Teil
I
Lügen und Halbwahrheiten
Die Mediziner haben meine Eltern angelogen und in der Folge angewiesen, wie sie
mich zu erziehen hätten:
"Das Kind ist ein Mädchen und wird es bleiben, die ganze Erziehung hat sich
danach zu richten. Mit niemandem ausser den Eltern u. dem Arzt (...) soll über
die Geschlechtfrage weiter diskutiert werden."
Meinen Eltern wurde verschwiegen, dass ich chromosomal männlich bin und dass
man meine Hoden entfernt hatte. Natürlich wurde ihnen auch verschwiegen, dass
man einen Fehler gemacht hatte. Meine Eltern wurden also in der Folge
systematisch belogen:
"Die Eltern fragten dann natürlich ob das Mädchen Kinder haben könne, und es
wurde gesagt, dass dies fraglich sei."
oder mit absurden Halbwahrheiten abgespiesen:
"Beide Eltern sind übrigens gut orientiert über die Situation. Sie wissen,
dass Daniela ein Mädchen ist, und dass es ein Mädchen bleiben wird. Sie wissen,
dass man die missgebildeten Ovarien entfernen musste, da sonst die Gefahr einer
Virilisierung bestanden hätte; (...)." (3.2.72)
Erstens hatte ich nie Eierstöcke und zweitens kann man mit Eierstöcken nicht
vermännlichen!
Auch ich wurde permanent belogen und mit unsinnigen Aussagen 'ruhig
gestellt':
"21.8.79 Daniela ist beunruhigt wegen ausbleibender Menses, ob dies nicht
schaden könne.
Erklärt, dass Gebärmutter so klein sei, dass keine Menses zu erwarten seien. Es
schade nichts, wenn Frauen keine Menses hätten."
Genitalkorrektur statt Herzoperation
Ich wurde dann doch älter als vorgesehen. Ich war sieben Jahre alt, als die
Mediziner sich dazu entschlossen, die komplizierte Herzoperation durchzuführen,
obwohl die Prognose nicht sehr gut war:
"Die Operation des Endokardkissendefektes ist an sich sehr schwierig und
zeigt eine hohe Operationsmortalität von rund 50 % bei der kompletten Form. In
diesem Fall besteht zusätzlich eine Hypoplasie der linken Seite mit
wahrscheinlicher Mitralstenose, was die Operationschancen noch weiter
verschlechtert. (...) Die Gesamtprognose zusammen mit dem
Pseudohermaphroditismus und dem schweren Vitium schauen wir als nicht sehr gut
an. Allerdings kann erfahrungsgemäss keine Dauer angegeben werden. Trotzdem
glauben wir nicht, dass das Mädchen das Erwachsenenalter erreichen wird."
Wegen Voruntersuchungen zur Herzoperation war ich im Februar 1972 im
Krankenhaus. Aufgrund einer Infektion konnten diese Voruntersuchungen jedoch
nicht durchgeführt werden. Und da ich schon mal dort war, wurde kurzerhand mein
Genital korrigiert, wie folgender Auszug aus meiner Krankenakte
dokumentiert:
"Da die Kardiologen wegen eines interkurrenten Streptococceninfektes den
geplanten Herzkatheterismus hinausschieben mussten, haben wir die Gelegenheit
benutzt, die schon 1965 geplante Genitalkorrektur vorzunehmen."
Aus dem Bericht nach der Operation vom 10.2.1972:
"Wichtig für den Wochenenddienstarzt: Falls die Eltern Auskunft über die
Kleine wünschen, ist es wichtig zu wissen, was den Eltern über das Mädchen von
der 'Med. Klinik ' gesagt wurde. Es steht in den vorangehenden Seiten unter
'Besprechung mit den Eltern'.
Post. Op.: Kind zeigt die Zeichen des Schocks. Nachblut. Es wird PPL Lsg
infundiert. Zudem erbricht das Kind viel. Die starke Bronchitis, die sie seit
Tagen hat, lässt leicht nach.
Starke Hämatome bds. der Clit()oris. Rechts bläulich-schwärzliche Verfärbung.
Beginn einer Nekrose?"
14.2.72. Die Hämatome bds. der Clit()oris sind fluktuierend. Ueber Nacht hat
die Kleine wieder nachgeblut()et, tiefer Quick?
Das Kind hustet nach wie vor stark. Links basal sind einige trockene RG zu
hören. kein Fieber."
Schwester "Annemarie" war dann für die Wundversorgung und das „nachts beide
Hände anbinden“ zuständig.
Neun Tage später ging es schon weiter:
"Heute (19.2.72) wurde Daniela wieder in die Kindermedizin zurückverlegt in
der Hoffnung, dass im Laufe der nächsten Woche der Herzkatheterismus
durchgeführt werden kann. Wenn die Operationswunde wie bisher weiter
komplikationslos abheilt, dürfte für diesen Eingriff, bei dem Inguinal
eingegangen werden muss, nichts im Wege stehen."
Fazit: Zum zweiten Mal wurde ich trotz meines lebensbedrohenden Herzfehlers
aufgrund meines uneindeutigen Geschlechts operiert! Keine Rede von
Infektionsgefahr mehr! Die Mediziner stellten ihre Definitionsmacht über mein
Leben!