Friday, March 6 2009

CEDAW im Bundestag: Nach bekanntem Muster

Mittlerweile ist das provisorische Sitzungsprotokoll (Nachtrag >>> vollständiges Protokoll als PDF) der 208. Sitzung vom 5.3. online. Die Bundesregierung war in Sachen CEDAW wie üblich vertereten durch Dr. Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

In Sachen Zwitter machte es sich die Ministerin denkbar einfach: Schweigen wie gehabt.

Auch zu allen anderen Themen rezyklierte sie zuverlässig altbekanntes: Das CEDAW-Komitee hat Deutschland nur gelobt, alles paletti, weiter nix ...

Allerdings hatte die Ministerin dabei die Rechnung letztlich ohne die Aufmerksamkeit der Abgeordneten gemacht. Aus dem Redebeitrag von Ina Lenk (FDP):

Auch die Alternativberichte der Allianz von Frauenorganisationen in Deutschland und des Juristinnenbunds sind bisher nicht im Ausschuss diskutiert worden. Frau Ministerin, Sie haben eine hauseigene Pressemitteilung vom 13. Februar zitiert, die wortgleich mit einer Pressemitteilung aus Ihrem Haus vom 4. März ist.

(Irmingard Schewe-Gerigk (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Unglaublich!)

Eine hauseigene Pressemitteilung, in der sich die Regierung über den Klee lobt, reicht aber wahrlich nicht aus.

Wiederholt wurde auch von Abgeordneten moniert, die Bundesregierung hätte die Empfehlungen des CEDAW-Komitees noch immer nicht ins Deutsche übersetzt – und auch das englische Original dem Parlament schlicht vorenthalten (!!) ...

Trotzdem war es dem Parlament nicht entgangen, dass die Bundesregierung in diesem "brisanten Papier" (Oliver Tolmein) nicht zuletzt wegen mangelnden Schutzes der Menschenrechte der Zwitter klar gerügt sowie zur Abfassung eines diesbezüglichen Zwischenberichts verknurrt wurde, was in der gestrigen Debatte dann verdankenswerter Weise auch sage und schreibe 3 (!!!) Parlamentarierinnen aufgriffen:

Irmingard Schewe-Gerigke (Grüne) erinnerte die Bundesregierung u.a. an die für Zwitter zentrale Empfehlung 62 des Komitees. In diesem Zusammenhang tauchte in der gestrigen Bundestagsdebatte gar das erste Mal das Wort "intersexuell" auf - im Gegensatz zu den CEDAW-Empfehlungen allerdings wieder in der "traditionellen", scheinbar gottgegebenen Reihenfolge:

Sie reagieren nur, wenn Sie das Bundesverfassungsgericht dazu zwingt. Das betrifft in letzter Zeit - das steht auch in den Berichten - die transsexuellen und intersexuellen Menschen. Dazu findet sich kein Wort von Ihnen im Länderreport. Die Rüge der Vereinten Nationen kam postwendend.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP)

Nicht, dass ich persönlich die Reaktionsfähigkeit irgendeiner Bundesregierung der letzten 60 Jahre in Sachen Zwitter höher einschätzen würde. Diesbezüglich finde ich die Beschreibung ziemlich akkurat. Nur: Dass es zu "Intersexuellen" z.B. gar keine Bundesverfassungsgerichtsentscheide gibt, wer weiss das schon? Wen interessiert das schon?

Das zweite Mal wurden Zwitter erwähnt von Caren Marks (SPD) – mensch beachte die Reihenfolge, oho!

Wir wollen keine Diskriminierungen von lesbischen Frauen oder inter- und transsexuellen Menschen.

Dito zum Dritten wurden Zwitter und der Schattenbericht eingebracht von Kirsten Tackmann (DIE LINKE):

Noch viel mehr Kritik steht im Alternativbericht zur UN-Frauenkonvention CEDAW, den uns Abgeordneten im vergangenen Dezember 28 Frauenorganisationen vorgelegt haben, gemeinsam mit einem alarmierenden Bericht zur Situation inter- sowie transsexueller Menschen in unserem Land. Dieser engagierten Arbeit ist es zu verdanken, dass die real existierenden Mängel der bundesdeutschen Gleichstellungspolitik und Frauenpolitik deutlich benannt wurden. Alle diese Berichte widersprechen dem allzu selbstgefälligen Bericht der Bundesregierung in ganz wesentlichen Punkten. Aber Kritik nutzt nur, wenn sie gehört wird. Deshalb sehe ich diese Alternativberichte als Hausaufgaben für das Parlament und uns Abgeordnete. Wir müssen erzwingen, dass die Bundesregierung die UN-Frauenkonvention endlich erlebbar durchsetzt.

(Beifall bei der LINKEN)

Endlich ein Votum, das konkrete Taten fordert! Leider ist aber genau DIE LINKE diejenige Partei, deren eigene "Aktivitäten" dieses Lippenbekenntnis zumindest in Sachen Zwittern klar Lügen strafen: seit über 5 Monaten sitzt die Linke auf dem Schlauch bei einer praktisch fixfertigen kleinen Zwitter-Anfrage, die sich u.a. genau auf den Schattenbericht bezieht und von der Bundesregierung diesbezüglich Rechenschaft verlangt und sie zum Handeln auffordert!

Fazit: Das die Zwitter wenigstens erwähnt werden, und nicht mal mehr ausschliesslich als Schlusslicht, ist ja schon mal etwas. Alles in allem reicht es es aber konkret noch lange nicht für eine Trendwende: Mit wohlklingenden Absichtserklärungen, denen keine Taten folgen, ist den Zwittern nicht geholfen (noch sonstwem) ... Genau an letzterem haperts aber speziell im Bundestag nach wie vor, und zwar gewaltig! Wann folgen auch dort – wie jüngst in Hamburg – endlich massiert konkrete und hartnäckige Vorstösse? Wer macht den Anfang? Wer zieht alles nach? Und nicht zuletzt: Wieviele bleiben dran, bis endlich konkrete Resultate herausspringen?

Ansonsten werden auch morgen, nächste Woche, nächstes Jahr usw. wehrlose Zwitterkinder nach dem altbekannten Programm zwangsoperiert. Und alle werden sie im Bundestag weiter dazu schweigen (oder allenfalls schön reden) und weiter wegschauen.

So wurden auch in der heutigen Pressemitteilung des Bundestags zur CEDAW-Debatte die Zwitter einmal mehr schon gar nicht erst erwähnt ... Auch die gestrige DDP-Meldung unterschlägt die Zwitter, erwähnt aber (im Gegensatz zur Bundestagsmeldung)  immerhin in einem Nebensatz "25 Beanstandungen der UN zum jüngsten deutschen CEDAW-Bericht".

(Danke an Lucie für den Hinweis auf das 2. und 3. Zwitter-Zitat. Im provisorischen Protokoll noch nicht enthalten: die Behandlung des Yogyakarta-Antrags und weiterer der Grünen später in derselben Sitzung.)

Nachtrag: Bundestag lehnt Yogyakarta-Vorstoss der Grünen ab

Bundestags-Suchmaschine zu "Intersexualität":
http://suche.bundestag.de/searchAction.do?queryAll=&queryOne=intersexuell+intersexuelle+intersex

Siehe auch:
- Schattenbericht Intersexuelle Menschen e.V.
- Schattenbericht: Bundesregierung leugnet Menschenrechtsverletzungen an Zwittern 
- Zwitter-Demos vor der UNO 26.1.
- Weitere Medienberichte zu Genf
- Genf: UNO mahnt Bundesregierung
- CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung
- Oliver Tolmein zu CEDAW-Empfehlungen
- Offener Brief des Deutschen Juristinnenbundes erwähnt Zwitter

Wednesday, March 4 2009

Reitschule Bern zeigt ganzen März Zwitterfilme

Die Reitschule Bern ist ein selbstverwaltetes Kulturzentrum mit einer im wahrsten Sinne des Wortes bewegten Geschichte seit über 25 Jahren. Das Kino in der Reitschule widmet seinen Zyklus für den Monat Märzden Zwittern! Danke!!!

Am Do 5.3. gibt es zudem um 19:30h eine Einführung ins Thema durch die versierte Sozialwissenschaftlerin Kathrin Zehnder, unter Zwittern bekannt u.a. als Co-Herausgeberin des empfehlenswerten Buches "Intersex". Geschlechtsanpassung zum Wohl des Kindes?, das u.a. auch einen Beitrag von Karin Plattner von der Schweizerischen Elternselbsthilfe enthält.

Im Anschluss ist eine Diskussion vorgesehen – schön wäre es, wenn darauf auch in Bern die am dortigen Inselspital trotz gegenteiliger Lippenbekenntisse nach wie vor praktizierten genitalen Zwangsoperationen vermehrt öffentlich kritisch hinterfragt würden oder gar konkret politisch unter Beschuss gerieten ...

Nachfolgend ein Überblick über den Zyklus und die einzelnen Filme.

Aus der Einleitung zum Filmzyklus:

In der Schweiz leben zwischen 8000 und 20 000 Menschen, die medizinisch nicht klar geschlechtlich einordbar sind. Im Filmzyklus Intersexualität möchten wir intersexuellen Menschen eine Stimme geben und Filme zum Thema zusammen schauen. Was ist Geschlecht eigentlich? Gibt es wirklich nur die zwei, die auf Formularen anzukreuzen sind oder müssen wir unsere Geschlechterkonzepte überdenken?

Einmal mehr scheint es also womöglich (noch) eher um die "Feinheiten von Gender" zu gehen als um den aktuellen Kampf der Zwitter gegen genitale Zwangsoperationen und um Selbstbestimmung. Das Programm jedoch ist hochkarätig – und böte eigentlich zur Genüge Material aus erster Hand für einen kurzen Überblick über mehr als ein Jahrzehnt politischen Zwitterkampf:

Im Eröffnungsfilm "Die Katze wäre eher ein Vogel" (2007) am Do 5.3. / Fr 6.3. / Sa 28.3. erzählt u.a. ein Urgestein des organiserten Zwittertums, die Mitbegründerin von XY-Frauen und Intersexuelle Menschen e.V., Katrin Ann Kunze (siehe auch: Die Zeit 00 / Freitag 44/02). Weitere Interviewte sind unter anderem Lucie Veith (siehe auch: OB Netzwerk Sept 07 / taz 6.11.07 / Deutschlandfunk 6.7.08), Co-Autorin des Schattenberichts, der diesen Januar in Genf vor der Uno verhandelt und von der schweizerischen Gruppe Zwischengeschlecht.org mit Mahnwachen und einer Demo begleitet wurde, und Christiane Völling (im Film noch Thomas), die in Köln 2008 in zweiter Instanz einen vielbeachteten, beispiellosen Prozess gewann gegen den Chirurgen, der ihr – wie bei Zwittern üblich – ohne ihre informierte Einwilligung die inneren Geschlechtsorgane entfernte und sie dadurch laut Gericht "schuldhaft in [ihrem] Selbstbestimmungsrecht verletzt[e]" (siehe auch: Christianes Geschichte / Planetopia 16.12.07 Video / Kulturzeit 25.6.08).

Fr 6.3. / Sa 28.3. läuft mit "Das verordnete Geschlecht" (2001) DER deutschsprachige Zwitterfilm überhaupt, mit Interviews und Berichten von politischen und anderen Aktionen u.a. mit Michel Reiter, der mit Heike Bödeker in der Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie (AGGPG) 1996 die deutschsprachige Zwitterbewegung überhaupt begründete, und mit seinem Aufsehen erregenden Prozess über zwei Instanzen um sein Recht auf Personenstand "zwittrig" das Thema der massiven Menschenrechtsverletzungen an Zwittern zu Beginn des 21. Jahrhunderts erstmals einer breiteren Öffentlichkeit nahebrachte (siehe auch: Zeit-Magazin 28.1.99 / GEO Wissen 26/00 / Arranca 14 / Vortrag 30.6.00). Michel Reiter hielt viele Vorträge, u.a. am 3.7.01 auch einen in der Reitschule (PDF-Download) ...
Ebenfalls mit von der Partie: Elisabeth "Hermaphrodit Müller, bitte, ich bin keine Frau", ebenfalls Mitbegründerin von XY-Frauen und Intersexuelle Menschen e.V., heute noch als Aktivistin dabei, aus Funk und Fernsehen auch bekannt als "Zwitter Eli" sowie berühmt für ihre Zarah Leander-Adaption "Kann ein Zwitter Sünde sein?" (siehe auch: dradio 20.3.06 / advaita 14/06 (PDF) / MDR 18.1.08 (mp3 15.1 MB)
Weiter bemerkenswert an diesem Film: Co-Filmemacher Oliver Tolmein, Rechtsanwalt und Publizist u.a. mit einem exzellenten Blog "Biopolitik" auf FAZ-Online, der sich nach wie vor engagiert für die Menschenrechte (auch) der Zwitter einsetzt.

Sa 7.3. / Sa 14.3. / Fr 20.3. zeichnet "Erik(A) - der Mann, der Weltmeisterin wurde" (2005) die Geschichte der erfolgreichen österreichischen Sportlerin Schinegger nach, die nach einer Geschlechtskontrolle des Olympischen Komitees als "Scheinzwitter" mit männlichem Chromosomensatz von der Teilnahme ausgeschlossen wurde, sich darauf freiwillig Operationen unterzog und anschliessend als Mann seine Karriere fortsetzte. Eine aussergewöhnliche Biographie, die auf den ersten Blick nichts mit dem Kampf der Zwitter zu tun hat – ausser, dass sie treffend illustriert, wieviel besser es Zwittern geht, wenn sie das Glück haben, nicht als Kinder zwangskastriert und zwangsoperiert werden, sondern untraumatisiert aufwachsen und später möglichst freie Entscheidungen über sich selbst treffen können – für die allermeisten Zwitter nach wie vor eine Utopie, wie auch ein aktuelles, denkwürdiges scheinbares Dementi aus dem Inselspital einmal mehr beweist.

Ebenfalls aus Österreich kommt der am Fr 13.3. / Do 19.3. gezeigte "Tintenfischalarm" (2005) und erzählt die bewegende Geschichte von Alex, dem wie so vielen anderen Zwitterkindern mit der "Begründung" "Pseudohermaphroditus masculinus" die Hoden und das Lustorgan kurzerhand amputiert wurden, damit das "uneindeutige" Kind künftig als Mädchen durchginge. Auch bei Alex ein letztlich vergebliches, für das Opfer aber extrem schmerzhaftes und zerstörerisches "Experiment" scheinbar mitgefühlloser Medizyner. Alex beginnt eine Flucht nach vorn und entkommt so dem Schicksal von über 30% seiner Geschlechtsgenoss_innen, die sich selbst das Leben nehmen (siehe auch: Alex Jürgens Geschichte / "Tintenfischalarm"-Bio 2006 / Presseheft (DOC). Alex ist Mitbegründer der österreichischen Selbsthilfegruppe intersex.at.

Mit "XXY" (2007) steht zu guter Letzt Sa 21.3. / Fr 27.3. der wohl allererste SPIELFILM über einen Zwitter (Nachtrag: Diese Ehre gehört "Both" (2005) von Lisett Barcellos) im Programm, der letztes Jahr zu Recht weltweit Furore machte. Trotz des leider unglücklich gewählten, missverständlichen und nicht ganz ungefährlichen Titels (ein herzliches Dankeschön in dieser Beziehung an den CH-Verleiher Xenix, der seiner Verantwortung gerecht wurde und aktiv mithalf, Medien und Öffentlichkeit zu informieren – ein Beispiel, das darauf auch in Deutschland Schule machte!) waren die allermeisten Zwitter von dem stimmungsvollen Film begeistert und feierten ihn als "menschlichen Film über Zwitter". Eine Zwitter-Utopie, wo endlich einmal auch zwischengeschlechtliche Menschen so richtig mit einer Protagonist_in mitfiebern können, die_der allen Schwierigkeiten zum Trotz schliesslich von beiden Eltern so akzeptiert wird, wie sie_er ist, den drohenden Zwangsoperationen (einmal mehr) glücklich entgeht und sein_ihr Selbstbestimmungsrecht erfolgreich durchsetzen kann! Zwitter-Aktivist_innen nahmen "XXY" international als Aufhänger, um auf ihren Kampf gegen genitale Zwangsoperationen öffentlich aufmerksam zu machen.

Wer übrigens im Zwitter-Zyklus des Reitschule-Kinos Beiträge zur schweizer Zwitterbewegung um Zwischengeschlecht.org und intersex.ch vermisst, von der in den letzten 18 Monaten auch über die Landesgrenzen hinaus entscheidende Impulse ausgingen, die u.a. auch die Berliner "Gigi, Zeitschrift für sexuelle Emanzipation" aufhorchen liessen, kann sich hier online einen durchaus geigneten, kurzen Vorfilm zu Gemüte führen: Letzten Sommer schaffte es die "Tagesschau" in einem gelungenen Beitrag über einen Protest vor dem Zürcher Kinderspital in nur 2'22" viel Wesentliches knackig auf den Punkt zu bringen – schon der einleitende Moderator liess es sich nicht nehmen, an einem Sonntagabend in der Hauptausgabe das Wort "kastriert" noch extra zu betonen ...

Vorführzeiten siehe: http://www.reitschule.ch/reitschule/kino/index.shtml

Siehe auch: 2008: Eine neue Zwitterbewegung! (Jahresrückblick, Teil 1)

Monday, March 2 2009

Pressemitteilung zu den Hamburger Anfragen

>>> http://zwischengeschlecht.info/pages/Genitale-Zwangsoperationen:-Hamburger-Senat-nicht-gewachsen

Hamburg: Erneut historische Grosse Zwitter-Anfrage!!

Nach den bisher 3 kleinen Anfragen der SPD noch im alten Jahr und einer Grossen Anfrage von DIE LINKE im Januar reicht nun die SPD in der Hamburgischen Bürgerschaft eine weitere Grosse Anfrage nach – von erneut historischen Ausmassen!

Nicht nur wird der Senat akribisch auf seine zahlreichen faulen Ausreden und leeren Versprechungen behaftet. Zum ersten mal überhaupt werden die (ironischerweise vom Bund finanzierten) grossen Zwitterstudien der letzten Jahre, nämlich die "Hamburger Studie" von 2007 sowie die "Lübecker Studie" von 2008, konsequent ins Feld geführt – sowohl der Hamburger Senat wie auch die Bundesregierung hatten diese Studien (wohl wegen der an Deutlichkeit kaum zu wünschen übriglassenden Beweise für die gravierenden Schäden durch die Zwangseingriffe) bisher stets kategorisch ausgeklammert. Dito die Forderungsliste von Intersexuelle Menschen e.V. Weiter macht sich die Anfrage überzeugend für ein offizielles 3. Geschlecht für Zwitter stark!

Ein weiterer Erfolg der Zwitter-Öffentlichkeitsarbeit nicht zuletzt dieses Blogs!

Noch braucht es wohl eine ganze Menge weiteren öffentlichen und politischen Druck, bevor der Hamburger Senat (und andere Verantwortliche inkl. Bundesregierung) die massiven, verfassungs- und menschenrechtswidrigen medizinischen Verbrechen an Zwittern endlich nicht mehr leugnen – und, ebenfalls längst überfällig, ihre dunklen Allianzen mit den Medizynern überdenken, sowie die historischen Verbindungen der Zwangseingriffe an Zwittern zurück ins "3. Reich" aufarbeiten.

Trotzdem, u.a. mit der kürzlichen Rüge der UNO an die Bundesregierung, der auf Mittwoch 29. April 2009 in Hamburg festgesetzen "Expertenanhörung" zum Thema und nicht zuletzt auch mit dieser erneut exzellenten Grossen Anfrage sind entscheidende erste Schritte auf dem langen Weg getan!

(Danke an Michel Reiter für den Hinweis)

Drucksache 19/2413
Schriftliche Große Anfrage "Zwischengeschlechtliche Menschen"
der Abgeordneten Anja Domres, Dr. Peter Tschentscher, Thomas Böwer, Dr. Martin Schäfer, Elke Badde, Dr. Monika Schaal und Fraktion (SPD) vom 20.02.09
Nachtrag: Link zum PDF-Download Große Anfrage 19/2413
http://www.spd-fraktion-hamburg.de/buergerschaft/grosse-anfragen/b/10749.html

Da der SPD-Server leider öfters down ist und die Anfrage in der Hamburger Parlamentsdatenbank noch nicht heruntergeladen werden konnte, nachfolgend der Text der Grossen Anfrage:

In der Bundesrepublik Deutschland leben mehr als 80.000 Hermaphroditen. Vier Fünftel von ihnen wurden ohne eigene Zustimmung im Kindesalter im Rahmen eines sogenannten „geschlechtsangleichenden Eingriffs“ zum Teil mehrfach operiert. Ein Großteil von ihnen empfindet dies heute als fremdbestimmte Festlegung auf ein Geschlecht, mit dem er sich so nicht identifiziert sowie als Verstümmelung und als Beraubung seiner Menschenrechte. Viele sind traumatisiert und haben massive psychische und physische Schäden davon getragen. Die Hamburger Studie 2007 (vgl. http://www.springer.com/medicine/thema?SGWID=1-10092-2-513709-0) und die Lübecker Studie 2008 (http://www.netztwerk-dsd.uk-sh.de/fileadmin/documents/netzwerk/evalstudie/ Bericht_Klinische_Evaluationsstudie.pdf) zeigen außerdem, dass die Behandlungs-unzufriedenheit von Betroffenen und deren Eltern eklatant hoch ist und insbesondere betroffene Kinder und Jugendliche ihre Lebensqualität deutlich niedriger bewerten als eine Vergleichsgruppe von Nichtbetroffenen.

Angesichts dessen, dass in anderen Gesellschaften als Zwitter Geborene ohne einen sogenannten „geschlechtsangleichenden Eingriff“ gesund alt werden, stellt sich die Frage, ob bei uns eine solche Operation wirklich auch immer medizinisch indiziert ist oder ob nicht bereits die Verletzung einer Norm-Vorstellung des behandelnden Arztes oder die Befürchtung späterer psychosozialer Beeinträchtigungen (Hänseleien) als medizinische Indikationen verstanden werden. Wenn dem so ist, ist nicht das Geborensein als Zwitter das Übel, das (operativ) bekämpft werden muss, sondern ein überholtes Bewusstsein in der Gesellschaft. Dieses zu ändern muss absoluten Vorrang haben vor einer irreversiblen operativen Festlegung auf ein anderes Geschlecht! Auch die Hamburger Studie kommt zu dem Ergebnis, dass im überwiegenden Teil der Fälle eine medizinische Indikation nicht vorhanden sei, weshalb ein Hinausschieben der Entscheidung und Behandlung in ein entscheidungsfähiges Alter zu überlegen wäre. Es scheine daher in den meisten Fällen sinnvoll zu sein, die Entscheidung pro oder contra „geschlechtskorrigierender“ Eingriffe auf ein Alter zu verlegen, in dem die Patienten urteils- und einwilligungsfähig sind.

Es gilt, Gesellschaft, Medizin und Politik für diese Fragen zu sensibilisieren.

Deswegen fragen wir den Senat:

1. Sind dem Senat bzw. der Fachbehörde die Ergebnisse der Hamburger Intersex-Studie 2007 und der Lübecker Studie 2008 bekannt? Wenn ja, wie werden sie bewertet? Wenn nein, gedenkt der Senat bzw. die Fachbehörde sich damit zu befassen? Wenn nochmals nein, warum nicht?

2. Die Hamburger Intersex-Studie 2007 kommt unter anderem zu dem Ergebnis: „Alle Personen der Studie erhielten medizinische Interventionen, obwohl nur für wenige eine medizinische Indikation gegeben ist.“ Stimmt der Senat darin überein, dass entsprechende Interventionen rechtswidrig sind und im Falle von Operationen den Straftatbestand der vorsätzlichen Körperverletzung erfüllen? Wenn ja, sieht der Senat bzw. die Fachbehörde mittlerweile die Notwendigkeit sich mit der Frage der Entschädigung der Opfer zu beschäftigen?

3. Der Senat stellt in seiner Antwort in Drucksache 19/1678 zu 15. und 16. Möglichkeiten der Hilfe für Genitaloperierte vor. Darunter psychologische und psychotherapeutische Hilfe sowie Nachsorge- und Versorgungsmöglichkeiten für Genitaloperierte im UKE. Stimmt der Senat der Auffassung zu, dass es besser wäre, überflüssige Operationen zu vermeiden, als erst zu operieren und dann hinterher Nachsorge- und Weiterversorgungs-Pakete anbieten zu müssen, oder geht der Senat noch immer davon aus, dass in Hamburg niemand unnötiger Weise operiert worden ist und weiterhin wird?

4. Sind dem Senat bzw. der Fachbehörde die Forderungen des Vereins intersexuelle Menschen e.V. (http://inter-sexuelle-menschen.net/forderungen. html) bekannt? Wenn ja, wie bewertet er insbesondere die Einführung unter Punkt 1) dort? Wenn nein, gedenkt sich der Senat damit zu befassen? Wenn nochmals nein, warum nicht?

5. Auf die Fragen 3.a) bis c) und 4. aus Drucksache 19/1238 antwortet der Senat, eine Einzelfallauszählung, bei wie vielen Hermaphroditenkindern von 1950 bis heute sogenannte „geschlechtsangleichende Eingriffe“ durchgeführt worden sind, sei in der für die Bearbeitung einer Schriftlichen Kleinen Anfrage zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich. Wir erbitten daher die Beantwortung der Fragen 3.a) bis c) und 4. aus Drucksache 19/1238 jetzt im Rahmen dieser Großen Anfrage.

6. Der Senat antwortet in Drucksache 19/1678 auf die Frage 17. „Trifft es zu, dass Betroffenen am UKE Akten nicht herausgegeben worden sind?“ mit „Nein. […]“ Die Fragesteller dieser Großen Anfrage können eine Zeugin benennen, die aussagt, das UKE weigere sich, ihre Akten herauszugeben, und sie kenne weitere Fälle von Betroffenen, denen die Aktenherausgabe ebenfalls verweigert wird. Die Zeugin der Fragesteller ist bereit, dem Senat mit ihrem vollen Namen als Auskunftsperson zur Verfügung zu stehen. Wie bewertet der Senat diesen neuen Sachverhalt und was wird er unternehmen?

7. Die Ergebnisse der Hamburger Studie zeigen, dass die bisherige Behandlung das Ziel einer möglichst eindeutigen Geschlechtszuweisung – also „weiblich“ oder „männlich“ – verfolgte. Eine solche Festlegung ist jedoch gar nicht im Interesse der Betroffenen. Zwittrigkeit darf grundsätzlich nicht als „krankhafter, abnormer Zustand“ angesehen werden, der „behandelt“ werden muss! Hermaphroditen fordern deshalb eine Anerkennung als eigenes, drittes Geschlecht. Derzeit gesetzliche Bestimmungen tragen jedoch dazu bei, eine entsprechende gesellschaftliche Akzeptanz zu verhindern. So sind in standesamtlichen Urkunden derzeit nur die Einträge „weiblich“ oder „männlich“ erlaubt, nicht aber etwa „Hermaphrodit“, „zwittrig“ oder „Zwitter“. Bereits im Preußen des 18. Jahrhunderts war dies sehr wohl möglich. Erst im sogenannten „Dritten Reich“ wurde entschieden, dass es nur noch die Einträge „weiblich“ oder „männlich“ zu geben hat. Die Folgen, die sich daraus ergeben, waren damals für Hermaphroditen katastrophal. Doch auch heute noch wirkt sich offenbar ein normativer Druck, sich auf ein anderes Geschlecht – nämlich „weiblich“ oder „männlich“ – festlegen zu müssen, auf Entscheidungen zugunsten eines sogenannten „geschlechtsangleichenden Eingriffs“ aus.
a) Auch wenn der Senat sich, wie aus der Antwort zur Drucksache 19/1678,4. hervorgeht, bisher noch nicht damit befasst hat, ob er über den Bundesrat eine Gesetzesinitiative starten wird, die den Eintrag „zwittrig“ in standesamtlichen Dokumenten erlaubt: Wie bewertet er bzw. die Fachbehörde denn die Relevanz dieses Themas und gedenkt er bzw. die Fachbehörde, sich in Zukunft damit zu befassen?
b) Gibt es auf Bundesebene Initiativen zur Veränderung der o.g. Rechtslage? Wenn ja, welche?
c) Gibt es in anderen Bundesländern Diskussionen bzw. Initiativen die o.g. Rechtslage zu verändern? Wenn ja, welche?
d) Maßgebend für die Beurkundung der Geschlechtszugehörigkeit im Geburtenbuch ist laut Antwort des Senats in Drucksache 19/1678,2. die Bescheinigung des Arztes oder der Hebamme. Wie entscheiden Arzt oder Hebamme bei der Diagnose „uneindeutiges Geschlecht“ über die Geschlechtszugehörigkeit, wenn die Eltern die Zustimmung zu einem sogenannten „geschlechtsangleichenden Eingriff“ verweigern? Nach welchen Kriterien legen sich dann Arzt oder Hebamme auf die einzigen vorgegebenen Möglichkeiten „weiblich“ oder „männlich“ fest? Wie entscheiden sie, wenn eine sogenannte „Chromosomen-Abnormalie“ (weder XX- noch XY-Kombination) vorliegt? „Mädchen“ oder „Junge“?
e) Standesamtsrechtlich ist eine Beurkundung entweder „weiblich“ oder „männlich“ zwingend vorgesehen. Gedenkt der Senat sich mit der Frage zu befassen, wie er es bewertet, dass bei sogenanntem „uneindeutigen Geschlecht“ in jedem Fall eine falsche Beurkundung erfolgen muss („weiblich“ ist nicht richtig und „männlich“ auch nicht) und Kindern damit definitiv ein falsches Geschlecht zugewiesen wird?
f) Dem Senat bzw. der Fachbehörde ist nicht bekannt, dass im Preußen des 18. Jahrhunderts der Eintrag „zwittrig“ erlaubt war und ein Zwang zu einer standesamtsrechtlichen Festlegung auf entweder „männlich“ oder „weiblich“ erst unter den Nazis erfolgte. Es sei weiter nicht bekannt, wie die Eintragung in standesamtliche Urkunden in der Geschichte vorgenommen wurde, heißt es in Drucksache 19/1678, Frage 3. Hält der Senat bzw. die Fachbehörde diese spezielle Frage für nicht relevant genug, sich bei Historikern fachkundig zu machen, oder lehnt es der Senat generell ab, sich bei Historikern schlau zu machen?
g) Am 21. Juli 2008 reichte eine Delegation von Intersexuelle Menschen e.V. in New York vor dem UN-Komitee CEDAW einen ersten Schattenbericht zu den Menschenrechtsverstößen an intersexuellen Menschen in Deutschland ein. Am kommenden Januar wird die Bundesregierung aufgrund der oben genannten Gesetzeslage in Genf Rede und Antwort stehen müssen. Ist dem Senat dies bewusst und gedenkt er sich mit der Frage der Bewertung dieser Tatsache zu befassen? Wenn nein, warum nicht?

Friday, February 27 2009

Spendenaufruf für Christiane Völling! Prozessbeginn um Schmerzensgeld 20.5.09

(Bild: Express)

Wie Christiane mitteilt, beginnt am 20.5.09 in Köln vor dem Landgericht (endlich!) der Prozess über die Höhe des Schmerzensgeldes mit einer Anhörung von Sachverständigen. Obwohl Christiane den Prozess um Schmerzensgeld Ja oder Nein definitiv gewonnen hat, wurde der Mittellosen nun von Seiten des Gerichts eine finanzielle Auflage von Euro 2000.- gemacht, zahlbar bis zum 20. März.

Christiane hatte bereits ihre Lebensversicherung auflösen müssen, um den eigentlichen Prozess überhaupt finanzieren zu können. Ihr Anwalt Georg Groth hatte ihr seinerzeit einen Vorschuss geleistet, weil sonst die Anzeige wegen Verjährung nicht mehr hätte eingereicht werden können. Diese neue Auflage übersteigt ihre finanziellen Mittel um ein Vielfaches.

Deshalb hier ein neuer, dringender Spendenaufruf des Vereins Intersexuelle Menschen e.V.! Bitte spendet zahlreich und grosszügig! Auch kleine Spenden sind wichtig und hochwillkommen, auch die Zahl der Spenden setzt ein Zeichen!

Intersexuelle Menschen e.V.
Konto 0963128202
Postbank Hamburg
BLZ 200 100 20
Verwendungszweck: Solidarität mit Christiane

Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt. Für Beträge unter 100 € genügen der Einzahlungsbeleg und der Kontoauszug. Für Zuwendungen über 100 € stellt der Verein Spendenbescheinigungen aus.

Nur eine solidarische Zwitterbewegung ist eine starke Zwitterbewegung! Vielen Dank!

Nachtrag: Inzwischen ist der Betrag zusammengekommen! Auch hier herzlichen Dank allen Spender_innen, auch von Christiane!

Christianes Prozess ist noch nicht zu Ende, Spenden sind auch weiterhin hochwillkommen! Falls Christiane die Spenden nicht mehr braucht, geht das gesammelte Geld in einen Fonds und wird für weitere Prozesse verwendet! Danke!

Thursday, February 26 2009

"Intersexualität" = sexuelle Identität??!

Nach dem Positivbeispiel für eine gelungene "XXY"-Rezension aus "zeitzeichen" leider wieder ein aktuelles Negativ-Beispiel aus der "WochenZeitung" unter dem Titel "Filmen im Dazwischen" (in der Print-Version zudem prominent mit einem Szenenfoto aus "XXY" aufgemacht). Martin Büsser, der es eigentlich besser wissen könnte, sieht krampfhaft alles nur durch die Queer-Brille und behauptet allen Ernstes, das zentrale Thema von "Intersexualität" bzw. "XXY" drehe sich um "sexuelle Identität":

Die Regisseurin nutzt das Motiv der Intersexualität, um weit über herkömmliche queere Filme hinaus klarzumachen, dass es auch ein Recht auf offene sexuelle Identität gibt, die weder an ein binäres Geschlechtermodell noch an Zuweisungen wie «schwul/lesbisch» oder «bi» gebunden sein muss.

Dass es – was im Film "XXY" übrigens sehr wohl thematisiert wird – für "Intersexuelle" hauptsächlich eher um banale Dinge gehen könnte wie z.B. um die Durchsetzung des Menschenrechts auf körperliche Unversehrtheit (für Büsser, Queer & Co. wohl ein zu selbstverständliches Privileg, um sich erst damit aufzuhalten) als um "sexuelle Identität" (im BRD Amts-Sprachgebrauch letztlich synonym mit "sexuelle Orientierung") scheint sich in queeren Kreisen nach wie vor noch nicht herumgesprochen zu haben – wozu auch? Hauptsache, die "Intersexuellen" werden weiter "[ge/be]nutzt" um "als Ratschlag an das queere Kino" die Entwicklung des "New Queer Cinema" erfolgreich voranzutreiben ... Wie's den realen Zwittern dabei ergeht – wen interessiert das schon?

Prädikat: Setzen, 6, nachsitzen!

Siehe auch:
- "Intersexualität" = sexuelle Orientierung??! 
-  
- "Intersexualität" = "sexuelle Identität und Lebensweise"??! – Grüne VereinnahmerInnen immer noch nichts gelernt 

Wednesday, February 25 2009

Leugnen, wegschauen, schweigen – Hamburger Senat reiht sich ein unter die MittäterInnen

Am 14.1.09 war in Hamburg nach drei Kleinen Anfragen die historische Grosse Zwitter-Anfrage eingereicht worden. Inzwischen liegen die Antworten des Senats vor.

Leider zeigte sich der Senat der Herausforderung alles andere als gewachsen. Statt sich schützend vor die Opfer der Zwangsoperationen zu stellen, stellt sich der Senat einmal mehr vor die TäterInnen. Statt Format zu beweisen und sich um inhaltliche Antworten zu bemühen, folgte er dem sattsam bekannten Beispiel der Bundesregierung (eins / zwei / drei / vier) und macht sich ebenfalls zum Komplizen der Zwangsoperateure.

Falls der Hamburger Senat jedoch hoffte, mit seiner Nicht-Antwort auf die historische Grosse Zwitter-Anfrage wäre das leidige Thema endlich wieder unter dem Tisch, hat er die Rechnung allerdings wohl ohne die Hamburgische Bürgerschaft gemacht – deren Ausschuss für Gesundheit und Verbraucherschutz hatte noch im alten Jahr beschlossen, am Mi 29. April 2009 eine Expertenanhörung zum Thema durchzuführen!

Drucksache 19/1993
Schriftliche Große Anfrage "Zwischengeschlechtliche Menschen"
der Abgeordneten Kersten Artus, Dora Heyenn, Christiane Schneider, Norbert Hackbusch, Elisabeth Baum, Dr. Joachim Bischoff, Wolfgang Joithe-von Krosigk, Mehmet Yildiz (DIE LINKE) vom 14.01.09
und Antwort des Hamburger Senats vom 13.02.09
>>> Link zu PDF-Download

Ironischerweise erfolgte die Antwort des Senats mit demselben Datum vom 13.2.09, mit dem in Genf das CEDAW-Committee in einem laut dem Rechtsanwalt Oliver Tolmein "brisanten Papier", nämlich seinen "Abschliessenden Bemerkungen und Empfehlungen", die Bundesregierung nunmehr auch schriftlich offiziell aufforderte, "effektive Anstrengungen zu unternehmen", "die Menschenrechte" der Zwitter "zu schützen", sowie deren Durchsetzung auch in den Ländern und Kommunen zu fördern ...

Bei seinen Ausreden machte es sich der Senat denkbar einfach – wohl im Glauben, wegen "diesen paar wildgewordenen zwangsoperierten Zwittern" werde eh niemand genauer hinschauen.

Je nach Bedarf ist z.B. entweder alles dermassen unbekannt, dass eine konkrete Antwort dem Senat unmöglich erscheint – oder aber dieselbe Sache ist derart erschöpfend bekannt, dass sie gar erst nicht überprüft zu werden braucht:

So ist dem Senat betreffend der Zahl der in Hamburg durchgeführten genitalen Zwangsoperationen, Zwangskastrationen und Hormon-Zwangsbehandlungen "eine Antwort auf diese Fragen nicht möglich" mit der scharfsinnigen Begründung, "Eine einheitliche und randscharfe Definition des Begriffes „intersexuell“, „disorder of sex development“ oder „zwischengeschlechtlich“ gibt es nicht" – unter Verweis auf niemand anderen als die Bundesregierung (Einleitung sowie Antworten 1-3). Aus demselben Grund gäbe es  "kein einheitliches „medizinisches Interventionskonzept"" (Antwort 16) und aus demselben Grund würden auch "Die erfragten Daten [...] statistisch nicht erfasst." (Antworten 4-5)

Andrerseits weiss der Senat dann sehr genau: "Unter den Sammelbegriff „Intersexualität“ fallen mehr als hundert Dysfunktionen" (Einleitung). Und behauptet treuherzig, betreffend "Intersexualität" und ihre "Behandlung" sei die internationale Wissenslage derart klar und standardisiert, dass "experimentelle Studien" zu den Auswirkungen der Zwangseingriffe nicht nur nicht durchgeführt wurden, sondern auch gar nicht notwendig seien: "Wenn in der internationalen Literatur hinreichend aussagekräftige Studien zu einer Thematik vorliegen, werden diese Erkenntnisse nicht erneut lokal überprüft." (Antwort 7)

Ebenso willkürlich je nach Bedarf hält es der Senat mit dem Datenschutz: Einerseits dürfen Medizyner Patientendaten scheinbar nach Lust und Laune publizieren und weitergeben, sofern "die Daten der betroffenen Person nicht mehr zugeordnet werden können" (Antwort 14). Andrerseits kann der Senat nicht einmal Zahlenangaben zu Zwangsbehandelten machen "aus Gründen der Schweigepflicht und des Datenschutzes" (Antwort 19).

Vielsagend auch die nachfolgend vollständig wiedergegebene, erschöpfende Antwort des Senats, ob die Freie und Hansestadt Hamburg bereit sei, Zwangsoperierten Zwittern Opferschutzanwälte zur Seite zu stellen, um die erlittenen Rechtsverletzungen aufzuklären und soweit noch möglich einzudämmen: "Damit hat sich der Senat nicht befasst." (Antwort 15)

Der grösste Skandal der Nicht-Antworten des Senats ist jedoch die wahrhaft ungeheuerliche Behauptung, Eltern dürften nicht nur ihre Kinder nach eigenem Gutdünken willkürlich verstümmeln lassen und ihnen nach Lust und Laune gesunde Organe amputieren lassen – nein, die Zwangsoperierten hätten danach nicht einmal ein Recht auf Information über die an ihnen begangenen Verbrechen:

"Im Übrigen ist bei nicht einwilligungsfähigen Kindern und Jugendlichen die Einwilligung der Personensorgeberechtigten maßgeblich. Die Information dieser Kinder beziehungsweise Jugendlichen durch die Ärzte und Psychologen kann daher nur im Einvernehmen mit den Personensorgeberechtigten erfolgen, denen die Entscheidung über die Zustimmung zu einer vorgeschlagenen Behandlungsweise obliegt. Soweit die Kinder beziehungsweise Jugendlichen einwilligungsfähig sind beziehungsweise geworden sind, können sie ihren Anspruch auf Information gegenüber den behandelnden Ärzten selbst geltend machen." (Antwort 16)

Dazu passend: Auf die Frage, was der Senat zu unternehmen gedenkt, dass Akten nicht mehr (wie meist) vernichtet würden, bevor die dereinst "einwilligungsfähig gewordenen" Zwangsoperierten sie überhaupt sehen, geht der Senat einmal mehr gar nicht erst ein ... (Antwort 17)

Kommentar:

Offensichtlich hat jedes Haustier mehr Rechte als ein Hamburger Zwitterkind!

Auf welcher Seite der Hamburger Senat steht, auf jener der Medizyner-Verbrecher oder jener der Zwangsoperierten, dürfte damit restlos geklärt sein.

Bleibt die Frage, auf welcher Seite die Hamburgische Bürgerschaft steht ...

Siehe auch:
- Weltweit größte Zwitter-Studie straft Bundesregierung Lügen!
- Rechtsanwalt Oliver Tolmein: "Deutschland gerügt: Menschenrechte von Zwittern nicht geschützt"
- Rechtsprofessorin Konstanze Plett: “Intersexualität aus rechtlicher Perspektive”

Saturday, February 21 2009

"Das Geschlecht der Engel" – zeitzeichen 10/08

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter!

In der Zeitschrift "zeitzeichen – Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft" (Druckauflage: 13'000) erschien in der letztjährigen Oktober-Ausgabe ein auch online einsehbarer, gelungener Artikel der Theologin Inge Kirsner. Ausgehend von einer Filmbesprechung von "XXY" schlägt der Artikel einen Bogen u.a. von der Problematik von "Intersexualität" im Sport (eins / zwei / drei) über den Galaterbrief 3,28, den Roman "Orlando" von Virginia Woolf aus dem Jahre 1928 (1992 verfilmt von Sally Potter mit Tilda Swinton in der Hauptrolle) zur berühmten Stelle in Genesis 1,27 (vgl. dazu auch den bahnbrechenden englischen Artikel "Intersexuality and Scripture" von Sally Gross).

Der Artikel ist ein engagiertes Plädoyer für einen menschlichen, vorurteilsfreien Umgang mit Zwittern auch von Seiten der Kirche und macht Mut – sowie Appetit auf mehr!

(Danke an Michel Reiter für den Hinweis. >>> Leserbrief)

Friday, February 20 2009

Oliver Tolmein zu CEDAW-Empfehlungen

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter!

Auf FAZ-Online ist seit heute eine differenzierte Analyse von Oliver Tolmein zu den CEDAW-Empfehlungen aufgeschaltet (vgl. auch früherer Bericht auf FAZ-Online über CEDAW und die Genfer Zwitter-Proteste).

Darin kommt Oliver Tolmein ebenfalls zum Schluss, das "bei genauer Lektüre recht brisante Papier" des CEDAW-Committees mit der Forderung, die Bundesregierung solle künftig "effektive Anstrengungen zu unternehmen", "die Menschenrechte" der "Intersexuellen" "zu schützen", sei "eine im diplomatischen Kontext deutliche und unmissverständliche Aussage, die Konsequenzen haben sollte".

Gleichzeitig weist Oliver Tolmein auf die Probleme hin, "dass es aber doch einen ziemlich langen Atem braucht, um den langen Weg von einer ersten Erwähnung zu dann irgendwann einmal konkreten Verbesserungen zu schaffen", und dass "den Geschädigten oft nur der Weg vor die Zivilgerichte [bleibt] um dort in mühseligen, aufwändigen und oft auch kostspieligen Verfahren individuell Schadensersatz und Schmerzensgeld einzufordern - erschwert durch (mitunter wohl absichtsvoll) verschollene Behandlungsunterlagen, im Kampf gegen Verjährungsvorschriften, Beweislastverteilungen und schlechtes Erinnerungsvermögen der beteiligten Ärzte, die auch selten nur verstehen wollen, dass das, was sie dereinst für eine normale Heilbehandlung gehalten haben, für die Patienten im Ergebnis eine schwere Menschenrechtsverletzung war" – inkl. Hinweis auf das (bisher einzige) Positivbeispiel von Christianes Prozesssieg!

Hochinteressant auch die Parallelen, die Oliver Tolmein zu den Versäumnissen der Bundesregierung betreffend dem inzwischen von der Bundesrepublik ratifizierten Übereinkommen für die Rechte von Menschen mit Behinderungen zieht. Ein brisantes Thema, das auch von LGBT regelmässig aussen vor gelassen wird.

Bezeichnend in diesem Zusammenhang auch, dass z.B. in der Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener organisierte betroffene Menschen sich ebenfalls wiederholt konkret über die Mittäterschaft von Menschenrechtsorgansiationen beklagen und z.T. aktiv dagegen protestieren ...

>>> Der Artikel auf FAZ-Online: "Deutschland gerügt: Menschenrechte von Zwittern nicht geschützt"

Siehe auch:
- Schattenbericht Intersexuelle Menschen e.V.
- Schattenbericht: Bundesregierung leugnet Menschenrechtsverletzungen an Zwittern 
- Zwitter-Demos vor der UNO 26.1.
- Weitere Medienberichte zu Genf
- Genf: UNO mahnt Bundesregierung
- CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung
- Oliver Tolmein zu CEDAW-Empfehlungen
- CEDAW: Offener Brief des Deutschen Juristinnenbundes erwähnt Zwitter
- CEDAW im Bundestag: Nach bekanntem Muster

Friday, February 13 2009

CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung

>>> Mahnwache vor der UNO, Genf 2.2.2009   (Bild: Ärger)    

Nach langem Warten gingen heute die Empfehlungen des CEDAW-Committees online (CEDAW/C/DEU/CO/6):
>>> PDF-Download    >>> PDF deutsche Übersetzung BMFSFJ
>>> PDF deutsche Übersetzung Frauenrat

>>> UN-Seite zur 43. CEDAW-Session mit weiteren Downloads
>>> CEDAW-Seite Deutscher Juristinnenbund (djb)
>>> CEDAW-Seite Deutscher Frauenrat
>>> CEDAW Schattenbericht Intersexuelle Menschen e.V.

Leider krebste das Komitee im Vergleich zum mündlichen Examen mit den VertreterInnen der Bundesregierung merklich zurück:

Weder wurde das Problem der fehlenden informierten Zustimmung und das Recht auch der Zwitter darauf erneut konkret thematisiert, noch wurde die Bundesregierung erneut explizit kritisiert für ihre (auch sonst übliche) Verweigerung, überhaupt inhaltlich auf das Thema einzutreten.

Trotzdem wurde die Bundesregierung erneut gerügt, wiederum für ihr mangelndes Eintreten für die Menschenrechte der Zwitter sowie für die bisherige Weigerung der Bundesregierung, mit den Organisationen der Zwitter endlich in einen Dialog zu treten, um ihre Menschenrechte künftig zu schützen.

Weiter verknurrte das CEDAW-Committee die Bundesregierung dazu, innerhalb von 2 Jahren in einem Follow-up-Bericht über diesbezüglich neu unternommene Massnahmen Rechenschaft abzulegen (Fettschreibung nachfolgend auch im englischen Original – die nachfolgend benutzte, offizielle deutsche Übersetzung des BMFSFJ weicht teilweise vom Original ab):

4. Der Ausschuss [...] bedauert jedoch, dass diese [Nichtregierungsorganisationen] bei der Erstellung des
Staatenberichts nicht hinzugezogen wurden.

Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen

61. [...]  Der Ausschuss bedauert jedoch, dass die Forderung nach einem Dialog, die von Nichtregierungsorganisationen von intersexuellen [...] Menschen erhoben wurde, vom Vertragsstaat nicht positiv aufgegriffen worden ist.

62. Der Ausschuss fordert den Vertragsstaat auf, in einen Dialog mit Nichtregierungsorganisationen von intersexuellen [...] Menschen einzutreten, um ein besseres Verständnis für deren Anliegen zu erlangen und wirksame Maßnahmen zum Schutz ihrer Menschenrechte zu ergreifen.

Follow-up zu den abschließenden Bemerkungen

67. Der Ausschuss fordert den Vertragsstaat auf, innerhalb von zwei Jahren einen schriftlichen Bericht über die Maßnahmen vorzulegen, die zur Umsetzung der in den Absätzen 40 und 62 enthaltenden Empfehlungen ergriffen wurden.


( 4. The Committee [...] regrets that they [non-governmental human rights and women’s organizations] were not consulted in the preparation of the State party’s report.

Cooperation with non-governmental organizations

61. [...] The Committee regrets, however, that the call for dialogue by non-governmental organizations of intersexual [...] people has not been favourably entertained by the State party.

62. The Committee request the State party to enter into dialogue with non-governmental organizations of intersexual [...] people in order to better understand their claims and to take effective action to protect their human rights.

Follow-up to concluding observations 

67. The Committee requests the State party to provide, within two years, written information on the steps undertaken to implement the recommendations contained in paragraphs 40 and 62. )

Kommentar: Damit haben die Zwitter-NGOs trotz dem vergleichsweise vagen und unverbindlichen Wortlaut einen ersten bedeutenden Sieg errungen. Es wird der Bundesregierung künftig fühlbar schwerer fallen, die berechtigten Forderungen der Zwitter nach sofortiger Beendigung der genitalen Zwangsoperationen und sonstigen nicht-eingewilligten Zwangsbehandlungen sowie nach Entschädigung der Zwangsoperierten wie bisher gehandhabt einfach stillschweigend zu ignorieren und stattdessen die Zwangsbehandlungen unter Vorspiegelung falscher Tatsachenbehauptungen aktiv zu propagieren. Der Ball liegt damit nicht zuletzt bei den Zwitter-NGOs, mit der Bundesregierung hart und konsequent zu verhandeln und sich nicht über den Tisch ziehen zu lassen ...

Nachtrag: In der Pressemitteilung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zu den abschliessenden Bemerkungen des Committees finden sich ausschliesslich Lobhudeleien in eigener Sache. Menschenrechtsverletzungen an Zwittern und das von CEDAW gerügte Dialogdefizit der Bundesregierung u.a. mit den Zwitter-NGOs beiben – Überraschung! – von Anfang bis Schluss vornehm unter dem Teppich ... Ohne zusätzlichen, kontinuierlichen Druck in der Öffentlichkeit und im Parlament ist jetzt schon absehbar, dass es von Seiten der Bundesregierung kaum je zu mehr als einer Alibiübung kommen wird ... Nachtrag 20.2.: Oliver Tolmein berichtet auf FAZ Online.

Siehe auch:
- Schattenbericht Intersexuelle Menschen e.V.
- Schattenbericht: Bundesregierung leugnet Menschenrechtsverletzungen an Zwittern 
- Zwitter-Demos vor der UNO 26.1.
- Weitere Medienberichte zu Genf
- Genf: UNO mahnt Bundesregierung
- CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung
- Oliver Tolmein zu CEDAW-Empfehlungen
- CEDAW: Offener Brief des Deutschen Juristinnenbundes erwähnt Zwitter
- CEDAW im Bundestag: Nach bekanntem Muster

Fortsetzung folgt ...

Thursday, February 12 2009

"Transgender und Intersexuelle sind insofern veschieden von schwulen, lesbischen und bisexuellen Gemeinschaften, dass T und I gewöhnlich medizinische Eingriffe benötigen ..."

Bei LGBT "mitgemeint" und die Folgen a.k.a. trans = inter ??!! Teil 8'735'291'732 a.k.a. "neue Erkenntnisse" aus (ausgerechnet) Australien zum Thema "Der Sinn hinter der GLBTQI Buchstabensuppe" (englischer Original-Artikel auf starobserver.com.au):

"Transsgender und Intersexuelle sind insofern veschieden von schwulen, lesbischen und bisexuellen Gemeinschaften, dass T und I gewöhnlich medizinische Eingriffe benötigen, die wiederum eine Reihe von Türhütern erfordern, die Geschlechtsidentität entsprechend den medizinischen und juristischen Begriffen definieren", erklärte eine Sprecherin des Gender Zentrums.

Kommentar: Gegenseitige Solidarität wär ja ne feine Sache – Vereinnahmung hingegen stinkt ... Passt hervorragend auch zu den Bestrebungen auch in Deutschland, die Zwitter klammheimlich in die TSG-Reform a.k.a. "Transgendergesetz (TrGG)" zu integrieren (eins / zwei / drei)...

(Gefunden via Intersex-Feed)

Siehe auch:
- Australien erwägt 3. Geschlecht "Intersex" - für Transsexuelle und Transgender, nicht für Zwitter
- Dem OP-Tisch ist es egal, ob du Zwitter bist oder Trans - Dir wenn du draufgeschnallt wirst nicht!

Friday, February 6 2009

Tagesspiegel-Artikel jetzt auch auf Zeit-Online

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter!

Der ursprünglich im Tagesspiegel vom 4.2. gedruckte, gelungene Artikel von Adelheid Müller-Lissner ist jetzt auch auf Zeit-Online abrufbar

(Gefunden via Intersex-Feed)

Internationaler Tag gegen Mädchenbeschneidung (aber die Zwitter operiert nur ruhig weiter, sind ja keine Frauen, äh, Menschen ...)

Heute am 6. Februar ist der "Internationale Tag Zero Tolerance for FGM – Keine Toleranz für Weibliche Genitalverstümmelung". Dazu gabs Dutzende Pressemitteilungen von Bundesministerien, einzelnen Bundestagsparteien, dem Frauenring, Terre des Femmes usw. usf. Da wird tapfer gegen menschenrechsverletzende Gebräuche aus dem 'finsteren Afrika' protestiert und zum Handeln aufgerufen. "Es darf keine Toleranz bei Gewalt gegen Frauen geben", sind sich mal wieder alle einig blablabla.

Gewohntes "Detail": Keine einzige dieser Pressemitteilungen richtete sich (auch) gegen die von Bundesregierung und Bundestagsparteien geduldeten bzw. geförderten Genitalverstümmelungen an Zwittern vor der eigenen Haustüre! Und das 4 Tage, nachdem die Bundesrepublik von der UNO für das Tolerieren ebendieser (durchaus vergleichbaren) Praktiken gerügt wurde, unter Anwesenheit auch vieler Frauenvertreterinnen aus Deutschland. Und obwohl bekanntlich 85% aller Zwitter zu Frauen zwangsoperiert werden. Aber naja, manche Frauen werden halt wohl immer etwas gleicher bleiben, und Zwitter sind ja bekanntlich keine Menschen ...

Siehe auch: "Genitalverstümmelung ein afrikanisches Problem?"

Nachtrag: Danke an alle Frauen, die bei ihren Organisationen gegen die Auslassung der Zwitter protestierten!

Nachtrag 2: Dass es problemlos auch anders geht, macht die argentinische Zeitung Pagina 12 vor, die ausdrücklich aus Anlass des heutigen Tages einen Artikel über Intersexaktivismus brachte (auf spanisch).

Siehe auch:
- Genitale Zwangsoperationen an Zwittern vergleichbar mit weiblicher Genitalverstümmelung (Lightfoot-Klein: "Der Beschneidungsskandal") 
- "Genitalverstümmelung ein afrikanisches Problem?" 
- Bundesärztekammer gegen genitale "Zwangsoperationen" – natürlich nur bei "Mädchen und Frauen" ...
- Schweiz: Terre des Femmes und Amnesty gegen Zwangsoperationen an Zwittern 
- Zwitter und Patriarchat aus feministischer Perspektive  

Thursday, February 5 2009

Genf: UNO mahnt Bundesregierung

Medienpräsenz an der Mahnwache vom 2.2. (Bild: Ärger)

In Genf signalisierte der CEDAW-Ausschuss der Bundesregierung unmissverständlich: Menschenrechte gelten auch für Zwitter! Die an Zwittern mit dem Segen der Bundesregierung üblichen genitalen Zwangsoperationen widersprechen dem klar, eine informierte Zustimmung durch die Betroffenen ist in jedem Fall notwendig! Ein grosser Erfolg für die Interessenverbände der Zwitter, die vor Ort lobbyiert und mit mehreren öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf die an ihnen nach wie vor täglich begangenen, massiven Menschenrechtsverletzungen aufmerksam gemacht hatten. Letztere wurden auch von den lokalen westschweizer Medien breit und positiv aufgegriffen.

In seiner 43. Session überprüfte der UN-Ausschuss CEDAW am vergangenen Montag, den 2. Februar 2009, den 6. Staatenbericht der Bundesrepublik Deutschland zum Übereinkommen über die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau. Intersexuelle Menschen e.V. und XY-Frauen hatten dazu in Zusammenarbeit mit einer Allianz von 28 Frauenverbänden und weiteren Organisationen einen eigenen Schattenbericht eingereicht.

Überraschend deutlich mahnte nun das CEDAW-Komitee die Bundesregierung:

Es sei der Wille des Ausschusses, dass auch Zwitter "die vollen Menschenrechte erhalten" müssen, was deren Verbände seit jeher fordern. Hier hätte die Bundesregierung noch "viel zu verändern".

In Bezug auf die von der Bundesregierung seit über 12 Jahren immer wieder gutgeheissenen genitalen Zwangsoperationen, Zwangskastrationen und sonstigen nicht-eingewilligten Zwangsbehandlungen an Zwittern hielt das Komitee unmissverständlich fest, auch Zwitter hätten "immer" das Recht auf "volle informierte Zustimmung". Dies ist für Zwitter von spezieller Bedeutung, da Mediziner mit Rückendeckung der Bundesregierung bisher stets behaupteten, die Einwilligung der Eltern zu den Zwangseingriffen sei ausreichend, die Zustimmung der Betroffenen zu den "kosmetischen" Zwangseingriffen sei gar nicht erforderlich.

Weiter mahnte das Komitee, dass es sich um "rechtlich verbindliche Elemente" handle.

Ferner rügte der Ausschuss die Nicht-Beantwortung einer vorgängigen schriftlichen Frage des Ausschusses durch die Bundesregierung, und rügte die Bundesregierung weiter ebenfalls überraschend deutlich dafür, dass sie bisher jegliche Kommunikation mit den Interessenverbänden der Zwitter stets verweigert hatte.

Die vor Ort anwesenden VertreterInnen der Bundesregierung verweigerten ihrerseits wie gewohnt einmal mehr jede konkrete Antwort zu den massiven Menschenrechtsverletzungen an Zwittern, was vom Komitee übrigens sehr wohl bemerkt wurde.

Immerhin hielt die Regierungsdelegation in einer Erklärung fest, man habe die Anliegen der Zwitter zur Kenntnis genommen und werde mit ihnen in einen Dialog treten. In einem ersten Schritt dazu wurde nach Sitzungsende mit einem anwesenden Mitglied vom "Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe" des Bundestags die Visitenkarten ausgetauscht und ein Gespräch in Aussicht gestellt.

Begleitend zur CEDAW-Session organisierten betroffene Menschen auf der Place des Nations zwei Mahnwachen und eine Protestkundgebung. Diese fanden in den lokalen Medien grosse Beachtung und dienten als Anlass zu umfassender Berichterstattung zur grundlegenden Problematik der genitalen Zwangsoperationen an Zwittern u.a. in Le Matin, Le Temps, La Tribune de Genève und Le Courrier. Weiter berichteten FAZ Online und die kolumbianische Site El Tiempo veröffentlichte einen Clip.

Nachtrag: Diese Meldung auch auf Vorwaerts.ch.

Siehe auch:
- Schattenbericht Intersexuelle Menschen e.V.
- Schattenbericht: Bundesregierung leugnet Menschenrechtsverletzungen an Zwittern 
- Zwitter-Demos vor der UNO 26.1.
- Weitere Medienberichte zu Genf
- Genf: UNO mahnt Bundesregierung
- CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung
- Oliver Tolmein zu CEDAW-Empfehlungen
- CEDAW: Offener Brief des Deutschen Juristinnenbundes erwähnt Zwitter
- CEDAW im Bundestag: Nach bekanntem Muster

Tuesday, February 3 2009

Weitere Medienberichte zu Genf

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter!

Zusätzlich zu den bereits erwähnten, gelungenen französischen Berichten in Le Matin Bleu, Le Temps, Le Matin und 360° erschienen inzwischen weitere in La Tribune de Genève (wenn auch mit einigen deutlichen Ausrissen à la "nur Gender wird euch alle frei machen") und wieder voll korrekt (na ja, vielleicht mit Ausnahme der konsequent durchgehaltenen Anrede "Madame") in Le Courrier.

Zudem erschien bereits letzte Woche über die Demo vom 26.1. ein ebenfalls gelungener spanischer Clip auf der kolumbianischen Seite El Tiempo (unten ins Bild klicken):

Ebenfalls gelungen ein Bericht von Oliver Tolmein auf Frankfurter Allgemeine Online. Zwar vordergründig nicht im Zusammenhang mit Genf, dafür aber brandaktuell (wenn auch z.T. eher durchzogen) ein Artikel im deutschen Tagesspiegel.

Immerhin, noch die nicht rundum gelungenen Artikel machen klar Stimmung gegen die Zwangsoperationen und gegen das Zwittertabu. Ignorante PolitikerInnen, Zwangsoperateure & Medizynerkonsorten, zieht euch besser warm an – 2009 wird erneut NICHT euer Jahr! 

Nachtrag: Der Tribune-Artikel ist inzwischen auch auf der Homepage des Genfer Ärzteverbandes.

Nachtrag 2: "Menschenrechte auch für Zwitter!" - vorwärts 20.2.09

Siehe auch:
- Schattenbericht Intersexuelle Menschen e.V.
- Schattenbericht: Bundesregierung leugnet Menschenrechtsverletzungen an Zwittern 
- Zwitter-Demos vor der UNO 26.1.
- Weitere Medienberichte zu Genf
- Genf: UNO mahnt Bundesregierung
- CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung
- Oliver Tolmein zu CEDAW-Empfehlungen
- CEDAW: Offener Brief des Deutschen Juristinnenbundes erwähnt Zwitter
- CEDAW im Bundestag: Nach bekanntem Muster

Wednesday, January 28 2009

Zwitter-Demos vor der UNO 26.1.

Nella: "Ich habe eine richtige Folter erlebt" Nicolas: "Ich diente als Versuchskaninchen"
(Bild: Le Matin, 27.01.09)

Während im 5. Stock des Palais des Nations im Saal XVI das CEDAW Committee betreffend Zwitter wenn überhaupt, dann praktisch ausnahmslos im Zusammenhang mit "Geschlechtsidentität" und "sexuelle Orientierung" debattierte, machte vor dem streng abgeschirmten UNO-Gelände auf dem Place des Nations eine kleine Demo auf die Zwangsoperationen und sonstigen medizinischen Verbrechen an Zwittern aufmerksam und forderte deren sofortige Abschaffung.

Schon am Morgen wurde eine Mahnwache abgehalten, der sich nebst Nella, Nicolas von OII Westschweiz sowie meiner Wenigkeit auch ein Mitglied der deutschen NGO-Delegation anschloss sowie ein solidarischer Mediziner im Ruhestand (!).

(Bild: Ärger)

Die gesamte Delegation von Intersexuelle Menschen e.V. in Begleitung der Delegationsleiterin der Frauenallianz verschob sich im Anschluss in die Cafeteria des Palais Wilson zu einer Audienz beim Hochkommissariat für Menschenrechte, verhandelte die allgemeine Problemlage sowie spezielle Vorfälle einzelner Zwitter wie Entlassungen und Drohungen als Folge ihres Kampfes um ihre Menschenrechte.

An der Demo am Nachmittag solidariserte sich auch eine Delegation des lokalen Schwulenverbandes 360°, der auch einen Reporter für einen Bericht in seiner gleichnamigen Zeitschrift aufbot. Von den kommerziellen Medien kam Le Matin, der am Folgetag ebenfalls einen sehr gelungenen Bericht druckte, der kein Blatt vor den Mund nahm und in dem Nella und Nicolas Klartext über die Zwangsbehandlungen redeten.

(Bild: Tul)

Schon im Vorfeld dieses 1. Aktionstages hatte es am 23.01.09 einen kurzen Bericht in Le Matin Bleu und am 24.01.09 einen etwas längeren in Le Temps, in denen Nella und der Lausanner Kinderpsychologe François Ansermet Klartext redeten über den Kampf der Zwitter gegen Zwangsoperationen.

Auch während der NGO-Sitzung der 43. CEDAW Session wurden Zwitter in den Fragen des Committees knapp ein Dutzend Mal erwähnt – oder besser gesagt "mitgemeint". In bekannter Manier gings um "Geschlechtsidentität" hier und "sexuelle Orientierung" da, und da und hier, und hier und dort, usw. Offensichtlich dachten die meisten, "Intersexualität" sei eine besondere Form von (iih) Transsexualität oder irgendwelche "speziell abartigen" (igitt!) Sex-Praktiken. Auch in der Pressemitteilung des CEDAW Committees war lediglich von "identity" die Rede.

Soweit, so wie gehabt. Erst ganz zum Schluss der NGO-Sitzung dann doch ne Überraschung: Der letzte Frager tanzte aus der Reihe und thematisierte die mangelnde informierte Zustimmung und erwähnte die Eingabe vom 17.01.09, welche die Frage 24 des Committee kritisierte, in der ebenfalls lediglich von "Geschlechtsidentität" die Rede war.

Laut einer NGO-Beraterin gäbe es innerhalb des Committees seit längerem Kontroversen darüber, Genderthemen einzuschliessen oder nicht, und der deutschen Delegation sei es nun dieses Jahr endlich gelungen, "Sexualität" auch innerhalb von CEDAW zu einem "Thema" zu machen. Zwitter als Türöffner für andere, einmal mehr. Wobei das Committee zu diesem Thema offensichtlich etwas Nachhilfe z.T. sehr gebrauchen könnte. Fragt sich bloss, was für die Zwitter selber dabei rausspringt. Dies wird sich am nächsten Montag zeigen, wenn die "low level" Gesandtschaft der Bundesregierung dem Committee Rechenschaft ablegen sowie Red und Antwort stehen muss -- hoffentlich nicht nur über "gender identity" und "sexual orientation" ...

(Bild: Ärger)

Parallel dazu muss Deutschland auch das Länderexamen des Menschenrechtsrates durchlaufen -- und wird auch dort wohl kaum auf die Menschenrechtsverletzungen an Zwittern durch Zwangsoperationen, Zwangskastrationen und Zwangshormonbehandlungen angesprochen werden -- genau so wenig wie irgend ein anderes zwangsoperierendes Land.

Damit sich dies endlich einmal ändert, wird es an diesem Mo 02.02.09 09-17h eine weitere Mahnwache auf dem Place des Nations geben -- und auch künftig weitere Aktionen ...

Siehe auch:
- Schattenbericht Intersexuelle Menschen e.V.
- Schattenbericht: Bundesregierung leugnet Menschenrechtsverletzungen an Zwittern 
- Zwitter-Demos vor der UNO 26.1.
- Weitere Medienberichte zu Genf
- Genf: UNO mahnt Bundesregierung
- CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung
- Oliver Tolmein zu CEDAW-Empfehlungen
- CEDAW: Offener Brief des Deutschen Juristinnenbundes erwähnt Zwitter
- CEDAW im Bundestag: Nach bekanntem Muster

Thursday, January 22 2009

Deutscher Ethikrat reiht sich ein unter die MittäterInnen

So nah liegen das Neue und das Alte beieinander: Nur wenige Tage nach der sensationellen ersten Grossen Zwitter-Anfrage in Hamburg erreichte Nella ein Mail als Antwort auf ihre detaillierte Anfrage beim Deutschen Ethikrat, das ist so traurig, ich weiss gar nicht, wie ich's schreiben soll. Ich zitiere es deshalb einfach:

-------- Original-Nachricht --------
Betreff:         AW: Intersexualität: Menschenrechtsverletzungen und
Diskriminierungen
Datum:         Mon, 19 Jan 2009 13:15:46 +0100
Von:         Ulrike Florian <florian_at_ethikrat.org>
An:         <vorstand_at_intersexuelle-menschen.net>
CC:         'Dr. Joachim Vetter' <vetter_at_ethikrat.org>

Sehr geehrte Frau Truffer,

zunächst danke ich Ihnen sehr für Ihre Nachricht vom 10. Dezember und
die ausführlichen Informationen und weiterführenden Links zur
Problematik der Intersexualität.

Die von Ihnen an den Deutschen Ethikrat herangetragene Bitte, sich mit
diesem Problemkreis auseinanderzusetzen, ist in die am Folgetag
abgehaltenen Beratungen des Rates über sein Arbeitsprogramm für das Jahr
2009 eingeflossen.

Die Vielfalt an Themen, mit denen sich der Ethikrat auseinandersetzen
möchte, führt jedoch zwangsläufig dazu, dass eine Auswahl getroffen
werden muss - nähere Informationen hierzu finden Sie auf der Website des
Deutschen Ethikrates unter http://www.ethikrat.org/de_themen/index.php.

Zu den Themen, die keinen Eingang in das Arbeitsprogramm des Jahres 2009
gefunden haben, zählt u. a. leider auch das Thema der Intersexualität.

Dafür bitten wir um Ihr Verständnis.

Mit allen guten Wünschen für das Jahr 2009 und freundlichen Grüßen

Ulrike Florian

______________________________________

Deutscher Ethikrat
Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Jägerstraße 22/23
D-10117 Berlin

Tel:      +49 +30 203 70-246
Fax:     +49 +30 203 70-252
E-Mail: florian_at_ethikrat.org
URL:    http://www.ethikrat.org


Öhm, vielleicht doch Mini-Kommentar gefällig?
Es handelt sich wohlbemerkt um denselben Ethikrat, der 2008 als Schwerpunkt "Kosmetische Operationen an Kindern" im Schwerpunkt hatte. Ich weiss, dass viele Zwitter und solidarische Nicht-Zwitter grosse Hoffnungen in den Ethikrat gesetzt hatten. Zu Recht. Eine couragierte Stellungnahme hätte manchem jungen Zwitter höchstwahrscheinlich mehrere genitale Zwangsoperationen erspart. Manchmal könnt mensch einfach nicht soviel saufen, wie mensch kotzen möchte. Aber (ich gebe zu, ich weiss nicht, was der Ethikrat konkret betreffend "Kosmetische Operationen an Kindern" letzes Jahr behandelte und bewirkte, ich schätz jetzt einach mal) Nasenoperationen an den Kids reicher Eltern, das ist n dringliches Thema, boa. Schäm dich, deutscher Ethikrat. Mensch braucht bloss zu gucken, wer euch finanziert, um zu wissen, wen ihr vor gerechter Strafe schützt. Das Blut wohl Hunderter zwangsoperierter Zwitter klebt an euren Händen. Macht nur weiter so. Und jetzt, ähm, hör ich wohl besser auf, bevor ich noch ernsthaft ausfällig werde ...

Nachtrag: Immerhin ist nun seit dem 3.4.09 im Jahresbericht 2008 des Ethikrats an den Bundestag (16/12510 >>> PDF-Download) auf S. 13 offiziell festgehalten, dass der Ethikrat "Hilfegesuche von Betroffenen" auch zum Thema "Intersexualität" erhalten hatte. 

Wednesday, January 21 2009

Hamburg: Historische Grosse Zwitter-Anfrage eingereicht!

Keine Atempause – in Hamburg wird zur Zeit Geschichte gemacht!

Wer vermutet hätte, nach den nicht weniger als drei (!!!) bahnbrechenden Kleinen Anfragen der SPD noch im alten Jahr sowie einer auf Mi 29. April geplanten Expertenanhörung könnten die Medizyner 2009 vorerst kurz verschnaufen, hat sich schwer geschnitten: Vor einer Woche legten die Abgeordneten Kersten Artus, Dora Heyenn, Christiane Schneider, Norbert Hackbusch, Elisabeth Baum, Dr. Joachim Bischoff, Wolfgang Joithe-von Krosigk und Mehmet Yildiz von DIE LINKE nach - und wie!

Nämlich mit der zumindest meines Wissens nach allerersten Grossen Anfrage (19/1993, PDF) betreffend Menschenrechte auch für Zwitter in ganz Deutschland überhaupt! Und noch dazu von Aufmachung und Inhalt her geradezu vorbildlich!
(Nachtrag: Die Antworten des Senats sind dies allerdings weniger ...)

Noch nie war meines Wissens nach ein politischer Vorstoss zu Gunsten von Zwittern derart konsequent auf die Menschenrechtsproblematik und auf die realen Bedürfnisse der realexistierenden Zwitter ausgerichtet. Für einmal nix mit Gender-Trallala, sondern knallharte und detaillierte Fragen nach dem genauen Ausmass der Menschenrechtsverletzungen, sowie nach den Verantwortlichen, und nach Wiedergutmachung! Hipp, Hipp!

15) Ist die Freie und Hansestadt Hamburg bereit, zwischengeschlechtlichen
Menschen, die in den letzten 60 Jahren beziehungsweise seit dem 
23. Mai 1949 Opfer von medizinischen Interventionen in Hamburger
Krankenhäusern geworden sind, von der Freien und Hansestadt Ham-
burg finanzierte Opferschutzanwälte an die Seite zu stellen, damit die er-
littenen Rechtsverletzungen zumindest noch ein Stück weit aufgeklärt
und eingedämmt werden?

18) Gibt es Planungen zu einem Gesetzesvorhaben im Zusammenhang mit
der Frage Nummer 17, das
a) einen sofortigen Aktenvernichtungsstop aller in Hamburger Kran-
kenhäusern befindlichen Akten über zwischengeschlechtliche Men-
schen vorsieht?
b) die Aktenvernichtungsfrist von den medizinischen Interventionsun-
terlagen aus Hamburger Krankenhäusern zum Schutz der zwi-
schengeschlechtlichen Menschen auf einhundert Jahre erhöht, da-
mit sichergestellt wird, dass auch Betroffene, die erst nach 50 oder
60 Jahren Kenntnis von ihrer wahren biologischen Identität erhalten,
ihre Lebensbiographie eigenständig anhand der Krankenhausakten
rekonstruieren können?

Auch wenn davon auszugehen ist, dass der Senat die Opfer ebenso wie die Fragensteller einmal mehr für blöd verkaufen und auf Zeit spielen wird, statt wie gefordert den Zwangsoperierten endlich zu ihrem Recht zu verhelfen – wetten, dass mehr als eine Handvoll Medizyner nicht nur aus Hamburg in den nächsten Wochen und Monaten nicht nur in der Morgendämmerung eher verknittert aussehen ... ?

Diese historische Grosse Anfrage wird ganz konkret zumindest einige junge Zwitter davor bewahren, zwangsoperiert zu werden!

DANKE AN ALLE BETEILIGTEN!!! AUCH BEI DEN VORHERIGEN ANFRAGEN!!!

Und nun: Wann legt endlich jemand in Berlin, Dortmund, Leipzig, Heidelberg, Lübeck etc. eine ebenso substanzielle Anfrage nach – und überall sonst, wo junge Zwitter nach wie vor zwangsoperiert werden!

WER SIND DIE NÄCHSTEN?!

>>> Fortsetzung: Leugnen, wegschauen, schweigen –
       Hamburger Senat reiht sich ein unter die MittäterInnen

Siehe auch:
- Hamburg: Erneut historische Grosse Zwitter-Anfrage!!
- Weltweit größte Zwitter-Studie straft Bundesregierung Lügen!
- Rechtsanwalt Oliver Tolmein: "Deutschland gerügt: Menschenrechte von Zwittern nicht geschützt"
- Rechtsprofessorin Konstanze Plett: Zwangskastrationen rechtlich nicht zulässig (PDF)

Tuesday, January 20 2009

Dem OP-Tisch ist es egal, ob du Zwitter bist oder Trans - Dir wenn du draufgeschnallt wirst nicht!

Na bitte, geht doch auch ohne: Positivbeispiel für eine Nicht-Vereinnahmende Sicht auf "Intersexualität" aus den Blickwinkeln Dekonstruktivismus und Transsexualität (aus einer Dissertation 2008):

Den entscheidenden Impuls  für die transsexuelle Praxis, für die vermehrte Durchführung von Geschlechtsumwandlungen, gab jedoch ein neues medizinisches Forschungsinteresse an der Entwicklung der Geschlechtsidentität im Verhältnis zu den somatischen Geschlechtsmerkmalen und zum Erziehungsgeschlecht. Ausgangspunkt dieser Forschungen in den 1950er Jahren waren Intersexuelle. [...]

Die Intersexualitätsforschung von Money und seinen MitarbeiterInnen bildete die Wurzel der medizinischen Konstruktion der Geschlechtsidentität als einer nicht von den physischen Geschlechtsmerkmalen determinierten Größe. [...] Die Konstruktion einer frühkindlich fixierten gegengeschlechtlichen Identität basierte weniger auf klinischer Evidenz denn auf dem ärztlichen Willen, eine zwangsläufige Entwicklung zu diagnostizieren, um einschneidende Eingriffe zu legitimieren (10.1)

Volker Weiss: "Eine weibliche Seele im männlichen Körper" - Archäologie einer Metapher als Kritik der medizinischen Konstruktion der Transsexualität, S. 239
>>> http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000003792/
>>> PDF-Download Teil 3-7

Saturday, January 17 2009

UNO Genf: "öffentlichkeitswirksame Aktionen" für 43. CEDAW-Session

Eingabe an UN-Ausschuss CEDAW:

Intersexuelle Menschen e.V. fordert Schutzverpflichtungen der Bundesregierung ein und kündigt für 25.01. bis 02.02.2009 weitere öffentlichkeitswirksame Aktionen an in Genf während der 43. CEDAW-Session   >>> mehr

25.01.09 - 19h Pressekonferenz, La Maison des Associations, Salle Zasi Sadou
26.01.09 - Place des Nations, 10h Mahnwache / 13:30h Demonstration
30.01.09 - 13-15h Side Event der Allianz
02.02.09 - Place des Nations, 09-17h Mahnwache

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