoperationen bei intersexuellen Differenzierungsstörungen"
>>> PD. Dr. Heiko Krude (Charité): Nicht verstümmeln "wäre eine Art von Gewalt"
>>> Prof. Dr. Ricardo Gonzalez (Charité): "Gerne noch etwas weiter experimentieren"
>>> Dr. Birgit Köhler (Charité): Verstümmeln "zum Schutz der sexuellen Integrität"
>>> Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich (Charité) als "Serienverstümmlerin" geoutet
>>> Prof. Dr. Claire Nihoul-Fékété: Verstümmeln "zur Verbesserung der Optik"

  >>> Intersex-Genitalverstümmelungen - Offener Brief an Rogate-Kloster St. Michael

Friday, April 5 2013

Intersex-Proteste + Info: Berlin 18.-20. April 2013

Friedliche Mahnwache der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org vor dem 'Campus Virchow Klinikum' der 'Charité', 11.11.2011Bild: Protest + Offener Brief Kinderklinik "Charité", Berlin 11.11.2011

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>>> Warum wir gg. das "8. Berliner Symposium f. Kinder- u. Jugendgynäkologie" protestieren
>>> Interview Radio Dreyeckland     >>> Flyer zu den Protesten (PDF)    

• Do 18.4. 19:00h  INFO  Haus der Demokratie und Menschenrechte
"50 Jahre systematische Klitorisamputationen, Kastrationen und andere 'Genitalkorrekturen' in Kinderkliniken – 20 Jahre Proteste Betroffener"
mit Markus Bauer (Zwischengeschlecht.org)
Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin, Veranstaltungsraum VH2 (Vorderhaus, 2. Stock)
M4 + Bus 142 u. 200: Am Friedrichshain

3 FRIEDLICHE PROTESTE + OFFENER BRIEF   FR + SA
• Fr 19.4. 07:45-10:00h + 15:00-19:00h    • Sa 20.4. 08:00-13:15h

"8. Berliner Symposium für Kinder- und Jugendgynäkologie"
Russisches Haus der Wissenschaft und Kultur, Friedrichstraße 176-179, 10117 Berlin
U2 + U6: Stadtmitte, U6: Französische Straße

Menschenrechte auch für Zwitter!Der UN-Sonderberichterstatter über Folter verurteilt "genital-normalisierende Zwangsoperationen" und "Sterilisierung" – der Deutsche Ethikrat kritisiert zu kurze Verjährungsfristen – allein die TäterInnen machen unbeeindruckt weiter:

In Berlin findet diese Woche mit dem "8. Berliner Symposium für Kinder- und Jugendgynäkologie" eine Neuauflage des berüchtigten Genitalabschneider-Kongresses statt.

Schon das "3. Symposium" 1998 und das "5. Symposium" 2005 riefen Proteste hervor.

Am "8. Symposium" 2013 sind prominent vertreten u.a. die Intersex-Verstümmler-Kliniken Charité (Berlin), Erlangen, Kiel und Dortmund, sowie die aktuellen Täter-Forschungsprojekte "I-DSD" und "DSD-Life" (Nachfolger von "EuroDSD" rsp. "Netzwerk Intersexualität/DSD"). Betroffene sind nicht geladen.

Freitag + Samstag stehen "Störungen der Geschlechtsentwicklung (DSD)" mehrfach auf der Tagesordnung, zudem "Genitale Fehlbildungen", "Vermehrte Behaarung von Mädchen" und diverse einschlägige Einzeldiagnosen. Menschenrechte und Ethik sind dabei im "Wissenschaftlichen Programm" (PDF) nicht vorgesehen.

Wir wollen bei diesen täglichen Genitalverstümmelungen vor unserer Haustüre nicht mehr länger tatenlos zusehen!

• Do 18.4. 19:00h  INFO  Haus der Demokratie und Menschenrechte
"50 Jahre systematische Klitorisamputationen, Kastrationen und andere 'Genitalkorrekturen' in Kinderkliniken – 20 Jahre Proteste Betroffener"  mit Markus Bauer (Zwischengeschlecht.org)
Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin, Veranstaltungsraum VH2 (Vorderhaus, 2. Stock)
M4 + Bus 142 u. 200: Am Friedrichshain

3 FRIEDLICHE PROTESTE + OFFENER BRIEF „KJG 2013“ FR + SA
• Fr 19.4. 07:45-10:00h + 15:00-19:00h    • Sa 20.4. 08:00-13:15h

Russisches Haus der Wissenschaft und Kultur, Friedrichstraße 176-179, 10117 Berlin
U2 + U6: Stadtmitte, U6: Französische Straße

Helft mit, die TäterInnen daran zu erinnern, dass wehrlose Kinder zu verstümmeln NICHT OK ist! Wir sehn uns, wo die Action ist ...

>>> Intersex-Genitaverstümmelungen in Berlin & anderswo: Kontext 2013
>>> Interview Radio Dreyeckland     >>> Flyer zu den Protesten (PDF) 
  
 

>>> Zwangsoperierte Zwitter über sich selbst und ihr Leben
>>> Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken – eine Genealogie der TäterInnen 
>>> Intersex: Wer sind die TäterInnen? Was soll mit ihnen geschehen?  

>>> Kosmetische Genitaloperationen an Kindern: Typische Diagnosen und Eingriffe

>>> Charité-Kinderklinik: Neues "überregionales Intersex-Verstümmler-Zentrum"
>>> Betroffene protestieren gg. Genitalverstümmelungen in der Charité (2011)
>>> Offener Brief zu Genitalverstümmelungen in der "Charité" (PDF)
>>> Charité leugnet kosmetische Genitaloperationen an Intersex-Kindern
>>> Zitty 14/2013: Heute noch Intersex-Genitalverstümmelungen in der "Charité"
 

>>> Berliner Senat leugnet Intersex-Genitalverstümmelungen in der Charité 
>>> Prof Dr. Martin Westenfelder (Charité): "Knapp 4.000 Hypospadien, über
        160 Feminisierungsoperationen bei intersexuellen Differenzierungsstörungen"
>>> PD. Dr. Heiko Krude (Charité): Nicht verstümmeln "wäre eine Art von Gewalt"
>>> Prof. Dr. Ricardo Gonzalez (Charité): "Gerne noch etwas weiter experimentieren"
>>> Dr. Birgit Köhler (Charité): Verstümmeln "zum Schutz der sexuellen Integrität"
>>> Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich (Charité) als "Serienverstümmlerin" geoutet
>>> Prof. Dr. Claire Nihoul-Fékété: Verstümmeln "zur Verbesserung der Optik"

>>> Intersex-Genitalverstümmelungen - Offener Brief an Rogate-Kloster St. Michael

Friday, November 9 2012

Daniela Truffer (Zwischengeschlecht.org) zur Intersex-Stellungnahme der Nationalen Ethikkommission NEK-CNE, Bern 9.11.12

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>>> NEK-CNE Stellungnahme Nr. 20/2012 online als PDF (Deutsch, 206 kb)
        >>> Français (PDF)    >>> Italiano (PDF)    >>> English (PDF)

Redebeitrag von Daniela "Nella" Truffer an der NEK-CNE Medienkonferenz:  

Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Mitzwitter, verehrte Anwesende

Im Namen der Betroffenen von kosmetischen Genitaloperationen möchte ich der Nationalen Ethikkommission danken, für die nun vorliegende Stellungnahme und auch dafür, dass ich hier dazu etwas sagen darf.

Ich finde die Stellungnahme sehr gut, sie ist pragmatisch, konkret und orientiert sich an den praktischen Problemen und Bedürfnissen der Betroffenen. Es ist das allererste Mal, dass eine offizielle Stelle die Betroffenen ernst nimmt, auf ihre Anliegen hörte und sie in konkrete Empfehlungen umsetzte. Dies ist für uns ein grosser Tag und ein ganz wichtiger erster Schritt in eine bessere Zukunft.

Der Ball liegt jetzt bei der Politik, entsprechende juristische und versicherungstechnische Rahmenbedingungen zu schaffen. Und bei den ärztlichen Gesellschaften und den Spitälern, ein entsprechendes Behandlungsangebot auf die Beine zu stellen.

Auf ein paar Punkte der Stellungnahme möchte ich genauer eingehen:

Aus Sicht der Betroffenen ist es zentral, dass rechtliche Rahmenbedingungen definiert werden, um endlich das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung auch für Kinder mit „atypischen“ körperlichen Geschlechtsmerkmalen durchzusetzen.

Betroffene Kinder sind keine Gegenstände, mit denen Ärzte oder auch Eltern nach Gutdünken verfahren dürfen. Es kann nicht sein, dass medizinisch nicht notwendige Eingriffe an gesunden Kindergenitalien zu Recht strafbar und explizit verboten sind, wenn es sich dabei um "afrikanische Bräuche" handelt, aber andererseits praktisch dieselben Eingriffe in der westlichen Medizin toleriert werden als das gute Recht von Behandlern und Eltern.

Der Staat hat den betroffenen Kindern gegenüber eine Schutzpflicht, und offensichtlich geht es ohne verbindliche rechtliche Regelungen leider nicht.

Wie viele Betroffene habe ich lange gedacht, wenn wir den Ärzten nur erklären könnten, was sie anrichten, würde sich alles bald ändern. Wie die mittlerweile 20-jährige Geschichte solcher Bestrebungen zeigt, und wie ich selber seit 10 Jahren im Kontakt mit oft vornehm gesagt beratungsresistenten Medizinern wieder und wieder erfahren musste, ist das leider eine Illusion.

Deshalb braucht es nun von Seiten des Gesetzgebers endlich deutliche Signale straf- und haftungsrechtlicher Natur, wie das auch die Stellungnahme anregt. Zentral ist dabei weiter die ebenfalls angesprochene Frage der Verjährungsfristen. Wie bei sexualisierter Gewalt an Kindern kann es auch bei medizinisch nicht notwendigen Eingriffen an Kindergenitalien nicht sein, dass alles längst verjährt ist, bevor Betroffene überhaupt die Möglichkeit haben, eine juristische Beurteilung zu verlangen.

Damit ist es natürlich noch nicht getan. Sondern es muss, wie das die Ethikkommission empfiehlt, flankierend auch den Eltern in erster Linie und von Anfang an ein spezialisiertes psychosoziales Begleitungsangebot offenstehen, sowie unbedingt auch Zugang zu Selbsthilfegruppen.

Kurz, es bräuchte eine echte interdisziplinäre Betreuung für Eltern und Betroffene, die diesen Namen auch verdient, und bei der nicht mehr länger Chirurgen und Endokrinologen das Sagen haben und psychosoziale Unterstützung höchstens als Zugabe erhältlich ist, sofern Eltern zuerst in kosmetische Operationen einwilligen.

Leider ist das aktuell in der Schweiz bisher noch nirgends der Fall, auch aus versicherungstechnischen Gründen. Deshalb sind die in der Stellungnahme vorgeschlagenen versicherungsrechtlichen Anpassungen so wichtig, ebenso, dass Angebote nicht wie die bisher vorhandenen bei der IV im 20. Lebensjahr einer Altersguillotine unterliegen, wodurch Eltern und Betroffene zusätzlich unter Druck gesetzt werden.

Und dies muss auch für den Fall gelten, wenn erwachsene Betroffene sich selbstbestimmt und informiert für kosmetische Eingriffe entscheiden. Es kann nicht sein, dass Betroffene dann gezwungen werden, sich versicherungstechnisch als Transsexuelle auszugeben.

Ebenso wenig kann es sein, dass Betroffene sich zivilrechtlich als Transsexuelle ausgeben müssen, wenn der ihnen zugeschriebene Geschlechtseintrag nicht ihrem Empfinden entspricht. Wir begrüssen ausdrücklich die diesbezüglichen pragmatischen und sachbezogenen Empfehlungen der Nationalen Ethikkommission.

Die Stellungnahme unterstreicht zu Recht die fehlende Evidenz der bisherigen Behandlungen und regt repräsentative Langzeitstudien an, wie sie auch von Betroffenenorganisationen gefordert werden.

Entscheidend ist dabei aus unserer Sicht, dass sichergestellt wird, dass dabei nicht einfach auf unsere Kosten und über unsere Köpfe hinweg weiter an uns herumexperimentiert wird. Leider lehren uns Erfahrungen der letzten 15 Jahre u.a. in Deutschland, dass unter dem Vorwand repräsentativer Outcomestudien letztlich primär zweifelhafte Experimente veranstaltet werden, wobei für die Betroffenen zentrale Forschungsbedürfnisse, wie sie auch die Stellungnahme formuliert, wenn überhaupt, dann höchstens am Rande eine Rolle spielen.

Betroffene fordern deshalb, in Studienplanungen angemessen miteinbezogen zu werden, und weiter, dass in erster Linie nicht die bisherigen Täter allein die Studiengelder erhalten, sondern dass auch hier psychosozial und auch soziologisch interdisziplinär vorgegangen wird.

Die 1. Empfehlung der Nationalen Ethikkommission fordert ausdrücklich, das Leid der Betroffenen gesellschaftlich anzuerkennen. Dies kann ihr nicht hoch genug angerechnet werden.

Für uns Betroffenenorganisationen gehört dazu auch eine umfassende Aufarbeitung der bisherigen und heutigen Praxis kosmetischer „Genitalkorrekturen“ an Kindern. Es  muss umfassend aufgeklärt und offengelegt werden, wie hier die ethische Selbstregulierung der Medizin, aber auch die Aufsichts- und Schutzpflicht des Staates so schmählich versagen konnten, und es müssen öffentlich Lehren daraus gezogen werden.

Wer ist sich hierzulande z.B. bewusst, dass kosmetische Klitorisamputationen an Kindern in der westlichen Medizin als „Therapie“ gegen „Hysterie“ und gegen Masturbation vor allem im 19. Jahrhundert verbreitet waren, dann aber aufgegeben wurden, während der gleiche kosmetische Eingriff als „Therapie“ gegen „vergrößerte Clitoris“ ab 1950 erst recht massiv zunahm? Wer weiss, dass solche kosmetische Klitorisamputationen in schweizer Universitäten bis in die 1970er Jahre offiziell gelehrt, und in Kinderspitälern zum Teil bis in die 1980er Jahre praktiziert wurden, und dass die Schweiz bei der weltweiten Verbreitung dieser systematischen Klitorisamputationen mit den gleichen haarsträubenden Begründungen, wie sie heute noch bei kosmetischen „Genitalkorrekturen“ üblich sind, ab 1950 eine entscheidende Rolle spielte?

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org versucht seit längerem verantwortliche Institutionen zu Aufarbeitung anzuhalten. Doch auch hier passiert offensichtlich nichts ohne vorgängigen und erheblichen öffentlichen Druck. Zum Beispiel auf unsere Anfrage um Aufarbeitung an Universität, Kinderspital und Regierungsrat Zürich vom letzten Frühling erhielten wir bis heute nicht einmal eine Antwort.

Die Nationale Ethikkommission unterstreicht zu Recht die Fragwürdigkeit, mit einer psychosozialen Indikation medizinisch nicht notwendige „Genitalkorrekturen“ an Kindern zu rechtfertigen.

Betroffene fordern schon lange, alle entsprechenden „Genitalkorrekturen“ an Kindern zu überprüfen und aufzuarbeiten, und kritisieren insbesondere die oftmalige Ausklammerung sog. „vermännlichender“ Genitaloperationen, inkl. „Hypospadiekorrekturen“. Zwischengeschlecht.org veröffentlichte in diesem Zusammenhang eine kommentierte Liste von 13 Indikationen aus der IV-Liste der Geburtsgebrechen.

Auch sonst ist es wichtig, dass bei historischen Aufarbeitungen die Betroffenen und ihre Organsiationen angemessen miteinbezogen werden.

Wie gesagt ist die vorliegende Stellungnahme ein wichtiger erster Schritt. Jetzt müssen weitere folgen.

Erfreulicherweise äussern sich auch internationale Menschenrechtsgremien zunehmend zum Thema, so z.B. letztes Jahr das UN-Komitee gegen Folter, und die WHO erarbeitet aktuell eine Stellungnahme zu erzwungenen Sterilisationen, die explizit auch medizinisch nicht notwendige Behandlungen bei Intersexen berücksichtigt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

>>> Stellungnahme "Intersexualität" der Nationalen Ethikkommission NEK-CNE

>>> Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken: Typische Diagnosen und Eingriffe
>>> "Klitorisamputationen an Kindern - Aufarbeitung tut Not!" Offener Brief an Uni ZH

Friday, October 26 2012

9. Intersex Awareness Day 2012: UN-Menschenrechtsrat verhandelt Zwitter-Genitalverstümmelungen + zig weitere Termine

Foto: Friedlicher Intersex Protest zum UPR #14, Genf 29.10.2012

FrançaisEnglishVerein Zwischengeschlecht.orgSpendenMitglied werdenAktivitäten

Pressemitteilung von Zwischengeschlecht.org vom 26. Oktober 2012:

Heute ist es genau 16 Jahre her, dass Betroffene und Unterstützer_innen zum ersten Mal gegen ignorante GenitalabschneiderInnen auf die Straße gingen (siehe Bild --> Quelle).

Seit 2004 wird der 26. Oktober weltweit als "Intersex Awareness Day" begangen, um an den Beginn des politischen Widerstandes gegen die Genitalverstümmelungen in westlichen Kinderkliniken zu erinnern.

Auch 2012 ist dieser Kampf leider noch lange nicht zu Ende. Doch wohl noch nie gab es es so viele Aktionen und Veranstaltungen zum Thema auf einmal wie dieses Jahr in den kommenden Tagen in Luxemburg, Deutschland und der Schweiz (vollständige Auflistung siehe "Aktuelles & Termine" auf Zwischengeschlecht.org).

     INHALT:
     1.  Genf, Mo 29.10. 08-10h: Friedliche Mahnwache vor der UNO
     2.  Stellungnahme Nationale Ethikkommission (NEK-CNE)
     3.  Veranstaltungen von Gleichstellungs-Fachstellen in Luxemburg, Zürich und Dresden
     4.  Intersex-Aktionswoche Frankfurt a. M. 08.-15.11. - Studierende fordern Aufarbeitung!

1.  Genf, Mo 29.10. 08-10h: Friedliche Mahnwache vor der UNO

Nächste Woche wird in Genf der UN-Menschenrechtsrat (UNHRC) im Rahmen des Universellen periodischen Überprüfungsverfahrens (UPR) der Schweiz am Montag den 29.10. von 09-12:30h und Mittwoch 31.10. von 10-11:30 Uhr zum 1. Mal über Intersex-Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken beraten

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org wird zum Beginn der Überprüfung der Schweiz am Montag den 29.10. von 08-10 Uhr auf der Place des Nations (direkt gegenüber dem Sitz des Menschenrechtsrats) eine friedliche Mahnwache abhalten unter dem Motto "Stop aux mutilations génitales!".

Im Anschluss an die Überprüfung werden Daniela Truffer und Markus Bauer von Zwischengeschlecht.org am Montag 29.10. ab 12:30 am Mediencorner der NGO-Koalition anwesend sein.

Am Mittwoch den 31.10. von 10-11:30 Uhr findet die Übernahme des Berichts durch den UNHRC statt.

Konkreter Anlass zur erstmaligen Thematisierung von Intersex-Genitalverstümmelungen im Menschenrechtsrat ist ein von Zwischengeschlecht.org eingebrachter Punkt im UPR-Schattenbericht der Schweizer NGO-Koalition (S. 9):

18. Kosmetische Genitaloperationen an Kindern

Etwa jedes 1000. Kind kommt mit "uneindeutigen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt (sog. Zwitter, Hermaphroditen, Intersexe, Disorders of Sex Development DSD). Diese werden sehr häufig im Kleinkindalter aus „kosmetischen“ Gründen operiert. Betroffene klagen diese nicht eingewilligten Eingriffe ohne medizinische Notwendigkeit und Evidenz als massiven Verstoss gegen ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung an.

Empfehlung
Die Schweiz wird aufgefordert, eine Kommission ins Leben zu rufen, welche sich mit den Vorwürfen der Betroffenen von kosmetischen Genitaloperationen unvoreingenommen und fair auseinandersetzt und Vorschläge für eine Änderung der Praxis erarbeitet.

Erst im September 2012 hatte sich das UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) in der Publikation "Born Free and Equal" (HR/PUB/12/06) zum ersten Mal konkret und deutlich zu "medizinisch nicht notwendigen Operationen an Intersex-Kindern" geäußert (S. 51).

2011 hatte das UN-Komitee gegen Folter (CAT) "kosmetische Operationen an den Fortpflanzungsorganen von intersexuellen Kindern" kritisiert sowie "das Fehlen gesetzlicher Bestimmungen zu Rechtsschutzmöglichkeiten und Entschädigungen in solchen Fällen" (CAT/C/DEU/CO/5, S. 6-7, Abschn. 20. "Intersex people").

2009 hatte das UN-Komitee für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau (CEDAW) dazu aufgefordert "ein besseres Verständnis für die Anliegen von Intersex-Menschen zu erlangen und wirksame Maßnahmen zum Schutz ihrer Menschenrechte zu ergreifen" (CEDAW/C/DEU/CO/6, Abschn. 4, 61, 62, 67).

2.  Stellungnahme Nationale Ethikkommission (NEK-CNE)

Im Anschluss an von Zwischengeschlecht.org initiierte Interpellationen im Nationalrat hatte der Bundesrat die Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (NEK-CNE) mit einer Stellungnahme zum Thema kosmetische Genitaloperationen an Kindern mit "atypischen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen beauftragt. Diese liegt inzwischen vor und soll in den nächsten Tagen auch der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Bereits im Februar 2012 hatte der Deutsche Ethikrat eine Stellungnahme publiziert, die ausdrücklich das den Betroffenen angetane Leid anerkennt und Entschädigungen fordert.

3.  Veranstaltungen von Gleichstellungs-Fachstellen in Luxemburg, Zürich und Dresden 26.10.-8.11.

Heute 26.10. findet in Luxemburg ein Workshop zum Thema medizinische Interventionen an Intersex-Menschen statt – die letzte Veranstaltung einer Konferenz mit insgesamt 13 Workshops und Vorträgen unter der Schirmherrschaft des Luxemburgischen Gesundheitsministers und unter Beteiligung des Luxemburgischen Zentrums für Gleichbehandlung (CET). Dabei sind heute wie auch bei früheren Terminen auch Betroffene beteiligt, u.a. von Intersexuelle Menschen e.V.

Am kommenden Di 30.10. findet in Zürich eine Diskussion statt zum Thema "Genitalverstümmelung im Spiegel von Schönheitsoperationen und Intersex-Chirurgie", veranstaltet von der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich und der Universität Zürich, mit einem Impulsreferat von Marion Hulverscheidt, die bereits 2000 in ihrer Dissertation festhielt: "In der aktuellen Debatte um die weibliche Genitalverstümmelung bei afrikanischen Ethnien wird erwähnt, dass es auch in der westlichen Welt eine Form von Genitalverstümmelung gibt, die starke Ähnlichkeit mit der Verstümmelung afrikanischer Mädchen und Frauen hat: die chirurgisch-plastische Korrektur der Genitalorgane bei Menschen mit einem nicht eindeutig zu bestimmenden Geschlecht, den Intersexuellen. Die an diesen Kindern in frühester Kindheit durchgeführten Operationen und Eingriffe wie Dilatationen einer "zu engen Vagina" wirken hochtraumatisierend auf diese Menschen." (M. Hulverscheidt: "Weibliche Genitalverstümmelung. Diskussion und Praxis der Medizin während des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum", 2000, S. 19)

Am Do 08.11. findet in Dresden eine weitere Informations- und Diskussionsveranstaltung zum Thema statt, veranstaltet von der Gleichstellungsbeauftragten für Mann und Frau der Landeshauptstadt Dresden, u.a. mit Beteiligung eines Betroffenenvertreters von OII Deutschland.

4.  Intersex-Aktionswoche Frankfurt a. M. 08.-15.11. - Studierende fordern Aufarbeitung!

Die Aufarbeitung der Geschichte der systematischen Intersex-Genitalverstümmelungen ist nach wie vor ein großes Tabu – kein Wunder, wurden doch von "aufgeklärten westlichen MedizinerInnen" u.a. kosmetische Klitorisamputationen an wehrlosen Kindern bis in die 1980er-Jahre unter den abstrusesten Vorwänden propagiert, und waren insbesondere Universitäten und Universitätskliniken bei der Verbreitung und Durchsetzung der Verstümmelungen führend:

So behaupteten heute noch hoch geehrte schweizer und deutsche Pädiatrie-Koryphäen unbeirrbar, medizinisch nicht notwendige Klitorisamputationen seien "sicher gerechtfertigt" (Max Grob und Andrea Prader), und es sei "erwiesen, dass die Orgasmusfähigkeit durch die Klitorisenfernung nicht leidet" (Jürgen Bierich).

Auch Hinweise auf Verflechtungen zur NS-Medizin wurden und werden kategorisch geleugnet, obwohl z.B. das Wort "Intersex" auf eine auch von "Rassehygienikern" wie Fritz Lenz favorisierten Theorie zurückgeht, welche die "Aufweichung der Geschlechterunterschiede" als Folge von "Rassenvermischung" definierte (und in ihrer "völkischen" Ausprägung zusätzlich mit Geisteskrankheiten korrelierte), und der NS-Mediziner Hans Christian Naujoks bereits 1933 mit "genitalkorrigierenden" Klitorisamputationen in Verbindung mit hormonellen Fertilisierungsversuchen experimentierte.

Auf Anregung von Zwischengeschlecht.org hatten im Frühjahr 2012 Studierende der Philipps-Universität Marburg und der Justus-Liebig-Universität Gießen in den Uni-Senaten efolgreich Anträge auf historische Aufarbeitung kosmetischer Genitaloperationen an Kindern mit "atypischen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen eingebracht – auch wenn bisher die praktische Umsetzung dieser Beschlüsse nach wie vor auf sich warten lässt.

Auf Initiative des Autonomen AStA-Schwulenreferats der Johann Wolfgang Goethe Universität wird nun auch in Frankfurt ein entsprechender Senats-Antrag eingebracht, umrahmt von einer Aktionswoche vom 08.-15.11. u.a. mit Infoveranstaltungen und friedlichen Aktionen.

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen sowie "Menschenrechte auch für Zwitter!".

Betroffene sollen später selber darüber entscheiden, ob sie Operationen wollen oder nicht, und wenn ja, welche.

Freundliche Grüße

n e l l a
Daniela Truffer
Gründungsmitglied Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org

Mobile +41 (0) 76 398 06 50
press_at_zwischengeschlecht.info

http://zwischengeschlecht.org
Regelmäßige Updates: http://zwischengeschlecht.info

>>> Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken: Typische Diagnosen und Eingriffe
>>> "Aufarbeitung tut not!" Unis, Klitorisamputationen u. a. "Genitalkorrekturen
>>> 16.04.2012: Senat der Philipps-Universität Marburg beschliesst Aufarbeitung
>>> 06.06.2012: Senat der JLU Gießen regt einstimmig historische Aufarbeitung an 

Monday, June 11 2012

Cheryl Chase: "Affronting Reason (Beleidigende Vernunft)" (1995)

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[ D o k u m e n t a t i o n   v o n    http://home.t-online.de/home/aggpg/affront.htm ]

Affronting Reason (Beleidigende Vernunft)

Zwischengeschlecht.org «Körperliche Unversehrtheit auch für Zwitter!» (Bild: NZZ Format/SF1)

von Cheryl Chase

unautorisierte Übersetzung [Fn 1]
prepared for publication in Third Wave Now, ed Rebecca Walker. Anchor/Doubleday 1995
Copyright: Cheryl Chase

“Es scheint so, als wären sich ihre Eltern eine ganze Weile nicht sicher gewesen, ob Sie ein Mädchen oder ein Junge gewesen sind”, erklärte Dr. Christen, als sie mir drei unscharf kopierte Seiten übergab. Ich war 21 Jahre alt und hatte sie gefragt, ob sie mir helfen würde, die Aufzeichnungen von meinem Krankenhausaufenthalt zu bekommen. Damals war ich eineinhalb Jahre alt, zu jung, um mich noch daran zu erinnern. Ich wollte verzweifelt die vollständigen Krankenhausakten bekommen, um zu erfahren, wer meine Klitoris operativ entfernt hatte, und warum. Ich wollte wissen, gegen wen sich meine mörderische Wut richten sollte. “Diagnose: echter Hermaphrodit; Operation: Klitorektomie”. Die Krankenakte zeigte Charlie, Alter 18 Monate. Sein getippter Name war grob durchgestrichen und Cheryl darüber gekritzelt worden.

 Obwohl ich mich klar an die Szene erinnern kann, als Dr. Christen mir die Akten aushändigte und mich aus dem Büro entließ, kann ich mich überhaupt nicht mehr an meine emotionale Reaktion erinnern. Wie ist es möglich, daß ich ein Hermaphrodit sein könnte? Ein Hermaphrodit ist ein mythologisches Wesen. Ich bin eine Frau, eine lesbische Frau, auch wenn mir Klitoris und innere Schamlippen fehlen. Wie haben meine Genitalien vor diesem operativen Eingriff ausgesehen? Bin ich mit einem Penis geboren worden?

 Fünfzehn Jahre emotionaler Benommenheit vergingen, bevor ich in der Lage, war die Antworten auf diese und viele andere Fragen herauszufinden. Dann, vor zwei Jahren, überkam mich plötzlich ein extremes emotionales Durcheinander, und selbstzerstörerische Verzweiflung und beides drohte mich zu vernichten. “Das ist nicht möglich”, dachte ich, “dies` kann nicht die Geschichte von jemandem sein und ganz bestimmt nicht meine, ich will sie nicht.”

Dennoch ist sie meine. Diese Zeit sehe ich als den Anfang meines Coming out als ein/e politische/r Intersexe; „eines/r bekennenden Intersexe/n“, wenn ich mir den Beinamen leihen darf, der in der letzten Zeit an Homosexuellen, die sich weigern unsichtbar zu bleiben, haftet.

 Die Geschichte meiner Kindheit ist eine Lüge. Ich weiß jetzt, daß meine Eltern nach der Klitorektomie dem ärztlichen Ratschlag gefolgt sind, indem sie jeden noch so kleinen Beweis, daß Charlie jemals existierte, vernichteten. Sie haben alle blaue Babykleidung durch rosa ersetzt, vernichteten Fotos und Geburtstagskarten. Wenn ich mir meine Großeltern, Tanten und Onkel ansehe, dann ist mir bewußt, daß sie wissen müssen, daß Charlie eines Tages in meiner Familie aufgehört hat zu existieren, und Cheryl seinen Platz einnahm.

 Der Film “Blade Runner” schildert eine futuristische Welt, in der Androiden beinahe nicht von Menschen unterschieden werden können. Harrison Ford, als Protagonist, ist ein Cop, dessen Aufgabe es ist, die Androiden, die sich als Menschen tarnen, zu töten. Im Verlauf seines Auftrages trifft und verliebt er sich in die wunderschöne Tochter des reichen Gründers einer der Androidenproduktionsfirmen. Als sich ihre Beziehung entwickelt, wird es allmählich beiden klar, daß sie ein Android ist. Alle ihre Erinnerungen an eine glückliche Kindheit mit ihrer Familie sind in Wirklichkeit künstlich- in ihr Hirn programmiert worden als sie produziert wurde. Genau wie in meinem Fall hat sie den Boden unter den Füßen und jeden Sinn für die eigene Identität verloren. Sie wird gezwungen, mit einer stigmatisierten Identität zurechtzukommen. Sie ist völlig isoliert von den Anderen, die so sind wie sie, von jedem, der ihre Erfahrungen teilt oder auch nur verstehen kann, daß solche Erfahrungen überhaupt möglich sind.

 In den letzten Jahren begannen eine Zahl von GelehrtInnen in so unterschiedlichen Gebieten wie z.B. der Philosophie, Geschichte, Psychologie und Ethnographie zu untersuchen, inwieweit Sex und Gender sozial konstruiert sind (Butler 1990; Foucault1980b; Kessler and McKenna 1978; Laqueur 1990; Vance 1991) Diese und ähnliche Arbeiten sind Ausdruck der Erkenntnis, daß früheren ForscherInnen durch die Wahl ihrer Paradigmen, Informationen über sexuelle(s) Verhalten, Praktiken und Kategorien übersehen haben, die nichts mit Fortpflanzung zu tun haben. Daten, welche von ihrem kulturell bestimmten heterosexuellen, zweigeschlechlichen Standpunkt abwichen, konnten nicht erklärt werden.

 Für die meisten Menschen ist es selbstverständlich, sie setzen es sogar als “wissenschaftliche Tatsache” voraus, daß es zwei, und nur zwei Geschlechter gibt. Aber in Wirklichkeit wird eins von mehreren tausend Babys mit einer Anatomie geboren, die sich weigert unserer vorgefaßten Meinung von “männlich” und “weiblich” zu entsprechen. Nur wenige, die nicht im medizinischen Bereich arbeiten, sind sich unserer Existenz bewußt.

 Die Medizin benutzt die Begriffe “Hermaphrodit” und “intersexuell”, um uns zu beschreiben. Das Wort Hermaphrodit ist mir mythologisch zu vorbelastet Außerdem rechtfertigt die Bezeichnug der Klitoris als Penis, indirekt die Klitorektomie, deshalb bevorzuge ich den Ausdruck intersexuell. Kira Triea, eine Intersexe, die jetzt als Frau lebt und offen über ihre Intersexualität spricht, liegt dieses Thema auch sehr am Herzen: „Es ärgert mich so, wenn ich jemandem versuche zu erklären wer ich bin und welche Erfahrungen ich gemacht habe und sie anfangen, Ovid zu zitieren.“ (Triea 1994) Für Triea, die als Junge aufgezogen wurde und in ihrer Pubertät plötzlich durch die Harnröhre anfing zu menstruieren, hat Ovid keine Bedeutung.

 Am Anfang meines Coming out Prozesses, habe ich mich entschieden, die medizinischen Akten, die ich seit fünfzehn Jahren zur Seite gelegt hatte, noch einmal zu untersuchen. Das Wort „Hermaphrodit“ war fürchterlich verletzend und brachte mich an den Rand des Selbstmordes. Meine Versuche, eine positive Akzeptanz von mir wieder herzustellen, scheiterten; ich konnte es nicht. Ich weiß, daß ich durch die Klitorektomie fürchterlich verstümmelt und ausgeschlossen worden bin von den sexuellen Erfahrungen, welche die meisten Menschen, männlich oder weiblich, als selbstverständlich betrachten. Hätte ich die Möglichkeit haben sollen, daß meine Genitalien intakt blieben? “Nein”, dachte ich “ich will keinen Penis zwischen meinen Beinen haben, keinen Körper, der aussieht wie der eines Mannes”.

 “Macht nichts, denk’ einfach nicht daran”, das war der Ratschlag von den wenigen Leuten, mit denen ich darüber gesprochen habe, zwei von ihnen waren Therapeutinnen. “Du siehst aus wie eine Frau”. Es gibt einen starken Widerstand, über Intersexualität nachzudenken. Weil sie mich ansehen und in mir weibliche Attribute erkennen, finden es die meisten Menschen unmöglich, sich vorzustellen, daß meine Erfahrungen und meine Geschichte nicht weiblich sind. Der Widerstand, darüber nachzudenken, was meine sexuellen Erfahrungen sind, ist um so stärker. Die meisten Menschen, eingeschlossen die beiden Therapeutinnen, die ich schon erwähnte, sind gelähmt durch ein generelles Verbot, explizit über Sex zu reden. Aber politisch engagierte und Aktive im Bereich der Sexualität sind nur wenig besser. Sie gehen davon aus, ich hätte “vaginale Orgasmen” oder sogar “Ganzkörper-Orgasmen”. Wenn ich meine sexuelle Disfunktion immer wieder betone, behandeln mich viele herablassend. ”Ich bin mir vollkommen sicher, daß Du lernen wirst, wie man einen Orgasmus bekommt”, sagte mir ein Mann. Weiter erklärte er mir, daß, aller meiner Erfahrung zum Trotz, die männliche Beschneidung gleich zerstörend wie die Klitorektomie wäre.

Ich brauchte Monate, um den Rest meiner medizinischen Unterlagen zu bekommen. Ich erfuhr, daß ich nicht mit einem Penis, sondern mit intersexuellen Genitalien geboren wurde: einer typischer Vagina und äußeren Schamlippen, einer weiblichen Harnröhre und einer sehr großen Klitoris. Zu bedenken ist dabei, daß die Ausdrücke “groß” und “klein”, wenn sie intersexuellen Genitalien zugeschrieben werden, Urteile sind, die nur im Kopf des Betrachters sind. Von meiner Geburt bis zur Operation, als ich Charlie war, befanden meine Eltern und die ÄrztInnen meinen Penis als furchtbar klein, genauso wie ihm die Harnröhre fehle. Meine Eltern waren so beschämt und traumatisiert durch das Aussehen meiner Genitalien, daß sie niemandem erlaubten, sie zu sehen: keine Babysitter, keine Möglichkeit für die müden Eltern, durch eine hilfreiche Großmutter oder Tante vom Wickeln abgelöst zu werden. In dem Moment als, Intersexen-Spezialisten eröffneten, daß mein “wahres Geschlecht“ weiblich sei, war meine Klitoris plötzlich fürchterlich groß. Das geschah ohne jegliche Änderung in der objektiven Erscheinung oder Größe meines Phalloklit.

 Wenn in unserer Kultur ein Kind geboren wird, bestimmen die anwesenden Experten, entweder ÄrztInnen oder Hebammen, ein Geschlecht, basierend auf dem Aussehen der kindlichen Genitalien. Im Falle einer intersexuellen Geburt wird das Kind entweder dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zugeordnet, auch wenn meist Spezialisten konsultiert werden, und die Geschlechertzuweisung vielleicht nur für ein paar Tage gemacht wird. Intersexualität ist ein menschenmögliches, aber sozial undenkbares Phänomen. Die Geschlechtszuweisung wird manchmal geändert, wie es bei mir getan wurde. Tatsächlich gibt es dokumentierte Fälle, in denen die Geschlechtszuschreibung, manchmal sogar drei mal [Fn 2], geändert wurde, ohne die Meinung des Kindes einzuholen oder es überhaupt darüber zu informieren.

 In vielen anderen Kulturen aber ist das Phänomen der Intersexualität wohl bekannt und ein intersexuelles Kind wird als solches anerkannt. Leider ist der Blick der Ethnographen durch den absoluten Begriff der Zweigeschlechtlichkeit geprägt, die die westliche Kultur seit Darwin beherrscht. In letzter Zeit haben Etnographen Beispiele über Kulturen geliefert, in denen eine Zuweisung als intersexuell einen hohen aber auch einen niedrigen Status verleiht oder sogar intersexuelle Neugeborene bei Entblößung, als ein schlechtes Omen, zu Tode verurteilt.(Edgerton 1964; Furth 1993; Herdt 1994; Nanda 1994; Roscoe 1991) Auch der Talmud hat z.B. einige Regularien, die nur auf Intersexuelle bezogen sind.(Berlin and Zevin 1974)

 Die heutigen Nordamerikaner zeigen Gefühle des Horrors und des Ekels, wenn sie mit Fällen von Intersexualität konfrontiert werden. Die moderne westliche Kultur ist die erste, die sich auf die Technologie verläßt, um die Geschlechterdichotomie zu erzwingen, indem sie chirurgische und hormonelle Mittel nutzt, um den Beweis von dem Körper eines intersexuellen Neugeborenen zu entfernen. Die medizinische Literatur ist sich einig über die Notwendigkeit der Praxis, selbst wenn sie zugeben muß, daß chirurgische Eingriffe die sexuellen Funktionen schädigen können. (Conte and Grumbach 1989; Emans and Goldstein 1990; Hendricks 1993)“Die einzige Indikation für diesen chirurgischen Eingriff, ist die Verbesserung des Körperbildes dieser Kinder, so daß sie sich ‘normaler fühlen’”.(Edgerton 1993, Fn 3)

Wofür sind Genitalien? Meiner Auffassung nach sind meine Genitalien für mein Vergnügen. In einer sexuell repressiven Kultur mit starken Eingriffen in die Funktion der Geschlechterdichotomie, sind die Genitalien von Neugeborenen dazu da, männliche von weiblichen Neugeborenen zu unterscheiden. Es ist schon schwer, Eltern oder auch ÄrztInnen dazu zubringen, in Erwägung zu ziehen, daß Neugeborene zukünftige Erwachsene sind, sexuelle Wesen. Jedoch sind medizinische Intersexen-Spezialisten stolz auf sich selbst, daß sie in der Lage sind, das zu tun.

 Für Intersexen-Spezialisten sind männliche Genitalien zur aktiven Penetration und zum Vergnügen, während weibliche Genitalien zur passiven Penetration und Reproduktion sind. Auf die Frage, warum die Standart-Praxis 90% der intersexuellen Säuglinge als weiblich bestimmt (und chirurgisch die Zuweisung erzwingen, indem die Klitoris entfernt wird), antwortet ein prominenter Chirurg: “you can make a hole,but you can’t build a pole” (Hendricks 1993) Schauen wir uns mal an wie John Gearhart, ein bekannter Spezialist in der Genitalchirurgie für intersexuelle Kinder, der Befragung über orgasmische Funktionen, in der folgenden veröffentlichten Diskussion über zusätzliche Chirurgien für das Ausbessern von Vaginen, die chirurgisch bei intersexuellen als weiblich bestimmten Neugeborenen, konstruiert wurden, ausweicht. (Bailez et al. 1992)  

Dr. Frank: Wie definieren sie einen erfolgreichen Geschlechtsverkehr? Wieviele der Mädchen haben zum Beispiel tatsächlich einen Orgasmus? Wieviele von diesen hatten eine Klitorektomie, wieviele eine Klitorisplastik und macht es irgendeinen Unterschied für den Orgasmus?

 Dr. Gearhart: Die Interviews mit den Familien wurden von einer weiblichen Kinderchirurgin durchgeführt, die sehr freundlich und mitfühlend ist. Ich denke sie hat ein Maximum an Informationen von diesen Patienten. Adäquater Geschlechtsverkehr wurde als erfolgreiche vaginale Penetration definiert...

Intersexen-Spezialisten betonen oft die Wichtigkeit eines heterosexuellen Resultates für die intersexuellen Kinder, die sie behandeln. Slijper et al. z. B. erklärt, “Eltern werden beruhigt sein, wenn sie wissen, daß ihre Tochter Heterosexualität genauso wie andere Kinder entwickeln kann.” (Slijper et al. 1994) (p.15). Dr. Y., ein prominenter Chirurg auf dem Gebiet der Intersexualität, hat einem Interview mit Ellen Lee nur unter der Bedingung der Anonymität zugestimmt. Er behauptet, daß das höchste Maß an Erfolg für die Geschlechtszuweisung von intersexuellen Kindern die “Effektivität des Geschlechtsverkehrs” ist, welche sie als Erwachsene erlangen werden. (Lee 1994) (p.60) Intersexuelle, die als weiblich bestimmt wurden und Frauen als Sexualpartnerinnen wählen, und solche, die als männlich bestimmt wurden und Männer als Sexualpartner wählen, symbolisieren das Scheitern der Behandlung in den Augen der Eltern und Spezialisten. Die Reaktion meiner Mutter, als sie erfuhr das ich mit Frauen sexuellen Kontakt hatte, war ja, daß sie ihre Entscheidung bereute, dem ärztlichen Ratschlag gefolgt zu sein und mich als weiblich, anstelle von männlich, zu bestimmen.

Meine Mutter und mein Vater nahmen mich eines Tages mit in ihr Zimmer, um ein Geheimnis mit mir zu teilen. Ich war zehn Jahre alt, immer noch völlig unwissend betreffend sexueller Dinge. „Als Baby warst du krank”, erklärten sie. „Deine Klitoris war zu groß, sie war vergrößert.“ Die Art, in der sie vergrößert sagten, machte mir klar, daß es eine spezielle, nicht normale Bedeutung hatte. „Du mußtest ins Krankenhaus, und sie wurde entfernt.“ „Was ist eine ‘Klitoris’?“, fragte ich. „Eine Klitoris ist ein Teil eines Mädchens, der ein Penis sein würde, wenn das Mädchen ein Junge wäre. Deine war vergrößert, deshalb mußte sie entfernt werden. Jetzt ist alles in Ordnung. Aber erzähle das Niemand.“

 Wer bin ich? Ich sehe mir meinen Körper an. Er sieht weiblich aus. Bisher hatte ich immer einen geheimen Zweifel gehegt. Ich erinnere mich an mich als einen zurückgezogenen, depressiven Jugendlichen, immer versuchend einen Blick auf weibliche Genitalien werfen zu können. Sehen sie so aus wie meine? Ich hatte niemals eine nackte Frau aus der Nähe gesehen. Ich hatte keine Ahnung davon, daß an meinen Genitalien Teile fehlten. Eigentlich kann man die Unterschiede zwischen meinen Genitalien und denen von irgendeiner anderen Frau, ohne die äußeren Schamlippen zu öffnen, nicht erkennen. Ich erinnere mich, wie ich in einem Buch das Phänomen der Masturbation entdeckte. Ich konnte jedoch den Mittelpunkt der lustbringenden Empfindungen in meinen Genitalien nicht lokalisieren, konnte den Trick nicht zustande bringen, über den ich gelesen hatte. Ich war nicht in der Lage, dieses Versagen mit dem Geheimnis über die vergrößerte Klitoris, die entfernt wurde, in Verbindung zu bringen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, daß mir jemand eine solche unwiderrufliche Sache angetan hatte, besonders nicht Erwachsene, die für mein Wohl verantwortlich sind. Oft weckten mich Alpträume, in denen mein Leben in Gefahr, mein Geschlecht fraglich und meine Genitalien deformiert waren und aus mir so wie Organe heraus schwappten. Als junge Erwachsene, gelang es mir, eine Verbindung zwischen der Entfernung meiner Klitoris und meiner schwachen sexuellen Reaktion, der Unfähigkeit einen Orgasmus zu erleben, zu erkennen.

 Wer bin ich? Ich betone meine Weiblichkeit und meine intersexuelle Identität, die Tatsache, daß ich nicht weiblich bin. Das ist kein Paradoxon; die Tatsache, daß mein Geschlecht (Gender) problematisiert wurde ist der Ursprung meiner intersexuellen Identität. Die meisten Menschen, die nie an ihrem Geschlecht gezweifelt haben, sind unfähig, auf die Frage: “woher wissen sie, daß sie eine Frau (ein Mann) sind,” zu antworten.

 Ich konnte mich nicht als total weiblich erleben. Auch wenn mein Körper als weiblich durchgeht, passen mir Frauenkleider nicht. Die Schultern sind zu eng, die Ärmel zu kurz. In die meisten Frauenhandschuhe passen meine Hände nicht, genauso wenig wie meine Füße in Frauenschuhe. Für die meisten Frauen wäre das nichts weiter als eine Unannehmlichkeit. Aber wenn die Kleidung nicht paßt, erinnert mich das an meine Geschichte. Selbstverständlich paßt auch die Männerkleidung nicht. Die geraden Linien lassen keinen Platz für meine großen Brüste und breiten Hüften. Dennoch erlebe ich etwas in der Art, in der ich arbeite und mich in der Welt bewege als relativ männlich. Und wenn ein Mann sexuelles Interesse an mir zeigt, habe ich oft den Verdacht, daß er vielleicht mit einer unterdrückten homosexuellen Neigung kämpft.

 Als Frau bin ich weniger als vollständig- ich habe eine geheime Vergangenheit, mir fehlen wichtige Teile meiner Genitalien und sexuellen Reaktionen. Wenn eine Geliebte mit ihrer Hand das erste Mal meine Genitalien berührt, wird der Mangel sofort offensichtlich für sie. Schließlich fühle ich mich einfach nicht wie eine Frau (und noch weniger als ein Mann). Aber die Identität als Hermaphrodit war mir zu ungeheuerlich fremd , zu abnorm als daß ich das Leicht hätte annehmen können. Eine medizinische Anomalie, so zusammengeflickt wie es der Chirurg am besten bewältigen konnte. Ich hatte einen Artikel aus einer medizinischen Zeitschrift, in der angegeben wurde, daß nur zwölf “echte Hermaphroditen” (die Formulierung, die in meinen medizinischen Akten benutzt wurde) jemals registriert worden sind.

 Zu wessen Gunsten wirkt sich dieser Mechanismus der medizinischen Entfernung und dem gesellschaftlichen Totschweigen aus. Gewiß nicht zu Gunsten der intersexuellen Kinder. Ich wurde brutal verstümmelt, zurückgelassen voller Fragen, und auf der Suche nach der Wahrheit befand ich mich in völliger Stille und Isolation. Als ich, mit 36 Jahren, schließlich meine Mutter zur Rede stellte, fragte ich sie, wie sie überhaupt ihr Schweigen die ganzen Jahre wahren konnte, und es mir überlassen hat meine Geschichte als Charlie, das Etikett „Hermaphroditismus“ aus medizinischen Akten zu erfahren. Ihre Antwort? „ Nun ja, du hättest mich fragen können.“ (Ich frage mich, welche anderen Fragen ich noch fragen sollte solange sie lebt.)

 Das Thema meiner Identität brachte mich vor zwei Jahren furchtbar auf. Meine früheren Erfahrungen mit meinem Coming out als Lesbe, halfen mir eine Entschlüsslung meiner Zwangslage zu erkennen. Die Ausdrücke homosexuell und lesbisch, so wie der Ausdruck intersexuell, waren Erfindungen eines medizinischen Diskurses, benutzt, um nicht gebilligte Sexualitäten zu pathologisieren. Ich muß meine Identität selbstbewußt geltend machen, darauf bestehen, daß die medizinische Konstruktion, von Intersexualität als Krankheit, Unterdrückung ist und nicht Wissenschaft. Ich muß Andere finden, die meine Erfahrungen teilen, Andere, die mit mir an die Öffentlichkeit gehen. Eine Gemeinschaft kann den Mitgliedern emotionale und logistische Stütze sein und läßt einen viel mächtigeren Widerstand entstehen, als Individuen die alleine agieren.

 Es war nicht leicht die intensiven Schamgefühle zu überwinden. Ich erinnere mich noch, wie ich verstohlen den Drucker, Kopierer und das Fax im Büro benutzte, und ich mit Herzklopfen vor Angst, daß jemand die Dokumente, mit denen ich arbeitete sehen könnte. Medizinische Akten, Artikel aus medizinischen Zeitschriften, und ein Bericht über meinen emotionalen Fortschritt. Ich glaubte immer noch das Intersexualität so selten war, daß ich vielleicht niemals Andere mit ähnlichen Erfahrungen finden könnte. So habe ich statt dessen nach Transexuellen gesucht und mit ihnen gesprochen. Alice Walker hatte gerade ihren Roman „Possessing the Secret of Joy“ herausgebracht, der die Aufmerksamkeit der westlichen Öffentlichkeit auf einen afrikanischen, kulturellen Ritus lenkte, der beschönigend als weibliche Beschneidung bezeichnet wird. Ich war aufgeregt von der älteren Hebamme zu lesen, die ihr ganzes Leben lang Klitorisentfernungen durchgeführt hat, und ihr früheres Opfer beschimpfe in dem sie Hermaphroditismus als abnormal bezeichnete, „It’s all normal, as far as that goes, says M’lissa. You didn’t make it, so who are you to judge?“ (Walker 1992) Ich fand und sprach mit den auf diese Weise verstümmelten afrikanischen Frauen, die sich in den USA organisiert haben, um gegen diesen Brauch in ihrer Heimat zu kämpfen. Das für mich beispielhafte Verhalten all dieser tapferen Menschen half mir mit meiner Scham umzugehen.

 Ich fing an wahllos mit Freunden und Bekannten, darüber zu reden was mir angetan wurde. Innerhalb eines Jahres habe ich ungefähr ein halbes Dutzend anderer Intersexen gefunden, die meisten von ihnen waren auch genitalverstümmelt, zwei von ihnen lebten mit ihren intakten atypischen Genitalien. Einer Frau wurde die Klitoris operativ entfernt als sie Teenagerin war, obwohl sie durch Masturbation wußte, daß ihre Klitoris der Mittelpunkt von sexueller Lust war, konnte sie dieses weder mitteilen noch anders dem Druck von Eltern und ÄrztInnen widerstehen; ein Kind, dem erst vor zwei Jahren die Klitoris operativ entfernt wurde; eine Frau die ihrer Mutter dankbar war, weil diese dem jahrelangen Druck der MedizinerInnen widerstand und sich weigerte, die große Klitoris ihrer Tochter entfernen zu lassen; ein Mann, der als Mädchen großgezogen wurde, der sich entschied als Mann (mit intakten intersexuellen Genitalien) zu leben, nachdem er in der Pubertät einen männlichen Körper entwickelte; ein Mann dessen Penis schwer geschädigt wurde, durch wiederholte Operationen die, die Position der äußeren Mündung seiner Harnröhre [Fn 4] ‘korrigieren’ sollten; ein Mann der herausgefunden hatte, daß bei der Operation in seiner Kindheit, die ihm niemand erklären wollte, sein Uterus und ein Eierstock entfernt wurde. Keiner von diesen Menschen hat jemals mit einer Intersexe gesprochen.

 ChirurgInnen von Intersexen behaupten, daß eine psychologische Beratung deshalb nicht angeboten wird, weil sie keine qualifizierten PsychologInnen oder PsychiaterInnen ausfindig machen können, welche die Intersexen oder ihre Familien beraten könnten (Lee1994). Doch die ChirurgInnen erhalten diese Situation in dem sie ihre intersexuellen PatientInnen verstümmeln, traumatisieren und stigmatisieren. Diese Kinder wachsen mit soviel Scham auf, daß sie als Erwachsene nicht in der Lage sind ihre Erfahrungen offen zu diskutieren, so daß das Phänomen der Intersexualität unsichtbar bleibt.
Was sehe ich, wenn ich in den Spiegel schaue? Einen weiblichen Körper, der vernarbt ist und dem einige der wichtigen Teile der Genitalien fehlen. Im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen, erfahre ich eine merkwürdige Art von körperlicher Auflösung- ich nehme mein Selbst als entkörperlichtes Wesen war, ohne Sex oder Gender. Ich betrachte die Heilung dieser Spaltung als ein wichtiges Element von persönlichem Wachstum, das mir erlauben wird, meine Sexualität zurückzugewinnen und wirkungsvoll für intersexuelle Belange einzutreten. Mein Körper ist nicht weiblich, er ist intersexuell. Operationen können Intersexualität nicht auslöschen und ganze Männer oder Frauen schaffen: was sie schaffen sind emotional mißbrauchte, und sexuell disfunktionale Intersexen. Wenn ich meine postoperative Anatomie mit dem Etikett weiblich versehe, dann schreibe ich den Chirurgen die Macht zu, eine Frau zu kreieren, in dem sie Körperteile beseitigen; Ich stimme ihrem Programm: „Frau als Mangel“ zu. Ich kollaboriere mit dem Verbot meiner intersexuellen Identität. Kessler zitiert einen Endokrinologen, der sich auf die Behandlung von intersexuellen Kindern spezialisiert hat: „In the absence of maleness, you have femaleness... It´s really the basic design.“ (Kessler1990)

 Cliffard Geertz (Geertz 1984) stellt die Behandlung von Intersexen bei den Navajos und den Pokot in Kenia („ein Produkt; wenn auch ein etwas ungewöhnliches Produkt des normalen Laufs der Dinge“) der Amerikanischen Haltung gegenüber. “Amerikaner betrachten die Weiblichkeit und Männlichkeit als die Erschöpfung der natürlichen Kategorien, in welche Personen überhaupt fallen können: was dazwischen fällt, ist Dunkelheit, eine Beleidigung der Vernunft.“ Die Zeit für die Intersexuellen ist gekommen, unsere Behandlung als Mißbrauch anzuprangern, und offen auf das Recht zu bestehen, unsere Identität als Intersexen anzunehmen und absichtlich diese Art von Vernunft zu beleidigen, die verlangt, daß wir verstümmelt und zum Schweigen gebracht werden.

Jetzt schon sind vage Bewegungen im Gange. Suzanne Kessler, deren Arbeit einflußreich den Diskurs über Gender als eine soziales Konstrukt begründete, publizierte 1990 einen Artikel, in dem sie die medizinische Behandlung von intersexuellen Kindern, als von kulturellen Annahmen und nicht von objektiven Kriterien bestimmt, charakterisiert. (Kessler 1990) Anne Fauston-Sterling, eine feministische Kritikerin der Biologie veröffentlichte 1993 einen Artikel, in dem sie nahe legt, daß Operationen den intersexuellen Kindern nicht aufgedrängt werden sollen. (Fausto-Sterling 1993) Beide Schriftstellerinnen arbeiteten offensichtlich, ohne mit einem erwachsenen Intersexuellen gesprochen zu haben und obwohl beide Artikel die Motivation für die operative Veränderung von den Genitalien der Kinder hinterfragen, benennen sie die Operationen nicht als Verstümmlungen.

 Ein Brief, mit dem ich auf Fausto-Sterlings Artikel (Chase 1993) antwortete und in dem ich die Formierung der Intersex Society of North America [Fn 5] bekannt gab, führte zu emotionalen Antworten von acht anderen Intersexen. Eine, Morgen Holmes, hat kürzlich eine ausführliche Analyse der Gründe fertiggestellt, weshalb medizinische Technologie benutzt wird, um Intersexualität im Allgemeinen auszulöschen, und ihre Intersexualität im Speziellen (Holmes1994). Bis sie mit mir in Kontakt trat, hatte Holmes ihre Erfahrungen der Intersexualität mit keinem Lebewesen geteilt. Die einzige intersexuelle Person in ihrem Universum war Herculine Barbin, ein französischer Hermaphrodit im 19ten Jahrhundert, dessen Tagebücher von Foucault editiert und publiziert wurden (Foucault1980a). Barbins Leben endete mit Selbstmord.

 Auch in Großbritannien haben zwei Intersexuelle die extreme Heimlichkeit, die Scham und „Abnormität“ die ihren Zustand umgibt, in dem angesehenen medizinischen Magazin BMJ angeprangert.

Meines war ein dunkles Geheimnis, allen außerhalb der medizinischen Berufe (meine Familie eingeschlossen) verborgen, aber das ist keine Alternative, denn es verstärkt sowohl das Gefühl von Abnormität als auch die Isolation. (Anonymous 1994b)

 Nicht daß mein Gynäkologe mir die Wahrheit sagt, macht mich zornig (ich hatte sowieso medizinische Büchereien besucht, um eine Diagnose zu bekommen), sondern daß weder mir, noch meinen Eltern psychologische Unterstützung angeboten wurde, daß wir alleine gelassen wurden mit unseren verzweifelten Gefühlen von Scham und dem Tabu. (Anonymous 1994a)

Beide AutorInnen haben das Androgenresistenz Syndrom, und sind mit großer Wahrscheinlichkeit mit typisch weiblich aussehenden Genitalien geboren, aber einer kurzen Vagina, und ohne Uterus. Erzogen als Mädchen mit Körpern, die sich in der Pubertät zu erwachsenen weiblichen Körpern entwickelten, werden diese Frauen oft traumatisiert, wenn sie in medizinischen Akten oder Texten lesen, daß sie „genetisch männlich“ sind.

 Lesende: wißt Ihr wie die Zusammensetzung Ihrer „Geschlechts Chromosomen“ ist? Wenige Leute (die nicht intersexuell oder transsexuell sind) kennen ihren Karyotyp. Es ist lächerlich, daß das Wissen um die Resultate von Labortests (bei den Karyotypen nicht sichtbar) Wirkung auf die Wahrnehmung von Sex oder Gender einer Person haben kann. Die soziale Fiktion des männlich/weiblichen binären Gegensatzes leitet zu dem generellen Vorurteil, daß alle Menschen ein chromosomales, gonales, hormonales und anatomisches Geschlecht (Sex) und eine geschlechtliche, soziale Rolle (Gender) haben, die übereinstimmen. Die Verletzung dieser Weltsicht, ist der Ursprung für Traumata bei androgenresistenten Frauen, die entdecken, daß ihr Karyotyp männlich ist und bei Eltern von intersexuellen Neugeborenen.

 Als ich anfing, nach Intersexen zu suchen, erwartete ich, wollte ich Menschen finden, deren Erfahrungen meinen genau glichen. Was ich fand war sehr unterschiedlich - die Bandbreite von Persönlichkeiten, politischen Ansichten und Anatomien in unserer wachsenden intersexuellen Gemeinschaft, ist so weit wie der Raum zwischen Mann und Frau, den wir besetzen. Einige von uns leben als Frauen, einige als Männer, einige als offene Intersexen. Viele von uns sind homosexuell, wenn der Ausdruck als Begriff von den sozialen Geschlechterrollen (Gender) der PartnerInnen verstanden wird. Manche von uns sind niemals sexuell aktiv gewesen. Diejenigen von uns, die medizinischen Interventionen ausgesetzt waren, teilen unsere Erfahrungen von ihnen als Mißbrauch.

Heilung ist ein Prozeß ohne Ende. Das Gefühl äußerster Einsamkeit ist vielleicht der zerstörerischste Teil dessen, was uns angetan wurde. Meine Arbeit in der Intersex Society, das Zuhören, Beraten und Vernetzen anderer Intersexen, war ein wichtiger Teil meiner eigenen Heilung, und half mir nicht von dem Gefühl des Zorns überwältigt zu werden.

Literaturliste (Reference Cited):

 Anonymous. 1994a. Be open and honest with sufferers. BMJ 308 (16 April): 1041-1042.
Anonymous. 1994b. Once a Dark Secret. BMJ 308 (19 February): 542
Bailez, M.M., John P. Gearhart, Claude Migeon, and John Rock. 1992. Vaginal Reconstruction after Initial Construction in Girls with Salt- Wasting Adrenal Hyperplasia. The Journal of Urology 148 (August, 1992): 680-684.
Berlin, Meyer and Shlomo Josef Zevin. 1974. Encyclopedia Talmudica, 1:386-389. Jerusalem
Butler, Judith. 1990. Gender Trouble: Feminism and Subversion of Identity. New York: Routledge.
Chase, Cheryl. 1993. Letters from Readers. The Sciences, July/August 1993, 3.
Conte, Felix and Melvin M. Grumbach. 1989. Pathogenesis, classification, diagnosis and treatment of anomalies of sex. In Endocrinology, ed. Leslie De Groot:1810-1847. Philadelphia: Saunders
Edgerton, Milton. 1993. Discussion: Clitoroplasty for Clitoromegaly Due to Adrenogenital Syndrom Without Loss of Sensitivity. Plastic and Reconstructive Surgery 91 (5): 956.
Edgerton, Robert B. 1964. Pokot Intersexuality: An East African Exampel of the Resolution of Sexual Incongruity. American Antropologist 66 (6): 1288-1299.
Emans, S. J. and D. P. Goldstein. 1990 Pediatric and Adolescent Gynecology. (3rd ed.). Bosten: Little, Brown and Co.
Fausto-Sterling, Anne. 1993. The Five Sexes: Why Male and Female are not Enough. The Sciences, March/April 1993, 20-25.
Foucault, Michel. 1980a. Herculine Barbin, Being the Recently Discovered Memoirs of a Nineteenth-Century Hermaphrodite Translated by Richard McDougall. New York: Colophon.
Foucault, Michel. 1980b. The History of Sexuality, Volume I: An Introduction Translated by Robert Hurly. New York: Viking.
Furth, Charlotte. 1993. Androgynous Males and Deficient Females: Biology and Gender Boundaries in Sixteenth- and Seventeenth-Century China. In The Lesbian and Gay Studies Reader, ed. Henry Abelove et al. New York: Routledge.
Geertz, Clifford. 1984. Local Knowledge. New York: Basic Books
Hendricks, Melissa. 1993. Is it a Boy or a Girl? John Hopkins Magazine, November 1993, 10-16
Herdt, Gilbert. 1994. Mistaken Sex: Cultur, Biology and the Third Sex in New Guinea. In Third Sex, Third Gender: Beyond Sexual Dimorphism in Cultur and History, ed. Gilbert Herdt: 419-446. New York:Zone Books.
Holmes, Morgan. 1994. Medical Politics and Cultural Imperatives: Intersexuality Beyone Pathology and Erasure. Master´s Thesis (Interdisciplinary Studies), York University.
Kessler, Suzanne. 1990. The medical construction of gender: case managment of intersexual infants. Signs 16 (1): 3.26
Kessler, Suzanne J. and Wendy McKenna. 1978. Gender: An Ethnomethodological Approach. Chicago: The University of Chicago Press.
Laqueur, Thomas. 1990. Making Sex: Body and Gender from the Greeks to Freud. Cambridge: Havard University Press.
Lee, Ellen Hyun-Ju. 1994. Producing Sex: An Interdisciplinary Perspective on Sex Assignment Decisions for Intersexuals. Senior Thesis (Human Biology: Race and Gender), Brown University.
Money, John. 1991. Biographies of Gender and Hermaphroditism in Paired Comparisons. Edited by John Money and H. Musaph. The Handbook of Sexology. New York: Elsevier.
Nanda, Sarena. 1994. Hijras: An Alternative Sex and Gender Role in India . In Third Sex, Third Gender: Beyond Sexual Dimorphism in Cultur and History, ed. Gilbert Herdt: 373-418. New York:Zone Books.
Roscoe, Will. 1991. The Zuni Man-Women. Albuquerque: university of New Mexico Press.
Slijper, F.M.E., S.L.S. Drop, J.C. Molenaar, and R.J. Scholmeijer. 1994. Neonates with Abnormal Genital Development Assigned the Female Sex: Parent Counseling. Journal of Sex Education and Therapy 20 (1):9.17.
Tria, Kira. 1994. personal communication.
Vance, Carol S. 1991. Anthropology Rediscovers Sexuality: A Theoretical Comment . Social Science and Medicine 33.
Walker, Alice.1992. Possessing the Secret of Joy. New York: Simon and Schuster.

 Fussnoten:

 Fn 1: Übersetzung: S. Owsinski und E. Meiser.
Da es im Englischen keine geschlechtsspezfischen Berufsbezeichnungen oder ähnliches gibt, ist die Übersetzung problematisch und immer auch eine Interpretation. Da wir keine Profis sind, bitten wir dieses und andere Holperigkeiten in der Übersetzung zu entschuldigen.

 Fn 2: Money beschreibt ein Kind, dem bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde, einige Tage später das weibliche, wieder das männliche im Alter von 3 Wochen und im Alter von 4 ½ erneut das weibliche Geschlecht. Ihm wurde die Klitoris, in Verbindung mit der endgültigen Veränderung ihres Geschlechts, operativ entfernt. Die Geschichte der Geschlechts- wieder- Zuweisung (sex- reassignment) wurde vor dem Kind geheim gehalten, bei Familiendiskussionen tabuisiert, obwohl sie sich in Träumen erinnern konnte (Money 1991) (p 239 ff.)

 Fn 3: Obwohl diese These im Zusammenhang mit einem Artikel über „clitoroplasty without loss of sensitivity ” geschrieben wurde, stellen die Autoren keinerlei Beweise zur Verfügung, daß dieses Standartverfahren, bei welchem beinahe die gesamte Klitoris entfernt und der Rest verlegt wird, sexuelle Gefühle unversehrt läßt. In der Tat, Morgan Holmes, als Kind Versuchsperson, charakterisierte es als „partial clitorectomy ”. Eine andere Frau, an welcher dieses Verfahren als Erwachsene durchgeführt wurde und die in der Lage war, ihre sexuelle Erfahrung vor und nach der Operation einander gegenüberzustellen, benennt es “unwahrscheinlich desensibilisierend”.

 Fn 4: Bei ungefähr einer von drei- oder vierhundert Geburten, wird ein Kind mit einem Zustand geboren, der sich Hypospadie nennt, in welchem der Teil der Harnröhre der sich im Penis befindet, teilweise oder komplett offen ist. Dieser Zustand ist selten schädlich, es sieht ungewöhnlich aus, und der Junge oder der Mann müssen vielleicht in Sitzen urinieren . Nach der „routinierten“ männlichen Beschneidung, sind die Hypospadien „Korrektur“ - Operationen wahrscheinlich die zweit häufigste Form der kosmetischen Genitaloperationen, die in den USA durchgeführt werden.

Fn 5: Ich lade intersexuellen LeserInnen und ihre Familien und PartnerInnen ein, an die Intersex Society of North America, P.O. Box 31791, San Francisco CA 94131, oder email info_at_isna.org. zu schreiben.

Friday, February 3 2012

Genitalabschneider-Treffen: Termine 2012/2013

Friedlicher Protest + Offener Brief Ostschweizer Kinderspital St. Gallen, 6.2.11

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"Die ganze Geschichte des Fortschritts menschlicher Freiheit zeigt, dass alle Zugeständnisse, die ihren hehren Forderungen bisher gemacht wurden, aus dem Kampfe geboren sind ... Ohne Kampf gibt es keinen Fortschritt. Die, welche behaupten, für die Freiheit zu sein, Agitation aber ablehnen, sind Menschen, die ernten wollen, ohne den Grund umzupflügen. Sie wollen Regen ohne Blitz und Donner. Sie wollen den Ozean ohne das grässliche Tosen seiner Wassermassen. Der Kampf mag ein moralischer sein; oder er mag physisch sein; oder er mag moralisch und physisch sein, aber ein Kampf muss stattfinden. Macht gewährt keine Zugeständnisse ohne Forderungen. Sie hat es nie getan und wird es nie tun ..."
Frederick Douglass, ehemaliger Sklave und Abolitionist, 1857

Auch 2012 planen die MedizynerInnen diverse Städtereisen, Jahresversammlungen und sonstige Sausen, um möglichst ungestört neue "Verbesserungen" ihrer menschenrechtswidrigen Verstümmelungen zu propagieren.

Weitere sachdienliche Hinweise jederzeit willkommen!

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GENITALABSCHNEIDERTREFFEN 2012

17. NRW Endo   20.-21.1.2012 Bonn
17. Jahrestagung der Nordrhein-Westfälischen Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie
http://www.nrw-endokrinologie.de/events/17.-jahrestagung-der-nordrhein-westfaelischen-gesellschaft-fuer-endokrinologie-und-diabetologie

17. Fortbildung Urologische Kliniken   2.2.2012 Hamburg
17. Gemeinsame Fortbildungsveranstaltung der Hamburger Urologischen Kliniken und Abteilungen
www.martini-klinik.de/fileadmin/documents/Info-materialien/Empire_Riverside-Treffen_2012_online.pdf

27th EAU   24-28.2.2012 Paris
27th Annual EAU Congress of the European Association of Urology
eauparis2012.org

DGE 2012   07.-10.3.2012 Heidelberg/Mannheim
55. Symposium der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
dge2012.de

4. Dreiländertreffen der Kinderchirurgie   23.3.2012 Colmar (F)
dreilaendertreff.net

SGKJ 2012   04.-06.5.2012 München
Süddeutsche Tage der Kinder- und Jugendmedizin. 61. Jahrestagung der Süddeutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und der Süddeutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie und dem Berufsverband für Kinder- und Jugendärzte – Landesverband Bayern
sgkj2012.de

ICE/ECE 2012   05.-09.5.2012 Florenz (I)
15th International Congress of Endocrinology and 14th European Congress of Endocrinology
ice-ece2012.com

23rd ESPU 2012   09.-12.5.2012 Zürich
23rd Congress of the European Society for Paediatric Urology
espu2012.org

Nordkongress 2012   10.-12.5.2012 Berlin
6. Nordkongress Urologie
www.nordkongress.de/

13th EUPSA / 59th BAPS 2012   13.-16.6.2012 Rom
Joint Congress 13th Congress of the European Paediatric Surgeons' Association (EUPSA) and 59th Congress of the British Association of Paediatric Surgeons (BAPS)
www.eupsa.org/home/eupsa-congresses/rome_italy2012/Welcome-Address.en.php

DGKJ 2012   13.-16.9.2012 Hamburg
108. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ), gemeinsam mit der 38. Jahrestagung der Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin (GNPI), 64. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSP), 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH), 34. Jahrestagung des Berufsverands Kinderkrankenpflege Deutschland e.V. (BFKD), 80. Halbjahrestagung der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH), 48. Arbeitstagung Pädiatrische Forschung
dgkj2012.de

SGKC 2012   20.9.2012 Luzern
Jahreskongress der Schweizerischen Gesellschaft für Kinderchirurgie (SGKC)
www.swiss-pediatricsurgery.org/agenda-de.php

51st ESPE   20.-23.9.2012 Leipzig
51st Annual Meeting of the European Society for Paediatric Endocrinology (ESPE)
espe2012.org

2nd Failed Hypospadias   22.9.2012 Arezzo
2nd European Conference on Failed Hypospadias Repair 2012
www.failedhypospadias.com/index.php?id=4&cs=3

DGU 2012   26.-29.9.2012 Leipzig
64. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V.
www.dgu-kongress.de/index.php?id=351

SIU 2012   30.9.-04.10.2012 Fukuoka (Japan)
32st Congress of the Société Internationale d'Urologie
www.siucongress.org/2012/

DGGG 2012   9.-12.10.2012 München
59. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG)
http://www.dggg2012.de/

6th Masterclass   5.11.2012 London
6th Annual Masterclass of Genito-Urethral Surgery ("live-surgery")
www.instituteofurology.org/edu.php?page=master

AGKU 2012   15.-17.11.2012 Tübingen
9. Symposium der Arbeitsgemeinschaft Kinderurologie der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH)
www.ag-kinderurologie.de

APE-AGPD 2012   23.-25.11.2012 Erlangen
JA-PED 2012 – 7. Gemeinsame Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaften für Pädiatrische Endokrinologie (APE) und Pädiatrische Diabetologie (AGPD)
www.ja-ped.de/

DSD Symposium Uniklinik Ulm   7.12.2012 Ulm
Symposium Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung Disorders of Sex Development (DSD) - endokrinologische, chirurgische, gynäkologische, genetische, ethische und gesellschaftliche Aspekte. Gemeinsame Fortbildung der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie und der Sektion Kinderchirurgie, Zentrum für Seltene Erkrankungen (ZSE) Universitätsklinikum Ulm
www.uniklinik-ulm.de/fileadmin/dokumente/Allgemein/Programm_Symposium_DSD_07.12.2012.pdf
 

VORSCHAU 2013

18. NRW Endo   18.-19.1.2013 Aachen
17. Jahrestagung der Nordrhein-Westfälischen Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie
www.endokrinologie.net/download/veranstaltungen/12112701.pdf

I-DSD Seminar   31.1.-2.2.2013 Linz
www.sdsd.scot.nhs.uk/symposiums/Program%20Linz%202013.pdf

5. Dreiländertreffen   15.-16.3.2013 Heidelberg

DGE 2013   20.-22.3.2013 Bonn

GFH 2013   20.-22.3. Dresden

8. Berliner Symposium für Kinder- und Jugendgynäkologie  18.-20.4.2013 Berlin
www.kjgberlin.de/

ESPE ESS 2013   10.-12.5-2013 Haifa

I-DSD 2013 (= 4th EuroDSD)   7.-9.6.2013 Glasgow

11. SGA   28.-29.6.2012 Niederkassel
www.sga-syndrom.de/Workshop/2013/2013-Programm.pdf

V. ISHID 2013    t.b.c. Lucknow (Indien)

DGKJ 2013   12.-15.9.2013 Düsseldorf

ESPE/LWPES 2013   19.-22.9.2013 Mailand
www.jointmeeting2013.org/

DGFS 2013   20.-22.9.2013 Hamburg

DGU 2013    25.-28.9.2013 Dresden

AEM 2013   10.12.10.2013 München

WOFAPS 2013   13.-16.10.2013 Berlin
www.wofaps2013.com/

JA-PED 2013   22.-24.11.2013 Hannover

>>> Genitalverstümmelungen im Kinderspital: Fakten und Zahlen
>>> 150 Jahre Menschenversuche ohne Ethik und Gewissen
>>> Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken – eine Genealogie der Täter

Siehe auch:
- Friedlicher Protest & Offener Brief 3rd EuroDSD Symposium 2011
- Friedlicher Protest & Offener Brief "Ethik"-Vortrag UK Aachen 2011
- Friedlicher Protest & Offener Brief DGE 2011
- Friedlicher Protest & Offener Brief DGKJ-DGKCH 2010
- Friedlicher Protest & Offener Brief APE-AGPD 2010
- Friedlicher Protest & Offener Brief 11th EMBL/EMBO 2010
- Aktion & Offener Brief Ostschweizer Kinderspital St. Gallen 2011
- Aktion & Offener Brief Kinderspital Luzern 2010
- Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 2009
- Aktion & Offener Brief Kinderspital Zürich 2008    

Monday, January 2 2012

"Richtige" Menschen vs. "unfertige" Zwitter (Diamond / Beh: "Die Probleme der Informierten Einwilligung und der genitalen Chirurgie an Kleinkindern")

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Zwischengeschlecht.org «Körperliche Unversehrtheit auch für Zwitter!» (Bild: NZZ Format/SF1) Eine der fiesesten Ausreden der Medizyner gegenüber überforderten Eltern und einer zunehmend kritischen Öffentlichkeit ist die Behauptung, Zwitterkinder seien "unfertig entwickelte", "unvollständige" (Unter-)Menschen, und die Genitalverstümmelungen würden folglich bloss dazu dienen, diese "unvollständigen" Kinder zu "vervollkommnen" und zu "richtigen" Menschen zu machen – eine "Argumentation", die der infame John Money bereits 1968 popularisierte in seiner Publikation "Sex Errors of the Body" (auf Deutsch 1969 erschienen unter dem Titel "Körperlich-sexuelle Fehlentwicklungen").

Diese "Argumentation" von "richtigen" Menschen vs. "unfertige" bzw. "fehlentwickelte" (Unter-)Menschen a.k.a. "Intersexuelle" liegt auch den Medizyner-Kampfbegriffen von "korrigierenden" und "rekonstruktiven" chirurgischen Genitaleingriffen zugrunde, ebenso der aktuellen Nomenklatur "Störungen der Geschlechtsentwicklung" (ein Kampfbegriff, der unter Medizynern übrigens schon lange vorher gängig war, u.a. findet er sich auch in einem Eintrag in Nellas Krankenakte aus den 1970er Jahren).

Dass es sich bei dieser "Argumentation" in Tat und Wahrheit um eine gravierende Unterlassung der ärztlichen Aufklärungspflicht handelt, hatten Milton Diamond und Hazel Glenn Beh bereits 2000 belegt in ihrem bahnbrechenden Aufsatz "Ein zum Vorschein kommendes ethisches und medizinisches Dilemma: Sollten Ärzte geschlechtsangleichende Operationen an Kleinkindern mit uneindeutigen Genitalien durchführen?". Da dieser wichtige Punkt in diesem längeren Aufsatz mit seinen vielen Themen leicht unterzugehen droht, nachfolgend eine Teilveröffentlichung des entsprechenden Abschnittes, der es auch sonst in sich hat. Die Problematik der Behauptung von der "unfertig entwickelten" Zwitterkindern steht unter "2. Vermittlung unvollständiger Informationen". Der gesamte Aufsatz auf Deutsch findet sich auf intersex.schattenbericht.org. 

INHALT
Die Probleme der Informierten Einwilligung und der genitalen Chirurgie an Kleinkindern
1.  Die Atmosphäre der Eile
2.  Vermittlung unvollständiger Informationen
3.  Die Durchsetzung des Schweigens
4.  Unterlassung der Mitteilung der Ungewißheit des Langzeit-Ergebnisses
5.  Ignorierung des Rechts des Kindes auf eine offene Zukunft
Fussnoten
Anmerkung der Übersetzer

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Friday, August 5 2011

"Genitalverstümmelungen auch in der ersten Welt" - AGGPG & GMSSN (1997)

[ Dokumentation von: http://home.t-online.de/home/aggpg/1_welt.htm ]

"Genitalverstümmelungen auch in der ersten Welt"
wurde in Zusammenarbeit erstellt mit der STSSN

Genitalverstümmelungen auch in der ersten Welt

von Birgit Reiter und Heike Spreitzer

Ausgeliefert! Etwa 5% der Gesamtbevölkerung (Statistiken wurden bedauerlicherweise nie repräsentativ erhoben, sondern sind grobe Schätzungen) sind von genitalen Miß- und Fehlbildungen betroffen, die lediglich mit klischeehaften "ästhetischen" Vorstellungen konfligieren, wie z.B. Hypertrophien der Labiae Minorae (sog. Hottentottenschürze), Hymenalatresien, Vaginalaplasien (Rokitansky-Syndrom), Kryptogonadismus, Hypospadien, Micropenis und Klitorishypertrophien (sofern nicht Folge von Hermaphroditismus oder Pseudohermaphroditismus bzw. hormonproduzierenden Tumoren - "unspezifische" Klitorishypertrophien sind oft Folge von Progesterongaben an Schwangere zu Verhinderung von Fehlgeburten). Es ist hierbei zu betonen, daß solche Genitalien uneingeschränkt funktional sind. "Korrigierende" Eingriffe dienen also lediglich einer vermeintlichen Verbesserung der Optik, die realiter aber mit einer deutlichen Verminderung der sexuellen Erlebnisfähigkeit einhergeht, insofern zum einen auch bei modernen mikrochirurgischen Methoden Nervenbahnen in signifikanter Anzahl irreversibel geschädigt werden, zum anderen bei Kindern Verstümmelungstraumata verursacht werden. Bei Hypospadie-Korrekturen muß zusätzlich mit einerseits Vernarbung in größerem Umfang gerechnet werden (was bei Erektionen zu erheblichen Schmerzen statt zu Lustgefühlen führen wird), sowie andererseits mit einem hohen Infektionsrisiko der künstlich durch den Penis gelegten Harnröhre.

Ähnlich verhält es sich bei weiteren ca. 4% der Gesamtbevölkerung, bei denen Intersexualität vorliegt, die in der Regel genetische und/oder hormonelle Ursachen hat. Die Übergänge zu genitalen Miß- und Fehlbildungen sind jedoch fließend: etwa korrelieren Turner- und Noonan-Syndrom (Karyotyp 45,X resp. 45,X/46,XX) in der Regel mit "normalen" ausgeprägten "weiblichen" äußeren Genitalien, während die Ovarien hypoplastisch (sog. Streifengonaden) sind. Es kann aber auch ein "normal" ausgeprägtes "männliches" Genital bei einer Person mit Karyotyp 45,X vorliegen. In diesem Fall würde wahrscheinlich zunächst lediglich Kryptogonadismus diagnostiziert. Ähnliche Fächerungen ergeben sich bei Gemischter Gonadendysgenesie (Karyotyp 45,X/46,XY), Hermaphroditimus Verus (Bildung von Ovotestes oder einem Ovar und einem Hoden, was mit den Karyotypen 46,XX, 46,XY oder 46,XX/46,XY korrelieren kann), Androgeninsuffizienzsyndrom (partiell oder komplett insensitive Androgenrezeptoren) und Adrenogenitalem Syndrom (Oberbegriff für eine Anzahl von Enzymdefekten, die zu vermehrter Produktion von Testosteron führen), hier eingeteilt nach Prader in ein Fünf-Stufen-System, das ein Kontinuum von "normaler" weiblicher bis zu "normaler" männlicher Morphologie annimmt. Dabei wird allerdings übersehen, daß Prader I-III durchaus im Variationsbereich dessen liegt, was bei weiblichen Personen ohne diesen Enzymdefekt anzutreffen ist. Ob man aus kosmetischen Gründen verstümmelt wird, ist also oft eher Frage des Zufalls.

Die genitale Bandbreite zwischen „eindeutig“ weiblich bis hin zu „eindeutig“ männlich ist realiter fließend und wird von Kinderchirurgen nach einer jeweils geltenden „Machbarkeit“ „ korrigiert“ - zumeist beginnend im Alter von 6 Wochen bis 15 Monaten. Je nach Ausprägung existiert „nur“ eine genitale Fehl- und Mißbildung oder es wird von einem intersexuellen Genitale gesprochen.

Die derzeitig gültige Machbarkeit orientiert sich nach der Aussage „it’s easier to make a hole than to build a pole“. Demzufolge wird in 90% der „Fälle“ eine weibliche Zuweisung entschieden.

Zunehmend geht man auch dazu über, eine pränatale Medikamention über die Schwangere mit hohen Dosierungen Dexamethason (ein hochdosiertes Cortison) vorzunehmen, um intrauterin einer Virilisierung vorzubeugen. Hier ist angeblich ein Erfolg von etwa 66% nachweisbar, alle anderen Betroffenen werden dennoch zugewiesen. In keinem uns bekannten Fall wird eine Intersexualität über die Pubertät hinaugehend zugelassen, insofern existieren keine Erhebungen bezüglich der Befindlichkeit Nicht-Operierter. Dennoch wird von uns erwartet, daß wir mit intersexuellen Genitalien weit bedeutendere Probleme hätten als dies nach „Korrekturen“ der Fall wäre.

Dahingehende Aussagen erscheinen uns mehr als zynisch, implizieren Korrekturen in der noch heute ausgeführten Art und Weise extrem traumatisierende Erlebnisse: So wird Betroffenen ohne Vagina eine solche „gesetzt“, um sie z.T. auch heute noch zu bougieren (Penetration durch Metallstab durch Arzt in Narkose oder durch Eltern), eine vergrößerte Klitoris / Phalloklit wird reduziert oder wie bis nach 1980 geschehen amputiert, wir werden verwogen, gemessen, in dutzenden gynäkologischen Untersuchungen - sofern möglich - in diesem Rahmen penetriert, es werden Bildaufnahmen ohne Einwilligung erstellt (diese sind in diverser Fachliteratur veröffentlicht) etc. Um eine geschlechtliche Eindeutigkeit zu gewährleisten, werden wir zudem mit extrem hohen Hormondosierungen behandelt.

Doch u.E. sind nicht die Behandlungsmethoden das ausschließliche Traumatakriterium, hinzu kommt vor allem die diesen Zwangsgeschlechtszuweisungen zugrundeliegende Elementarzerstörung: Die Eliminierung einer eigenständigen Identität, wie sie grundlegender in keinem anderen Bereich sein kann: So werden wir zunächst zwangszugewiesen, danach auf dieses für uns künstliche Geschlecht aufbauend massiv sozialisiert. Die tatsächliche Dimension der „Korrekturen“ läßt oft selbst Betroffene davor zurückschrecken, sich der Bedeutung ihres falschen (wenn auch kulturell anerkannten) Geschlechtes bewußt zu werden, so daß selbst in „unseren eigenen Reihen“ die geschlechtliche Realexistenz des Zwitters weitestgehend negiert wird.

Von behandelnden Ärzten wird dieser Bereich noch nicht einmal angedacht und Intersexuelle somit ohne weitere Reflexion direkt in eine genitalverstümmelnde „Behandlungsform“ übergeführt. Weiterhin findet sich der auch von Bode/Schüßler „geprüfte Mädchen - ganze Frauen“,1992, kritisierte Machbarkeitswahn und „Lolita-Fixierung“ in diesem weitestgehend unkontrolliert tätigen medizinischen „Spezialgebiet“ Kinder- und Jugendgynäkologie - bestehend aus diversen Berufsgruppen wie Pädiater, Endokrinologen, Chirurgen - wieder.

Wir kennen eine Vielzahl an Behandlungsfolgen: Etwa 20% erfolgreicher Suizid, 80% Suizidversuche gesamt, geschlechtliche Revisionsbegehren, Depressionen, Angstzustände enormen Ausmaßes, die Unmöglichkeit, genitale Lust zu empfinden (nicht zuletzt eine physische Folgeerscheinung der meist kastrophalen OP-Ergebnisse), existenzielle Vereinsamung (erst ab etwa 1990 wird ein Austausch unter Betroffenen - in pathologischem Kontext gehalten - von Ärzten befürwortet, zuvor erfolgten massive Tabuisierungsanweisungen) etc.

Eine medizinische Notwendigkeit eines Eingriffs kann nur für den bisweilen mit AGS einhergehenden Salzverlust, sowie für gonadale Tumore angenommen werden, wie sie häufig sind bei Swyer-Syndrom ("XY-Gonadendysgenesie"), Gemischter Gonadendysgenesie und AIS. Alle weiteren Behandlungen, seien es "Genitalkorrekturen", Verabreichungen von Hormonen (gleich ob zur "Geschlechtsumwandlung" oder zur "Vermeidung" von Wachstumsstörungen) oder gesichtschirurgische Eingriffe zur Beseitigung von sog. Turner-Stigmata, haben keine andere Rechtfertigung als die Eliminierung von Gegenevidenzen zum gesellschaftlichen Dogma der Zweigeschlechtlichkeit "des" Menschen (obgleich in einer Mehrheit von Kulturen - auch wenn diese bezeichnenderweise zu den bevorzugten Opfern des Kolonialismus gehören - entweder ein System von zwei Geschlechtern mehr Variation erlaubt, oder aber zwischen drei und fünf soziale Geschlechter anerkannt werden).

Unerwünschte Kinder - Traumatisierte Erwachsene

Eine Korrektur hat sich für keine einzige von uns als "kleineres Übel" im Sinne eines social compliance Effektes erwiesen. Der Deal "Erlebnisfähigkeit gegen soziale Akzeptanz" ist ohnehin fragwürdig, ja zutiefst unethisch. Aber ganz im Gegenteil haben wir nicht nur als Kinder die Korrektur selbst als Traumatisierung erlebt, sondern diese wurde auch immer wieder durch Nachuntersuchungen, und Folgebehandlungen bestätigt, die z.T extrem schmerzhaft sein können. Hinzukam eine soziale Stigmatisierung alleine aufgrund der Tatsache, daß wir schon nur deswegen "anders" waren, weil keines der anderen Kinder in unserer Umgebung so häufig zum Arzt geschleppt wurde, geschweige denn dort ständig die Hose herunterlassen mußte, um sich von diesem befummeln zu lassen - oder auch Untersuchungen und Nachbehandlungen seitens der eigenen Eltern ertragen mußte.

Ferner war Bestandteil der "Therapie", daß wir, um den Komplott nicht auffliegen zu lassen, dazu angehalten wurden, mit niemandem darüber zu reden, was "wirklich" mit uns los war. Dies wurde durch so perfide Strategien unterstützt, wie daß wir Angst, Scham und Schuldgefühle eingeimpft bekamen, oder auch, daß wir über unseren Zustand nicht einmal vollständig aufgeklärt wurden. Auf diese Art und Weise wurde uns auch eine eigene Identität vorenthalten - und auch eine eigene Würde, denn mit einer solchen als "Intersexe" ließe sich selbst auch Spott über "Zwitter" besser ertragen, als wenn man ängstlich um eine Wahrung der brüchigen Fassade als Frau oder Mann sich selbst (und nicht nur Eltern & Ärzte, die dies gleichsam per Verinnerlichung an uns delegieren) sorgen würde.Sofern uns allen gemeinsame chronische Depressionen nicht zu (erfolgreichen) Selbstmordversuchen führen, kommen die meisten von uns zwischen 25 und 40 in eine existenzielle Krise, in der die aufgezwungene Sozialisierung zusammenbricht. Die einzige Alternative, die diese Gesellschaft bereitstellt, ist jedoch ein NICHTS. Also müssen wir selbst unter den Bedingungen einer extremer Schädigung durch vorgebliche Helfer in der Kindheit als Erwachsene nicht nur über diese Schäden hinwegkommen, sondern auch noch Alternativen finden, die zu erdenken unsere Umwelt zu träge (und unmotiviert) war.

Natürlich können wir weggenommene Körperteile nicht wiedererlangen, aber wir können daran arbeiten, daß Genitalverstümmelungen aufhören, um wenigstens nachfolgenden Generationen ein derartiges Schicksal zu ersparen. Und von der Entwicklung geeigneterer Lebensformen können wir auch selbst noch profitieren.

© AGGPG & GMSSN - 1997
 

>>> Genitalverstümmelungen im Kinderspital: Fakten und Zahlen
>>>
150 Jahre Menschenversuche ohne Ethik und Gewissen
>>>
Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken – eine Genealogie der Täter

Kann ein Zwitter Sünde sein?

Tuesday, July 19 2011

Updates: WM 2011 - FIFA diskriminiert als Zwitter Verdächtigte (II)

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>>> Frauenfussball WM 2011: FIFA diskriminiert als Zwitter Verdächtigte (I)

IOC IAAF: Intersex - Guilty by Suspicion

Aktualitätshalber leider erst jetzt ein Überblick über einige weitere Berichte über das menschenrechtswidrige Vorgehen des Fussballweltverbandes FIFA & Co. betreffend des intransparenten Ausschlusses der äquatorialguneanischen Fussballgeschwister Salimata und Biliguisa Simpore und der Schikanen gegen ihre Teamkollegin Genoveva Anonma, die wohl ebenfalls kurzerhand an der Teilnahme gehindert worden wäre, hätte sie nicht zufällig einen Vertrag mit einem deutschen Club in der Tasche.

Wäre Äquatorialguiniea weitergekommen oder hätte gar gewonnen, wäre leider zu befürchten gewesen, dass die medialen Verunglimpfungen ein noch grösseres Ausmass angenommen hätten. Dass die Mannschaft so früh ausschied, hatte jedoch wiederum wohl nicht zuletzt damit zu tun, dass mit Salimata und Biliguisa Simpore zwei der stärksten Spielerinnen fehlten und auf Captain Genoveva Anonma aufgrund der verletzenden Unterstellungen, gegen die FIFA zu keinem Zeitpunkt je etwas unternahm, zusätzlicher massiver Druck lastete.

>>> Interview vom 24.6.11 auf Radio Dreyeckland mit Markus Bauer a.k.a. yours truly über die Ausschlüsse zum nachhören/herunterladen. Nella meint, es sei nicht schlecht geworden, der Schluss sogar gut ;-).

>>> Interview mit Genoveva Anonma vom 29.6.11 in Die Zeit. Anonma berichtet, wie sie und die Geschwister Simpore unter den von GegenerInnen und der Weltpresse ständig kolportierten Gerüchte und Unterstellungen leiden, und dass Salimata Simpore letztlich deshalb nicht teilnehmen konnte, weil sie es nicht mehr aushielt, sich in Afrika vor jedem Spiel auf Verlangen ihrer Konkurrentinnen nackt auszuziehen:

Salimata hat unter den Unterstellungen sehr gelitten. Und Kamerun hat ihr immer besonders viele Schwierigkeiten gemacht. Es sind nicht nur die Dinge, die die Leute über sie sagten. Sie müssen sich vorstellen, was es bedeutet, sich vor praktisch jedem internationalen Spiel nackt zeigen zu müssen. Es gab Mannschaften, die sich geweigert haben, gegen uns zu spielen, wenn sie sich nicht vorher entblößt hätte. Das macht einen fertig. Es ist nicht leicht, so Fußball zu spielen. [...] Salimata leidet sehr darunter, nicht bei der WM spielen zu können.

Und hält weiter fest:

Aber um so etwas muss sich eigentlich die Fifa kümmern. Normal ist es jedenfalls nicht, Spielerinnen auf diese Weise zu beschädigen, nur weil sie anderen vielleicht überlegen sind. Solche Beschuldigungen zu erheben, ist ziemlich einfach. Und natürlich erfüllen sie ihren Zweck, die Spielerinnen zu erniedrigen. [...] [Dass mein Name in den Medien vor allem mit den geschlechtsbezogegen Unterstellungen verknüft wird] stört mich sehr. Ich möchte nicht, dass mein Name in den Schmutz gezogen wird. Wenn man mich testen möchte, bitte sehr. Aber die Art, wie über mich berichtet wird, gefällt mir gar nicht. Die Leute erzählen Dinge über mich, obwohl sie keine Ahnung haben. [...] Würden meine Eltern davon erfahren, würde sie das sehr belasten. [...] oft fühle ich mich mit diesen Angriffen auch allein. Diese Dummheiten ärgern mich. Deswegen spreche ich auch ungern darüber. Ich versuche, nicht einmal daran zu denken. [...] ich überlege, mir einen Anwalt zu nehmen, wenn dieser Unfug nicht aufhört.

Dass, worauf u.a. ein >>> Artikel in der Berliner Zeitung vom 30.6.11 hinwies, die FIFA den Namen von Genoveva Anonma konsequent und beleidigend falsch schrieb mit einem zusätzlichen N am Schluss ("Anonman" = ein Nicht-Mann), ist da nur noch das Tüpfelchen auf dem i.

In einem >>> Kommentar vom 6.7.11 in Die Zeit fordert Anna Gauto verdankenswerterweise: "Die Fifa sieht nur zu, sollte aber endlich eingreifen." Und weiter:

 

Dass die Presse ihre Schlüsse zieht, ist das eine, was die Fifa (nicht) macht, das andere. Obwohl das vor der WM erlassene Fifa-Reglement für den Geschlechtstest zum Schutz der Spieler Sanktionen bei unbegründeten Verdächtigungen vorsieht, agiert der Verband passiv. Doch die Fifa sollte den Behauptungen nachgehen. Wenn sie sich als haltlos erweisen, muss das konsequenterweise Folgen haben.  [...] Bislang überträgt der Weltfußballverband die Verantwortung, das Geschlecht der Spieler zu bestimmen, den Nationalverbänden und deren Teamärzten. [...] Genau dieser Mechanismus aber schafft Raum für Missbrauch und Spekulationen. [...] Die Fifa-Regeln für den Geschlechtstest sollen faire Wettbewerbsbedingungen sicherstellen und gleichzeitig die Würde und Privatsphäre der Sportler und Sportlerinnen schützen. Salimata Simpore musste sich vor internationalen Spielen in Afrika entblößen, weil die Gegner an ihrem Geschlecht zweifelten. Solch entwürdigende Praktiken sollte die Fifa künftig unterbinden.

 

Einer der wenigen innerhalb des WM-Zirkus, der sich in den Medien für Fairness gegenüber den verunglimpften Spielerinnen einsetzte und die FIFA für ihre Unterlassungen deutlich kritisierte, war der australische Trainer Tom Sermanni. In einer >>> englischsprachigen AP-Meldung vom 26.6.11 mit dem Titel "Rote Karte für FIFA in Geschlechterskandal" hatte er (vergeblich) von der FIFA gefordert, dem unwürdigen Treiben ein Ende zu bereiten, bevor das Turnier in eine "Parodie von Andeutungen und Gerüchten" ausarte.

>>> Frauenfussball WM 2011: FIFA diskriminiert als Zwitter Verdächtigte (I)

>>> Wegen Caster Semenya: IOC plant neue "Intersex-Regeln" 
>>> IOC / IAAF: Neue "Hyperandrogenismus"-Geschlechterregeln 2011
>>> Zwitter im Sport: IOC, IAAF und FIFA leugnen Verantwortung
>>>
IOC und IAAF unterstützen GenitalverstümmlerInnen
>>> IOC/IAAF/FIFA: "Zwitter brauchen OPs und Hormonbehandlungen"

Siehe auch:
- Alle Posts über Caster Semenya
- Caster Semenya rehabilitiert – und Santhi Soundarajan??? 
- Diskriminierung von Zwittern im Sport weltweit
- "Caster Semenya wird als Zwitter verheizt"
- Protest gegen Diskriminierung von Zwittern im Sport, IOC 19.11.09 

Thursday, May 19 2011

"EuroDSD"-Genitalverstümmler Garry L. Warne (Royal Children's Hospital, Melbourne): "Wir operieren Kinder am liebsten 4 bis 6 Wochen nach der Geburt"

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«A Gonad For A Gonad, A Lust Organ For A Lust Organ» - Garry L. Warne (left) at the main entrance of '3rd EuroDSD Symposium', Lübeck 20.5.11Friedlicher Protest vor dem "3rd EuroDSD Symposium", Lübeck 20.05.2011
(Mitte: Garry L. Warne, Royal Children's Hospital Melbourne)

Zum Auftakt des "3rd EuroDSD Symposium" morgen in Lübeck haben die Lübecker Organisatoren den Australier Endokrinologen Garry L. Warne eingeladen, der zum Thema "Neue Erfolgsaussichten in der DSD-Forschung" referieren wird.

Allerdings nährt ein Blick auf Garry L. Warnes bisherige "Errungenschaften" primär die Befürchtung, dass die "neuen Aussichten" sich – Überraschung! – letztlich als die alten entpuppen werden, inkl. der bekannten Folgen für die überlebenden Opfer – wohl auch der Grund für die Wahl von Warne durch die "EuroDSD"-Verantwortlichen Olaf Hiort und  Lutz Wünsch (Übersetzungen aus dem Englischen durch Zwischengeschlecht.info):

Das Kernteam für die Behandlung von Intersex-Patienten [am Royal Children Hospital (RCH) Melbourne] arbeitet seit über 25 Jahren zusammen [...]. Während dieser Zeitspanne von 25 Jahren blieb es eine Verfechterin früher Genitaloperationen an Kindern mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen, die als Mädchen aufwachsen sollen. Es rät, die Operationen im Alter von vier bis sechs Wochen vorzunehmen. Das Team empfiehlt ebenfalls die frühe Entfernung der Hoden bei Kompletter Androgenresistenz [CAIS] und bei gemischer XY Gonadendysgenesie. ("Intersex, East and West", S. 200)

Entsprechende Verstümmelungsanpreisungen, versetzt mit einigen symbolischen etwas "progressiver" anmutenden Bausteinen, finden sich dann prompt auch in den Eltern-Broschüren von Garry L. Warne zu "Androgenresistenz" und dem "Adrenogenitalen Syndrom (AGS/CAH)":

BEHANDLUNG VON AGS

[...] Mädchen mit AGS benötigen gewöhnlich Operationen, um normal aussehende Genitalien wiederherzustellen. Jungen benötigen dies nicht.

AGS – CHIRURGISCHE BEHANDLUNG

Chirurgische Behandlung für Mädchen mit AGS

Mädchen mit AGS brauchen gewöhnlich Operationen, um die Klitoris auf Normalgrösse zu verkleinern, zur Trennung zusammengewachsener Schamlippen und zur Vergrösserung des Scheideneingangs. Der technische Name für diese Operation ist 'Klitorisreduktion und Vaginoplastie'. Es wird entweder einzeitig oder in zwei Schritten gemacht. Die Klitorisreduktion wird in den ersten Lebensmonaten vorgenommen. Die Vaginoplastie wird gewöhnlich zur selben Zeit gemacht wie die Klitorisreduktion [...]. ("Your Child with Congenital Adrenal Hyperplasia")

OPERATIONEN VON MÄDCHEN MIT AIS

Die Entfernung der Hoden

Die in der Bauchhöhle verbleibenden Hoden [...] neigen zu Krebsentwicklung. Dies tritt bei etwa 9% der Frauen mit AIS auf, doch selten vor der Pubertät. [Anmerkung: bei CAIS beträgt das Krebsrisiko laut Looijenga et. al. 0.8%-2%] Die meisten Experten sind jedoch der Meinung, dass das Krebsrisiko nach der Pubertät zu hoch ist und empfehlen daher die Entfernung der Hoden vor dem 20. Lebensjahr. [...] Die [...] Entfernung der Hoden in der frühen Kindheit [...] wird zum Teil gewählt, um das Krebsrisiko auszuschließen, weil es viele Eltern in Sorge versetzt. Eine andere Überlegung von Eltern und Ärzten ist, dass es für das Mädchen besser ist, nicht an der Entscheidung über die Entfernung der Hoden beteiligt zu werden. Die frühzeitige Entfernung der Hoden ist bei Kleinkindern mit PAIS (im Gegensatz zu CAIS), die als Mädchen erzogen werden, äußerst wichtig, weil die Hoden ansonsten eine fortschreitende männliche Entwicklung bewirken können. Bei diesen Mädchen bieten Ärzte den Eltern auch eine Operation zur Verkleinerung der Klitoris und zur Trennung der verwachsenen Schamlippen an.
("Komplette Androgenresistenz (CAIS)", S. 17; vgl. auch Anmerkung unten bei Quellenangabe betr. Übersetzung, Unterstützung und Propagierung dieser Aufforderung zum Genitalerstümmeln durch XY-Frauen/Intersexuelle Menschen e.V.)

Dieselben Anpreisungen von verstümmelnden Zwangseingriffen an Neugeborenen, wiederum inkl. einigen symbolischen "progressiveren" Einschüben, sowie unterlegt durch anekdotische "Beweise", propagiert Garry L. Warne auch in medizynischen Fachbüchern – unter mehrfacher Betonung der absoluten Verfügungsgewalt von Eltern und Medizynern über die Körper wehrlosen Kleinkinder:

Etwa 1 von 4000 Kindern wird mit uneindeutigen Genitalien geboren [...]. Dieses Ereignis erzeugt bei den Eltern furchtbare Ängste [...]

MEDIZINISCHE BEHANDLUNG

[...]

Psychologische Unterstützung für Eltern 

[...] Beide Eltern sollten zusammen psychologisch beraten werden. Sie werden dankbar sein zu hören, dass es andere Babies mit denselben Befunden gibt und dass es eine Anzahl wohlbekannter und behandelbarer medizinischer Befunde gibt, die dazu führen, dass Genitalien atypisch aussehen. [...] 

Geschlechtszuweisung

[...] Obwohl es vereinzelt Berichte über erfolgreiche psychosexuelle Ergebnisse gibt bei Menschen, die mit uneindeutigen Genitalien gross geworden sind, besteht keine Klarheit über ihre Anzahl, und die Fallgeschichten sind schlecht dokumentiert, und der Berufsstand der Ärzte bleibt unüberzeugt, dass es vernünftig sei, einem Kind zuzumuten mit uneindeutigen Genitalien aufzuwachsen und für sich selbst eine Entscheidung zu treffend bezüglich Operationen, geschweige denn das Beste. Beobachtungen des Autors in Indien und Vietnam (unpubliziert) weisen darauf hin, dass die meisten Kinder, die mit uneindeutigen Genitalien aufwachsen, weil kein Zugang zu Operationen bestand, ein elendes Leben führen und täglich unter Diskriminierung und Beschimpfungen leiden. [...]

Es gibt objektive Gründe, warum Patienten, die heute operiert werden, bessere Resultate erwarten können als Patienten, die vor 20-30 Jahren behandelt wurden. Klitorisoperationen haben sich mit Sicherheit verbessert. [...]

Aus all diesen Gründen plädiert der Autor fürt die Fortführung der Praxis der frühen Operationen, speziell bei AGS-Mädchen im Hinblick auf die Fertilität. [...] Eltern haben das gesetzliche Recht, über Genitaloperationen [für ihre Kinder] zu entscheiden, wenn ihrer Meinung nach und nach der Meinung der verantwortlichen Ärzte die Vorteile einer Operation grösser sind als die Risiken [...]. ("Management of ambiguous genitalia at birth", S. 97, 100, 101)

Dies alles wohlbemerkt, obwohl sogar eine in Melbourne von Warne selber durchgeführte Vergleichsstudie über "psychologische, sexuelle, soziale Langzeitergebnisse" an 50 operierten "Intersex-Patienten" zum (wenig überraschenden) Resultat kam:

Bei der IS-Gruppe war die Wahrscheinlichkeit geringer zu einem Orgasmus zu kommen als bei der kombinierten Vergleichsgruppe (p<0.05), sie tendierte zu mehr Schmerzen während dem Verkehr (p=0.06), und sie hatte mehr Schwierigkeiten mit Penetration (p<0.01). [...] ("Intersex, East and West", S. 202)

Auch der wohl unheilbar selbstgerechte Verstümmler Warne kommt zwar mittlerweile nicht mehr darum herum, zumindest da und dort zu erwähnen, dass unter den "Patienten" die Meinung über das ihnen angetane Unrecht eine andere ist als unter den BehandlerInnen. Wenig überraschend kann Dr. Warne es dabei nicht lassen, diese über ihre Verstümmelungen wenig Erbauten als "Aktivisten" zu verunglimpfen und ihre Anliegen, Pardon: "Behauptungen", mutwillig zu verzerren und nach Möglichkeit lächerlich zu machen:

[...] einige Patienten-Interessegruppen und Kliniker stellen sich gegen frühe Operationen [...]. Die früheren Patienten, die sich gegen frühe Operationen stellen, tun dies, weil sie unglücklich sind mit den Ergebnissen im Anschluss an ihre eigenen Operationen. Einige sind unzufrieden mit dem Geschlecht, das ihnen als Kind zugewiesen wurde, und viele behaupten weiter, wenig oder keine Befriedigung von sexuellen Beziehungen zu erlangen. ("Management of ambiguous genitalia at birth", S. 101)

Die meisten Pädiater und Kinderchirurgen bevorzugen frühe Operationen, doch die meisten Aktivisten sind dagegen. Wir haben eine Pattsituation erreicht. ("Intersex, East and West", S. 202)

Quellenangaben:
• Garry Warne and Vijayalakshmi Bhatia: "Intersex, East and West", in: Sharon E. Sytsma (Ed.): "Intersex and Ethics", Springer 2006, S. 183-205
• G. L. Warne: "Your Child with Congenital Adrenal Hyperplasia [CAH]" >>> Online-Broschüre
• Garry L. Warne: "Komplette Androgenresisten (CAIS)", Elternbroschüre 1997 (Deutsche Übersetzung XY-Frauen, 2004) (>>> PDF, 1.1 MB  [Anmerkung: Die Selbsthilfegruppe XY-Frauen, Bestandteil von Intersexuelle Menschen e.V., die sich sonst beide insbesondere bei CAIS eigentlich stets gegen die in der Broschüre hemmungslos propagierten Kastrationen etc. aussprechen, bezog als offizielle Übersetzerin der Broschüre dazu bis heute nie entsprechend Stellung, sondern empfehlen sie im Gegenteil unverändert kritiklos inkl. Download-Angebot auf xy-frauen.de, sowie Intersexuelle Menschen e.V. auf ihrer Linkseite unter "Aufklärung" [!].]
• Gary L. Warne: "Management of ambiguous genitalia at birth", in: Adam H. Balen/Sarah M. Creighton/Melanie C. Davies/Jane MacDougall/Richard Stanhope (Ed.): "Paediatric and Adolescent Gynaecology. A Multidiscilipnary Approach", Cambridge University Press 2004, S. 97-103.

Meine 2 Cent: "Pattsituation" bei gleichzeitig unveränderten täglichen Genitalverstümmelungen und Gonadektomien durch ethisch gestörte Medizyner von Melbourne bis Lübeck, am Arsch! Sobald es um seine eigenen Genitalien und Gonaden ginge, hätte der saubere Dr. Warne wohl ziemlich schnell eine ziemlich andere Meinung – wetten?!

Genitalabschneider, wir kriegen euch! Zwangsoperateure, passt bloss auf!

Gonade um Gonade, Lustorgan um Lustorgan!

>>> Intersex-Genitalverstümmelungen: Typische Diagnosen und Eingriffe
>>>
Genitalverstümmelungen im Kinderspital: Fakten und Zahlen
>>> 150 Jahre Menschenversuche ohne Ethik und Gewissen

Siehe auch:
- Zwangsoperierte über sich selbst und ihr Leben
- "Unrecht der Medizinversuche anerkennen" (Oliver Tolmein 2009)
- Genitalverstümmelungen in westlichen Kinderkliniken – eine Genealogie der TäterInnen
- "Genitalkorrekturen in Deutschland in der Regel im ersten Lebensjahr" (DGKJ/APE/DGE)
- Kinderkliniken: € 8175,12 Reingewinn pro Genitalverstümmelung
- Lübeck: Klinikdirektor propagiert genitale Zwangsoperationen an Kindern! 
- Genitalverstümmler und Zwangsoperateure in Baden-Württemberg  
- Göttingen / Lübeck: Direktor und Oberarzt propagieren genitale Zwangsoperationen
- Bremen: Genitalverstümmelungen im "Zentrum für Kinderheilkunde"
- Universitätsklinikum Heidelberg: Genitale Zwangsoperationen im Angebot 
- Deutsche Urologen fordern genitale Zwangsoperationen an Säuglingen! 
- Genitalverstümmler Mouriquand: "keine Garantie für sexuelle Empfindsamkeit"
- Prof. Dr. Heino Meyer-Bahlburg: John Moneys Erbe 
- Chefarzt Dr. Marcus Schwöbel: genitale Zwangsoperationen an Kindern der "normale Weg" 
- Genitalverstümmelungen: "Lieber hier durchführen als im Osten" (Prof. Dr. Christian Kind)
- Weiße Kittel mit braunen Kragen, reloaded
- "Weder Evidenz noch medizinische Indikation" (Dr. med. Jörg Woweries)
- "Gott hat uns dieses Kind geschenkt, so wie es ist." (eine Mutter)
- Bundestag: "Weibliche Genitalverstümmelung ahnden" - aber die Zwitter verstümmelt nur ruhig weiter ...
- Bundesregierung beugt Grundgesetz Art. 2 (Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit)
- Genitalverstümmelung in Kinderklinik: Wer sind die Täter? Was soll mit ihnen geschehen?

Friday, April 1 2011

Offener Brief von Zwischengeschlecht.org zur DGE 2011, 1.4.11

Vor dem Eingang zur "DGE 2011", Hamburg 30.3.11

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Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie e.V.
c/o EndoScience Endokrinologie Service GmbH
Mozartstr. 23
93128 Regenstauf


Chirurgische Arbeitsgemeinschaft Endokrinologie (CAEK)
c/o [Name und Anschrift des Vorsitzenden
auf dessen Wunsch entfernt,
ohne Anerkennung eines Rechtsanspruchs]
55101 Mainz



Hamburg, 1. April 2011



Offener Brief von Zwischengeschlecht.org zur DGE 2011


Sehr geehrte Damen und Herren

Als sogenannt 'intersexuelle' Menschen und in diesem Zusammenhang auch Betroffene von nicht eingewilligten medizinischen Massnahmen sind wir sehr besorgt darüber, dass Ihre Organisationen ebensolche Zwangsmassnahmen propagieren und durch ihre Mitglieder durchführen lassen.

Wir beziehen uns dabei insbesondere auf die AWMF-Leitlinien 027/022 "Störungen der Geschlechtsentwicklung" und 027/047 "Adrenogenitales Syndrom", die wiederholt solche kosmetischen Eingriffe an Kleinkindern propagieren und dabei ethische und menschenrechtliche Gesichtspunkte entweder gar nicht oder nicht adäquat berücksichtigen.

Zwar bezieht sich die Leitlinie 027/022 teilweise unter anderem auf das Konsensuspapier "Ethische Grundsätze und Empfehlungen bei DSD" der Arbeitsgruppe Ethik im Netzwerk Intersexualität "Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung" (1). Dessen Schlussfolgerungen werden jedoch in den Leitlinien einseitig und selektiv berücksichtigt. So benutzt zum Beispiel die Leitlinie das Ethikpapier dazu, Grund- und Menschenrechte der Kinder zu negieren, indem es abschliessend als einziger Beleg dafür hinzugezogen wird, dass "[r]echtlich [...] letztlich den Eltern die Entscheidung [zusteht]".

Dabei wird ausgeblendet, dass auch das Ethikpapier verschiedentlich bestätigt, dass auch die Kinder Rechte haben, darunter insbesondere das Recht auf "körperliche Integrität und Lebensqualität, insbesondere im Bereich der Fortpflanzungsfähigkeit sowie des sexuellen Erlebens, und die freie Entwicklung der Persönlichkeit", sowie das "Recht von Kindern und Jugendlichen auf Partizipation bzw. Selbstbestimmung" (2).

Ebenso hält auch das Ethikpapier unmissverständlich fest, dass medizinisch nicht notwendige, irreversible Eingriffe an Kindern klar unzulässig sind: "Maßnahmen, für die keine zufrieden stellende wissenschaftliche Evidenz vorliegt, sowie Maßnahmen, die irreversible Folgen für die Geschlechtsidentität oder negative Auswirkungen auf Sexualität oder Fortpflanzungsfähigkeit haben können, sind besonders begründungs- und rechtfertigungspflichtig und bedürfen einer zwingenden medizinischen Indikation." (3)

Auf die grund- und menschenrechtlichen Implikationen medizinisch nicht notwendiger Eingriffe ohne Evidenz geht die Leitlinie 027/022 gar nicht erst ein.

Die 2010 neu eingeführte Leitlinie 027/047 "Adrenogenitales Syndrom" lässt ethische Bedenken gleich ganz außen vor und propagiert stattdessen medizinisch nicht notwendige „Genitalkorrekturoperationen“ an Kleinstkindern als selbstverständlich:

„In der Regel wird die Operation in Deutschland im ersten Lebensjahr durchgeführt.“

Nebst unkontrollierten chirurgischen Menschenversuchen leistet die Leitlinie 027/047 auch unkontrollierten pränatalen Hormonexperimenten mit Dexamethason Vorschub. Zwar hält die Leitlinie hierzu immerhin fest:

"Die pränatale AGS-Therapie ist nach wie vor eine experimentelle Therapie. Sie sollte im Rahmen kontrollierter Studien durchgeführt werden (zentrale Datenerfassung für die Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Endokrinologie über Prof. Dr. H.G. Dörr, Kinder- und Jugendklinik der Universität Erlangen)."

Trotzdem belässt es die von Prof. Dr. Dörr mitverantwortete AWMF-Leitlinie 027/042 letztlich bei unverbindlichen Empfehlungen ("sollte") – und erlaubt es so eigenmächtig "experimentierenden" Medizinern, dies weiterhin nach eigenem Gutdünken willkürlich zu tun, ohne dass sie für ihre menschenrechtswidrigen unkontrollierten Humanexperimente je irgendwelche Konsequenzen zu vergegenwärtigen hätten.

Dieses Unterlassung ist umso empörender, als Prof. Dr. Dörr schon seit längerem beklagt, dass sich die meisten Endokrinologen seit 1990, also seit zwanzig Jahren einen Deut um die Datenerfassung kümmern:

"Das Ausfüllen der Fragebögen erfolgt auf freiwilliger Basis. [...] Leider muss man somit feststellen, dass die Fragebögen nahezu nie komplett ausgefüllt zurückgeschickt werden [...]. Aufgrund der derzeit bestehenden Strukturen besteht jedoch keine Möglichkeit, gezielt nach den fehlenden Daten nachzufragen.[...] Man muss allerdings davon ausgehen, dass die dokumentierten Fälle in der Datenbank nur einen Teil der tatsächlich pränatal behandelten Fälle in Deutschland darstellen. Zum Beispiel wurden für das Jahr 1999 nur 2 Fälle und für das Jahr 2000 überhaupt kein Fall dokumentiert." (4)

"Dexamethason wird nicht selten großzügig Risikoschwangeren verordnet, ohne dabei einige der Grundregeln zu beachten, (…) und vor allem ohne die schriftliche Aufklärung der betroffenen Familie über die Therapie einschließlich der potenziellen Nebenwirkungen für Mutter und Kind."
(4)

Unserer Auffassung nach sind seit den Nürnberger Prozessen unkontrollierte Menschenexperimente, noch dazu ohne umfassende Aufklärung, nicht nur ethisch, sondern auch rechtlich nicht mehr haltbar, und eigentlich ein Fall für den Staatsanwalt.

Es ist verdankenswert, dass ein Mitglied der DGE hier hinschaut und die Tatsachen beim Namen nennt. Dass eine zwei Jahre später erstellte Leitlinie aus diesen bekannten Tatsachen keine Konsequenzen zieht, stimmt mehr als nachdenklich.

Unter diesen Voraussetzungen lässt die 2009 angemeldete und auf 2011 angekündigte AWMF-Leitlinie 027/029 "Hypospadie" unter Federführung derselben Verantwortlichen wie schon bei den Leitlinien 027/022 "Störungen der Geschlechtsentwicklung" und 027/047 "Adrenogenitales Syndrom", nämlich DGKJ, APE, AG DSD/Störungen der Geschlechtsdifferenzierung und DGE, wenig Gutes erahnen.

Wie interne Untersuchungen der APE (5) und ESPE (6) zudem bestätigen, sind es hauptsächlich Endokrinologen, die allein oder zusammen mit einem Kinderchirurgen in den Kinderkliniken den Eltern medizinisch nicht notwendige, irreversible Genitaloperationen aufdrängen.

Eine Mutter, die von einer Netzwerk DSD/Intersexualität-Endokrinologin "beraten" wurde:

„Wir Eltern wurden von den Ärzten massiv unter Druck gesetzt, das Kind geschlechtsbestimmend operieren zu lassen, obwohl es vollkommen gesund war und keine Beschwerden hatte. Nicht zu operieren, wäre für das Kind ein gesellschaftliches Desaster, lautete die Begründung. Die Rede war zuerst von einem Mädchen. ‘Aber wir machen auch einen Bub, wenn Sie das lieber wollen’, bot uns die Ärztin an.“ (7)

Als Betroffene sowohl von nicht eingewilligten "Genitalkorrekturen" wie auch von nicht eingewilligten Gonadektomien sind wir über diese Leitlinien und solche "Beratungen" entsetzt und halten fest:

Geschlechtszuweisende chirurgische Genitalkorrekturen ohne medizinische Indikation, wie sie auch in Deutschland immer noch regelmässig an Kleinkindern durchgeführt werden, sind auch in der medizinischen Lehre alles andere als unumstritten. Nach wie vor gibt es keine gesicherten Erkenntnisse, dass sie auf lange Sicht wirksam und sicher sind. Hingegen gibt es viele Indizien, welche ihre Wirksamkeit in Frage stellen.

Weder ist gesichert, dass Genitalkorrekturen langfristig zu besseren psychosozialen Resultaten führen, als wenn sie unterlassen werden. Noch kann garantiert werden, dass ein Kind sich entsprechend der ihm zugewiesenen Geschlechtsidentität entwickelt. Im Gegenteil, aktuelle Studien belegen:

"Die Behandlungsunzufriedenheit von Intersexuellen ist [...] eklatant hoch. [...] Ein Drittel [der Patienten] bewertet geschlechtsangleichende Operationen als zufriedenstellend bzw. sehr zufriedenstellend, ein weiteres Drittel ist unzufrieden bzw. sehr unzufrieden und das letzte Drittel ist z.T. zufrieden, z.T. unzufrieden." (8)

Die Behandlungszufriedenheit ist bei intersexuellen Erwachsenen und auch Eltern intersexueller Kinder "gering". Eltern beurteilen "die behandelnden Ärzte/Ärztinnen schlechter als Eltern von Kindern mit anderen chronischen Erkrankungen". (9) "Als Ergebnis zeigt sich, dass viele Erwachsene mit DSD mit der medizinischen Behandlung sehr unzufrieden sind." (10)

"The outcome of early genital vaginoplasty is poor and repeat procedures are common. Complications such as stenosis and persistent offensive vaginal discharge and bleeding are common. [...] It is also increasingly clear that clitoral surgery in childhood is detrimental to adult sexual function." (11)

„Auch aus der Literatur ist bekannt, dass sich ein überdurchschnittlich hoher Prozentsatz von Menschen mit DSD im Lauf der Pubertät oder im Erwachsenenalter entschließt, das ihnen zugewiesene soziale Geschlecht zu wechseln.“
(12)

Dass die Wirksamkeit der chirurgischen und hormonellen Behandlungsmethoden an Kleinkindern auch nach sechzigjähriger Praxis immer noch nicht erwiesen werden konnte, unterstreicht zudem auch die aktuelle Leitlinie selbst, die sich bekanntlich auf der niedrigsten Entwicklungsstufe 1 befindet.

Flächendeckende prophylaktische Gonadektomien sind laut medizinischen Studien in den meisten Fällen medizinisch nicht notwendig, haben aber für die Betroffenen lebenslange, sehr schwerwiegende Folgen, insbesondere bei anschliessender Hormonersatztherapie entgegen der ursprünglichen Hormonproduktion des Körpers. So beträgt beispielsweise bei CAIS das Krebsrisiko lediglich 0.8 %, bei PAIS 15 %. (13) Sogar Wünsch und Wessel halten in einer aktuellen Publikation fest: "Indikation und Zeitpunkt der Gonadenentfernung müssen dem individuellen Tumorrisiko angepasst werden. Der Schutz der Fertilität ist ein zentrales Anliegen." (14)

Auch aus ethischen und juristischen Gründen sind geschlechtszuweisende chirurgische Genitalkorrekturen und prophylaktische Gonadektomien an Kindern ohne deren informierte Zustimmung strikt abzulehnen.

Wie bereits eingangs erwähnt, sind laut "Ethische Grundsätze und Empfehlungen" irreversible, medizinisch nicht notwendige Eingriffe ohne ausreichende Evidenz klar unzulässig:

"Maßnahmen, für die keine zufrieden stellende wissenschaftliche Evidenz vorliegt, sowie Maßnahmen, die irreversible Folgen für die Geschlechtsidentität oder negative Auswirkungen auf Sexualität oder Fortpflanzungsfähigkeit haben können, sind besonders begründungs- und rechtfertigungspflichtig und bedürfen einer zwingenden medizinischen Indikation. [...] Die Verfügung über Organe und Strukturen, die für die körperliche Integrität oder Geschlechtsidentität wichtig sind (z.B. Keimdrüsen), sollten in der Regel – wenn keine gewichtigen, das Kindeswohl betreffenden Gründe entgegenstehen – dem Betroffenen selbst überlassen bleiben." (15)

2010 bestätigte der Deutsche Ethikrat:

"Der Umgang mit der Intersexualität berührt eine Reihe medizin-, rechts- und sozialethischer Fragen, insbesondere das Recht auf körperliche Unversehrtheit." (16)

Und auf dem Forum Bioethik des Deutschen Ethikrates vom 23.6.2010 fand die Leitung der Arbeitsgruppe Ethik im Netzwerk Intersexualität "Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung", Prof. Dr. Claudia Wiesemann, angesprochen auf die selektive Berücksichtigung der ethischen Grundsätze und Empfehlungen in der aktuellen Leitlinie, deutliche Worte und sprach von Situationen, in denen

"operiert wird auf Teufel komm raus (…) und (…) der informed consent aller Wahrscheinlichkeit nach Makulatur ist und letztendlich die Ethik nur noch als Freifahrtschein dazu dient, an die Eltern eine ohnehin feststehende Entscheidung abzudelegieren" (17).

(Claudia Wiesemann bezog sich dabei hauptsächlich auf "Kleinstzentren". Nach allen uns vorliegenden Informationen ist genau dasselbe jedoch auch in den grossen Behandlungszentren der Fall, und ist noch nirgends die auch in der Leitlinie geforderte Beteiligung von Psychologen, Sozialarbeitern und Ethikern in den multidisziplinären Behandlungsteams wirklich gewährleistet, auch durch entsprechende Festanstellungen.) (18)

Auch internationale Ethikgremien kommen zum Schluss:

"Our working group unanimously supported waiting for children to be old enough to participarte in decisions about risky and painful surgeries that might fail to reliably retain function and produce more normal appearance (for example, surgery for intersex and achondroplasia)." (19)

Die Rechtsprofessorin Konstanze Plett vertritt seit langem den Standpunkt, dass das medizinisch nicht notwendige Gonadektomieren intersexueller Kinder gegen das Sterilisationsverbot verstosse. (20)

Auch international werden medizinisch nicht notwendige Eingriffe an Kindern als Verstoß gegen ihre höchstpersönlichen Rechte gewertet. Vgl. zum Beispiel Prof. Dr. iur. Andrea Büchler, Professorin für Privatrecht an der Universität Zürich:

"Ein medizinischer Eingriff braucht die Zustimmung der betroffenen Person. In der Regel können die Eltern für ihr Kind zustimmen. Geschlechtszuweisende Operationen aber tangieren die höchstpersönlichen Rechte und dürfen nicht ohne Zustimmung des betroffenen Kindes vorgenommen werden – ausser es ist medizinisch notwendig." (21)

Nicht zuletzt verletzen medizinisch nicht notwendige, kosmetische Genitaloperationen an Kleinkindern Grund- und Menschenrechte, insbesondere das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung.

Namhafte Menschenrechtsorganisationen unterstreichen zudem die Parallelen zur weltweit geächteten Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung.


Die Juristin Dr. Angela Kolbe kritisiert in ihrer mit dem Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung ausgezeichneten Dissertation über die verfassungsrechtliche Situation intersexueller Menschen insbesondere die schweren Eingriffe bei Kleinkindern als Verstoß gegen das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. (22)

Als Reaktion auf einen Schattenbericht von Intersexuelle Menschen e.V., der verschiedene Menschenrechtsverletzungen von Intersexuellen durch medizinische Zwangseingriffe auflistete (23), rügte 2009 das UN-Komitee CEDAW die Bundesregierung wegen Missachtung ihrer Schutzpflicht gegenüber intersexuellen Kindern. In den daraus resultierenden schriftlichen Empfehlungen forderte das Komitee die Bundesregierung auf, "wirksame Maßnahmen zum Schutz ihrer Menschenrechte zu ergreifen" (24).

Die Sektionen Deutschland und Schweiz von Amnesty International verabschiedeten 2010 an ihren Jahresversammlungen je eine Motion, worin sie Handlungsbedarf unterstrichen.

Amnesty Deutschland wertete die kosmetischen Genitaloperationen an Kindern als "fundamentalen Verstoß gegen die Menschenrechte":

"Im Mittelpunkt der Bemühungen steht die Ächtung einer medizinischen Praxis, intersexuellen Menschen entweder im frühen Kindesalter ohne Einwilligungsfähigkeit – oder Erwachsenen ohne Aufklärung über Folgen – auf operativ-medikamentösem Weg ein eindeutiges Geschlecht „zuzuweisen“. Dies wird als fundamentaler Verstoß gegen die Menschenrechte (Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf Selbstbestimmung und Würde und auf Nicht-Diskriminierung) gewertet, da solche Maßnahmen in den allermeisten Fällen aus medizinisch-gesundheitlicher Sicht keinerlei Begründung haben." (25)

Und Amnesty Schweiz führte in der Begründung aus:

"Wir erachten genitale Zwangsoperationen für ein schweres Verbrechen, das gegen die Menschenrechte auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde verstösst. Genitale Zwangsoperationen sind schwere medizinische Eingriffe an Kindern mit gesunden, aber sogenannten nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen, die ohne die Einwilligung der Betroffenen vorgenommen werden. Die Folgen von chirurgischen und medikamentösen Eingriffen werden von den Betroffenen oft als Verstümmelungen wahrgenommen. Die Suizidrate bei operierten und hormonbehandelten Intersexuellen ist stark erhöht; auch verstösst die Zuweisung zum explizit männlichen oder weiblichen Geschlecht gegen die Menschenrechte auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde, die nicht nur bei Female Genital Mutilation (FGM) in Entwicklungsländern, sondern weiterhin auch bei genitalen Zwangsoperationen in Industrieländern verletzt werden."
(26)

Terre des Femmes und internationale Expertinnen konstatieren seit Jahren, dass kosmetische Genitaloperationen an Kleinkindern eine Form von Genitalverstümmelung sind und für die Opfer vergleichbar schädlich wie die weibliche Genitalverstümmelung. (27)

Erwachsene, die als Kinder kosmetischen Genitaloperationen unterzogen wurden, beklagen seit den 1990er-Jahren öffentlich die "Zerstörung des sexuellen Empfindens" und der "körperlichen Unversehrtheit" (28) durch diese Eingriffe, welche sie als "Genitalverstümmelung" erfahren. (29)

Wir betroffene Menschen bitten Sie deshalb inständig, die fragwürdigen Praktiken im Zusammenhang mit Intersexualität zu überprüfen,
und bitten um eine diesbezügliche Stellungnahme innert nützlicher Frist.

Ebenso bitten wir Sie inständig um angemessenen Einbezug der Betroffenen und ihrer Organisationen beim Erarbeiten künftiger Behandlungsrichtlinien sowie in der Behandlung selbst (Anbieten von kontinuierlichem Peer Support sowohl für die betroffenen Kinder wie auch für ihre Eltern).

In der Hoffnung auf einen konstruktiven Dialog zwischen verantwortlichen Ärzten und uns Betroffenen grüssen wir Sie freundlich


Im Namen von Zwischengeschlecht.org


Daniela Truffer
Gründungsmitglied Zwischengeschlecht.org
Gründungsmitglied Selbsthilfegruppe Intersex.ch
Mitglied XY-Frauen
Mitglied Intersexuelle Menschen e.V.






Quellen (alle Links Stand 15.9.2010)

(1) Arbeitsgruppe Ethik im Netzwerk Intersexualität "Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung": "Ethische Grundsätze und Empfehlungen bei DSD. In: Monatsschrift Kinderheilkunde 2008, Nr. 156, S. 241-245

(2) Ebd., S. 244

(3) Ebd., S. 245

(4) Helmuth G. Dörr: "Adrenogenitales Syndrom infolge 21-Hydroxylase-Defektes: Hat die pränatale Therapie in Deutschland eine Zukunft?". In:  korasion Nr. 1, März 2008
http://www.kindergynaekologie.de/html/kora62.html

(5) Eigene Umfrage in der Arge Nebenniere der Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Endokrinologie (APE) 2005

(6) Management of Congenital Adrenal Hyperplasia: Results of the ESPE Questionnaire (Riepe et al., Horm Res 2002;58:196-205)

(7) Renata Egli-Gerber: "Weder Mann noch Frau – und doch beides", in: Sonntag/Leben und Glauben, Heft 36/2010, S. 28-30, hier S. 29

(8) Christian Schäfer: "Intersexualität: Menschen zwischen den Geschlechtern".
http://www.springer.com/medicine/thema?SGWID=1-10092-2-513709-0

Lisa Brinkmann; Katinka Schweizer; Hertha Richter-Appelt: "Behandlungserfahrungen von Menschen mit Intersexualität. Ergebnisse der Hamburger Intersex-Studie". Gynäkologische Endokrinologie 04/2007, S. 235-242

(9) Eva Kleinemeier, Martina Jürgensen: "Erste Ergebnisse der Klinischen Evaluationsstudie im Netzwerk Störungen der Geschlechtsentwicklung/Intersexualität in Deutschland, Österreich und Schweiz Januar 2005 bis Dezember 2007", S. 18. http://www.netzwerk-dsd.uk-sh.de/fileadmin/documents/netzwerk/evalstudie/Bericht_Klinische_Evaluationsstudie.pdf

(10) Ebd., S. 37

(11) Sarah M. Creighton: "Adult Outcomes of Feminizing Surgery". In: Sharon E. Sytsma (Ed.): "Ethics and Intersex", Dordrecht: Springer, 2006, S. 207-214

(12) M. Jürgensen; O. Hiort; U. Thyen: "Kinder und Jugendliche mit Störungen der Geschlechtsentwicklung: Psychosexuelle und -soziale Entwicklung und Herausforderungen bei der Versorgung". Monatsschrift Kinderheilkunde, Volume 156, Number 3, March 2008, S. 226-233

(13) Martine Cools, Stenvert L. S. Drop, Katja P. Wolffenbuttel, J. Wolter Oosterhuis, and Leendert H. J. Looijenga: "Germ Cell Tumors in the Intersex Gonad: Old Paths, New Directions, Moving Frontiers". Endocrine Reviews 27(5), 2006: S. 468–484 (S. 481)

(14) L. Wünsch, L. Wessel: "Chirurgische Strategien bei Störungen der Geschlechtsentwicklung". Monatsschrift Kinderheilkunde, Volume 156, Number 3. Springer Berlin / Heidelberg 2008, S. 234-240

(15) Arbeitsgruppe Ethik im Netzwerk Intersexualität "Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung": "Ethische Grundsätze und Empfehlungen bei DSD. In: Monatsschrift Kinderheilkunde 2008, Nr. 156, S. 241-245

(16) Pressemitteilung 06/2010 des Deutschen Ethikrates vom 25.6.2010
http://www.ethikrat.org/presse/pressemitteilungen/2010/pressemitteilung-2010-06

(17) Claudia Wiesemann, Redebeitrag in der Abschlussdiskussion am „Forum Bioethik“ des Deutschen Ethikrates, 23.06.2010, Transkript:
https://blog.zwischengeschlecht.info/post/2010/09/13/Ethik-als-Freifahrtschein-Claudia-Wiesemann-23-6-10

(18) Eckhard Korsch: "Überlegungen zur praktischen Umsetzung des DSD-Consensus-Statements", Vortrag gehalten an der APE 2006, Folien 11-17

(19) Erik Parens (Ed.): "Surgically Shaping Children", Baltimore: The Johns Hopkins University Press, 2006, S. xxix

(20) Vortrag vom 7.3.2001, gehalten anläßlich der 45. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Druckfassung:
Konstanze Plett: Intersexualität aus rechtlicher Perspektive. "Gigi - Zeitschrift für die sexuelle Emanzipation" Nr. 13 (Mai/Juni 2001)

(21) Katrin Hafner: "Ein Intersexueller klagt seinen ehemaligen Arzt an". Tages-Anzeiger, 05.02.2008. http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/wissen/medizin/838834.html

(22) Angela Kolbe: Intersexualität, Zweigeschlechtlichkeit und Verfassungsrecht. Eine interdisziplinäre Untersuchung. Nomos 2010 (Dissertation)

(23) Lucie G. Veith / Sarah Luzia Hassel-Reusing / Claudia J. Kreuzer: Parallelbericht zum 6. Staatenbericht der Bundesrepublik Deutschland zum Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau (CEDAW). Erstellt von: Intersexuelle Menschen e.V. / XY-Frauen (http://intersex.schattenbericht.org)

(24) CEDAW/C/DEU/CO/6
Deutsche Übersetzung: http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Aussenpolitik/Themen/Menschenrechte/Download/ConcludingCommentsFrauen.pdf

(25) "Intersexualität und Menschenrechte", Mitteilung vom 26.5.2010
http://www.mersi-hamburg.de/Main/20100526001

(26) Motion 6: "Position zu Intersexualität"
http://www.queeramnesty.ch/docs/QAI_Motion_GV2010_Intersex.pdf

(27) Hanny Lightfoot-Klein: "Der Beschneidungsskandal". Orlanda 2003. Vgl. insbesondere Kapitel 3: "Intersex-Chirurgie – ein Segen für wen?", S. 49-58

Fana Asefaw, Daniela Hrzán: Genital Cutting – Eine Einführung. In: ZtG Bulletin 28, 2005, S. 8-21
Relevante Auszüge: https://blog.zwischengeschlecht.info/post/2010/08/07/Genitale-Zwangsoperationen-an-Zwittern-Genitalverstuemmelung-Typ-IV-Fana-Asefaw%2C-Daniela-Hrzan%2C-2005
Ganzer Text: http://www.gender.hu-berlin.de/w/files/ztgbulletintexte28/2artikel_asefaw_hrzan.pdf

Marion Hulverscheidt: "Weiblich gemacht? Genitalverstümmelung bei afrikanischen Frauen und bei Intersexuellen". In: TDF. Menschenrechte für die Frau, Nr. 3/4, 2004, S. 23-26
http://kastrationsspital.ch/public/Hulverscheidt_TDF_3-4-04.pdf

Konstanze Plett: "Die Macht der Tabus". amnesty journal 03/2008 - Das Magazin für die Menschenrechte
http://schattenblick.net/infopool/buerger/amnesty/bagru265.html

(28) Cheryl Chase: "Letters from Readers". In: The Sciences, July/August, 3, 1993
http://www.isna.org/articles/chase1995a

(29) Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie (AGGPG):
"Genitalverstümmelungen in Deutschland in der Kinder- und Jugendgynäkologie"
https://blog.zwischengeschlecht.info/pages/Genitalverstuemmelungen-AGGPG-%281996%29

 
>>>
Infoseite zu den Protesten zur "DGE 2011" 
>>> Download Flugblatt (PDF, 168KB)
>>> Bericht 1. Aktion 30.3.   >>> Bericht 2. Aktion 1.4.

>>> Genitalverstümmelungen im Kinderspital: Fakten und Zahlen
>>>
150 Jahre Menschenversuche ohne Ethik und Gewissen 

Siehe auch:
- Genitalverstümmler und Zwangsoperateure in Baden-Württemberg
- Kinderkliniken: € 8175,12 Reingewinn pro Genitalverstümmelung
- "Genitalkorrekturen in Deutschland in der Regel im ersten Lebensjahr" (DGKJ/APE/DGE)
- "Weder Evidenz noch medizinische Indikation" (Dr. med. Jörg Woweries)
- "EuroDSD"-Chef Olaf Hiort: "Intersexuelle" nur ein Bruchteil aller chirurgischen Genitalverstümmelungen in deutschen Kinderkliniken 
- Genitalverstümmelungen in westlichen Kinderkliniken – eine Genealogie der TäterInnen
- Amnesty Deutschland: "fundamentaler Verstoß gegen die Menschenrechte"
- Genitale Zwangsoperationen an Zwittern vergleichbar mit weiblicher Genitalverstümmelung
- Genitale Verstümmelung & Folgeschäden - AGGPG 1998
- Lübeck: Klinikdirektor propagiert genitale Zwangsoperationen an Kindern
- Göttingen / Lübeck: Direktor Rolf-Hermann Ringert und Oberarzt Dominique Finas propagieren genitale Zwangsoperationen an Zwittern
- Alice Dreger über EthikerInnen als MittäterInnen
- Anliegen von Zwischengeschlecht.org an den Deutschen Ethikrat 2010 
- Das Medizynermärchen von den "früheren Behandlungsmaßstäben"
- Zwangsoperationen an Zwittern: Bundesregierung beugt Grundgesetz Art. 2
- Chirurgische Genitalverstümmelungen: UNO mahnt Bundesregierung
- Kosmetische Genitaloperationen an Kindern: Gesetzgeber gefordert
- Schweiz: Terre des Femmes und Amnesty gegen Zwangsoperationen an Zwittern
- "Die Macht der Tabus" - Konstanze Plett über Genitalverstümmelung, amnesty journal 03/08
- "Netzwerk DSD/Intersexualität": Ethik-Empfehlungen als Feigenblatt für Zwangsoperateure
- Die grosse "Intersex"-Statistik-Lüge
- Wer sind die Täter? Was soll mit ihnen geschehen?

Saturday, February 26 2011

Genitalabschneider-Treffen: Termine 2011/2012

Friedlicher Protest zur APE-AGPD 2010, Augsburg 5.11.10

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Auch dieses Jahr planen die MedizynerInnen diverse Städtereisen, Jahresversammlungen und sonstige Sausen, um ungestört neue "Verbesserungen" ihrer menschenrechtswidrigen Verstümmelungen zu propagieren.

Weitere sachdienliche Hinweise jederzeit willkommen!

Wir sehn uns, wo die Action ist!  Mehr dazu laufend ...

>>> DGE 2011   30.3.-2.4. Hamburg
54. Symposion der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE)
+ Chirurgische Arbeitsgemeinschaft Endokrinologie (CAEK) der Deutschen Gesellschaft für die Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV)
www.dge2011.de

3. Dreiländertreffen der Kinderchirurgie   1.-2.4. Basel
www.dreilaendertreff.net

SWDGU 2011   7.-9.4. Tübingen
52. Jahrestagung Südwestdeutsche Gesellschaft für Urologie
www.swdgu.de/2011

"Fritz Rehbein Jubiläum" KBC 2011   8.-9.4. Bremen
Fritz-Rehbein-Symposium zum 100. Geburtstag – Alte und neue Herausforderungen in der Kinderchirurgie – 100 Jahre Kinderchirurgie in Bremen – 60 Jahre Kinderchirurgische Klinik am Standort Mitte
www.conventus.de/kcb2011

22nd ESPU   27.-30.4. Kopenhagen
22nd Congress of the European Society for Paediatric Urology
www.espu2011.org

ECE 2011  30.4.-4.5. Rotterdam
13th European Congress of Endocrinology
www.ece2011.com

3rd EuroDSD Symposium  20.-22.5. Lübeck
3rd Symposium on Disorders of Sex Development – From Gene to Gender
www.eurodsd.eu/en/9384.php

"Ringvorlesung Medizin und Ethik"   Mo 30.5.11 Aachen
Vortrag von Genitalabschneiderin Susanne Krege:
"Intersexualität - Gefangen im falschen Körper"
http://www.ukaachen.de/content/page/5367325

3rd IHW   26.-27.5. Szeged HU
The Third International Hypospadias Workshop
www.srcp.ro/data//Hypospadias%20workshop%20May%202011.pdf

50th ESPE   25.-28.9. Glasgow
50th Annual Meeting European Society for Paediatric Endocrinology
www.espe2011.org

DGU 2011   14.-17.9. Hamburg
63. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie
www.dgu-kongress.de

IV. ISHID   17.-19.9. London
IV. World Congress on Hypospadias and Disorders of Sex Development
www.ishidcongress2011.org

1st Failed Hypospadias   18.9. Arezzo
1st European Conference on Failed Hypospadias Repair

DGKJ 2011   22.-25.9. Bielefeld
107. Jahrestagung Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin
+ 49. Jahrestagung Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH)
www.dgkj2011.de

1st ESFFU ESGURS   06.-08.10. Tübingen
1st Joint Meeting of the EAU Section of Female and Functional Urology (ESFFU) and the EAU Section of Genito-Urinary Surgeons (ESGURS)
http://esffu-esgurs.uroweb.org/
[a.k.a. V. Symposium Rekonstruktive Urologie
www.uro-tuebingen.de/termine.html
ww.tuebingen-info.de/tagungen-kongresse/aktuelle-tagungsliste.html ]

SIU 2011   16.-20.10. Berlin
31st Congress of the Société Internationale d'Urologie (mit "Live Operationen" in der Charité am 18.10.)
www.siucongress.org/2011/schedule.asp

5th Masterclass   2.-4.11. London
5th Annual Masterclass of Genito-Urethral Surgery ("live-surgery")
www.instituteofurology.org/edu.php?page=14

KTK 2011   10.11.11 Basel
4th Symposium on Pediatric Endocrinology and Urology, organisiert von der KTK Kindertagesklinik Liestal (kindertagesklinik.ch)
http://www.swiss-pediatricsurgery.org/upload/ktk11.pdf

APE-AGPD 2011   11.-13.11. Berlin
JA-PED – 6. Gemeinsame Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaften für Pädiatrische Endokrinologie (APE) und Pädiatrische Diabetologie (AGPD)
www.ja-ped.de

2nd ISPAE 2011   25.-27.11.11 Calicut (India)
2nd Biennial Conference of the Indian Society for Pediatric and Adolescent Endocrinology (ISPAE)
www.ispae.org.in

Kinderchirurgisches Symposium 2011   7.12. Bremen
www.klinikum-bremen-mitte.de/internet/ibf/de/2011/Mitte/A/002--.jsp?siteName=kbm
  

Vorschau 2012 / 2013

27th EAU   24-28.2.2012 Paris

DGE 2012   07.-10.3.2012 Heidelberg/Mannheim

4. Dreiländertreffen der Kinderchirurgie   23.3.2012 Colmar (F)

SGKJ 2012   04.-06.5.2012 München

23rd ESPU 2012   09.-12.5.2012 Zürich

13th EUPSA / 59th BAPS 2012   13.-16.6.2012 Rom

DGKJ 2012   13.-16.9.2012 Hamburg

SGKC 2012   20.9.2012 Luzern

51st ESPE   20.-23.9.2012 Leipzig

2nd Failed Hypospadias   22.9.2012 Arezzo

DGU 2012   26.-29.9.2012 Leipzig

APE-AGPD 2012   08.-11.11.2012 Erlangen

DGGG 2012   9.-12.10.2012 München

SGKC   20.9.2012 Luzern

WOFAPS 2013   13.10.2013 Berlin

>>> Genitalverstümmelungen im Kinderspital: Fakten und Zahlen
>>> 150 Jahre Menschenversuche ohne Ethik und Gewissen
>>> Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken – eine Genealogie der Täter

Siehe auch:
- Friedlicher Protest & Offener Brief 3rd EuroDSD Symposium 2011
- Friedlicher Protest & Offener Brief "Ethik"-Vortrag UK Aachen 2011
- Friedlicher Protest & Offener Brief DGE 2011
- Friedlicher Protest & Offener Brief DGKJ-DGKCH 2010
- Friedlicher Protest & Offener Brief APE-AGPD 2010
- Friedlicher Protest & Offener Brief 11th EMBL/EMBO 2010
- Aktion & Offener Brief Ostschweizer Kinderspital St. Gallen 2011
- Aktion & Offener Brief Kinderspital Luzern 2010
- Aktion & Offener Brief Inselspital Bern 2009
- Aktion & Offener Brief Kinderspital Zürich 2008

Thursday, February 3 2011

9. Menschenrechtsbericht: Bundesregierung deckt medizynische Verbrechen an Zwittern

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Seit langen kritisiert dieser Blog die Komplizenschaft der Bundesregierung sowie des Bundestags mit den GenitalverstümmlerInnen in den Kinderkliniken, insbesondere das fehlende Eintreten der verantwortlichen PolitikerInnen für die Durchsetzung des Grund- und Menschenrechts auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung auch für Kinder mit "auffälligen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen.

Und ebenso die Untätigkeit und Komplizenschaft speziell des Bundestags-"Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe".

Umso erfreulicher, dass diese begründete Kritik nun in einer Anhörung im Bundestag durch die Menschenrechts-"Sachverständigen" Michael Krennerich (Nürnberger Menschenrechtszentrum) und Beate Rudolf (Deutsches Institut für Menschenrechte) zumindest teilweise aufgenommen wurde!

Anlass dazu war eine öffentliche Anhörung des "Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe" am 19.1.11 (>>> Tagesordnung als PDF, 16 KB) zum
>>> 17/2840 - 9. Menschenrechtsbericht der Bundesregierung (PDF, 1.2 MB).

Dieser 9. Bericht (vollständiger Titel: "Neunter Bericht der Bundesregierung über ihre Menschenrechtspolitik in den auswärtigen Beziehungen und in anderen Politikbereichen") erwähnt "Intersexuelle" ganze 2 mal:

1) Auf S. 15 in "Teil A — Menschenrechte in Deutschland und in der gemeinsamen Justiz- und Innenpolitik der Europäischen Union" im Zusammenhang mit den Abschliessenden Bemerkungen des UN-Komitees CEDAW (dieser Blog berichtete):

In seinen abschließenden Bemerkungen fordert der Ausschuss die Bundesregierung auf, innerhalb von zwei Jahren einen schriftlichen Bericht zu Maßnahmen im Zusammenhang mit der vom Ausschuss geforderten Dialogaufnahme mit Nichtregierungsorganisationen von intersexuellen und transsexuellen Menschen [...] vorzulegen.

2) Sowie auf S. 43 in "Teil B — Menschenrechte in der Außen- und Entwicklungspolitik" im Zusammenhang mit den EU-"Leitlinien zu Menschenrechtsverteidigern" (in der üblichen vereinnahmenden Reihenfolge):

Unter schwedischer EU-Präsidentschaft im 2. Halbjahr 2009 wurde wegen ihrer besonderen Verletzbarkeit besonderes Augenmerk auf die Lage von [...] Menschenrechtsverteidigern [...] gelegt, die sich für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen einsetzen.

(Ob und falls ja, wie sich die EU je konkret für "Menschenrechtsverteidiger von Intersexuellen" stark gemacht hätte, ist mir nicht bekannt. Jedoch kursieren aktuell Berichte von mindestens einem konkreten Fall in Deutschland, wonach eine Zwitter-Menschenrechtsverteidigerin wegen ihres öffentlichen Engagements in den Medien von einem quasi-öffentlichen Arbeitgeber die Kündigung erhielt und ihre Stelle verlor (!!!), und von weiteren Beispielen im deutschen Sprachraum, bei denen Zwitter-Menschenrechtsverteidiger_innen aus denselben Gründen am Arbeitsplatz unter Druck gesetzt wurden, wobei sich jedoch aufgrund entschlossenen Gegensteuerns zum Glück Schlimmeres abwenden liess ...)

Zumindest die 1. obige Erwähnung im Menschenrechtsbericht wurde nun anlässlich der erwähnten öffentliche Anhörung des "Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe" am 19.1.11 von 2 der geladenen Sachverständigen kritisch aufgenommen und bemängelt, nämlich von Dr. Michael Krennerich, Vorsitzender des Nürnberger Menschenrechtszentrum (NMRZ) sowie Mitarbeiter am Lehrstuhl für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik am Institut für politische Wissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sowie von Prof. Dr. Beate Rudolf, Direktorin im Deutschen Institut für Menschenrechte.

Wenig überraschend ist diese Kritik der beiden Sachverständigen auf der >>> Bundestags-Homepage zur Anhörung (mit Videomitschnitt) direkt nirgends angeführt, sondern es muss dazu der ganze Videomitschnitt visioniert werden (Relevante Stellen: 00:24:00 und 00:52:00, danke an Intersexuelle Menschen e.V. für den Hinweis) – ein Trick, den bekanntlich auch der Ethikrat gern praktiziert.

Zwar ist eine >>> schriftliche Stellungnahme von Dr. Michael Krennerich (PDF, 160 KB) immerhin auf der Bundestagshomepage verfügbar, diese findet sich aber nirgends direkt verlinkt, sondern ist nur via Bundestags-Suchmaschine auffindbar.

Deshalb nachfolgend von Nella angefertigte Transkripte der relevanten Aussagen:

Dr. Michael Krennerich (Nürnberger Menschenrechtszentrum) [meine Hervorhebung]:
Es ist sehr schön, dass Sie NGO's um eine Stellungnahme bitten, zumal ich bei dem vorliegenden Bericht den Eindruck habe, dass die Empfehlungen aus der letzten öffentlichen Anhörung durchaus aufgegriffen wurden in dem Bericht. (...)
Der Menschenrechtsbericht ist wichtig, er ist informativ und kompakt und ist vielleicht der Beste der bisherigen Menschenrechtsberichte. (...)
Wichtig ist schliesslich, dass der Bericht ein Aktionsplan für Menschenrechte enthält. Soweit zum allgemeinen Lob. Nun zur Detailkritik. (...)

[00:24:00, PDF S. 4] Ausserdem kommen im Bereich sozialer Menschenrechte wichtige Probleme innerhalb Deutschlands nicht zur Sprache, so etwa Probleme von Gesundheitsversorgung von Menschen ohne Krankenversicherung oder ohne regulären Aufenthaltsstatus, Probleme des Schulbesuchs von Kindern ohne regulären Aufenthaltsstatus, schwerwiegende medizinische Eingriffe gegenüber intersexuellen Menschen - wichtiges Thema. Auch die menschenrechtliche Lage der Roma oder auch Probleme bei der Umsetzung des Rechts auf Wohnen.

Im PDF wird diese Kritik von Dr. Michael Krennerich zwei weitere Male bekräftigt (S. 11 und S. 13); auf S. 10 erwähnt er zudem die in den CEDAW-Abschlussbemerkungen geforderte "Dialogaufnahme mit NGOs von [...] intersexuellen Menschen".

Prof. Dr. Beate Rudolf (Deutsches Institut für Menschenrechte) [meine Hervorhebung]:
[00:52:00 ] Ein Themenbereich, der nur ganz kurz aufscheint, aus unserer Sicht aber in unzureichender Weise, ist die Menschenrechtssituation von intersexuellen Menschen. Der Bericht erwähnt lediglich, dass die Bundesregierung an den CEDAW-Ausschuss darüber berichten muss, wie sie in den Dialog mit dieser Menschengruppe eingetreten ist. Es wird aber aus dem Bericht nicht deutlich, wie die Bundesregierung hier vorgehen will und vor allem auch, welches Ressort hierfür federführend sein soll. Und aus unserer Sicht ist das längst überfällig, denn es geht um die Situation einer Gruppe von Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes unsichtbar ist, bei der aber erhebliche menschenrechtliche Probleme bestehen. Und hierüber muss sich die Regierung, muss sich auch der Bundestag Gewissheit und Wissen verschaffen.

Für diese klaren und deutlichen Aussagen im Namen dieses Blogs an Dr. Michael Krennerich und Prof. Dr. Beate Rudolf ein ganz herzliches Danke!!!

>>> 150 Jahre Menschenversuche ohne Ethik und Gewissen

PS: Leider ist bisher nicht abzusehen, dass diese engagierten Worte bei den AdressatInnen auf fruchtbaren Boden gefallen wären – im Gegenteil:

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Saturday, November 6 2010

Offener Brief von Zwischengeschlecht.org zur APE-AGPD 2010, 5.11.10

APE-AGPD 2010, Augsburg 5.11.: Unser Beitrag zum 7. Intersex Awareness Day 2010

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>>> Infosseite zum Protest   >>> Bericht Demo 5.11.   >>> Pressemitteilung 3.11.10

[ Eine Kopie dieses Offenen Briefes ging auch an die Medizinerverbände DGK und DGKCH als Follow-Up zum Offenen Brief vom 18.9.10 ]
  

>>> Der Offene Brief als PDF
Zwischengeschlecht.org
Menschenrechte auch für Zwitter!
Postfach 2122
8031 Zürich
info_at_zwischengeschlecht.org



Arbeitsgemeinschaft und Sektion
Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie
Universitätsklinik für Kinder- und
Jugendmedizin
Eythstr. 24
89075 Ulm


Augsburg, 5. November 2010


Offener Brief von Zwischengeschlecht.org zur JA-PED 2010


Sehr geehrte Damen und Herren

Als sogenannt 'intersexuelle' Menschen und in diesem Zusammenhang auch Betroffene von nicht eingewilligten medizinischen Massnahmen sind wir sehr besorgt darüber, dass Ihre Organisationen ebensolche Zwangsmassnahmen propagieren und durch ihre Mitglieder durchführen lassen.

Wir beziehen uns dabei insbesondere auf die AWMF-Leitlinien 027/022 "Störungen der Geschlechtsentwicklung" und 027/047 "Adrenogenitales Syndrom", die wiederholt solche kosmetischen Eingriffe an Kleinkindern propagieren und dabei ethische und menschenrechtliche Gesichtspunkte entweder gar nicht oder nicht adäquat berücksichtigen.

Zwar bezieht sich die Leitlinie 027/022 teilweise unter anderem auf das Konsensuspapier "Ethische Grundsätze und Empfehlungen bei DSD" der Arbeitsgruppe Ethik im Netzwerk Intersexualität "Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung" (1). Dessen Schlussfolgerungen werden jedoch in den Leitlinien einseitig und selektiv berücksichtigt. So benutzt zum Beispiel die Leitlinie das Ethikpapier dazu, Grund- und Menschenrechte der Kinder zu negieren, indem es abschliessend als einziger Beleg dafür hinzugezogen wird, dass "[r]echtlich [...] letztlich den Eltern die Entscheidung [zusteht]".

Dabei wird ausgeblendet, dass auch das Ethikpapier verschiedentlich bestätigt, dass auch die Kinder Rechte haben, darunter insbesondere das Recht auf "körperliche Integrität und Lebensqualität, insbesondere im Bereich der Fortpflanzungsfähigkeit sowie des sexuellen Erlebens, und die freie Entwicklung der Persönlichkeit", sowie das "Recht von Kindern und Jugendlichen auf Partizipation bzw. Selbstbestimmung" (2).

Ebenso hält auch das Ethikpapier unmissverständlich fest, dass medizinisch nicht notwendige, irreversible Eingriffe an Kindern klar unzulässig sind: "Maßnahmen, für die keine zufrieden stellende wissenschaftliche Evidenz vorliegt, sowie Maßnahmen, die irreversible Folgen für die Geschlechtsidentität oder negative Auswirkungen auf Sexualität oder Fortpflanzungsfähigkeit haben können, sind besonders begründungs- und rechtfertigungspflichtig und bedürfen einer zwingenden medizinischen Indikation." (3)

Auf die grund- und menschenrechtlichen Implikationen medizinisch nicht notwendiger Eingriffe ohne Evidenz geht die Leitlinie 027/022 gar nicht erst ein.

Die 2010 neu eingeführte Leitlinie 027/047 "Adrenogenitales Syndrom" lässt ethische Bedenken gleich ganz außen vor und propagiert stattdessen medizinisch nicht notwendige „Genitalkorrekturoperationen“ an Kleinstkindern als selbstverständlich:

„In der Regel wird die Operation in Deutschland im ersten Lebensjahr durchgeführt.“

Nebst unkontrollierten chirurgischen Menschenversuchen leistet die Leitlinie 027/047 auch unkontrollierten pränatalen Hormonexperimenten mit Dexamethason Vorschub. Zwar hält die Leitlinie hierzu immerhin fest:

"Die pränatale AGS-Therapie ist nach wie vor eine experimentelle Therapie. Sie sollte im Rahmen kontrollierter Studien durchgeführt werden (zentrale Datenerfassung für die Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Endokrinologie über Prof. Dr. H.G. Dörr, Kinder- und Jugendklinik der Universität Erlangen)."

Trotzdem belässt es die von Prof. Dr. Dörr mitverantwortete AWMF-Leitlinie 027/042 letztlich bei unverbindlichen Empfehlungen ("sollte") – und erlaubt es so eigenmächtig "experimentierenden" Medizinern, dies weiterhin nach eigenem Gutdünken willkürlich zu tun, ohne dass sie für ihre menschenrechtswidrigen unkontrollierten Humanexperimente je irgendwelche Konsequenzen zu vergegenwärtigen hätten.

Dieses Unterlassung ist umso empörender, als Prof. Dr. Dörr schon seit längerem beklagt, dass sich die meisten Endokrinologen seit 1990, also seit zwanzig Jahren einen Deut um die Datenerfassung kümmern:

"Das Ausfüllen der Fragebögen erfolgt auf freiwilliger Basis. [...] Leider muss man somit feststellen, dass die Fragebögen nahezu nie komplett ausgefüllt zurückgeschickt werden [...]. Aufgrund der derzeit bestehenden Strukturen besteht jedoch keine Möglichkeit, gezielt nach den fehlenden Daten nachzufragen.[...] Man muss allerdings davon ausgehen, dass die dokumentierten Fälle in der Datenbank nur einen Teil der tatsächlich pränatal behandelten Fälle in Deutschland darstellen. Zum Beispiel wurden für das Jahr 1999 nur 2 Fälle und für das Jahr 2000 überhaupt kein Fall dokumentiert."
(4)

"Dexamethason wird nicht selten großzügig Risikoschwangeren verordnet, ohne dabei einige der Grundregeln zu beachten, (…) und vor allem ohne die schriftliche Aufklärung der betroffenen Familie über die Therapie einschließlich der potenziellen Nebenwirkungen für Mutter und Kind." (4)

Unserer Auffassung nach sind seit den Nürnberger Prozessen unkontrollierte Menschenexperimente, noch dazu ohne umfassende Aufklärung, nicht nur ethisch, sondern auch rechtlich nicht mehr haltbar, und eigentlich ein Fall für den Staatsanwalt.
Es ist verdankenswert, dass ein Mitglied der APE hier hinschaut und die Tatsachen beim Namen nennt. Dass eine zwei Jahre später erstellte Leitlinie aus diesen bekannten Tatsachen keine Konsequenzen zieht, stimmt mehr als nachdenklich.

Unter diesen Voraussetzungen lässt die aktuell auf 2011 angekündigte AWMF-Leitlinie 027/029 "Hypospadie" unter Federführung derselben Verantwortlichen wie schon bei den Leitlinien 027/022 "Störungen der Geschlechtsentwicklung" und 027/047 "Adrenogenitales Syndrom", nämlich DGKJ, APE, AG DSD/Störungen der Geschlechtsdifferenzierung und DGE, wenig Gutes erahnen.

Wie interne Untersuchungen der APE (5) und ESPE (6) zudem bestätigen, sind es hauptsächlich Endokrinologen, die allein oder zusammen mit einem Kinderchirurgen in den Kinderkliniken den Eltern medizinisch nicht notwendige, irreversible Genitaloperationen aufdrängen.

Eine Mutter, die von einer Netzwerk DSD/Intersexualität-Endokrinologin "beraten" wurde:

„Wir Eltern wurden von den Ärzten massiv unter Druck gesetzt, das Kind geschlechtsbestimmend operieren zu lassen, obwohl es vollkommen gesund war und keine Beschwerden hatte. Nicht zu operieren, wäre für das Kind ein gesellschaftliches Desaster, lautete die Begründung. Die Rede war zuerst von einem Mädchen. ‘Aber wir machen auch einen Bub, wenn Sie das lieber wollen’, bot uns die Ärztin an.“
(7)


Als Betroffene sowohl von nicht eingewilligten "Genitalkorrekturen" wie auch von nicht eingewilligten Gonadektomien sind wir über diese Leitlinien und solche "Beratungen" entsetzt und halten fest:

Geschlechtszuweisende chirurgische Genitalkorrekturen ohne medizinische Indikation, wie sie auch in Deutschland immer noch regelmässig an Kleinkindern durchgeführt werden, sind auch in der medizinischen Lehre alles andere als unumstritten. Nach wie vor gibt es keine gesicherten Erkenntnisse, dass sie auf lange Sicht wirksam und sicher sind. Hingegen gibt es viele Indizien, welche ihre Wirksamkeit in Frage stellen.

Weder ist gesichert, dass Genitalkorrekturen langfristig zu besseren psychosozialen Resultaten führen, als wenn sie unterlassen werden. Noch kann garantiert werden, dass ein Kind sich entsprechend der ihm zugewiesenen Geschlechtsidentität entwickelt. I
m Gegenteil, aktuelle Studien belegen:

"Die Behandlungsunzufriedenheit von Intersexuellen ist [...] eklatant hoch. [...] Ein Drittel [der Patienten] bewertet geschlechtsangleichende Operationen als zufriedenstellend bzw. sehr zufriedenstellend, ein weiteres Drittel ist unzufrieden bzw. sehr unzufrieden und das letzte Drittel ist z.T. zufrieden, z.T. unzufrieden." (8)

Die Behandlungszufriedenheit ist bei intersexuellen Erwachsenen und auch Eltern intersexueller Kinder "gering". Eltern beurteilen "die behandelnden Ärzte/Ärztinnen schlechter als Eltern von Kindern mit anderen chronischen Erkrankungen". (9) "Als Ergebnis zeigt sich, dass viele Erwachsene mit DSD mit der medizinischen Behandlung sehr unzufrieden sind." (10)

"The outcome of early genital vaginoplasty is poor and repeat procedures are common. Complications such as stenosis and persistent offensive vaginal discharge and bleeding are common. [...] It is also increasingly clear that clitoral surgery in childhood is detrimental to adult sexual function." (11)

„Auch aus der Literatur ist bekannt, dass sich ein überdurchschnittlich hoher Prozentsatz von Menschen mit DSD im Lauf der Pubertät oder im Erwachsenenalter entschließt, das ihnen zugewiesene soziale Geschlecht zu wechseln.“ (12)

Dass die Wirksamkeit der chirurgischen und hormonellen Behandlungsmethoden an Kleinkindern auch nach sechzigjähriger Praxis immer noch nicht erwiesen werden konnte, unterstreicht zudem auch die aktuelle Leitlinie selbst, die sich bekanntlich auf der niedrigsten Entwicklungsstufe 1 befindet.

Flächendeckende prophylaktische Gonadektomien sind laut medizinischen Studien in den meisten Fällen medizinisch nicht notwendig, haben aber für die Betroffenen lebenslange, sehr schwerwiegende Folgen,
insbesondere bei anschliessender Hormonersatztherapie entgegen der ursprünglichen Hormonproduktion des Körpers. So beträgt beispielsweise bei CAIS das Krebsrisiko lediglich 0.8 %, bei PAIS 15 %. (13) Sogar Wünsch und Wessel halten in einer aktuellen Publikation fest: "Indikation und Zeitpunkt der Gonadenentfernung müssen dem individuellen Tumorrisiko angepasst werden. Der Schutz der Fertilität ist ein zentrales Anliegen." (14)

Auch aus ethischen und juristischen Gründen sind geschlechtszuweisende chirurgische Genitalkorrekturen und prophylaktische Gonadektomien an Kindern ohne deren informierte Zustimmung strikt abzulehnen.

Wie bereits eingangs erwähnt, sind laut "Ethische Grundsätze und Empfehlungen" irreversible, medizinisch nicht notwendige Eingriffe ohne ausreichende Evidenz klar unzulässig:

"Maßnahmen, für die keine zufrieden stellende wissenschaftliche Evidenz vorliegt, sowie Maßnahmen, die irreversible Folgen für die Geschlechtsidentität oder negative Auswirkungen auf Sexualität oder Fortpflanzungsfähigkeit haben können, sind besonders begründungs- und rechtfertigungspflichtig und bedürfen einer zwingenden medizinischen Indikation. [...] Die Verfügung über Organe und Strukturen, die für die körperliche Integrität oder Geschlechtsidentität wichtig sind (z.B. Keimdrüsen), sollten in der Regel – wenn keine gewichtigen, das Kindeswohl betreffenden Gründe entgegenstehen – dem Betroffenen selbst überlassen bleiben." (15)

2010 bestätigte der Deutsche Ethikrat:

"Der Umgang mit der Intersexualität berührt eine Reihe medizin-, rechts- und sozialethischer Fragen, insbesondere das Recht auf körperliche Unversehrtheit." (16)

Und auf dem Forum Bioethik des Deutschen Ethikrates vom 23.6.2010 fand die Leitung der Arbeitsgruppe Ethik im Netzwerk Intersexualität "Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung", Prof. Dr. Claudia Wiesemann, angesprochen auf die selektive Berücksichtigung der ethischen Grundsätze und Empfehlungen in der aktuellen Leitlinie, deutliche Worte und sprach von Situationen, in denen

"operiert wird auf Teufel komm raus (…) und (…) der informed consent aller Wahrscheinlichkeit nach Makulatur ist und letztendlich die Ethik nur noch als Freifahrtschein dazu dient, an die Eltern eine ohnehin feststehende Entscheidung abzudelegieren" (17).


(Claudia Wiesemann bezog sich dabei hauptsächlich auf "Kleinstzentren". Nach allen uns vorliegenden Informationen ist genau dasselbe jedoch auch in den grossen Behandlungszentren der Fall, und ist noch nirgends die auch in der Leitlinie geforderte Beteiligung von Psychologen, Sozialarbeitern und Ethikern in den multidisziplinären Behandlungsteams wirklich gewährleistet, auch durch entsprechende Festanstellungen.) (18)

Auch internationale Ethikgremien kommen zum Schluss:

"Our working group unanimously supported waiting for children to be old enough to participarte in decisions about risky and painful surgeries that might fail to reliably retain function and produce more normal appearance (for example, surgery for intersex and achondroplasia)." (19)


Die Rechtsprofessorin Konstanze Plett vertritt seit langem den Standpunkt, dass das medizinisch nicht notwendige Gonadektomieren intersexueller Kinder gegen das Sterilisationsverbot verstosse. (20)

Auch international werden medizinisch nicht notwendige Eingriffe an Kindern als Verstoß gegen ihre höchstpersönlichen Rechte gewertet. Vgl. zum Beispiel Prof. Dr. iur. Andrea Büchler, Professorin für Privatrecht an der Universität Zürich:

"Ein medizinischer Eingriff braucht die Zustimmung der betroffenen Person. In der Regel können die Eltern für ihr Kind zustimmen. Geschlechtszuweisende Operationen aber tangieren die höchstpersönlichen Rechte und dürfen nicht ohne Zustimmung des betroffenen Kindes vorgenommen werden – ausser es ist medizinisch notwendig." (21)

Nicht zuletzt verletzen medizinisch nicht notwendige, kosmetische Genitaloperationen an Kleinkindern Grund- und Menschenrechte, insbesondere das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung.

Namhafte Menschenrechtsorganisationen unterstreichen zudem die Parallelen zur weltweit geächteten Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung.


Die Juristin Dr. Angela Kolbe kritisiert in ihrer mit dem Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung ausgezeichneten Dissertation über die verfassungsrechtliche Situation intersexueller Menschen insbesondere die schweren Eingriffe bei Kleinkindern als Verstoß gegen das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. (22)

Als Reaktion auf einen Schattenbericht von Intersexuelle Menschen e.V., der verschiedene Menschenrechtsverletzungen von Intersexuellen durch medizinische Zwangseingriffe auflistete (23), rügte 2009 das UN-Komitee CEDAW die Bundesregierung wegen Missachtung ihrer Schutzpflicht gegenüber intersexuellen Kindern. In den daraus resultierenden schriftlichen Empfehlungen forderte das Komitee die Bundesregierung auf, "wirksame Maßnahmen zum Schutz ihrer Menschenrechte zu ergreifen" (24).

Die Sektionen Deutschland und Schweiz von Amnesty International verabschiedeten 2010 an ihren Jahresversammlungen je eine Motion, worin sie Handlungsbedarf unterstrichen.

Amnesty Deutschland wertete die kosmetischen Genitaloperationen an Kindern als "fundamentalen Verstoß gegen die Menschenrechte":

"Im Mittelpunkt der Bemühungen steht die Ächtung einer medizinischen Praxis, intersexuellen Menschen entweder im frühen Kindesalter ohne Einwilligungsfähigkeit – oder Erwachsenen ohne Aufklärung über Folgen – auf operativ-medikamentösem Weg ein eindeutiges Geschlecht „zuzuweisen“. Dies wird als fundamentaler Verstoß gegen die Menschenrechte (Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf Selbstbestimmung und Würde und auf Nicht-Diskriminierung) gewertet, da solche Maßnahmen in den allermeisten Fällen aus medizinisch-gesundheitlicher Sicht keinerlei Begründung haben." (25)

Und Amnesty Schweiz führte in der Begründung aus:

"Wir erachten genitale Zwangsoperationen für ein schweres Verbrechen, das gegen die Menschenrechte auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde verstösst. Genitale Zwangsoperationen sind schwere medizinische Eingriffe an Kindern mit gesunden, aber sogenannten nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen, die ohne die Einwilligung der Betroffenen vorgenommen werden. Die Folgen von chirurgischen und medikamentösen Eingriffen werden von den Betroffenen oft als Verstümmelungen wahrgenommen. Die Suizidrate bei operierten und hormonbehandelten Intersexuellen ist stark erhöht; auch verstösst die Zuweisung zum explizit männlichen oder weiblichen Geschlecht gegen die Menschenrechte auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde, die nicht nur bei Female Genital Mutilation (FGM) in Entwicklungsländern, sondern weiterhin auch bei genitalen Zwangsoperationen in Industrieländern verletzt werden."
(26)

Terre des Femmes und internationale Expertinnen konstatieren seit Jahren, dass kosmetische Genitaloperationen an Kleinkindern eine Form von Genitalverstümmelung sind und für die Opfer vergleichbar schädlich wie die weibliche Genitalverstümmelung. (27)

Erwachsene, die als Kinder kosmetischen Genitaloperationen unterzogen wurden, beklagen seit den 1990er-Jahren öffentlich die "Zerstörung des sexuellen Empfindens" und der "körperlichen Unversehrtheit" (28) durch diese Eingriffe, welche sie als "Genitalverstümmelung" erfahren. (29)

Wir betroffene Menschen bitten Sie deshalb inständig, die fragwürdigen Praktiken im Zusammenhang mit Intersexualität zu überprüfen, und bitten um eine diesbezügliche Stellungnahme innert nützlicher Frist.

Ebenso bitten wir Sie inständig um angemessenen Einbezug der Betroffenen und ihrer Organisationen beim Erarbeiten künftiger Behandlungsrichtlinien sowie in der Behandlung selbst (Anbieten von kontinuierlichem Peer Support sowohl für die betroffenen Kinder wie auch für ihre Eltern).

In der Hoffnung auf einen konstruktiven Dialog zwischen verantwortlichen Ärzten und uns Betroffenen grüssen wir Sie freundlich


Im Namen von Zwischengeschlecht.org



Daniela Truffer
Gründungsmitglied Zwischengeschlecht.org
Gründungsmitglied Selbsthilfegruppe Intersex.ch
Mitglied XY-Frauen
Mitglied Intersexuelle Menschen e.V.



Quellen (alle Links Stand 15.10.2010)

(1) Arbeitsgruppe Ethik im Netzwerk Intersexualität "Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung": "Ethische Grundsätze und Empfehlungen bei DSD. In: Monatsschrift Kinderheilkunde 2008, Nr. 156, S. 241-245

(2) Ebd., S. 244

(3) Ebd., S. 245

(4) Helmuth G. Dörr: "Adrenogenitales Syndrom infolge 21-Hydroxylase-Defektes: Hat die pränatale Therapie in Deutschland eine Zukunft?". In:  korasion Nr. 1, März 2008
http://www.kindergynaekologie.de/html/kora62.html

(5) Eigene Umfrage in der Arge Nebenniere der Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Endokrinologie (APE) 2005

(6) Management of Congenital Adrenal Hyperplasia: Results of the ESPE Questionnaire (Riepe et al., Horm Res 2002;58:196-205)

(7) Renata Egli-Gerber: "Weder Mann noch Frau – und doch beides", in: Sonntag/Leben und Glauben, Heft 36/2010, S. 28-30, hier S. 29

(8) Christian Schäfer: "Intersexualität: Menschen zwischen den Geschlechtern".
http://www.springer.com/medicine/thema?SGWID=1-10092-2-513709-0

Lisa Brinkmann; Katinka Schweizer; Hertha Richter-Appelt: "Behandlungserfahrungen von Menschen mit Intersexualität. Ergebnisse der Hamburger Intersex-Studie". Gynäkologische Endokrinologie 04/2007, S. 235-242

(9) Eva Kleinemeier, Martina Jürgensen: "Erste Ergebnisse der Klinischen Evaluationsstudie im Netzwerk Störungen der Geschlechtsentwicklung/Intersexualität in Deutschland, Österreich und Schweiz Januar 2005 bis Dezember 2007", S. 18. http://www.netzwerk-dsd.uk-sh.de/fileadmin/documents/netzwerk/evalstudie/Bericht_Klinische_Evaluationsstudie.pdf

(10) Ebd., S. 37

(11) Sarah M. Creighton: "Adult Outcomes of Feminizing Surgery". In: Sharon E. Sytsma (Ed.): "Ethics and Intersex", Dordrecht: Springer, 2006, S. 207-214

(12) M. Jürgensen; O. Hiort; U. Thyen: "Kinder und Jugendliche mit Störungen der Geschlechtsentwicklung: Psychosexuelle und -soziale Entwicklung und Herausforderungen bei der Versorgung". Monatsschrift Kinderheilkunde, Volume 156, Number 3, March 2008, S. 226-233

(13) Martine Cools, Stenvert L. S. Drop, Katja P. Wolffenbuttel, J. Wolter Oosterhuis, and Leendert H. J. Looijenga: "Germ Cell Tumors in the Intersex Gonad: Old Paths, New Directions, Moving Frontiers". Endocrine Reviews 27(5), 2006: S. 468–484 (S. 481)

(14) L. Wünsch, L. Wessel: "Chirurgische Strategien bei Störungen der Geschlechtsentwicklung". Monatsschrift Kinderheilkunde, Volume 156, Number 3. Springer Berlin / Heidelberg 2008, S. 234-240

(15) Arbeitsgruppe Ethik im Netzwerk Intersexualität "Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung": "Ethische Grundsätze und Empfehlungen bei DSD. In: Monatsschrift Kinderheilkunde 2008, Nr. 156, S. 241-245

(16) Pressemitteilung 06/2010 des Deutschen Ethikrates vom 25.6.2010
http://www.ethikrat.org/presse/pressemitteilungen/2010/pressemitteilung-2010-06

(17) Claudia Wiesemann, Redebeitrag in der Abschlussdiskussion am „Forum Bioethik“ des Deutschen Ethikrates, 23.06.2010, Transkript:
https://blog.zwischengeschlecht.info/post/2010/09/13/Ethik-als-Freifahrtschein-Claudia-Wiesemann-23-6-10

(18) Eckhard Korsch: "Überlegungen zur praktischen Umsetzung des DSD-Consensus-Statements", Vortrag gehalten an der APE 2006, Folien 11-17

(19) Erik Parens (Ed.): "Surgically Shaping Children", Baltimore: The Johns Hopkins University Press, 2006, S. xxix

(20) Vortrag vom 7.3.2001, gehalten anläßlich der 45. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Druckfassung:
Konstanze Plett: Intersexualität aus rechtlicher Perspektive. "Gigi - Zeitschrift für die sexuelle Emanzipation" Nr. 13 (Mai/Juni 2001)

(21) Katrin Hafner: "Ein Intersexueller klagt seinen ehemaligen Arzt an". Tages-Anzeiger, 05.02.2008. http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/wissen/medizin/838834.html

(22) Angela Kolbe: Intersexualität, Zweigeschlechtlichkeit und Verfassungsrecht. Eine interdisziplinäre Untersuchung. Nomos 2010 (Dissertation)

(23) Lucie G. Veith / Sarah Luzia Hassel-Reusing / Claudia J. Kreuzer: Parallelbericht zum 6. Staatenbericht der Bundesrepublik Deutschland zum Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau (CEDAW). Erstellt von: Intersexuelle Menschen e.V. / XY-Frauen (http://intersex.schattenbericht.org)

(24) CEDAW/C/DEU/CO/6
Deutsche Übersetzung: http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Aussenpolitik/Themen/Menschenrechte/Download/ConcludingCommentsFrauen.pdf

(25) "Intersexualität und Menschenrechte", Mitteilung vom 26.5.2010
http://www.mersi-hamburg.de/Main/20100526001

(26) Motion 6: "Position zu Intersexualität"
http://www.queeramnesty.ch/docs/QAI_Motion_GV2010_Intersex.pdf

(27) Hanny Lightfoot-Klein: "Der Beschneidungsskandal". Orlanda 2003. Vgl. insbesondere Kapitel 3: "Intersex-Chirurgie – ein Segen für wen?", S. 49-58

Fana Asefaw, Daniela Hrzán: Genital Cutting – Eine Einführung. In: ZtG Bulletin 28, 2005, S. 8-21
Relevante Auszüge: https://blog.zwischengeschlecht.info/post/2010/08/07/Genitale-Zwangsoperationen-an-Zwittern-Genitalverstuemmelung-Typ-IV-Fana-Asefaw%2C-Daniela-Hrzan%2C-2005
Ganzer Text: http://www.gender.hu-berlin.de/w/files/ztgbulletintexte28/2artikel_asefaw_hrzan.pdf

Marion Hulverscheidt: "Weiblich gemacht? Genitalverstümmelung bei afrikanischen Frauen und bei Intersexuellen". In: TDF. Menschenrechte für die Frau, Nr. 3/4, 2004, S. 23-26
http://kastrationsspital.ch/public/Hulverscheidt_TDF_3-4-04.pdf

Konstanze Plett: "Die Macht der Tabus". amnesty journal 03/2008 - Das Magazin für die Menschenrechte
http://schattenblick.net/infopool/buerger/amnesty/bagru265.html

(28) Cheryl Chase: "Letters from Readers". In: The Sciences, July/August, 3, 1993
http://www.isna.org/articles/chase1995a

(29) Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie (AGGPG):
"Genitalverstümmelungen in Deutschland in der Kinder- und Jugendgynäkologie"
https://blog.zwischengeschlecht.info/pages/Genitalverstuemmelungen-AGGPG-%281996%29


>>> 150 Jahre Menschenversuche ohne Ethik und Gewissen
>>>
Genitalverstümmelungen im Kinderspital: Fakten und Zahlen
>>> 
"Unrecht der Medizinversuche anerkennen" - Oliver Tolmein (2009)
>>> Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken – eine Genealogie der Täter

Siehe auch:

- Genitalverstümmler und Zwangsoperateure in Baden-Württemberg
- Kinderkliniken: € 8175,12 Reingewinn pro Genitalverstümmelung
- "Genitalkorrekturen in Deutschland in der Regel im ersten Lebensjahr" (DGKJ/APE/DGE)
- "Weder Evidenz noch medizinische Indikation" (Dr. med. Jörg Woweries)
- "EuroDSD"-Chef Olaf Hiort: "Intersexuelle" nur ein Bruchteil aller chirurgischen Genitalverstümmelungen in deutschen Kinderkliniken 
- Genitalverstümmelungen in westlichen Kinderkliniken – eine Genealogie der TäterInnen
- Amnesty Deutschland: "fundamentaler Verstoß gegen die Menschenrechte"
- Genitale Zwangsoperationen an Zwittern vergleichbar mit weiblicher Genitalverstümmelung
- Genitale Verstümmelung & Folgeschäden - AGGPG 1998
- Lübeck: Klinikdirektor propagiert genitale Zwangsoperationen an Kindern
- Göttingen / Lübeck: Direktor Rolf-Hermann Ringert und Oberarzt Dominique Finas propagieren genitale Zwangsoperationen an Zwittern
- Alice Dreger über EthikerInnen als MittäterInnen
- Anliegen von Zwischengeschlecht.org an den Deutschen Ethikrat 2010 
- Das Medizynermärchen von den "früheren Behandlungsmaßstäben"
- Zwangsoperationen an Zwittern: Bundesregierung beugt Grundgesetz Art. 2
- Chirurgische Genitalverstümmelungen: UNO mahnt Bundesregierung
- Kosmetische Genitaloperationen an Kindern: Gesetzgeber gefordert
- Schweiz: Terre des Femmes und Amnesty gegen Zwangsoperationen an Zwittern
- "Die Macht der Tabus" - Konstanze Plett über Genitalverstümmelung, amnesty journal 03/08
- "Netzwerk DSD/Intersexualität": Ethik-Empfehlungen als Feigenblatt für Zwangsoperateure
- Die grosse "Intersex"-Statistik-Lüge
- Wer sind die Täter? Was soll mit ihnen geschehen?

Saturday, October 30 2010

"Genitalkorrekturen in Deutschland in der Regel im ersten Lebensjahr" - Medizynerverbände DGKJ/DGKED/DGE: AWMF-Verstümmlerleitlinie 027/047 "Adrenogenitales Syndrom (AGS/CAH)" (2010)

>>> Aktion & Offener Brief zur "Ja-Ped 2010" (DGKED), Augsburg 5.11.10

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Dieselben Genitalabschneider-Standesorganisationen, die schon für die ethisch fragwürdige und dafür verschiedentlich öffentlich kritisierte AWMF-Verstümmlerleitlinie 027/022 "Störungen der Geschlechtsentwicklung" verantwortlich zeichen, nämlich die "Deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin (DGKJ)", die "Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Endokrinologie (APE)" (mittlerweile umbenannt in "Deutsche Gesellschaft für Kinderendokrinologie und -diabetologie (DGKED)") und die "Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE)", lassen in ihrer neuesten, im Januar 2010 in Kraft gesetzten Leitlinie 027/047 "Adrenogenitales Syndrom" ihre Maske fallen und verzichten kurzerhand auf jegliche ethischen Einwände oder sonstige Bedenken. Sondern fordern unverfroren medizinisch nicht notwendige, menschenrechtswidrige "Genitalkorrekturoperationen" an Kleinstkindern "auf Teufel komm raus".

Auch betreffend der unethischen pränatalen Dexamethason-Zwangstherapien haben die Medizynerverbände laut der vorliegenden Leitlinie immer noch nichts dazu gelernt.

Wiederum dieselben Genitalabschneider-Verbände haben zudem auf Januar 2011 eine weitere AWMF-Verstümmler-Leitlinie 027/029 "Hypospadie" angekündigt – das nächste ethische und menschenrechtliche Medizyner-Totalversagen scheint vorprogrammiert ...

Während die "DSD"-Leitlinie 027/022 noch den äusserlichen Schein zu wahren versuchte, indem Ethikgrundsätze erwähnt wurden (wenn auch nur als Feigenblatt zum Weiterverstümmeln), und zum ersten Mal auch Eltern-Selbsthilfegruppen mit zum Teil (auch) emanzipatorischen Ansprüchen konsultiert wurden und Bemerkungen beisteuern konnten, verzichtet die >>> neue AWMF-Verstümmlerleitlinie 027/047 "Adrenogenitales Syndrom" (PDF) von vornherein auf solchen Schnickschnack.

Sondern propagiert für Kinder mit "CAH/AGS" medizinisch nicht notwendige Genitalverstümmelungen im Säuglingsalter ohne Wenn und Aber als kommentarlose Selbstverständlichkeit – obwohl für die angebliche "Wirksamkeit" der verstümmelnden Zwangsoperationen nach wie vor keine klinischen Beweise vorliegen (fehlende Evidenz), und auch die vorliegende Leitlinie auf der untersten Entwicklungsstufe 1 steht:

Operative Therapie

Genitalkorrekturoperationen durch erfahrene Kinderchirurgen/-urologen/-gynäkologen. Die chirurgische Korrektur umfasst die Klitorisreduktionsplastik unter Schonung des Gefäß-Nervenbündels, die Labienplastik und die Vaginalerweiterungsplastik. In der Regel wird die Operation in Deutschland im ersten Lebensjahr durchgeführt.

Damit stellen die Genitalabschneider einmal mehr klar, dass sie ungehemmt und rücksichtslos weiterverstümmeln, und dass all ihre schönen, gegenteiligen Lippenbekenntnisse lediglich Fassade und Ablenkungsmanöver darstellen, um berechtigte und begründete Kritik und Bedenken zum Verstummen zu bringen.

So behauptete z.B. der APE-Endokrinologe Prof. Gernot Sinnecker ("Netzwerk DSD/Intersexualität") als Reaktion auf öffentliche Kritik von Zwischengeschlecht.org im Namen der DGKJ vor wenigen Wochen unverfroren:

„Heute“, sagt Sinnecker, „steht die Selbstbestimmung des Kindes an oberster Stelle.“ Man habe ein Ethik-Papier verabschiedet, gemeinsam mit Ärzten, Psychologen und Betroffenen. „Jede Operation, die vermeidbar ist, wird verschoben auf den Zeitpunkt, an dem Betroffene selbst entscheiden können.“ Lediglich medizinisch notwendige Eingriffe würden vorgenommen.

Wie's mit diesen schönen Lügen in der Realität aussieht, offenbart z.B. die vorliegende Verstümmler-Leitlinie 027/042 ...

Ebenfalls noch nicht wirklich dazugelernt haben die verantwortlichen Medizyner und ihre Verbände betreffend der von namhaften EthikerInnen wiederholt kritisierten pränatalen Dexamethason-Hormonzwangsbehandlungen. Zwar hält die Leitlinie hier immerhin fest, dass es sich dabei (wie übrigens auch bei den Genital-ZwangsOPs) "nach wie vor [um] eine experimentelle Therapie" handelt, die nur "im Rahmen kontrollierter Studien durchgeführt werden [sollte]".

Zwar beklagt sich der erstgenannte Autor der Leitlinie, Prof. Dr. H.G. Dörr, Kinder- und Jugendklinik der Universität Erlangen, an anderer Stelle selber über die Unverbindlichkeit der Erfassungsanforderungen, sowie dass sich seit deren Einführung im Jahr 1990 nach wie vor die wenigsten Medizyner sich um solche Kinkerlitzchen bekümmern:

Das Ausfüllen der Fragebögen erfolgt auf freiwilliger Basis. [...] Leider muss man somit feststellen, dass die Fragebögen nahezu nie komplett ausgefüllt zurückgeschickt werden [...]. Aufgrund der derzeit bestehenden Strukturen besteht jedoch keine Möglichkeit, gezielt nach den fehlenden Daten nachzufragen.[...] Man muss allerdings davon ausgehen, dass die dokumentierten Fälle in der Datenbank nur einen Teil der tatsächlich pränatal behandelten Fälle in Deutschland darstellen. Zum Beispiel wurden für das Jahr 1999 nur 2 Fälle und für das Jahr 2000 überhaupt kein Fall dokumentiert.

Trotzdem belässt es die von Prof. Dr. H.-G. Dörr mitverantwortete AWMF-Leitlinie 027/042 es wie gehabt bei unverbindlichen Empfehlungen ("sollte") – und lässt eigenmächtig "experimentierende" Medizyner dies weiterhin unkontrolliert tun, ohne dass sie für ihre menschenrechtswidrigen Humanexperimente je irgendwelchen Konsequenzen zu vergegenwärtigen hätten:

Pränatale Therapie

Die pränatale AGS-Therapie ist nach wie vor eine experimentelle Therapie. Sie sollte im Rahmen kontrollierter Studien durchgeführt werden (zentrale Datenerfassung für die Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Endokrinologie über Prof. Dr. H.G. Dörr, Kinder- und Jugendklinik der Universität Erlangen).

Fakt bleibt, solche unkontrollierten Menschenversuche verstossen seit den Nürnberger Tribunalen gegen eine ganze Reihe von Vorschriften, Gesetzen und internationalen Abkommen. Was die Genitalabschneider und ihre Organsiationen DGKJ, APE und DGE offensichtlich unverändert vorsätzlich missachten ...

Verbindlich geregelter Zugang zu psychologischer und sozialpädagogischer Unterstützung ist auch in der neuen Leitlinie kein Thema, geschweige denn die von allen Betroffenen einhellig immer wieder betonte Wichtigkeit von Zugang zu Peer Support (Selbsthilfegruppen). Zwar erwähnt die Leitlinie im letzten Satz:

"Wichtig ist, dass sich das behandelnde Team der potentiellen psychologischen Problematik bewusst ist und für die Bearbeitung der Probleme ein hierin erfahrener Psychologe zur Verfügung steht."

Dies bezieht sich aber laut Leitlinie ausschliesslich auf die "Transition in die Erwachsenenmedizin und Prognose" bzw. auf "Probleme mit der Geschlechtsidentität", sprich erst ab der Pubertät. Und mutet zudem stark zynisch an, da interne Erhebungen der APE sowie Äusserungen Verantwortlicher in den "Grossen Behandlungszentren" seit Jahren klarstellen, dass adäquate psychologische Unterstützung nach wie vor faktisch inexistent ist (von adäquater sozialpädagogischer Unterstützung und garantiertem Zugang zu Peer Support ganz zu schweigen).

Dass dieselben Genitalabschneider-Standesverbände auf Anfang 2011 weiter eine >>> neue AWMF-Leitline 027-029 "Hypospadie" in Aussicht stellen, lässt wiederum das Schlimmste befürchten ...

Fazit: Freiwillig werden sie auch weiterhin nicht mit dem Verstümmeln aufhören ...

Genitalabschneider, wir kriegen euch! Zwangsoperateure, passt bloss auf!

Gonade um Gonade, Lustorgan um Lustorgan!

Siehe auch:
- "Ethik als Freifahrtschein, an die Eltern eine ohnehin schon feststehende Entscheidung abzudelegieren" - Claudia Wiesemann, Forum Bioethik 23.6.10
- Kinderkliniken: € 8175,12 Reingewinn pro Genitalverstümmelung 
- "Weder Evidenz noch medizinische Indikation"  – Dr. med. Jörg Woweries
- Das Medizynermärchen von den "früheren Behandlungsmaßstäben"
- Genitalverstümmelungen in westlichen Kinderkliniken – eine Genealogie der TäterInnen
- Weiße Kittel mit braunen Kragen, reloaded
- Amnesty Deutschland: "fundamentaler Verstoß gegen die Menschenrechte"
- Genitale Zwangsoperationen an Zwittern vergleichbar mit weiblicher Genitalverstümmelung
- Genitalverstümmler und Zwangsoperateure in Baden-Württemberg
- Universitätsklinikum Heidelberg: Genitale Zwangsoperationen im Angebot 
- Lübeck: Klinikdirektor propagiert genitale Zwangsoperationen an Kindern
- Göttingen / Lübeck: Direktor Rolf-Hermann Ringert und Oberarzt Dominique Finas propagieren genitale Zwangsoperationen an Zwittern
- Alice Dreger über EthikerInnen als MittäterInnen
- Genitale Zwangsoperationen: Bundesregierung beugt Grundgesetz Art. 2 (Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit) 
- Weltweit größte Zwitter-Studie straft Bundesregierung Lügen!
- Proteste gegen Genitalverstümmelung in Kinderkliniken (DGKJ 2010)
- Nov. 2010: Proteste gegen Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken und als "Rohmaterial" für die Geschlechterforschung (APE-AGPD 2010, 11th EMBL/EMBO)
- Genitalverstümmelung in Kinderklinik: Wer sind die Täter? Was soll mit ihnen geschehen?

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