Friday, January 16 2009

DIE LINKE: Kleine Anfrage im Bundestag "noch im Januar"

Menschenrechte auch für Zwitter!Lebenszeichen aus Berlin!

"[...] alles verzögert. zu guter letzt kurz bevor ich es einreichen wollte kamen noch einige änderungswünsche. [...] ich weiss das ist jetzt etwas unbefriedigend für sie, aber ich kann ihnen versichern, dass die kl. anfrage noch im januar der bundesregierung gestellt wird. [...]"

Wow! Hoffen wir das Beste! Wär doch zu schön, wenn das noch pünktlich zur grossen Zwitterinvasion an der UNO in Genf 25.1.-2.2.09 hinhauen würde – und Bundesregierung, Länder und Kommunen (Hamburg ahoi!) künftig überall und immer wieder Rede und Antwort stehen müssen über die Menschenrechtsverletzungen an Zwittern, und warum die Bundesregierung es zulässt und schweigt ...

Nachtrag 16.2.: Ob deshalb keine Jahreszahl stand? Gemeint war dem aktuellen Stand nach wohl eher Januar 2010 ...

Weitere Updates: Streicheleinheiten für die Bundesregierung

Nachtrag 11.5.09: Laut einer Pressemitteilung des Bundestages hat DIE LINKE nun gleich 2 Kleine Anfragen draus gemacht und sie eingereicht, und zwar in echt! Yip, yip!

Thursday, January 15 2009

Über was schreibst du deine Abschlussarbeit? Über Intersexualität!

Letztes Jahr erhielt ich mehrere Anfrage von StudentInnen, die ihre Abschlussarbeit zum Thema Intersexualität schreiben (meistens begleitet von einem Referat vor der Klasse) und ein Interview mit einer zwischengeschlechtlichen Person führen wollten. Die meisten hatten sich von einem Zeitungsartikel inspirieren lassen (siehe auch hier und hier) ...

Eine davon ist Laura Borner von der Kantonsschule Wiedikon, Schweiz, die mir ihre Maturaarbeit gesandt hat: eine gelungene Arbeit, die über Zwangsoperationen, den Kampf um Selbstbestimmung und die Forderungen Zwischengeschlechtlicher berichtet. Viel Raum auch für ausführliche Interviews mit Karin Plattner, Mutter eines zwischengeschlechtlichen Kindes und Gründerin des Vereins "Selbsthilfe Intersexualität", und meiner Wenigkeit.

Ich danke Laura für diese aufklärende Arbeit!

Hier das in der Maturaarbeit veröffentlichte Interview mit mir:

Leben mit Intersexualität

Wann erfuhren Sie, dass Sie intersexuell sind? Wie erklärte man es Ihnen?
Man hat mir nichts erklärt, man hat mich ständig angelogen oder mit Halbwahrheiten abgespiesen. Ich habe aber immer gespürt, dass etwas nicht stimmt, habe mich geschämt, denn ich wusste, dass es mit meinen Genitalien zu tun hat. Sonst würden die doch nicht ständig da hingucken und hingreifen und so besorgt und peinlich berührt tun. Ich war abartig, man musste mich verstecken, man musste meinen Körper korrigieren. Ich war immer innerlich wie gelähmt, machte mich so unsichtbar wie möglich.

Wie war es für Sie, als Sie es erfuhren? Ein Schock?
Eigentlich nicht. Ich wusste immer, dass ich anders bin. Ich sah auch zwischen den Beinen anders aus als meine Schwestern und fragte offenbar meine Mutter, warum das so sei. Ich selber kann mich nicht mehr daran erinnern. Einen konkreten Hinweis erhielt ich mit ungefähr vierzehn Jahren, dass meine vermeintlichen Eierstöcke in Wahrheit Hoden waren. Der Hausarzt warf es mir in einem unkontrollierten Moment an den Kopf, ohne jedoch weiter darüber zu reden geschweige denn etwas zu erklären. Ich war nicht wirklich geschockt, ich erinnere mich sogar, dass ich dachte: ach so, jetzt verstehe ich. Aber nur nichts anmerken lassen, weiter machen wie bisher. Habe mit niemandem darüber geredet, in Büchern nachgeschaut, ein Riesenchaos im Kopf.

In wie fern änderte sich Ihr Leben?
Gar nicht, es blieb, wie es war: ich war allein damit, ich habe alles mit mir selber ausgemacht, habe nie Fragen gestellt, nie geschrieen, protestiert, immer ganz lieb und ruhig und alles geschluckt. Wie das Kaninchen vor der Schlange versetzte ich mich immer in eine Starre, wenn ich zum Arzt musste. Daheim redete niemand darüber, ich sowieso nicht, stellte keine Fragen. Angst, Verzweiflung, dumpfe Leere. Als würde man vor einem grossen schwarzen Loch stehen und man darf nicht schreien, nicht zeigen, wie verletzlich man ist, denn die sind alle überfordert, Mediziner und Eltern, tun so, als ob alles gut wäre, obwohl ein Blinder merken würde, dass das nicht stimmt. Da beginnt man mitzuspielen, denn wenn man aufhören würde, dann bräche die Welt zusammen, dieses Konstrukt. Man will nicht die sein, die alles kaputt macht.

Hat sich Ihr Bild von Mann und Frau dadurch verändert?
Ich habe immer gewusst, dass ich keine richtige Frau bin. Aber ich kann nicht vergleichen, weiss nicht, wie eine richtige Frau fühlt, wie ein richtiger Mann. Was ist das schon, eine 'richtige' Frau, ein 'richtiger' Mann? Ich habe es auch nie zugelassen, mich anders zu fühlen, kann erst heute sagen: ich bin weder noch. Heute kann ich sagen: Es gibt Frauen, es gibt Männer, und es gibt Zwitter. Ich bin ein Zwitter. Eigentlich ganz einfach. Leider habe ich vierzig Jahre meines Lebens verbraucht, um zu dieser Aussage zu kommen.

Wer half Ihnen mit der Diagnose umzugehen und sie zu verarbeiten?
Niemand, ich war immer allein damit. Ausser heute meine Psychotherapeutin respektive ich selber durch sie. Ich hatte nie eine Freundin, eine vertraute Person, mit der ich darüber reden konnte. Ich habe mich immer versteckt. So kann man keine wirklichen Bindungen eingehen, man bleibt immer isoliert. Heute, nach acht Jahren intensiver Therapie, geht es mir gut.

Wussten Sie schon immer, dass Sie anders sind, als das von der Gesellschaft entworfene ideale Bild von Mann und Frau?
Ich wusste das schon immer respektive fühlte mich immer anders. Ob das nun ist, weil ich ein Zwitter bin, körperlich dazwischen, auch im Kopf vielleicht, oder ob das ist, weil ich immer so anders behandelt wurde, weiss ich nicht. Es wurde mir ja vor allem vermittelt, dass ich anders bin, weil grundlos operieren sie den Körper ja nicht, über etwas Positives macht man kein Geheimnis. Je länger ich meine Ruhe habe und zu mir finde, desto mehr verändert sich mein Selbstbild und das sieht irgendwie schon dazwischen aus. Jetzt, wo ich niemandem mehr beweisen muss, dass ich eine richtige Frau bin, kann ich eher mich selber sein.

Wie nahm Ihre Familie, Ihre Freunde die Diagnose auf?
Es wurde nicht darüber geredet. Man machte ein Geheimnis draus, man versteckte 'es', obwohl man gar nicht wusste, was 'es' ist. Das ist ja das Absurde: man darf nicht darüber reden, aber man weiss gar nicht, worüber man nicht reden darf. Da entwickelt man einen regelrechten Verfolgungswahn, als müsste man vor etwas flüchten, aber man weiss nicht, was es ist und wann und aus welcher Richtung es kommen wird. Meine Eltern wurden auch angelogen, von Anfang an.

Machten Sie Ihren Eltern Vorwürfe, dass sie sich für einen Geschlechtsanpassung bei Ihnen entschieden hatten?
Als Kind wohl schon, denn du bist dort, im Spital, die Mediziner greifen dir immer wieder zwischen die Beine, du hast Schmerzen, Angst, furchtbare Operationen, und deine Eltern stehen so quasi daneben und schauen zu, helfen dir nicht. Die klassische Missbrauchssituation.

Hat sich dadurch Ihr Verhältnis zu Ihren Eltern, Familie und Freunden geändert?
Man verliert das Urvertrauen, ganze Familien werden durch diese menschenrechtswidrige Praxis kaputt gemacht. Da können keine guten Gefühle mehr sein zwischen Eltern und Kind. Ich habe mich immer abgeschottet, habe mich immer allein gefühlt in meinem Elternhaus. Seit einigen Jahren habe ich wieder liebevolle Gefühle für meine Eltern, weil ich ihnen gesagt habe, wie sehr ich gelitten habe. Ich habe mich ihnen gezeigt, das war der springende Punkt. Vorher sagte ich nie was, das macht Distanz. Ich habe dicht gemacht, niemanden an mich heran gelassen. Heute mache ich meinen Eltern keinen Vorwurf. Sie wurden auch angelogen, auch sie sind Opfer.

In einem Bericht über Sie, las ich, dass Sie heute in einer glücklichen Beziehung leben. Wie reagierte Ihr Partner darauf, als sie Ihn über Ihr „Schicksal“ aufklärten?
Er war über die menschenrechtswidrigen Zwangsoperationen schockiert, konnte es kaum glauben, was die mit uns machen. Er hat keine Probleme damit, sieht mich wohl eher als Frau, aber ich bin auch der Zwitter: ich muss meine Seinsweise, meine Lebensrealität nicht verstecken, das ist wohl der springende Punkt. Er setzt sich mit mir zusammen für eine Enttabuisierung von Intersexualität ein.

Von wem erfuhren Sie, dass es auch andere Intersexuelle gibt, die sich in verschieden Selbsthilfegruppen treffen (Ärzte)?
Aus dem Internet, ganz einfach. Eines Tages gab ich meine Diagnose ein – "pseudohermaphroditismus masculinus" – und plötzlich waren da zig Informationen. Das war unglaublich. Alles im Alleingang, seit ich denken kann. Deshalb habe ich noch heute Mühe, wenn jemand mich 'begleiten' will. Von den Ärzten erfährt man das nie und nimmer, die tun eher so, als wäre man allein auf der Welt.

Hat es Ihnen viel geholfen, als Sie erfuhren, dass es auch andere Menschen mit Intersexualität gibt?
Das ist das Beste für alle Zwitter, alle sagen das. Dass man sich mit Gleichgesinnten austauschen kann ist das beste Heilmittel, die grösste Unterstützung! Und was machen die Mediziner? Sie sagen ihren 'Patienten' nichts davon, suchen den Kontakt nicht. Logisch, weil in den Selbsthilfegruppen erfahren die Opfer von Zwangsoperationen, dass sie nicht die einzigen sind, die sich schlecht fühlen, denen Unrecht widerfahren ist. Die isolieren uns bewusst, aus Angst vor einem 'Aufstand'. Das ist wie bei den Krankenakten: bei den meisten Intersexuellen sind sie 'verschwunden'.

Wie wichtig ist es für andere Intersexuelle, dass Sie als Betroffene aus der Anonymität traten und der Intersexualität ein Gesicht gaben?
Ich denke, dass es sicher wichtig ist. Andere Intersexuelle sollen dadurch ermutigt werden, aus ihrem Versteck zu kommen. Aber es macht auch Angst und ist wohl auch für viele ein Schock. Plötzlich ist da eine im Heftli, die sagt, sie sei ein Zwitter, spricht das aus, was man nie aussprechen durfte. Das heisst nicht, dass alle an die Öffentlichkeit müssen, aber schon aus der Isolation raus und Gleichgesinnte treffen, macht Angst. Das Gefängnis, in dem man steckt, isoliert, bietet aber auch Schutz, wird zur Gewohnheit. Vor dem Neuen hat man Angst. Zugleich macht es vielen Intersexuellen wohl auch Angst, sich quasi gegen die Mediziner und die Eltern zu stellen, indem sie schlicht und einfach aufhören, sich zu verstecken, das Schweigegelübde zu brechen, anzuklagen. Es ist ein bisschen wie beim Stockholmsyndrom. Sich gegen die wenden, mit denen man bisher das Spiel 'Alles ist in Ordnung' mitgespielt hat, weil man der Wahrheit nicht ins Gesicht schauen wollte oder konnte. Aufstehen und sagen, dass man gelitten hat, die Fassade runterreissen, das reicht schon, das heisst nämlich, den Medizinern und den Eltern sagen: ihr habt versagt! Nur schon der Gang in die Selbsthilfegruppe bedeutet das ja quasi. Es ist wie beim sexuellen Missbrauch: wir reden nicht darüber, also ist es auch nicht passiert. Und wenn es doch tut, ist man ein Verräter. Die meisten haben natürlich auch Angst, sich selber einzugestehen, dass sie gelitten haben, Trauer, Schmerz, Verzweiflung nicht länger zu verdrängen.

Wer hat Ihnen zu diesem Schritt geholfen?
Ich selber, zusammen mit meiner Therapeutin. Jahrelange Psychotherapie, zu mir selber kommen, mich selber gern haben, aufhören, meine wahren Gefühle zu verdrängen. Das ist ein Riesenchrampf. So, wie ich drauf war, hätte ich das nicht allein gekonnt. Ich war ja so gefangen in dieser Fantasiewelt, die ich mir als Kind schon aufgebaut hatte, in der mir nichts etwas anhaben konnte: ich fühle keine Schmerzen, ich brauche keine Liebe, ich stehe über allem. Ich bin gar nicht da! Da findet man allein nicht mehr raus, da es etwas ist, das man selber konstruiert hat, als Schutz. Das gibt man nicht gerne her, auch wenn es einen kaputt macht.

Wenn Sie einen Wunsch hätten, was würden Sie sich wünschen?
Ich möchte meinen ursprünglichen Körper zurück haben, genauso, wie er bei der Geburt war. Keine Narben, keine Hormone schlucken, ich wäre ganz, mich selbst. Mein Körper, wie er bei der Geburt war, wie er heute wäre. Ich frage mich, wie ich gewesen wäre, aber ich werde es nie erfahren, das haben sie mir für immer genommen. Ohne mich zu fragen.

Welche Bezeichnung ist für Sie die angenehmste: Intersexuelle/r, Zwitter, Hermaphrodit?
Zwitter oder Hermaphrodit

Auf der Website von intersex fand ich verschiedene Forderungen: keine Zwangsoperationen, das Individuum respektieren, die Eltern informieren, die Gesellschaft sensibilisieren. Was denken Sie über diese Forderungen? Welche ist für Sie die wichtigste? Wird es möglich sein, sie in der heutigen Gesellschaftssituation umzusetzen?
Selbstbestimmung für Zwitter, keine nicht lebensnotwendigen Operationen ohne Einwilligung der intersexuellen Person.
Wenn man diese Forderung befolgen würde, dann würde sich alles andere quasi von selber ergeben. Es wäre sicher nicht einfach, in unserer Gesellschaft ein intersexuelles Kind aufzuziehen, aber es würde immer einfacher werden, wenn man damit beginnen würde. Man müsste, um dies zu ermöglichen, die Gesellschaft weiter aufklären, Intersexuelle und ihre Eltern unterstützen, Intersexualität in den Lehrplänen und bei den Ausbildungen aller sozialen Berufe integrieren, gezielt Fachkräfte und Kompetenzzentren für intersexuelle Menschen ausbilden, einen dritten Geschlechtseintrag ermöglichen, und so weiter und so fort. Es wird nicht einfach sein, aber wir sind schon auf dem Wege, weil Zwitter immer mehr beim Namen genannt werden. Wir existieren und man kann uns nicht mehr auf die Seite schieben.

Soll man Intersexualität als drittes Geschlecht anerkennen?
Zwitter werden nach wie vor politisch, sozial und juristisch unsichtbar gemacht. Die Möglichkeit eines provisorischen Geschlechtseintrages, der vom Betroffenen später geändert werden kann, zudem eine dritte Option beim Geschlechtseintrag, das würde uns sichtbar machen und die Lage entspannen. Das ist ja eine der Lieblingsausreden der Mediziner: man müsse ja dem Kind einen Namen geben. Als ob man ein Kind deswegen operieren müsste, Genitalkontrolle auf dem Standesamt?!

Wie sieht die momentane Rechtslage in der Schweiz und im Ausland aus?
Die Rechtslage ist klar. Prof. Andrea Büchler, Professorin für Privatrecht an der Universität Zürich, sagt beispielsweise, dass es für einen medizinischen Eingriff die Zustimmung der betroffenen Person braucht. Bei einem Kind entscheiden in der Regel die Eltern. Aber: Geschlechtszuweisende, sprich: kosmetische, nicht lebenserhaltende Operationen, tangieren die höchstpersönlichen Rechte und dürfen nicht ohne Zustimmung des betroffenen Kindes vorgenommen werden. Bei diesen Operationen habe auch die Eltern nicht das Recht, für ihr Kind zu entscheiden.
Es handelt sich juristisch in der Schweiz wie auch in Deutschland ganz klar um schwere Körperverletzung. Die intersexuelle Christiane Völling hat in Deutschland ihren ehemaligen Arzt verklagt, der ihr vor bald dreissig Jahren ohne ihre Einwilligung die gesunden Fortpflanzungsorgane wegoperiert hat. Sie hat gewonnen, und zwar in erster wie auch in zweiter Instanz. Ich kenne weitere Intersexuelle, die einen Prozess vorbereiten. Wenn das so weiter geht, dann werden Mediziner aufhören mit diesen Operationen, aber nicht, weil sie einsehen, dass es Unrecht ist, sondern weil sie Angst vor einer Klage haben, Angst, Geld und Ansehen zu verlieren.

Was denken Sie über die Geschlechtsbestimmung bei Säuglingen durch einen operativen Eingriff?
Es handelt sich hier um massive Menschenrechtsverletzungen. Es sind in den allermeisten Fällen rein kosmetische, keine lebensnotwendigen Operationen, auch wenn die Mediziner immer wieder mit dem Krebsrisiko beispielsweise bei Hoden im Bauchraum kommen. Mehrere Studien beweisen, dass das Krebsrisiko weitaus geringer ist. Kastrationen machen das hormonelle Gleichgewicht im Körper kaputt, machen aus gesunden Menschen lebenslang kranke und von künstlichen Hormonen abhängige Menschen, diese künstlichen Hormone machen den Körper kaputt. Es handelt sich um menschenverachtende Eingriffe im Namen einer Geschlechternorm, ein zwittriger Körper darf nicht sein, der muss zurechtgestutzt werden, egal, ob der intersexuelle Mensch psychisch und physisch ein Leben lang unter den Folgen leidet. Jeder Mensch hat aber das Recht auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde.

Was halten Sie von den Argumenten von Ärzten, die behaupten, dass man so dem Kind einen langen Leidensweg erspare?
Das ist in erster Linie einfach feige von den Medizinern. Und auch von den Eltern. Wobei die Eltern eher zu entschuldigen sind, denn die haben ja meistens keine Ahnung. Aber heute kann man sich informieren. Die einen sind mutiger, die anderen weniger. Das Kind aber hat keine Wahl. Es läge in der Verantwortung der Mediziner, die Eltern aufzuklären – und sicher nicht, ihnen irreversible Operationen zu verkaufen. Es sei zum Wohle des Kindes, man wolle ihm Leid ersparen. Um Leid zu vermeiden, wird aber noch viel grösseres Leid geschaffen. Das geht nicht auf! Der Mensch redet sich gerne das ein, was ihm am Bequemsten ist und am wenigsten weh tut. Das ist wie Sondermüll entsorgen im Wald oder Batteriehühnerfleisch essen. Man weiss genau, dass es Unrecht ist, aber man tut es trotzdem. Und legt sich was zurecht, damit man gut schlafen kann. Mediziner und Eltern operieren ein intersexuelles Kind in erster Linie für sich selbst, sonst würden sie das Kind nämlich zuerst fragen. Doch das schlechte Gewissen bleibt, deshalb können Eltern ihr intersexuelles Kind sowieso nie annehmen, vielleicht erst recht nicht, wenn es verstümmelt ist, denn es erinnert die Eltern immer daran, was sie ihm angetan haben.

Zwangsoperationen sind keine Lösung. Es ist sicher nicht einfach, ein intersexuelles Kind aufzuziehen. Aber es ist ein Verbrechen, über den Körper und die Seinsweise eines Kindes zu entscheiden. Denn es geht hier nicht um lebenserhaltende Operationen, sondern um rein kosmetische Eingriffe. Zum Wohle des Kindes? Genitaloperationen führen dazu, dass die sexuelle Empfindungsfähigkeit vermindert oder gänzlich zerstört wird. Es bleiben Narben zurück, niemand kann sagen, wie viel ein intersexueller Mensch dann noch spürt. Auch psychische Narben: die meisten Intersexuellen, die ich kenne, haben keinen Partner, keine Sexualität, ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper.

Kastrationen und anschliessende Hormonersatztherapie mit körperfremden Hormonen – das sagt einem kein Arzt – führen zu massiven gesundheitlichen Problemen: Osteoporose, Stoffwechselstörungen, Diabetes, Adipositas, Depressionen, Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten, Libidoverlust, körperliche und seelische Leistungsminderung, Konzentrationsstörungen und so weiter und so fort. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass niemand jemals sagen kann, ob sich der Zwitter dann in der ihm zugewiesenen Rolle wirklich wohl fühlt. Ein Drittel aller Zwitter bringt sich um.

Was für eine Rolle spielt hierbei die Gesellschaft?
Die Mediziner agieren nicht isoliert von der Gesellschaft, aber sie haben die Definitionsmacht, sie sind spezialisiert und können deshalb Leute mit ihrem Wissen unter Druck setzen. Man ist ihnen ausgeliefert. Wenn die sagen, dass das so gut ist, dann glauben das die meisten. Auch weil sie es glauben wollen. Es geschieht im Verborgenen, Mediziner können tun und lassen, was sie wollen. Es gibt keine Kontrollen. Es gibt für alles Mögliche Nachfolgeuntersuchungen, bei Intersexualität nicht. Mit Zwanzig entliess mich mein Arzt, es hat ihn nicht interessiert, wie es mir später geht, er wollte mich nicht – wie zum Beispiel mein Kardiologe – in fünf Jahren unbedingt wieder sehen.
So schlimm und intolerant, wie die Mediziner einem weismachen wollen, ist die Gesellschaft nicht. Ich habe noch nie eine negative Reaktion erlebt. Natürlich, wenn man als Kind, in der Pubertät plötzlich 'komisch' aussieht, ein vermeintliches Mädchen plötzlich männlicher wird, das wird vielleicht ausgelacht, schräg angeschaut. Aber das ist nichts im Vergleich zu demütigenden Untersuchungen, für immer zerstörte Hormonfabriken und Genitalien, Schmerzen beim Sex oder gar keine Gefühl mehr, angelogen werden, negiert zu werden. Man kann mit den Leuten reden, ihnen erklären, was los ist. Ich kenne einige Eltern, die ihre intersexuellen Kinder nicht operieren liessen und so leben.

Mir fiel auf, dass es in letzter Zeit vermehrt Interviews und Berichte über Intersexualität gab. Möchten die Intersexuellen damit endlich erreichen, dass Die Öffentlichkeit die Augen öffnet und nicht länger wegsieht?
Natürlich. Es geht darum, ein Tabu zu brechen, aufzuklären, uns Zwittern ein Gesicht zu geben in dieser Gesellschaft. Die meisten Leute wissen überhaupt nichts über Intersexualität. Man kennt Beschneidungen in Afrika, regt sich darüber auf, zu Recht, aber dass etwas ähnliches hier in unserem 'zivilisierten' Europa und anderswo geschieht, das weiss niemand. Zwitter leben versteckt, machen sich klein, schämen sich, denn ihnen wurde von Anfang an vermittelt: du bist abartig, nicht erwünscht, nicht richtig, deshalb müssen wir dich operieren und vor allem darfst du mit niemandem darüber reden. Das prägt fürs Leben. Jetzt reden Zwitter in der Öffentlichkeit, brechen das Schweigegelübde, diese elende Last, dieses menschenunwürdige Nichtsein, das einem aufgezwungen wurde, diese Lüge, die das ganze Leben vergiftet! Aber die meisten schweigen weiterhin. Die Öffentlichkeit soll wissen, soll hinschauen, denn dann können die Verantwortlichen nicht mehr weiter tun und lassen, was ihnen passt. Die Politik soll hinschauen, das Gesetz soll hinschauen. Der Umgang mit Intersexuellen, die Maschinerie, die in Gang gesetzt wird, wenn ein zwischengeschlechtliches Kind geboren wird, muss abgestellt und in ihre Einzelteile zerlegt werden. Zwangsoperationen an Zwittern müssen verboten werden! Das sind Menschenrechtsverletzungen. Jeder Zwitter soll selber über sein Leben entscheiden dürfen.

Tuesday, January 13 2009

Zwittersymbol: Pink Apple lenkt ein

>>> Statement: "Wem gehört das Zwittersymbol?"

2008 war es zu einer Meinungsverschiedenheit mit dem schwullesbischen Filmfestival Pink Apple gekommen, das einmal mehr im Festivalprogramm das Zwittersymbol für Transgenderfilme benutzte.

Nach 2 offenen Briefen von zwischengeschlecht.org hatte sich Pink Apple am 4. Mai bereit erklärt, für 2009 nach einer "anderen Lösung" zu suchen.

Auf Anfrage gab Pink Apple inzwischen bekannt, an der Lösung würde noch gearbeitet, es stehe jedoch fest, dass das Zwittersymbol "nicht mehr verwendet" würde.

Ich danke dem Pink Apple Team für die Rücksichtnahme und freue mich dieses Jahr besonders auf das kommende 12. Pink Apple Festival Ende April 2009!

Nella
 

Statement: "Wem gehört das Zwittersymbol?"

>>> Statement von Zwischengeschlecht.org vom 4.5.08

Die Auseinandersetzung mit dem Zwittersymbol und dessen Verwendung mag vielleicht auf den ersten Blick übertrieben scheinen. Für uns Betroffene ist sie jedoch wichtig.

Die öffentliche Wahrnehmung unserer Belange ist dürftig. Vermischungen mit und durch Transgender und Transsexuelle, die zwangsoperierten Zwittern nicht gerecht werden, sind an der Tagesordnung. Für uns Betroffene ist es sehr wichtig, dass dies sich bessert. Denn Sprache, auch Zeichensprache, schafft Fakten. Dies gilt insbesondere für den Bedeutungsgehalt von Symbolen.

Unser Dasein wird regelmässig auf die Genderfrage reduziert, massive Menschenrechtsverletzungen, operative und hormonelle Zwangseingriffe werden dabei ausgeblendet. Oder höchstens dazu benutzt, um die Aufmerksamkeit auf die spezifischen Anliegen von Gender Studies, Transgender-, Queer- und LGBT-Diskursen zu lenken, obwohl die eigentliche Problematik aus Sicht der betroffenen Menschen in erster Linie in den menschenrechtswidrigen genitalen Zwangsoperationen liegt.

Was 99% der Zwitter erlebt haben, ist verwandt mit sexuellem Missbrauch, ist verwandt mit Mädchenbeschneidungen in Afrika, ist verwandt mit Folter, ist verwandt mit den medizinischen Experimenten, die im 2. Weltkrieg in KZ‘s durchgeführt wurden.

Wer unser Dasein und unser Symbol auf eine Gender- / Identitäsproblematik und entsprechende Diskurse reduziert und so für seine/ihre eigenen Anliegen instrumentalisiert, trägt dazu bei, dass wir und unsere berechtigten Anliegen in dieser Gesellschaft weiterhin unsichtbar bleiben und die menschenrechtswidrige Praxis der Zwangsoperationen an Zwittern weiterhin andauert.

Um dies zu ändern bitten wir um eure Mithilfe. Danke!

Daniela Truffer (Gründungsmitglied Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org, Gründungsmitglied Schweizerische Selbsthilfegruppe Intersex.ch, Mitglied XY-Frauen, Mitglied Intersexuelle Menschen e.V.)
 

Siehe auch:
- Schwullesbisches Filmfestival "Pink Apple" missbraucht Zwittersymbol
- 2. Offener Brief an "Pink Apple"
- Zwittersymbol: "Pink Apple" verweigert Dialog und lädt Betroffene von "Diskussion" aus ...  
- "Pink Apple" - unser Statement und Flyer zur Filmvorführung am 4.5.2008 
- GPGF Basel 10.-12.09.09: Stop Vereinnahmung des Zwittersymbols im Namen von "Gender" und "Psychiatrie"!

Saturday, January 10 2009

Menschenrechtsverbrechen: Wer schweigt, macht sich mitschuldig

Zwangsoperationen an Zwittern gehören m.E. zu den massivsten Menschenrechtsverletzungen in "Westlichen Demokratien" seit dem 2. Weltkrieg. Trotzdem sind sie nicht zu vergleichen mit den noch viel massiveren Verbrechen gegen die Menschlichkeit, welche die "Westlichen Demokratien" regelmässig in die sog. "3. Welt" hinaustragen.

Doch die Welt schaut weg bzw. jede_r nur auf den eigenen Nabel. Zwar wird meist in den Medien indirekt darüber berichtet, der Klartext über die eigenen Verbrechen dabei jedoch mit steter Regelmässigkeit "vergessen". Aus aktuellem Anlass deshalb einmal mehr ein Blick über den "eigenen Tellerrand" hinaus.

Aktuell ist (nicht zum ersten Mal) wohl Gaza das hipste "Waffentestlabor", wo die neusten Gadgets und ihre Folgen ungestraft an der wehrlosen Zivilbevölkerung "studiert" werden können, während die Medien, Parlamente und Regierungen schweigen (und sich wohl bereits auf steigende Aktienkurse ihrer Rüstungsportfolios freuen). Einzelne anständige Mediziner appellieren (vergeblich) an die Menschlichkeit ihrer Kaste (engl. Interview mit einem norwegischen Arzt).

Diese neuen Waffen haben meist eines gemeinsam: Während sie offiziell als "effizient und schonend" bzw. "nur begrenzt tödlich" angepriesen werden, sind es eigentliche Genozidwaffen, die durch die (von offizieller Seite regelmässig geleugneten, verharmlosten bzw. als "unbeabsichtigt" dargestellten) sog. "Sekundärwirkungen" der verwendeten, extrem toxischen "Materialien" faktisch darauf abzielen, die lokale Bevölkerung im Verlauf der nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte systematisch zu dezimieren, indem sie u.a. Krebs auslösen sowie die DNA schädigen und dadurch auch bei späteren Generationen grässliche Mutationen verursachen, welche die "ursprünglichen" ("primären") Toten schnell einmal um ein Mehrfaches übertreffen.

(Bild:  DU Baby # 20 © Dr. Jenan Hassan)

2 Beispiele solcher Genozidwaffen, wie sie über die Festtage einmal mehr in Gaza eingesetzt wurden:

DIME-Munitions (Dense Inert Metal Explosives)

Sprengkörper mit Mikro-Schrapnell aus einer Wolfram-Legierung, die in einem vergleichsweise kleinen Radius grässlichste Wunden verursacht (WARNUNG), auf weitere Entfernung aber schnell an direkter Wirkung verliert. Die "übrig gebliebene" Wolframlegierung bleibt liegen, wird bei Wind wieder aufgewirbelt, eingeatmet usw. Wolfram ist extrem giftig, krebserregend und mutagen. DIME wird in Gaza seit 2006 "getestet". Auf Deutsch gibts noch nicht mal wirkliche Infos.
- http://en.wikipedia.org/wiki/Dense_Inert_Metal_Explosive
- Report von RAI (englisch)
- Engl. Essay über genotoxische Waffen in Gaza / Teil 2 / Teil 3

"abgereichertes Uran" (DU = Depleted Uranium)

Die radioaktiven Abfälle, die während des "Anreichern" natürlichen Urans zu spaltbaren Material entstehen, werden in "Bunker- und Panzerbrecher-Geschossen" verwendet, um ihnen u.a. durch ihr extrem hohes Gewicht eine bessere Durchschlagskraft zu ermöglichen. Beim Aufprall verbrennt und verdampft das DU und bleibt als Mikropartikel der lokalen Bevölkerung Jahrtausende lang erhalten. Auch das "abgereicherte" Uran ist nach wie vor radioaktiv, extrem giftig, krebserregend und mutagen. Kam auch aktuell in Gaza einmal mehr zum Einsatz, davor seit den 1980ern z.T. exzessiv in Bosnien, Irak, Afganistan und Tschetschenien. Auch die "eigenen" Frontsoldaten und ihre Nachkommen sind von den "Sekundärwirkungen" z.T. stark betroffen.
- http://de.wikipedia.org/wiki/Uranmunition
- Bilder von "DU-Babies" (WARNUNG)
- Vortrag mit Statistiken zu Südirak (PDF)

Tuesday, January 6 2009

2008: "Transgenderfraktion" vs. "Menschenrechtsfraktion" (Jahresrückblick, Teil 3)

Vorbereitung Aktion Kinderspital Zürich, 6.7.08 (Bild: Dominik Huber)

--> Teil 1: Eine neue Zwitterbewegung!
--> Teil 2: Folgt ...

Der 2008 neu entfachte öffentliche und politische Druck im Namen von "Menschenrechte auch für Zwitter!" brachte die üblichen TrittbrettfahrerInnen auf den Plan. Nach altbewährtem Muster begannen sie im Namen von "Gender", "Trans*" und "Queer" das den Zwittern angetane Unrecht für ihre eigenen Partikularinteressen zu instrumentalisieren. Einmal mehr erklärten sie die die Zwitter zu einer angeblich marginalen Randgruppe innerhalb des Transgenderspektrums, reduzierten die massiven und zahlreichen Menschenrechtsverletzungen an Zwittern zu blossem "empirischen Material" zur "Abstützung" von "Transgender oder queere[n] Identitäten oder Politiken". Auf der politischen Bühne behaupten sie, die an Zwittern systematisch begangenen medizinischen Verbrechen seien mit ihren eigenen Problemen "gleichzusetzen", und versuchen so ihrerseits aus den Schlagworten "Zwangskastrationen" und "Zwangsoperationen" so viel Kapital zu schlagen wie möglich. Alles seit Jahrzehnten erprobte, klassische Formen der Vereinnahmung von Zwittern durch LGBTQ. Nach wie vor kriechen dem noch so manche Zwitter ebenfalls auf den Leim – oder schweigen zumindest dazu.

Als Folge kristallisieren sich zur Zeit innerhalb der "Zwitterbewegung" einmal mehr zwei Fraktionen heraus. Diese Fraktionen, die ich hier "Menschenrechtsfraktion" und "Transgenderfraktion" nennen möchte, reden zwar beide im Namen von Zwittern, sind aber verschieden zusammengesetzt und haben dementsprechend verschiedene Forderungen und Prioritäten:

Die "Transgenderfraktion" (oder "Geschlechtsidentitätsfraktion" bzw. "Genderfraktion") besteht traditionell vornehmlich aus "Gender-TheoretikerInnen" und nur zu einem kleinen Teil aus Zwittern, die sich meist gleichzeitig als Transgender definieren, ist vorrangig am "Genderproblem" interessiert, benutzt die Menschenrechtsverletzungen an Zwittern als Mittel zum Zweck für die zentrale Transgender-Forderung nach Abschaffung/Dekonstruktion/"Hinterfragung von Geschlechtsstereotypen" sowie konkret politisch zur Revision/Abschaffung von Transsexuellengesetz und Personenstandsgesetz (Freie Wahl/Abschaffung des Gechlechtereintrags). Die zentrale Zwitter-Forderung überhaupt, sofortige Beendigung der Zwangseingriffe an Zwittern, bleibt oft unerwähnt, geschweige denn wird sie als eigener Punkt in der Agenda vorangestellt. Generell sind Zwitter in der "Transgenderfraktion" meist bloss "mitgemeint"; zwitterspezifische Aliegen, sofern überhaupt konkret eingebracht, werden bei LGBTQ in der gottgegebenen Reihenfolge zu hinterst angestellt. Die konkreten Probleme und Forderungen der Zwitter werden vertagt auf "nach der Abschaffung der Geschlechter", die bekanntlich in ferner Zeit der gesamten Menschheit das Heil bringen wird, weshalb die "undankbaren Zwitter" sich bis dahin mal nicht so anstellen sollen.
Aktuelle Beispiele: TransGenderNetzwerk Berlin (TGNB), Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti), TransInterGenderSex (TIGS), TransInterQueer (TrIQ), Feministe, QueerGrün, Yogyakarta, IVIM (Nachtrag 5.4.09: Inzwischen hat IVIM in der Forderungsliste das "Recht auf körperliche Unversehrtheit" an 1. Stelle gesetzt – vgl. auch unten "Prognose 2009" ...), Pink Apple Zürich, Liminalis

Die "Menschenrechtsfraktion" (oder "Selbstbestimmungsfraktion") besteht demgegenüber zur Zeit fast ausschliesslich aus zwangsoperierten Zwittern und ihren PartnerInnen, stellt den Kampf gegen die medizinischen Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen an Zwittern unmissverständlich ins Zentrum durch konkrete Aktionen/Kampagnen gegen Zwangsoperateure und Politiker, fordert an erster Stelle die sofortige Beendigung der Zwangsoperationen, offizielle Anerkennung des Jahrzehnte lang begangenen Unrechts sowie Entschädigung für zwangsoperierte Zwitter. Sie formiert sich als eigenständige Zwitterbewegung ausserhalb von LGBTQ, will mit niemandem verwechselt noch von irgendwem instrumentalisiert werden, sondern möglichst wirkungsvoll praktisch für Zwitter und gegen Medizyner eintreten. Punktuelle politische Zusammenarbeit/gegenseitige Unterstützung mit anderen Gruppierungen/Kampagnen inkl. LGBTQ ist erwünscht, jedoch nicht um jeden Preis, sondern nur soweit möglich nach dem Motto "getrennt marschieren, gemeinsam zuschlagen". Vorrangiges Ziel ist die Schaffung einer schlagkräftigen, eigenständigen Lobbyorganisation – gegen Zwangsoperationen und für "Menschenrechte auch für Zwitter!"
Aktuelle Beispiele: Dieser Blog, Christianes Prozess, Die Zwitter Medien Offensive™, Intersexuelle Menschen e.V., Forderungsliste, CEDAW-Schattenbericht


Elisabeth "Kann ein Zwitter Sünde sein?" Müller, Landgericht Köln 12.12.07

Zwitter in Bewegung – und auf der Bremse

Durch die verstärkten Aktivitäten vor allem der "Menschenrechtsfraktion" im vergangenen Jahr brachen innerhalb der "Zwitterbewegung" entlang der Fraktionen neue Gräben auf bzw. bestehende wurden plötzlich unübersehbar. Dies ist ein schmerzhafter Prozess, der zu starken inneren Spannungen führt, die auszuhalten schwer fällt. Trotzdem ist er wohl unumgänglich, um die Zwitter endlich als eigenständige politische Kraft zu etablieren. Auch wenn manche Zwitter es vorziehehen würden, der Geist liesse sich wieder in die Flasche sperren und die Zwitter würden als Gattung wieder wie früher im Schatten und unsichtbar bleiben: Dafür ist es zu spät – das Zwitter-Tabu hat Löcher bekommen und wankt.

Der vorherige Platzhirsch, die "Transgenderfraktion", ist aus nahe liegenden Gründen "not amused". Statt inhaltlich auf die seit Jahren vorgebrachte Kritik der "Menschenrechtsfraktion" einzugehen, antwortete die "Transgenderfraktion" 2008 in der Regel mit Pauschalvorwürfen wie "Hass", "persönliche Aversionen", "Diskriminierung", "Ausgrenzung" usw. Die "Menschenrechtsfraktion" nahm dies zum Anlass, die Kritik an der Zwitter-Instrumentalisierung im Allgemeinen und am Ausnutzen des realen Zwitterleids für eigenen Zwecke im Besonderen laufend zu konkretisieren.

Auf den 2008 zunehmend öffentlich werdenden Vorwurf der Instrumentalisierung reagierte die "Transgenderfraktion" mit der Gründung neuer, angeblich zwittersperzifischer Organisationen wie z.B. IVIM, die in Wahrheit aber aus denselben altbekannten ExponentInnen aus TransGenderNetzwerkBerlin (TGNB), TransInterQueer (TrIQ) und TransInterGenderSex (TIGS) besteht. Die Menschenrechtsforderung nach Beendigung der Zwangsoperationen steht nach wie vor klar nicht im Zentrum, wurde aber immerhin akzentuiert. Parallel geht die "Transgenderfraktion" dazu über, Exponent_Innen der "Menschenrechtsfraktion" kurzerhand zu unerwünschten Personen zu erklären, von Veranstaltungen so weit wie möglich auszuschliessen und generell möglichst auszublenden (so z.B. durch Ulrike Klöppel von Charité/TGNB/IVIM, die anlässlich des Ethik-Seminars mit angehenden Medizinern im Januar 2009 Teilnehmer_innen aus der "Menschenrechtsfraktion" nicht nur vom Podium, sondern auch als Gäste im Publikum kategorisch ausschloss).


Solidarische Nicht-Zwitter unterwegs zum Kinderspital, 6.7.08 (Bild: Dominik Huber)

Prognose 2009

Die "Menschenrechtsfraktion" wird weiter Tempo machen, nicht zuletzt dank der anhaltenden Zwitter Medien Offensive ihren Bekanntheitsgrad erneut deutlich steigern und erste politische Erfolge feiern. Dadurch werden sich zusehends auch Nicht-Zwitter aller Schichten und Lager, die erst jetzt von den medizinischen Verbrechen an Zwittern erfahren, konkret solidarisieren und als Verbündete aktiv zur Beendigung der Zwangsoperationen mit beitragen. Nicht-vereinnahmende LGBTQs werden sich solidarisch organisieren. Die "Transgenderfraktion" wird Menschenrechtsverletzungen an Zwittern erneut akzentuieren und ihre Aktivitäten verstärken. Die "Zwitterbewegung" als Ganzes wird von der neu entstandenen Dynamik weiter profitieren. Zwangsoperateure werden einmal mehr wenig zu lachen haben (allen Lippenbekenntnissen zum Trotz). Dass Christiane endlich ihr Schmerzensgeld erhält, wird die übernächste Welle von Prozessen auslösen. Die nächsten Schattenberichte werden auf weniger passiven Widerstand stossen als der erste, doch die UNO wird sich weiterhin auf den Standpunkt stellen, die Zwangsoperationenen seien doch gar nicht so schlimm, die Zwitter sollen sich nicht so anstellen und erst mal weiter bei LGBTQ zu hinterst anstehen. Die Bundesregierung spielt weiter auf Zeit. Die Schmerzgrenze ist noch längst nicht erreicht ...

--> Teil 1: Eine neue Zwitterbewegung!
--> Teil 2: Folgt ...

Siehe auch:
- Zwitter, Transsexuelle und Transgender
- Warum Zwitterforderungen, worin zu oberst nicht die schnellstmögliche Beendigung der Zwangsoperationen steht, keine Zwitterforderungen sind, sondern Vereinnahmung

Google ist mein Freund (Ich hasse Google)

Speziell interessant find ich ich bei folgenden Suchanfragen doch auch, bei welchen Resultaten wieviel und was für Werbung eingeblendet wird, und bei welchen nicht:
http://www.google.de/search?q=zwangsoperationen+zwitter 
http://www.google.de/search?q=zwangsoperation+zwitter 
http://www.google.de/search?q=zwangsoperationen+intersexuell 
http://www.google.de/search?q=zwangsoperation+intersexuell 
http://www.google.de/search?q=zwangsoperationen+transsexuell 
http://www.google.de/search?q=zwangsoperation+transsexuell 
http://www.google.de/search?q=zwangsoperationen+transgender 
http://www.google.de/search?q=zwangsoperation+transgender 

Warum Google mein Freund ist:
http://www.google.de/search?q=zwangsoperationen 
http://www.google.de/search?q=zwangsoperation 

Warum ich Google hasse:
http://www.google.de/search?q=google+zensiert

http://www.google.de/search?q=google+schnüffelt   

Monday, January 5 2009

Zwitter, Transsexuelle und Transgender - badhairdays

Ich durfte auf Sarahs Badhairdays-Blog einen Gastpost schreiben mit meinen persönlichen Ansichten und Erfahrungen über >>> Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen diesen Gruppen. Der Post war in seiner ursprünglichen Form ein längerer Kommentar zu diesem Post von Sarah (wo's auch noch weitere Kommentare hat), ausgehend u.a. auch von Kommentaren zu diesem Post hier.

Ich finde ehrlichen Austausch und offene Kommunikation auch unter Gruppen und Personen wichtig, die nicht immer am selben Strang ziehen (auch wenn ich weiss, dass Höflichkeit und Diplomatie zugegebenerweise nicht immer meine Stärken sind). In diesem Sinne, ich schätze und achte das sehr, dass ich diese nicht selbstverständliche Gelegenheit erhielt, und möchte mich auch hier bei Sarah dafür bedanken!

Und jetzt geh ich schon mal in Deckung für Sarahs Re-Kommentar ... Nachtrag: Siehe hier

"Intersexualität: Weiblich, männlich oder beides?" - Stern, 5.1.09

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter – auch im neuen Jahr!

Brandaktuell und abgesehen von den üblichen Beschönigungen (jaja, früher wars schlimm, früher) nicht mal schlecht:

>>> Artikel vom 5.1.09         (Gefunden via Intersex-Feed)

Hamburg: 3 (!!!) Kleine Anfragen + Anhörung

Gute Nachrichten aus HH: Als Reaktion auf die Anfrage der Bundesregierung betreffend des CEDAW-Schattenberichts wurden dort von der SPD allein seit Mitte Oktober nicht weniger als 3 kleine Anfragen eingereicht – Tendenz steigend! Als erste Reaktion wurde nun auf den 29.4.2009 eine Expertenanhörung zu "Intersexualität" anberaumt ...

>>> Homepage Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg

Drucksache 19/1238
Schriftliche Kleine Anfrage 
der Abgeordneten Anja Domres und Dr. Monika Schaal (SPD) vom 07.10.08
und Antwort des Senats vom 14.10.08
>>> Link zu PDF-Download

Drucksache 19/1678
Schriftliche Kleine Anfrage
der Abgeordneten Anja Domres (SPD) vom 28.11.08
und Antwort des Senats vom 05.12.08
>>> Link zu PDF-Download

Drucksache 19/1694
Schriftliche Kleine Anfrage
der Abgeordneten Carola Thimm (SPD) vom 01.12.08
und Antwort des Senats vom 09.12.08
>>> Link zu PDF-Download

Kommentar: Während DIE LINKE im Bundestag betreffend der durch uns vorformulierten Kleinen Anfrage seit nunmehr 3 Monaten auf dem Schlauch steht, beginnt in Hamburg die Post abzugehen!

Zwar weisen die konkreten Fragen deutlich darauf hin, dass die betreffenden Politikerinnen wissensmässig erst ganz am Anfang stehen, aber: Sie bleiben dran und lassen sich nicht mit billigen Ausreden abspeisen, sondern haken nach und wollen es wissen! Dies ist erst der Anfang ... Umso mehr, da als Delegierte von Intersexuelle Menschen e.V. Lucie Veith und Elisabeth Müller bereits involviert sind.

Ausgelöst wurden die Anfragen bezeichnenderweise durch Rückfragen der Bundesregierung zu den Fragen des CEDAW-Komittees zum Schattenbericht – einmal mehr ein Beweis, dass die alle in Wahrheit nur zu genau wissen, worum es geht, und bloss so tun, als hätten sie "keine relevanten Informationen"!

Als erste Folge der Anfragen ist nun eine Expertenanhörung beschlossen worden.

Lucie Veith berichtet:

Am 17.12.2008 hat die letzte Sitzung diesen Jahres des Ausschusses für Gesundheit und Verbraucherschutz der Hamburgischen Bürgerschaft statt gefunden und hat festgestellt, dass sie nichts wissen zum Thema Hermaphrodit und dass sie das ändern werden. Für den 28.04.09 [Korrektur: die Anhörung findet am Mi 29.4. statt!] ist daher eine Expertenanhörung geplant. Was dabei herauskommt wissen wir nicht, doch es kommt Bewegung in die Haltung. Dieser Meinung war auch Elisabeth Müller, mit der ich gemeinsam in der Sitzung war.

Fazit: Die systematischen und massiven Menscherechtsverletzungen an Zwittern bleiben auch im Neuen Jahr ein nicht mehr wegzuleugnendes Thema!

Nella & Seelenlos

Siehe auch: Hamburg: Historische Grosse Zwitter-Anfrage eingereicht!

Wednesday, December 31 2008

Keine Strassen

ich sitze erschöpft am strassenrand. zitternd vor wut und enttäuschung versuche ich, mir den staub aus dem gesicht zu wischen. ich bin so müde, kann nicht mehr weiter. ich schaue zurück, irgendwo da draussen, ganz weit weg, sind meine lieben, ist mein leben, das mir schon lange abhanden gekommen ist. die anderen sind in eine andere richtung weiter gefahren. einige waren wütend, andere schauten betreten. ein paar klopften mir aufmunternd auf die schultern und gingen schon mal zu fuss los. die meisten wollten erst gar nicht mitkommen, sind irgendwo da hinten, weiss nicht einmal, wie ich sie erreichen kann.

ich wollte ihnen zeigen, wie es geht, dass es geht und möglich ist. bin immer noch von dem überzeugt, was ich gesagt habe. und dennoch sitze ich jetzt hier und kann nicht mehr weiter. es geht nicht mehr. ich bin am ende. ich kann's nämlich auch nicht, ausser wenn mir jemand dabei hilft.

ganz weit weg erkenne ich noch knapp seine gestalt. er ist schon lange viel schneller unterwegs, als ich es je sein kann. ich schaue ihm nach, zu müde, um ihn zu rufen. habe ihm genug zugesetzt, in meiner ohnmächtigen wut, weil er mir eifrig vorzeigte, wie wir uns wehren sollten - wenn wir denn könnten. deshalb läuft er jetzt noch schneller als vorher.

und dann schaue ich in die andere richtung. nicht weit von mir steht sie, die auch bald nicht mehr weiter kann, wenn sie so weiter macht. ich würde gerne weiter machen, wenigstens für sie würde ich gerne weiter machen. wegen der verzweiflung in ihren augen, die an meine eigene rührt. aber ich kann nicht mehr. die scham erdrückt mich, aber ich verlasse die strasse und laufe querfeldein. dort hat es keine strassen.

Tuesday, December 30 2008

"Medizinische Intervention als Folter" - Michel Reiter 30.6.2000

Die Zwitter Medien Offensive™ bevor sie so hiess!

Immer wieder lesenswert: Michel Reiters bahnbrechender Vortrag auf dem Kongress der "european federation of sexology (efs)" in Berlin, der Nachwelt online erhalten dank Gigi. Meines Wissens das erste Mal, dass ein Zwangsoperierter seinen Peinigern öffentlich die Meinung ins Gesicht sagte (nachdem Michel von früheren Kongressen durch Sicherheitskräfte gewaltsam ferngehalten wurde) – kaum überraschend verliess die Hälfte der Medizyner schon vor dem Vortrag fluchtartig den Saal und begründete damit eine unwürdige Tradition, die am Netzwerktreffen 2007 in Bochum ihre unrühmliche Fortsetzung fand. 

Michels Vortrag bleibt m.E. bis heute unübertroffen konsequent. Ausgehend von seiner persönlichen Biographie schaffte er es, über seinen individuellen "Fall" hinaus die Eliminierung der Zwitter als Gattung mittels der genitalen Zwangsoperationen fundiert in einen grösseren Zusammenhang zu stellen, und schreckte auch vor dem Aufzeigen der notwendigen Konsequenzen nicht zurück. Ich kann Michels Mut, seine Scharfsinnigkeit und seine Kraft nur bewundern.

"Wir werden Schadensersatzforderungen einreichen, um auch bereits verstümmelten Erwachsenen eine Lebensperspektive zu geben." Acht Jahre dauerte es, bis mit Christianes Prozess diese eine der vielen von Michel umschriebenen Konsequenzen als erste endlich siegreich in Erfüllung ging (auch wenn Michel dazu skeptisch bleibt, zu verschieden ist wohl Christianes spezieller "Fall" von seinem eigenen).

"Wir werden auf die Gleichheit vor dem Gesetz verweisen" – mit dem CEDAW-Schattenbericht und der Forderungsliste von Intersexuelle Menschen e.V. wurde 2008 auch dazu ein erster gewichtiger Schritt getan (Michel bleibt auch hier skeptisch).

Wann werden die übrigen von Michel vor 8 1/2 Jahren geforderten Konsequenzen folgen?  Bis dahin vielleicht höchste Zeit, sie hier alle nochmals nachzulesen ...

"Intersexuelle Menschen fordern Recht auf Selbstbestimmung" - humanrights.ch 21.10.2008

Yipyip! Die Zwitter Medien Offensive™ ging weiter!

Seinerzeit irgendwie übersehen:

>>> Voll fette Meldung auf humanrights.ch!

Voll fettes Dankeschön!

(gefunden via google.de/search?q=zwangsoperation+intersexuell)

Sunday, December 28 2008

Interview mit Zwitter Elisabeth Müller - advaitaJournal 14

Elisabeth Müller (Mitte) an der 1. Zwitter-Demo vor dem Landgericht Köln, 12.12.07

Die Zwitter Medien Offensive™ war schon da!

In der Nummer 14 der Esoterik-Zeitschrift "advaitaJournal" erschien 2006 ein längeres, bewegendes Interview mit Elisabeth "Museli" Müller.
>>> PDF-Download 80 KB

Elisabeth Müller, Gründungsmitglied der Selbsthilfegruppe XY-Frauen, lebt seit vielen Jahren offen als Zwitter und ist dank unzähligen Medienauftritten weit über ihre Kirchgemeinde hinaus, wo sie ist Chorleiterin und Organistin amtet, berühmt wegen ihrem Anredewunsch "Hermaphrodit Müller, bitte, ich bin keine Frau". (Mehr über sie auf diesem Blog hier und hier.)

Im vorliegenden Interview redet "Zwitter Eli", wie sie sich auch nennt, einmal mehr frisch von der Leber weg Klartext, wie nachfolgende Auszüge zeigen.

Elisabeth Müller über "Zwitter":

Hermaphroditen wie ich müssen anfangen zu sprechen: "Ich bin Zwitter, ich bin weder Mann noch Frau!"

Ich bevorzuge das Wort Zwitter zum einen, weil der Begriff Hermaphrodit ein gewisses Bildungsniveau voraussetzt; das Wort "Zwitter" hingegen kennt jeder. Zum anderen benutze ich das Wort Zwitter, weil es ein Substantiv ist und nicht nur ein Beiwort wie intersexuell. Zwitter wird im allgemeinen als häßliches Wort gesehen. Ich möchte es mir gerne als urteilsfreie Bezeichnung zurückerobern.

Elisabeth Müller über Zwitter als das 3. Geschlecht:

Die Einteilung in Schubladen ist immer eingrenzend. Und doch gibt es eine treffendere Eingrenzung als die, die wir jetzt haben. Und das wäre die Einteilung in drei Geschlechter. Erst dadurch kann in der Gesellschaft wieder ein Reflexionsprozess in Gang gesetzt werden. Das Zwittersein muß ins Bewußtsein dringen.

Elisabeth Müller über "die Kraft des Zorns und der Zerstörung":

Diese Kraft habe ich auch erst in den letzten Jahren der Auseinandersetzung mit den Widrigkeiten des Lebens erkannt und schätzen gelernt. Etwas hieb- und stichfest auf den Punkt bringen, das kann sehr förderlich sein.
Doch um das tun zu können, müssen wir aus der Opfer-Täter-Rolle aussteigen. Meine Erfahrung ist, dass Konfrontation mit dem, was ist und die Zerstörung dessen, was vorbei ist, erst möglich ist, wenn wir bereit sind, die Rollen zu verlassen.

Saturday, December 27 2008

Zwitter-Soli-Buttons für Deine Blogs und Homepages!

In einem Kommentar wurden wir neulich angefragt, ob wir keine Web-Solidaritätsbuttons anbieten könnten, die sich jede_r auf seine_ihre Webpräsenzen aufschalten kann, und die auf eine Page verlinken, wo alle wesentlichen Grundinformationen inkl. persönlichen Fallberichten noch einmal zusammengefasst sind. Nun, hier sind sie:

Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!         Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!/Menschenrechte auch für Zwitter!         Menschenrechte auch für Zwitter!

Um die Buttons bei dir aufzuschalten, copy/paste sie einfach von oben rein oder füge folgenden Code ein:

<a href="http://zwischengeschlecht.org"><img title="Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!" alt="Schluss mit genitalen Zwangsoperationen!" src="https://blog.zwischengeschlecht.info/public/Stop_genitale_ZwangsOPs.png" /></a>

oder

<a href="http://zwischengeschlecht.org"><img title="Schluss mit genitalen Zwangsoperatioenen! Menschenrechte auch für Zwitter!" alt="Schluss mit genitalen Zwangsoperatioenen! Menschenrechte auch für Zwitter!" src="https://blog.zwischengeschlecht.info/public/Zwischengeschlecht_anim.gif" /></a>

oder

<a href="http://zwischengeschlecht.org"><img title="Menschenrechte auch für Zwitter!" alt="Menschenrechte auch für Zwitter!" src="https://blog.zwischengeschlecht.info/public/Menschenrechte_f_Zwitter.png" /></a>

Die Buttons verlinken auf http://zwischengeschlecht.org. Dort hats unter 7. weitere konkrete Vorschläge, wie du aktiv bei der Beendigung der Zwangsoperationen an Zwittern mithelfen kannst. Die Infos sind im Wesentlichen eine Zusammenfassung diverser Flugblätter und Pressemitteilungen der letzten 14 Monate inkl. Linkliste zu Publikationen und Medienauftritten von und mit Zwittern. Anregungen/Ergänzungen/Kommentare willkommen.

Danke für Deine Solidarität!

Friday, December 26 2008

Warum Zwitterforderungen, worin zu oberst nicht die schnellstmögliche Beendigung der Zwangsoperationen steht, keine Zwitterforderungen sind, sondern Vereinnahmung

Meine 2 Cent:

So lange noch täglich wehrlose kleine Zwitter zwangsoperiert werden, ist das Stoppen dieser systematischen, schwer wiegenden Menschenrechtsverletzungen vor der eigenen Haustür für jede_n, der_die etwas für die Verbesserung der Lage der Zwitter tun will, die allererste Pflicht.

Wer stattdessen im Namen der Zwitter andere politische Forderungen an die Spitze stellt wie z.B. "Änderung des Transsexuellengesetzes" (TGNB), "Abschaffung des Geschlechtseintrags" (101 intersex), "Dekonstruktion von Geschlecht" (IVIM) (Nachtrag 5.4.09: Inzwischen hat IVIM in der Forderungsliste das "Recht auf körperliche Unversehrtheit" an 1. Stelle gesetzt), usw., und dafür die Beendigung der Zwangsoperationen an Zwittern hinten anstellt (oder gleich ganz weglässt), vereinnahmt die Leiden der zwangsoperierten Zwitter für seine_ihre eigene Agenda – wohl wissend, dass die eigenen Diskriminierungen gegenüber den Zwangsoperationen vergleichsweise harmlos sind – und trägt mit dazu bei, dass die massiven Menschenrechtsverletzungen an Zwitterkindern "unsichtbar" bleiben und weiter andauern.

So lange Zwitter nicht mit demselben Recht auf einen intakten, unverstümmelten Körper aufwachsen können, wie all die sie vereinnahmenden (Rand-)Gruppen auch – so lange das Ausrotten der Zwitter als Spezies durch die Zwangsoperationen weitergeht – so lange wird es keine Gerechtigkeit geben ...

(Um Missverständnissen vorzubeugen: Es gibt unbestrittenermassen auch LGBTQs, die mit Zwittern solidarisch sind ohne sie zu vereinnahmen. Auch von den Vereinnahmer_innen haben bestimmt viele "nur die besten Absichten" – aber um die Zwangsoperationen endlich zu stoppen, ist gut gemeint nunmal definitiv nicht gut genug.)
Siehe auch:
- Instrumentalisierung von Zwittern: Kritik aus 2002
- 2008: "Transgenderfraktion" vs. "Menschenrechtsfraktion" (Jahresrückblick, Teil 3)
- "Who killed David Reimer?"
- "Intersexualität" = sexuelle Orientierung?!
- Liminalis: Aus Transschändrien nix neues
- QueerGrün missbrauchen Zwittersymbol für TSG-Kampagne
- Die Rede von der "psychischen Intersexualität"

Tuesday, December 23 2008

2008: Eine neue Zwitterbewegung! (Jahresrückblick, Teil 1)

Seit 1 1/4 Jahr versuchen wir auf Zwischengeschlecht.info, mit Pressemitteilungen, Demos, Eingaben usw. das in Öffentlichkeit und Politik herrschende Tabu der genitalen Zwangsoperationen an wehrlosen kleinen Zwitterkindern zu brechen. In dieser Zeit haben wir meiner unbescheidenen Meinung nach einiges erreicht:

Noch in keinem Jahr zuvor gab es so viele Medienberichte über Zwitter, waren die an ihnen begangenen medizinischen Verbrechen so oft und weitverbreitet öffentliches Thema. FernsehsprecherInnen redeten teils zur besten Sendezeit unverblümt von "Zwangskastrationen" und genitalen "Zwangsoperationen" an Zwittern. Eine friedliche Aktion vor dem Kinderspital Zürich erreichte via Medien über zwei Drittel (!) der Deutschschweizer Bevölkerung.

Die Ehrung Milton Diamonds im kurzerhand geenterten "2. Interdisziplinären Forum zur Intersexualität" durch Intersexuelle Menschen e.V. wurde zum bewegenden Höhepunkt der gesamten Veranstaltung. Der Wikipedia-Eintrag konnte nach mehreren Anläufen zumindest deutlich verbessert werden. Christianes Siege vor Gericht wurden bundesweit mit Empathie aufgenommen und etablierten das Wort "Zwitter" als positive Bezeichnung im Nachrichtenmainstream. Durch den Film "XXY" konnte die Thematik weiter vertieft werden. Nach einer geharnischten Kritik auf Zwischengeschlecht.info erklärte die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) ihre Zwangsbehandlungs-Leitlinie plötzlich für veraltet.

Der CEDAW-Schattenbericht von Intersexuelle Menschen e.V. brachte die Zwitter erstmals vor die UNO. Mit im Gepäck hatte die Delegation eine detaillierte Forderungsliste, die tags zuvor nebst den Medien auch allen Mitgliedern des Bundestags zugegangen war.

Und dies war nur der Anfang.

  1. Demo Landgericht Köln 12.12.07

Eine ganze Menge verschiedener Menschen wurden (nicht zuletzt dank der Zwitter Medien Offensive) 2008 zum ersten Mal überhaupt auf die systematischen Menschenrechtsverletzungen an Zwittern aufmerksam. Langjährige Beobachter vermeldeten nicht zuletzt auf unseren Blog zurückgehende "ausführliche Berichterstattung" durch "ungewöhnlich viele" Mainstreammedien sowie "zunehmend selbstbewussteres Auftreten von Zwittern". Noch nie waren soviele Zwischengeschlechtliche so aktiv. Ein messbarer Erfolg der Vorarbeiten engagierter Einzelner seit Mitte der 90er, sowie weiterer Personen und Organisationen auf verschiedenen Schauplätzen.

Natürlich gab es auch Rückschläge, z.B. im Bundestag: Dort herrscht nach wie vor das Schweigen der MittäterInnen. DIE LINKE steht bezüglich einer vorformulierten Kleinen Anfrage seit 3 Monaten auf dem Schlauch – als wäre es ihre erklärte Absicht, sie ja erst nach der CEDAW-Session vom Ende Januar 2009 einzureichen, wenn die politische Sprengkraft auf ein Minimum verraucht ist. Die Grünen vereinnahmten die Zwitter zwar gern für ihren Yogyakarta-Vorstoss – waren für konkrete Zwitter-Anliegen aber das ganze Jahr eisern kein einziges Mal zu sprechen. Dafür gab es in Hamburg als Reaktion auf die Anfrage der Bundesregierung betreffend des CEDAW-Schattenberichts allein seit Mitte Oktober von der SPD nicht weniger als 3 kleine Anfragen – auf den 28.4.2009 ist inzwischen eine Expertenanhörung zu "Intersexualität" anberaumt ...

Die Bilanz ist positiv. Das Zwitter-Tabu wankt. Zwangsoperateure werden auch nächstes Jahr wenig zu lachen haben. Wohl muss der Druck zuerst noch um einiges weiter erhöht werden, doch früher oder später wird ihm auch die nach wie vor zu 150% ignorante Bundesregierung Rechnung tragen müssen. Proteste liegen in der Luft, und eine wirklich "schlagkräftige Zwitterlobby" scheint plötzlich kein blosser Wunschtraum mehr ...

--> Teil 2: Folgt ...
--> Teil 3: "Transgenderfraktion" vs. "Menschenrechtsfraktion"    

Saturday, December 20 2008

Schattenbericht: Bundesregierung leugnet Menschenrechtsverletzungen an Zwittern

Im CEDAW-Schattenbericht von Intersexuelle Menschen e.V. war auch ein detaillierter Fragenkatalog an die Bundesregierung enthalten. Diese Fragen (und die in den übrigen eingereichten Schattenberichten, hauptsächlich der Allianz von Frauenorganisationen) waren die Grundlage für einen vom CEDAW-Komittee erstellten, ausführlichen Fragenkatalog an die Bundesregierung. Mit Datum vom 21.11.2008 gingen nunmehr die Antworten der Bundesregierung ein. Betreffend der gravierenden Menschenrechtsverletzungen an Zwittern (Frage 24) hatte die Bundesregierung gerade mal einen einzigen Satz übrig: 

"Die Frage des Komittees kann nicht beantwortet werden, da die Bundesregierung zur Zeit über keine relevanten Informationen verfügt." ("The Committee’s question cannot be answered, since the Federal Government does not currently have any relevant information.")

Damit macht sich die Bundesregierung einmal mehr zur Mittäterin bei den genitalen Zwangsoperationen und sonstigen nicht-eingewilligten Zwangsbehandlungen an Zwittern. Und dies obendrein einmal mehr mit einer dreisten Lüge: mit der "Hamburger Studie" von 2007 und der "Lübecker Studie" von 2008 liegen der Bundesregierung sehr wohl "relevante Informationen" vor.

Leider hatte schon das CEDAW-Komittee (Übersichtsseite 43. Session) seine Hausaufgaben nur mangelhaft gemacht, sprich die konkreten Fragen der betroffenen Menschen aussen vor gelassen und durch eine doch etwas sehr allgemeine Frage ersetzt. Vom Institut für Menschenrechte (Berlin) hatte es dazu seinerzeit zwar geheissen, dass dies sogar noch besser sei, denn dann könne die Bundesregierung noch weniger ausweichen. Die konkrete Frage wurde Intersexuelle Menschen e.V. jedoch nicht mitgeteilt. Als der Wortlaut zusammen mit der "Antwort" der Bundesregierung bekannt wurde (PDF-Download), sowie dass dieser schon seit August feststand (PDF-Download), war die Konsternierung gross – so allgemein und schwammig war die Frage gehalten, dass die Zwitter darin nicht einmal mehr namentlich erwähnt wurden:

"24. Bitte liefern Sie Informationen zur Situation von Frauen, deren Geschlechtsidentität aufgrund eines medizinischen Entscheids neu zugewiesen wurde." ("24. Please provide information on the situation of women who have had their gender identity reassigned upon medical decision.")

Damit arbeitete das CEDAW-Komittee der Bundesregierung sozusagen in die Hand und lieferte einen Steilpass zur offiziellen Weiterführung der Ausrottung der Zwitter als Spezies mittels der "vereindeutigenden" Zwangsoperationen an ihren "uneindeutigen" Genitalen, ungeachtet des durch die oben erwähnten Studien eben wieder einmal bestätigten, massiven Leids, das diese menschenrechtswidrigen, nicht-eingewilligten Zwangseingriffe über die Opfer bringen.

UN-Ausschuss von Schattenbericht "sichtlich bewegt", hatte hoffnungsfroh der Titel der Pressemitteilung des Vereins vom 23.7.2008 gelautet. Der UN-Ausschuss mag bewegt gewesen sein - verstanden hat er unsere Lebenssituation - wie Frage Nr. 24 beweist - nicht einmal ansatzweise. Oder, noch schlimmer: Er verstand sie sehr wohl, wollte aber der Bundesregierung wegen ein paar wildgewordenen Zwittern nicht unnötig auf die Zehen treten.

Wir wurden - so sehe ich das - wieder einmal benutzt, über den Tisch gezogen. Intersexuelle Menschen e.V. ist zur Zeit am abklären, was für Mittel offenstehen, gegen dieses unhaltbare Vorgehen jetzt noch Widerspruch einzulegen. Der CEDAW-Ausschuss soll dazu aufgefordert werden, die Frage neu zu stellen. Die Bundesregierung müsste dann noch einmal antworten. Ob sie das tun wird und ob das zeitlich (bis Genf Januar 2009) überhaupt möglich sein wird, ist zu bezweifeln.

Wir werden nun wohl mit dieser unsinnigen Frage im Rücken im Januar 2009 in Genf stehen. Umso mehr hoffe ich, wir werden unsere Enttäuschung und Wut wenigstens vor dem Ausschuss selbst deutlich zur Sprache bringen – unterstützt von einer kraftvollen Demo auf der Place des Nations, die unmissverständlich zeigt, dass wir Zwitter die an uns unter Mittäterschaft der Bundesregierung begangenen medizinischen Verbrechen nicht mehr länger tatenlos hinnehmen.

Siehe auch:
- Weltweit größte Zwitter-Studie straft Bundesregierung Lügen!
- Die Bundesregierung vs. Zwitter
- Streicheleinheiten für die Bundesregierung

Thursday, December 18 2008

Zwitter-Flyer-Aktion in Soest 13.12.08

A*** [Name auf Wunsch entfernt, ohne Anerkennung eines Rechtsanspruchs] berichtet – wir gratulieren zur mutigen Aktion!

Am Samstag, den 13. Dezember 2008 waren [Name auf Wunsch entfernt, ohne Anerkennung eines Rechtsanspruchs] und ich in der Soester Innenstadt, um Flyer zu verteilen. Zunächst musste die Aktion beim zuständigen Ordnungsamt angemeldet werden. Die wollten zunächst eine Pauschale von 28,5 Euro erheben, das wäre die normale Gebühr.

Ich bat um Befreiung, da ich ja nichts daran vedienen sollte, habe die Befreiung auch zwei Tage später per Email Anhang erhalten.

Die Resonanz unserer Aktion war insgesamt positiv zu bewerten, nur einige bornierte Menschen gaben diskriminierende Bemerkungen ab. Es gibt immer noch eine Menge Menschen, die die Unterschiede zwischen intersexuell und transsexell nicht kennen oder kennen wollen. Hier besteht meines Erachtens noch ein erheblicher Aufwand von uns Zwittern, über Medien die Massen zu unterrichten.

Die Flyer konnten von [Name auf Wunsch entfernt, ohne Anerkennung eines Rechtsanspruchs] und mir auch im Rathaus am Schwarzen Brett angebracht werden, auch einige Apotheken und Geschäfte hatten nichts dagegen.

Der Soester Anzeiger war auch zugegen, jedoch konnte man uns nicht sagen, wann der Artikel erscheinen würde. In den sechs Stunden standen wir auch einer größeren Mengen an Interessierten Rede und Antwort. Trotz Rollstuhl war ich in den nächsten Tagen zu nichts mehr zu gebrauchen, kostet halt doch eine Menge an Kraft und Überwindung.

Schön wäre es, wenn sich meinen Beispiel einige Mitglieder anschließen würden und sich auch bereit erklären würden, ähnliche Aktionen durchzuführen.

Dabei reicht es manchmal schon, diverse Arztpraxen zu befragen, einige Flyer dort auslegen zu dürfen, auch Apotheken und Geschäfte würden da sicherlich mitmachen.

Allen noch ein besinnliches Weihnachtsfest wünscht euch

A*** [Name auf Wunsch entfernt, ohne Anerkennung eines Rechtsanspruchs]

>>> Der verteilte Flyer (Pdf Download 320 kb)

Wednesday, December 17 2008

"Bundesregierung erhält schlechte Noten für Gleichstellungspolitik" - zwd.info

Artikel über die CEDAW-Schattenberichttagung in Berlin: "Nicht zuletzt fehlten Gleichstellungsmaßnahmen für Lesben sowie intersexuelle und transsexuelle Menschen." Wenigstens für einmal bilden "Intersexuelle" nicht das sonst nach wie vor obligate Schlusslicht. Fazit: Öffentlichkeitsarbeit, Widerstand, Empörung und Motzen lohnen sich -- auch für Zwitter!

>>> Der ganze Bericht    (Gefunden via Intersex-Feed)

Nachtrag: Im Bericht der taz sind die Zwitter einmal mehr lediglich "stillschweigend mitgemeint" ...

Zwitter als Kanonenfutter für die Transgender- und Queer-Agenda?

Auf dem Feministe-Blog hats eine (englischsprachige) Rezension des neuen Buches über Zwitter "Fixing Sex" (mehr zum Buch hier), zu der ich ehrlich gesagt sehr gemischte Gefühle habe:

Einerseits bin ich ja noch so froh über jede Erwähnung der marginalisierten Existenz von Zwittern, erst recht über jede noch so beiläufige Andeutung ihres Jahrzehnte langen Kampfes gegen die an ihnen begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Andrerseits kommt leider, leider in dieser Rezension (nach allem, was ich weiss, übrigens im Gegensatz zum besprochenen Buch) die Situation der real existierenden Zwitter bloss sehr am Rande vor; ihr Leiden und erst recht ihr Kampf werden grad mal vage angedeutet.

Denn einmal mehr liegt der Fokus (auch in den meisten Kommentaren) nicht etwa auf den Zwischengeschlechtlichen, sondern wie üblich auf "Gender".

Schlimmer noch: Einmal mehr werden die realexistierenden Zwitter und ihr Leiden unverfroren instrumentalisiert als "wichtige empirische Abstützung"  für "Transgender oder queere Identitäten oder Politiken".

Und einmal mehr wird detailliert auf die Geschichte des Begriffs "Gender" eingegangen -- deren Beginn allerdings 1975 angesetzt und der Feministin Gayle Rubin zugeschrieben wird -- obwohl John Money allein im Vorwort des besprochenen Buchs (aus dem übrigens sämtliche Zitate innerhalb der Rezension stammen) nicht weniger als 7 mal namentlich erwähnt wird.

Wie können Feministinnen, Transgender und QueertheoretikerInnen so herzlos sein, die Zwitter auf "empirisches Material" zur "Untermauerung" der eigenen Agenda zu reduzieren -- "empirisches Material", gewonnen aus  grässlichen Menschenversuchen, die bis heute ungesühnt sind, ja nach wie vor andauern?

Wie können sie z.B. gegen Mädchenbeschneidungen in anderen Kulturen protestieren -- und gleichzeitig die Zwitterbeschneidungen in ihrer eigenen Kultur tolerieren, ja gar noch deren "empirische Forschungsergebnisse" als Grundlage für ihre ureigenste benutzen?

Habt ihr wirklich gar kein Mitgefühl?

Oder wie wärs stattdessen zur Abwechslung mal mit etwas (praktischer) Hilfe, Solidarität und politischer Untersützung für die Zwitter und ihren Kampf um die sofortige Abschaffung der Zwangsoperationen und Wiedergutmachung, und zwar als eigenständigen Punkt in der Agenda und nicht bloss als Mittel zum Zweck?

Und im Rahmen von Feminismus, Gender Studies und Queer Theorie, wie wärs mal mit etwas Aufarbeitung auch der weniger angenehmen wirklichen Quellen des Konzepts "Gender" -- inkl. aller Verwicklungen und Folgen?

Siehe auch:
- Instrumentalisierung von Zwittern: Kritik aus 2002
- Vereinnahmung von Zwittern: Das Transgender-Netzwerk Berlin TGNB macht's vor ...
- "Who killed David Reimer?"
- Die Rede von der "psychischen Intersexualität"
- Warum Zwitterforderungen, worin zu oberst nicht die schnellstmögliche Beendigung der Zwangsoperationen steht, keine Zwitterforderungen sind, sondern Vereinnahmung
- Liminalis: Aus Transschändrien nix neues
- QueerGrün missbrauchen Zwittersymbol für TSG-Kampagne
- "Intersexualität" = sexuelle Orientierung?!

- page 57 of 68 -