Monday, April 27 2009

Amnesty International zum x-ten Mal zur Unterstützung aufgefordert

Die genitalen Zwangsoperationen und sonstigen nicht-eingewilligten Zwangseingriffe an Zwittern sind die wohl gravierendste Menschenrechtsverletzung in den westlichen Demokratien seit dem 2. Weltkrieg. Ihre Bekämpfung ist deshalb eine der dringlichsten Aufgaben aller, die sich die Bekämpfung von Menschenrechtsverletzungen auf die Fahnen schreiben – bzw. sollte es sein!

Die Realität sieht anders aus: Mindestens seit 1996 wurden wohl alle einschlägigen Menschenrechtsorganisationen eins ums andre Mal angefragt, beim Kampf gegen die genitalen Zwangsoperationen Solidarität zu beweisen – eins ums andere Mal war die Reaktion "Tut uns Leid, nicht unser Ding" (Amnesty '96, Terre des Femmes '96, Deutscher Ethikrat '09).

Trotzdem nahmen letzten Winter mehrere Zwangsoperierte im Namen von Intersexuelle Menschen e.V. bei Amnesty wieder Anlauf, konkret bei der deutschen Sektion von MERSI Amnesty. Einmal mehr hatten die Zuständigen keine Ahnung von den gravierenden Menschenrechtsverletzungen an Zwittern, noch sahen sie Möglichkeiten, sich ev. mal etwas schlauer zu machen: "Ausserdem muß ich Ihnen gestehen, dass ich es bisher auf Grund von Überlastung mit anderen Fällen noch nicht geschafft habe, auf Ihrer doch recht umfangreichen Website nach passenden Fallbeispielen und Passagen zu Menchenrechtsverletzungen zu recherchieren." Auch die Zentrale in London habe ebenfalls keine Position zu den Menschenrechtsverletzungen an Zwittern, noch Informationen dazu.

Immerhin liess der betreffende Mitarbeiter verlauten, er habe von der Londoner Zentrale den Auftrag erhalten, sich schlau zu machen und zu rapportieren, weshalb er um Informationen ersuche. Da diese Angelegenheit seither innerhalb von IMeV nicht mehr weiter verfolgt wurde, liess Nella nun dem Amnesty-Mitarbeiter im Namen der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org eine detaillierte Übersicht zum Thema zukommen mit der erneuten Bitte um Abklärung und Erwägung von künftiger Unterstützung.

Laut einer umgehenden ersten Rückmeldung hat der Mitarbeiter dieses Schreiben nun an den deutschen Vorstand weitergeleitet mit der Bitte, sich beim internationalen Sekretariat erneut dafür einzusetzen, dass Amnesty sich der drängenden Problematik endlich annimmt.

Nachtrag: Eine entsprechende Aufforderung ging am 15.8.09 zusätzlich auch an die Schweizer Sektion von Amnesty – einmal mehr hiess es in der Absage: "Amnesty International hat bisher [...] keine offizielle Position zu Intersex und Zwangsoperationen erarbeitet."

Fortsetzung folgt ...

>>> Der erneute Aufruf um Unterstützung

Sunday, April 26 2009

Wie das "Netzwerk DSD/Intersexualität" seine Versprechen bricht - und Intersexuelle Menschen e.V. sich nicht wehrt

Ein Beispiel von vielen:

Nach dem Eklat beim Netzwerktreffen 2007 in Bochum und der darauf folgenden öffentlichen Kritik kam es am 1.11.2007 zu einer Aussprache zwischen VertreterInnen des "Netzwerk DSD/Intersexualität" und einer Delegation von Intersexuelle Menschen e.V. Dabei ging es unter anderem auch um die Veröffentlichungspolitik der Lübecker Netzwerkstudie. Dazu wurde vereinbart, dass betroffene Studienteilnehmer_innen die Publikationen im Voraus gegenlesen können und einen "Kommentar und die Anregungen und die Kritik dann entweder noch berücksichtigt oder zumindest als Diskussion mit veröffentlicht" werden.

Entgegen dieser Vereinbarung publizierte das "Netzwerk DSD/Intersexualität" im November 2008 auf seiner Homepage eine erste Veröffentlichung der Studienergebnisse, ohne dass irgendwer von den betroffenen Studienteilnehmer_innen diese im Voraus zu Gesicht bekam.

Auf eine entsprechende Beschwerde bei den Publikationsverantwortlichen des "Netzwerk DSD/Intersexualität" erfolgte am 24.11.2008 eine erneute Zusage, dass betroffene Studienteilnehmer_innen bei künftigen Publikationen "die Texte vorab bekommen, sobald eine Auswertung fertig ist". Es wurde vereinbart, dass eine Arbeitsgruppe von Intersexuelle Menschen e.V. die Publikationen im Voraus per Mail erhalten und sie anschliessend kommentieren kann.

Auch dieses Versprechen wurde in der Folge vom "Netzwerk DSD/Intersexualität" erneut gebrochen.

Statt die Texte wie vereinbart vorab per Mail zu erhalten, erhielten die seinerzeitigen Vereinsdelegierten der Sitzung vom 1.11.2007 am 3.3.2009 eine Mail, worin sich das "Netzwerk DSD/Intersexualität" (ironischerweise) auf die besagte Aussprache vom 1.11.2007 und die damaligen Vereinbarungen bezieht und darüber informiert, "dass die ersten zwei Publikationen, die sich auf die Ergebnisse der Klinischen Evaluationsstudie beziehen, in Kürze fertig gestellt werden". Es handle sich dabei um zwei Artikel: "Der eine beschäftigt sich mit der allgemeinen Situation von Jugendlichen, der andere mit der psychosexuellen Entwicklung von Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen."

Von der Vereinbarung, die Texte vorab zugeschickt zu kriegen und einen Kommentar schreiben zu können, war plötzlich keine Rede mehr. Denn "aus rechtlichen Gründen" sei es nicht möglich, "unveröffentlichte Manuskripte im Vorfeld zu verschicken oder einem größeren Kreis zugänglich zu machen". Ein konkreter Beleg für diese Behauptung wurde nicht mitgeliefert.

Als Ersatz machte das "Netzwerk DSD/Intersexualität" in besagter Mail vom 3.3.2009 zwei sehr kurzfristige Terminvorschläge, an denen je eine der Veröffentlichungen in Lübeck für kurze Zeit eingesehen werden könnten: 18.3. und 8.4.2009 (Rückmeldung/Anmeldung bis 12.3.2009). Die "relativ kurzfristige Terminplanung" wurde damit begründet, dass die Auswertungen "später als erwartet fertig gestellt werden" konnten und "die Manuskripte aus personellen Gründen zeitnah eingereicht werden" müssen.

Deshalb bleibe dem "Netzwerk DSD/Intersexualität" "leider wenig Spielraum".

Und uns Betroffenen wieder einmal weniger als das!

Wieder einmal hat es das "Netzwerk DSD/Intersexualität" geschafft, sich um sein Versprechen vom 1.11.2007 herum zu reden.

Eine der Delegierten teilte darauf mit, dass sie den Termin vom 18.3. wahrnehmen werde. Über das Resultat wurden bisher weder der Vorstand noch die Vereinsmitglieder unterrichtet.

Die andere Delegierte beschwerte sich beim Netzwerk in einem persönlichen Mail, dass sich das "Netzwerk Intersexualität/DSD" "wieder einmal über die Abmachungen" hinweg setze. Da sie keinen der beiden Termine wahrnehmen konnte, forderte sie die vertrauliche Zustellung der Manuskripte. Das "Netzwerk DSD/Intersexualität" ging darauf wie gewohnt nicht weiter ein.

Wenig überraschend ist schon jetzt abzusehen, dass auch bei allen weiteren Publikationen zur Lübecker Netzwerkstudie die betroffenen Studienteilnehmer_innen wie gehabt aussen vor bleiben werden. (Welcher Mediziner will schon jedes Mal einen womöglich kritischen Kommentar von Betroffenenseite?)

Ebenso ist absehbar, dass Intersexuelle Menschen e.V. all diese gebrochenen Versprechen, die beim "Netzwerk Intersexualität/DSD" sozusagen schon Tradition sind, nie öffentlich rügen oder sich wirksam dagegen zur Wehr setzen wird.

Siehe auch:
- Wie das "Netzwerk DSD" die "Lübecker Studie" frisiert
- Intersexuelle Menschen e.V. distanziert sich stillschweigend vom "Netzwerk DSD" 
-
Netzwerk DSD/Intersexualität und wir Intersexuellen - Mitsprache geht anders
- Ersatzhormone für Zwangskastrierte auf Kasse! "Netzwerk DSD" zum Handeln aufgefordert
- Mein Rücktritt als 1. Vorsitzende von Intersexuelle Menschen e.V.
- 5. Treffen Netzwerk Intersexualität Kiel 6.9.2008 
- "Medizinische Intervention als Folter" - Michel Reiter 30.6.2000 

Wednesday, April 22 2009

Aktuelle Termine!

Hamburg, Mi 29. April, 17h, Rathaus, Raum 151
Hamburgischen Bürgerschaft,
Ausschuss für Gesundheit und Verbraucherschutz

"Politischer Handlungsbedarf bei der Regelung für ärztliche Behandlungen von Hermaphroditen" 
1. Expertenanhörung 
2. Die beiden Großen Anfragen (eins / zwei)
>>>
ergänzte Tagesordnung  Öffentliche Ausschussitzung! Zwischengeschlecht.org wird vor Ort präsent sein, Flugblätter verteilen und berichten! 


Köln, Mi 20. Mai, 14h, vor dem Landgericht
Demo + 3. Prozesstag von Christiane Völling
14h Demo, 15:30h Prozess, Saal 237
Kommt alle! Ünterstützt die Zwitter in ihrem Kampf gegen genitale Zwangsoperationen und für ihre Menschenrechte auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde!

Monday, April 20 2009

Zwangskastrierte Zwitter müssen Ersatzhormone selber bezahlen

PRESSEMITTEILUNG von Zwischengeschlecht.org vom 20.04.2009

>>> https://blog.zwischengeschlecht.info/pages/Zwangskastrierte-Zwitter-mussen-Ersatzhormone-selber-bezahlen

Wednesday, April 15 2009

Mein Rücktritt als 1. Vorsitzende von Intersexuelle Menschen e.V.

Per Ende meines 1. Amtsjahrs erklärte ich meinen Rücktritt als 1. Vorsitzende von Intersexuelle Menschen e.V. Das vereinsinterne Mobbing überstieg meine psychischen Kräfte bei weitem. Auch will ich nicht länger als Vorstandsmitglied beteiligt sein am (wie ich es empfinde) Katzbuckeln des Vereins gegenüber den Medizynern und den verantwortlichen PolitikerInnen. Ich werde dem Verein aber als kritisches einfaches Mitglied erhalten bleiben.

Ich danke auch hier allen, die mir im Anschluss liebe und aufmunternde Worte zukommen liessen, komme jedoch auf meinen Entscheid nicht mehr zurück. Nachfolgend dokumentiere ich mein offizielles Rücktrittsschreiben.

Nella

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Wednesday, April 8 2009

LSVD: Zwitter-Wahlprüfstein und Resolution einstimmig angenommen!

Letztes Wochenende stimmte der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) an seinem 21. Verbandstagung vom 4./5. April in Berlin-Schöneberg auf Antrag des Bundesvorstandes ab über einen Zwitter-Wahlprüfstein "Menschenrechtsverletzungen an Intersexuellen bekämpfen!" sowie über die Zwitter-Resolution "Menschenrechte von Intersexuellen schützen"

Wie die Delegierte von Intersexuelle Menschen e.V., Lucie Veith berichtet, wurden beide Anträge einstimmig angenommen!

Allen Beteiligten ein fettes Dankeschön!

Siehe auch:
- Lesben- und Schwulenverband Deutschland fordert Menschenrechte für Zwitter! 
- LSVD: Menschenrechte für Zwitter als Wahlprüfstein! 
- Bundestagswahl 2009: 4 von 5 Bundestagsparteien fordern Selbstbestimmungsrecht für Zwitter! 
- CSD Konstanz & Kreuzlingen fordert Selbstbestimmung für Zwitter  

Monday, April 6 2009

Rita Gobet, Kinderspital Zürich: Genitale Zwangsoperationen nur "ganz selten"

"Das Magazin", die Wochenendbeilage des "Tages-Anzeigers" und weiterer Blätter desselben Konzerns bringt traditionellerweise auf der letzten redaktionellen Seite ein Portrait unter dem Titel "Ein Tag im Leben von". In der Ausgabe 14/09 erzählt dort PD Dr. Rita Gobet, die Leiterin der urologischen Abteilung des Kinderspitals Zürich.

Schon im ersten Abschnitt outet sie sich als Ausführende bei Zwangsoperationen an Zwittern, in ihren Worten:

"Meine Aufgabe ist es zum Beispiel, einen Katheter zu legen, wenn die Blase wegen eines Tumors nicht mehr entleert werden kann, oder, was ganz selten vorkommt, undefinierte Geschlechter operativ zu korrigieren."

Um dann im zweitletzten Abschnitt den Bogen zu schliessen, wo sie das Thema "seltene Operation[en]" (das ansonsten nirgends mehr angesprochen wird) zum Abschluss bringt wie folgt:

"Auch abends, wenn ich zu Hause bin, kann ich meine Gedanken nicht einfach abschalten. Vor allem, wenn etwas Spezielles passiert ist. Ein Kind gestorben ist oder eine seltene Operation besonders gut gelungen ist."

>>> Ganzes Portrait lesen: hier oder ins Bild klicken (und dann ev. nochmals klicken, um den Artikel aufzuklappen)

Meine 2 Cent:

Über die etwas weniger "besonders gut gelungen[en]" "seltenen Operation[en]" sagt Rita Gobet wohlweislich nichts. Laut aktuellen Studien ist gerade bei zwangsoperierten Zwittern "Die Behandlungsunzufriedenheit [...] eklatant hoch", und auch die Eltern beurteilen "die behandelnden Ärzte/Ärztinnen schlechter als Eltern von Kindern mit anderen chronischen Erkrankungen" [sic!]. Auch ethische (PDF), juristische oder gar menschenrechtliche Bedenken bleiben bei Rita Gobet nach wie vor konsequent aussen vor.

Der obige Artikel ist meines Wissens nach das erste Mal seit über einem Dreivierteljahr, dass MitarbeiterInnen des Kinderspitals Zürich das "heikle" Thema genitale Zwangsoperationen an Zwittern – Pardon: "undefinierte Geschlechter operativ [...] korrigieren" – in der Öffentlichkeit überhaupt anschneiden. Seit der Protestaktion vor dem Kinderspital vom 7.6.08 in Verbindung mit der für die Zwangsoperateure wenig erfreulich verlaufenden Zwitter Medien Offensive galt intern trotz vieler Anfragen den Medien gegenüber absolutes Redeverbot.

Offensichtlich hält man in der Kinderchirurgie die Zeit nun reif für eine kleine Medizyner-Charme-Gegenoffensive. Ob sich dadurch das Rad der Zeit zurückdrehen lässt bzw. der für die Medizyner so lästige Ruf nach Menschenrechte, Selbstbestimmung und Recht auf informierte Zustimmung auch für Zwitter damit wieder zum Verstummen gebracht werden kann, wage ich mal zu bezweifeln. Ebenso, dass im Kinderspital Zürich oder sonstwo die Verantwortlichen je von sich aus Einsicht zeigen und mit den genitalen Zwangsoperationen freiwillig aufhören werden – jetzt, da sie noch die Möglichkeit dazu hätten ...

Siehe auch: Aktion & Offener Brief Kinderspital Zürich 6.7.08

Sunday, April 5 2009

OII Deutschland / IVIM setzt neu "Recht auf körperliche Unversehrtheit" an 1. Stelle der Forderungsliste

Nachdem auf diesem Blog seit längerem mehrfach kritisiert wurde, dass OII Deutschland / IVIM, statt das für Zwitter zentrale Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde hochzuhalten, dieses auf ihrer Zwitter-Forderungsliste in unwürdiger LGBT-Tradition "Gender" rsp."Geschlechtsidentität" und "sexueller Orientierung" unterordnet bzw. hinten anstellt (wie auch TrIQ, TGNB & Co., die es z.T. gleich ganz weglassen), wurde die IVIM-Forderungsliste nun unterdessen überarbeitet – und siehe da:

Die "Internationale Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen (IVIM)", die Sektion Deutschland von "Organisation Intersex International (OII)", stellt in der am 25.3.09 aufdatierten Version ihrer Forderungsliste statt "Dekonstruktion von Geschlecht" neu "Das Recht auf körperliche Unversehrtheit" an die erste Stelle, gefolgt von "2. Das Recht auf Schutz vor medizinischer und/oder psychologischer Misshandlung, Bevormundung und Zwang".

Herzlichen Glückwunsch!

Der logische nächste Schritt wären nun entsprechende konkrete Aktionen ...

Saturday, April 4 2009

LSVD: Menschenrechte für Zwitter als Wahlprüfstein!

Nebst über den Antrag "Menschrechte von Intersexuellen schützen" stimmt der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) dieses Wochenende an der 21. Verbandstagung vom 4./5. April in Berlin-Schöneberg wiederum auf Antrag des Bundesvorstandes ebenfalls ab über "Zehn Schritte zu Gleichstellung und Respekt. Lesben- und schwulenpolitische Prüfsteine zur Bundestagswahl 2009".

>>> PDF-Download "Prüfsteine zur Bundestagswahl 2009"

Als Wahlprüfstein Nr. 9 (von 10) ist darin wiederum auch die Forderung nach Menschenrechte für Zwitter enthalten:

9. Menschenrechtsverletzungen an Intersexuellen bekämpfen!

Menschen sind in der Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland entweder männlich oder weiblich. Alle Neugeborenen werden binnen kurzer Zeit nach der Geburt im Geburtsregister des Standesamtes mit Nennung des Geschlechtseintrages eingetragen. Menschen, die mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren werden, haben bislang keinen rechtlichen Schutz. Obwohl körperlich gesund, werden die Betroffenen in der Mehrzahl der Fälle von frühstem Kindesalter an irreversiblen medikamentösen und chirurgischen Eingriffen unterzogen. Diese Zwangsbehandlungen stellen einen erheblichen Verstoß gegen das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde dar. Die Zwangsanpassungen an die rechtlich geforderte Zweiteilung der Geschlechter sind eine schwerwiegende Form der Diskriminierung. 

Sind Sie bereit, sich dafür einzusetzen, dass in Zukunft chirurgische und/oder medikamentöse bzw. hormonelle Eingriffe nur mit der informierten Einwilligung der betroffenen Menschen erfolgen dürfen? 
Was werden Sie dafür tun, um Sorge zu tragen, dass Menschen mit einer Besonderheit der geschlechtlichen Entwicklung ein Recht auf freie Entfaltung und Selbstbestimmung gewährleistet wird?

Damit kommt der LSVD als erste LGBT-Organisiation einer Urforderung dieses Blogs nach (eins / zwei), nämlich Menschenrechte für Zwitter (namentlich das zentrale "Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde") als eigenständigen Punkt in die Agenda aufzunehmen, statt die Zwitter bloss "mitzumeinen" rsp. bestenfalls in der "gottgegebenen Reihenfolge" nach "sexuelle Identität" und "sexuelle Orientierung" usw. zuhinterst anzustellen (wie dies im andern Antrag teilweise leider immer noch der Fall ist). Dafür allen Beteiligten ein fettes Danke!!!

Erneut griff der LSVD bei diesem Antrag auf Textbausteine von Intersexuelle Menschen e.V. und Zwischengeschlecht.org zurück, wie sie u.a. in der Forderungsliste des Vereins und im CEDAW-Schattenbericht enthalten sind.

Auch an den übrigen Wahlprüfsteinen gibts übrigens aus meiner Sicht nix zu mosern, im Gegenteil ...

Auch dieser zweite Antrag muss dieses Wochenende erst noch von der Verbandstagung genehmigt werden. Einmal mehr sind wir gespannt auf das Abstimmungsresultat und hoffen auf das Beste! Nachtrag: Der Wahlprüfstein wurde einstimmig angenommen!

Nachtrag 2: Nun liegen auuch die Antworten der Parteien vor – und siehe da: 4 von 5 Bundestagsparteien fordern Selbstbestimmungsrecht für Zwitter!  

Siehe auch:
- Lesben- und Schwulenverband Deutschland fordert Menschenrechte für Zwitter! 
- LSVD: Menschenrechte für Zwitter als Wahlprüfstein! 
- Bundestagswahl 2009: 4 von 5 Bundestagsparteien fordern Selbstbestimmungsrecht für Zwitter! 
- CSD Konstanz & Kreuzlingen fordert Selbstbestimmung für Zwitter  

Thursday, April 2 2009

Ersatzhormone für Zwangskastrierte auf Kasse! "Netzwerk DSD" zum Handeln aufgefordert

Nella hat inzwischen im Namen von Intersexuelle Menschen e.V. Prof. Olaf Hiort und das "Netzwerk DSD" betreffend der geplanten "Klinische[n] Studie zur Testosteronsubstitution bei kompletter Androgenresistenz" in einer >>> offiziellen Stellungnahme (auch) zu praktischem Handeln aufgefordert zugunsten aller Zwangskastrierten, die eine adäquate Hormonersatztherapie nach wie vor aus eigener Tasche bezahlen müssen:

[...] Es ist mehr als unwürdig, dass zwangskastrierte Zwitter sich mit Ärzten und Krankenkassen herumschlagen müssen, weil Testosteronsubstitution bei XY-chromosomalen Intersexuellen, die als "Frau" leben, als Off Label-Use gilt. Faktisch sind wir der Willkür bzw. dem Wohlmeinen oder gar Mitleid der uns jeweils behandelnden ÄrztInnen ausgeliefert.

Wir wollen aber kein Wohlmeinen oder Mitleid, sondern unser gutes Recht! [...] Nicht umsonst fordert Intersexuelle Menschen e.V. [...] "Evaluierung von Wirkungen und Machbarkeit der verschiedenen Hormonersatztherapien nach den individuellen Bedürfnissen und Wünschen der betroffenen Menschen (Testosteron, Östrogen oder beides)" für alle Betroffenen. [...]

Was ausserdem bei Ihrer Argumentation für die geplante Studie aus unserer Sicht sehr stört, ist die Unterschlagung der Tatsache, dass es sich auch bei der Östrogen-HET um einen Off Label-Use handelt. [...] Diese scheinheilige Ungleichbehandlung ist klar entwürdigend und diskriminierend.

Leider hatte es es das Netzwerk meines Wissens nach in all den vergangenen Jahren versäumt, uns von uneingewilligten Kastrationen betroffene Menschen konkret dabei zu unterstützen, damit wir, mit welcher Diagnose auch immer, unsere Hormonersatztherapie frei wählen und anstandslos bezahlt kriegen. Als offizielle Fachstelle für Intersexualität hätten Sie uns und unseren Bedürfnissen mehr als einmal Gehör verschaffen und sich für sie stark machen können. Oder habe ich etwas verpasst? An Rückmeldungen aus Betroffenenseite hat es – wie Ihre Mail zeigt – wohl kaum gemangelt.

Wenn es Ihnen Ernst ist mit dem Ziel der geplanten Studie, "XY-Frauen" eine von der Krankenkasse anerkannte Testosteronsubstitution zu ermöglichen, bitte ich Sie deshalb dringend, zusätzlich auch andere Möglichkeiten nach Kräften zu verfolgen.

Und um konkrete Unterstützung bei einem Vorschlag, der dieselben Ziele hat:

  • Menschen mit CAIS (und andere XY-chromosomale Zwitter), die eine HET mit Testosteron wünschen oder neu auf eine solche umstellen möchten, sollen bei Ihren Kontakten mit ÄrztInnen, Krankenkassen und Apotheken mit einem in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk herausgegeben Infoblatt unterstützt werden. Darin ist kurz und knapp der aktuelle Wissensstand betreffend Hormonersatztherapien bei xy-chromosomalen Intersexuellen festgehalten. Das Netzwerk bestimmt zudem eine Ansprechperson, die ihren Namen und Kontaktdaten auf dieses Papier setzt, welche sich bereit erklärt, Betroffene bei Problemen mit der Testosteronsubstitution zu unterstützen. Mit diesem Infoblatt können Betroffen bei Bedarf ihre Ärzte auffordern, diesen Experten des Netzwerks zu kontaktieren und sich zu informieren. 
  • Dieses Infoblatt soll betroffenen zwischengeschlechtlichen XY-Menschen konkret helfen, auf Wunsch eine von der Krankenkasse bezahlte HET mit Testosteron zu ermöglichen, Ärzte dazu zu verpflichten, entsprechende Rezepte auszustellen und eine bedingungslose Übernahme der Kosten durch die Krankenkasse einzufordern. Das Netzwerk könnte so konkret zur Beendigung der aktuellen unwürdigen Situation helfen, ohne dass zuerst etwa völkerrechtliche oder juristische Instanzen bemüht werden müssten. 

>>> Das vollständige Schreiben ans "Netzwerk DSD"

Siehe auch:
- "Netzwerk DSD" plant Testostudie für Zwangskastrierte mit CAIS
- Ersatzhormone für Zwangskastrierte auf Kasse! "Netzwerk DSD" zum Handeln aufgefordert
- PRESSEMITTEILUNG: Zwangskastrierte Zwitter müssen Ersatzhormone selber bezahlen
- Testo-Studie: Doch keine Placebos

Thursday, March 26 2009

"Netzwerk DSD" plant Testostudie für Zwangskastrierte mit CAIS

Das Problem ist altbekannt: Viele Zwitter werden nicht nur genital zwangsoperiert, sondern in der Regel ebenfalls bereits als Kinder mit der Pauschal-Ausrede "Krebsgefahr" zusätzlich zwangskastriert und benötigen deshalb für den Rest ihres Lebens eine so genannte "Hormonersatz Therapie (HET)". Da die meisten dieser Zwangskastrierten "zu Mädchen gemacht" werden, besteht die HET prinzipiell aus Östrogen – obwohl viele Zwitterkörper "von Haus aus" Testosteron produzieren (und dieses je nach Bedarf in körpereiges Östrogen umwandeln – Zwitter mit so genanntem "Androgen-Insuffizienz-Syndom (AIS)").

Diese Östro-HETs wurden nie klinisch getestet, den Zwangsoperierten werden Präparate aufgezwungen, die eigentlich nur für Frauen in der Menopause zugelassen sind, d.h. die Östro-HETs erfolgen (seit Jahrzehnten!) experimentell als "Off Label-Use". Obwohl die negativen Folgen von Östro-HET bei Zwittern, deren Körper eigentlich Testo brauchten, seit längerem auch in der medizinischen Literatur bekannt sind (unter anderem Depressionen, Adipositas, Stoffwechsel- und Kreislaufstörungen, Osteoporose, Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten und Libidoverlust), weigern sich die Mediziner bis heute, zwangskastrierten Zwittern eine HET nach Bedarf und Wunsch zuzugestehen.

Mehrere Betroffene begannen schliesslich, auf eigene Faust Testo zu nehmen, viele davon mit positiven Resultaten. Jedoch weigern sich die Mediziner meist, den Betroffenen Rezepte auszustellen, die von der Kasse übernommen werden – bezeichnenderweise gern mit der Ausrede, HET mit Testo sei "Off Label-Use" ... Sprich, die Zwangskastrierten müssen eine adäquate HET noch aus der eigenen Tasche bezahlen! Seit Jahren besteht deshalb die Forderung an die Mediziner und insbesondere das Netzwerk, diesem Unfug endlich ein Ende zu bereiten.

Am 6.3.2009 ging nun beim Dachverband der Selbsthilfegruppen Intersexuelle Menschen e.V. eine Mail ein von Prof. Olaf Hiort mit dem Betreff "Klinische Studie zur Testosteronsubstitution bei kompletter Androgenresistenz". Eine solche war schon seit längerem im Gespräch. Nachdem jedoch letztes Jahr die Netzwerk-Gelder ausliefen und eine Fortsetzung der Finanzierung letzten Sommer abgelehnt wurde, lag das Projekt zunächst auf Eis. Olaf Hiort hatte es nun "bei einem anderen Förderprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) eingereicht", und dort sei es "als sehr gut bewertet worden".

Bei der Studie geht es laut Olaf Hiort darum, dass die Testosteronsubstitution bei CAIS ("Betroffene mit anderen Formen von DSD/Intersexualität sind von der Studie ausgeschlossen") in Zukunft zugelassen, sprich "vom Gesetzgeber und von den Krankenkassen" anerkannt wird.

Damit liegt der Ball nun bei den Zwittern. IMeV und die Selbsthilfegruppen suchen zur Zeit nach potientiellen Kandidat_innen, die mitmachen – was jedoch nicht nur einfach sein wird, da die Teilnehmenden drastischen körperlichen und seelischen Strapazen ausgesetzt werden.

Mein Kommentar:

Auf den ersten Blick eine erfreuliche und vielversprechende Nachricht: Endlich eine Studie, die beweisen soll, dass es CAIS-Menschen mit Testosteron besser geht! Auf den zweiten Blick sieht das Ganze jedoch etwas anders aus.

Obwohl ich das im ersten Augenblick dachte, geht es bei dieser Studie nicht darum, Kastrationen zukünftig als noch unsinniger darzustellen und deshalb letztlich abzuschaffen. Diese Studie tangiert den Kastrationsgrund "Krebsgefahr" nicht. Es geht lediglich um den "Off Label-Use".

Dagegen ist im Grunde genommen auch nichts einzuwenden. Viele von uns wären froh darum, sich nicht mehr mit renitenten Medizinern und Krankenkassen rumschlagen zu müssen.

Die "Versuchskaninchen" müssen sich jedoch für diese Studie einem sehr drakonischen Regime unterziehen:

"Es ist eine zweizeitige Behandlung mit Testosteron gegen Östrogene vorgesehen, wobei das Präparat 'geblindet' wird, d. h. die Behandelte weiß nicht, welches Präparat sie gerade bekommt.  Die Behandlungsdauer ist insgesamt mit einem Jahr angesetzt, dabei dürfen 2 Monate vor Behandlungsbeginn keine Hormone eingenommen werden und zwischen den beiden Therapiearmen jeweils auch einen Monats nichts..  Also ein langwieriger Vorgang, um die Effekte der Behandlung zu erfassen.  Dies würde an 4 Zentren in Deutschland erfolgen, die festgelegt werden.  Es sind ingesamt 8 Vorstellungstermine vorgesehen. Natürlich werden den Studienteilnehmern keine Kosten entstehen."

Nur, wenn mindestens 30 CAIS-Frauen bereit sind, an dieser Studie teilzunehmen, kriegt das Netzwerk diese vom BMBF bewilligt und bezahlt.

Bei dieser Studie mitzumachen, und insbesondere über Monate jeweils jede HET abzusetzen, bedeutet aber für die betreffenden Zwitter ein Jahr lang massive körperliche und seelische Probleme, die beispielsweise für das Berufsleben je nach dem auch bleibende negative Auswirkungen haben können. O-Ton Hiort: "Ich hoffe, diese mail schreckt Sie jetzt nicht zu sehr ab." Aufgrund dieser heftigen "Auflagen" wird Prof. Hiort eventuell keine 30 Proband_innen zusammen kriegen, die diese hormonellen Strapazen und sonstigen Unannehmlichkeiten auf sich nehmen werden wollen oder können.

In diesem Fall kann sich das Netzwerk dann künftig darauf berufen, dass die Betroffenen leider nicht interessiert sind, und sich die Hände in Unschuld waschen – statt endlich dafür zu sorgen, dass künftig ALLE zwangskastrierten Zwitter Hormone nach ihren Bedürfnissen und Wünschen von der Kasse bezahlt kriegen (und nicht nur solche mit CAIS)! Weil dies wäre nun wirklich das allermindeste, was uns zwangskastrierten Zwittern zustünde!

Dass man die Anerkennung der Testosteronsubstitution bei CAIS-Menschen und anderen Zwittern "vom Gesetzgeber und von den Krankenkassen" auch auf anderem Wege  erreichen könnte, und erst noch ohne Risiken und Nebenwirkungen, wird regelmässig unterschlagen. Ebenso, dass auch die Östrogensubstitution ebenfalls klar einen "Off Label-Use" darstellt.

Wenn also bei Östro trotz "Off Label-Use" problemlos ordentliche Rezepte möglich sind, trotz der erwiesenen Schäden, so sollte das eigentlich auch für Testosteron der Fall sein – alles andere ist unethisch, diskriminierend und unsere Menschenrechte einmal mehr mit Füssen tretend. Dies zumindest meine Meinung. Woran es dazu jedoch nach wie vor hapert, ist genügend öffentlicher Druck, nicht zuletzt von Seiten des Netzwerks ...

Trotzdem wäre es wie gesagt sehr zu begrüssen, wenn die Studie stattfinden würde, und ich möchte alle potentiellen Kandidat_innen dazu aufrufen, eine Teilnahme zu prüfen.

Nella

Siehe auch:
- Ersatzhormone für Zwangskastrierte auf Kasse! "Netzwerk DSD" zum Handeln aufgefordert
- PRESSEMITTEILUNG: Zwangskastrierte Zwitter müssen Ersatzhormone selber bezahlen
- Testo-Studie: Doch keine Placebos

Wednesday, March 25 2009

LSVD: Änderungen am Zwitter-Antrag

Wie berichtet, legt der Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschland der kommenden Verbandstagung vom 4./5. April einen Antrag vor, der sich für Menschenrechte auch für Zwitter stark macht. Daran wurden zwischenzeitlich Änderungen vorgenommen, m.E. teils zum besseren, teils auch nicht. Nach der Einschätzung des Bundesvorstandes hat der Antrag gute Chancen, angenommen zu werden. Wir drücken die Daumen! An der Verbandstagung wird Lucie Veith für Intersexuelle Menschen e.V. ein Referat halten. Die konkreten Änderungen im Antrag mit Kommentar >>> hier unter Nachtrag 25.3.

Siehe auch:
- Lesben- und Schwulenverband Deutschland fordert Menschenrechte für Zwitter! 
- LSVD: Menschenrechte für Zwitter als Wahlprüfstein! 
- Bundestagswahl 2009: 4 von 5 Bundestagsparteien fordern Selbstbestimmungsrecht für Zwitter! 
- CSD Konstanz & Kreuzlingen fordert Selbstbestimmung für Zwitter 

Sunday, March 22 2009

"Menschenrechte auch für Zwitter!" - vorwärts 20.2.09

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter!

Nach den Protesten vor der UNO in Genf wurden wir vom "Vorwärts", der Zeitung der schweizer "Partei der Arbei (PdA)", um einen Hintergrundartikel angefragt. Eine Bitte, der wir gern entsprachen.

Da das Rad nicht jedesmal neu erfunden werden muss, hielten wir uns hauptsächlich an den Grundsatztext auf der Solipage dieses Blogs, seinerseits grösstenteils eine Kompilation von Flugblättern, Pressemitteilungen usw., die schon öfters auszugsweise auch in anderen Texten, politischen Vorstössen usw. Verwendung fand. Am 20. Februar wurde der Artikel dann, leicht bearbeitet und ergänzt um die Blogmeldung zur schriftlichen CEDAW-Rüge, als ganzseitiger Beitrag veröffentlicht. Danke!!

Zum Betrachten hier oder in das Foto klicken (jpg 480kb) und je nach Browser zusätzlich reinklicken zum aufklappen.

Nachfolgend die unbearbeitete Version des Artikels als Text:

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Spendenaktion für Christiane erfolgreich!

Christiane während eines der vielen, vielen Interviews. Köln, 12.12.07.

Wie berichtet, muss Christiane Völling dem Landgericht Köln 2000.-- Euro bezahlen, damit ihr Prozess fortgesetzt wird. Nach einem Spendenaufruf hier und durch Intersexuelle Menschen e.V. gingen nun, zusammen mit dem Ertrag der 1. Spendenaktion, innert der nötigen Frist genügend Spenden ein, um diese Auflage zu bezahlen! Hip, hip!

Christiane teilt dazu mit, dass sie sich ganz herzlich bei allen Spender_innen bedanken möchte, die "so eine Fortführung meines Prozesses ermöglichten und mich auf diese Art und Weise wissen und spüren ließen, dass ich nicht alleine bin, gerade und insbesondere in meiner derzeitigen schwierigen Lage".

Auch wir von Zwischengeschlecht.info möchten uns dem anschliessen und sagen allen Spender_innen Danke!

Christianes Prozess, der von ihr unter erheblichem finanziellen Risiko geführt wird und ihr durch den dadurch entstandenen Medienrummel und die allgemeine Belastung auch persönlich eine ganze Menge abverlangt, ist und bleibt ein historisches Ereignis für alle Zwitter in ihrem Kampf gegen genitale Zwangsoperationen und sonstige nicht-eingewilligte Zwangseingriffe – und Christianes Sieg gegen ihren ehemaligen Chirurgen ein Meilenstein in diesem Ringen! Umso schöner, dass ihr nun von der wachsenden Zwitterbewegung inkl. solidarischen Nicht-Zwittern die praktische Solidarität zuteil wurde, die sie zur Weiterführung ihres bahnbrechenden Prozesses braucht.

Fortsetzung folgt ...

PS: Spenden sind auch weiterhin hochwillkommen! Falls Christiane die Spenden nicht mehr braucht, geht das gesammelte Geld in einen Fonds und wird für weitere Prozesse verwendet!

Intersexuelle Menschen e.V.
Konto 0963128202
Postbank Hamburg
BLZ 200 100 20
Verwendungszweck: Solidarität mit Christiane

Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt. Für Beträge unter 100 € genügen der Einzahlungsbeleg und der Kontoauszug. Für Zuwendungen über 100 € stellt der Verein Spendenbescheinigungen aus.

Christianes Prozess auf diesem Blog:
- Christiane Völlings Geschichte
- 1. Pressemitteilung
- Demoaufruf 1. Prozesstag
- Berichterstattung 1. Prozesstag
- Pressespiegel 1. Prozesstag
- Warum Christiane Völling zur Transsexuellen gemacht werden soll
- Wegen Zwitterprozess: Druck auf Ärzte wächst
- Berichterstattung und Pressespiegel 2. Prozesstag
- Christiane: Der Kampf geht weiter
- Bericht provisorischer Entscheid OLG
- Bericht definitiver Entscheid OLG
- Pressespiegel definitiver Sieg vor OLG  

Thursday, March 19 2009

Lesben- und Schwulenverband Deutschland fordert Menschenrechte für Zwitter!

Der Vorstand des Lesben und Schwulenverbands Deutschland (LSVD) legt der 21. Verbandstagung vom 4./5. April in Berlin-Schöneberg einen Antrag "Menschrechte von Intersexuellen schützen. Intersexualität als gesellschaftliches Tabu bekämpfen" zur Abstimmung vor, der detailliert Menschenrechte auch für Zwitter fordert.

>>> PDF-Download

Darin zeigt sich der LSVD "schockiert über die Berichte über Menschenrechtsverletzungen, die in der Bundesrepublik Deutschland an zwischengeschlechtlichen [...] Menschen begangen wurden" und dankt Intersexuelle Menschen e.V. und XY-Frauen, "die diese Fakten im Rahmen des CEDAW-Alternativberichtes aufgearbeitet und veröffentlich haben".

Zur Beschreibung der Problematik greift der LSVD wiederholt auf Pressemitteilungen und Grundsatztexte von Intersexuelle Menschen e.V. und Zwischengeschlecht.org zurück sowie auf die Forderungsliste des Vereins, deren 5 Kernpunkte ebenfalls wörtlich übernommen werden. Weitere Abschnitte befassen sich fundiert mit den Diskriminierungen durch das Personenstandsrecht (inkl. Hinweis auf den Prozess von Michel Reiter): "Intersexuelle Menschen werden rechtlich gezwungen ihre Identität zu verleugnen." Auch die Yogyakarta-Prinzipien werden ins Feld geführt.

Kommentar: Na bitte, es geht doch! Der LSVD-Bundesvorstand macht einen mutigen ersten Schritt und zeigt, dass Solidarität mit Zwittern statt Vereinnahmung machbar ist, indem er die Forderungen des Vereins zu einem grossen Teil wörtlich aufnimmt und unterstützt, inkl. Einforderung des für Zwitter zentralen Menschenrechts auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde.

Ich persönlich bin zwar – nicht zuletzt aufgrund der Vorgänge im Bundestag – nach wie vor sehr skeptisch, was das Winken mit Yogyakarta und insbesondere das Voranstellen von "sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität" vor das Recht auf körperliche Unversehrtheit den Zwittern konkret bringen soll, aber es ist klar, dass der LSVD letztlich auch profitieren will, und das ist m.E. auch zumindest nicht illegitim, solange es in der vorliegenden Form geschieht.

Zwar handelt es sich erst um einen Antrag, der am Verbandstag am 4./5. April noch genehmigt werden muss. Ich hoffe aber auf alle Fälle auf das Beste und sag schon jetzt allen an diesem Antrag Beteiligten DANKE!!!  Nachtrag: Die Resolition wurde einstimmig angenommen!

(Danke an Hänselodergretel für den Hinweis.)

Siehe auch:
- LSVD: Menschenrechte für Zwitter als Wahlprüfstein! 
- Bundestagswahl 2009: 4 von 5 Bundestagsparteien fordern Selbstbestimmungsrecht für Zwitter! 
- CSD Konstanz & Kreuzlingen fordert Selbstbestimmung für Zwitter 

Nachtrag 25.3.09: Der Antrag wurde inzwischen nochmals überarbeitet. Einige Änderungen sind m.E. Verbesserungen, andere jedoch nicht:

Sehr gut finde ich z.B., dass es nun Zeile 18ff. heisst: "Trotz der Varianz ihrer geschlechtlichen Anlagen sind bei der Mehrheit dieser Menschen keine  medizinischen Interventionen notwendig.", statt wie vorher "Neben der Varianz ihrer geschlechtlichen Anlagen liegen bei ihnen in der Mehrzahl der Fälle keine weiteren Merkmale vor." Auch Z. 25 die Änderung von "uneindeutigen Genitalien" zu "zwischengeschlechtlichen Genitalien" finde ich sehr gut.

Nicht gut finde ich hingegen z.B. die Änderung von alt Z. 10 "uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen" zu neu Z. 9 "männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen" – dadurch wird einmal mehr den immer noch verbreiteten, irrigen "Hermaphroditen-Mythen" von "Mann und Frau zugleich" Vorschub geleistet. Warum nicht z.B. "sogenannt uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen" oder "nicht eindeutig männlich oder weiblich zuordnungsbaren Geschlechtsmerkmalen"? Sehr schade finde ich auch, dass der Hinweis alt Z. 53 "Intersexuelle Menschen kommen in keiner offiziellen Statistik vor." ersatzlos gestrichen wurde. Warum bloss? Die Weigerung durch Medizyner und Bundesregierung, das (laut Ärzten zunehmend häufigere) Vorkommen zwischengeschlechtlicher Menschen (und damit auch die Häufigkeit der Zwangsoperationen!) verbindlich statistisch zu erfassen und die damit verbundenen Zahlenmanipulationen zwecks Verhinderung von Monitoring sind ein zentrales Problem, das ruhig erwähnt statt ausgelassen werden dürfte.

Gekürzt wurde übrigens auch der Titel des Antrags: von alt "Menschrechte von Intersexuellen schützen. Intersexualität als gesellschaftliches Tabu bekämpfen" zu neu "Menschenrechte von Intersexuellen schützen".

Wednesday, March 18 2009

Wikipedia fest in MedizynerInnen-Hand

Innerhalb der letzten Wochen wurden bei allen betreffenden Wiki-Einträgen scheints alle seit längerem aufgeführten Selbsthilfe-Weblinks entfernt. Dies mit der Begründung, bei Wikipedia seien Links zu Selbsthilfegruppen bei "medizinischen Artikeln" laut den Richtlinien der Wiki-Medizinredaktion "nicht erwünscht", bzw. auch laut allgemeinen Wiki-Richtlinien "unerwünscht".

Diese Argumentation schien mir fragwürdig, handelt es sich bei "Intersexualität" usw. doch keineswegs um ein "rein medizinisches" Thema, sondern (auch) um einen öffentlichen, politischen und kulturellen Diskurs, in dem die Mediziner zur Zeit vermehrt unter Druck stehen und deshalb lediglich einen einseitigen Parteienstandpunkt repräsentieren und nicht die ganze Sache. Zudem erlauben zumindest die allgemeinen Wiki-Richtlinien auch bei strikt medizinischen Einträgen ausdrücklich Links z.B. auf "Selbsthilfegruppen, die bei der Erstellung von anerkannten Leitlinien mitgewirkt haben und die gleichzeitig auch den Qualitätskriterien entsprechen." Dies trifft auf mehrere Zwitter-Selbsthilfegruppen klar zu, z.B. in Deutschland auf Intersexuelle Menschen e.V. und auf XY-Frauen, aber auch auf die AGS-Initiative.

Ich habe deshalb auf der Wiki-Diskussionsseite des Artikels "Intersexualität" einen Eintrag zum Thema gestartet, worin ich versuchte, meine Argumente möglichst unaufgeregt anzubringen. Darauf kam es zu einem ersten Austausch, auch wurde der Link auf den Verein von einem dritten Wiki-Benutzer vorerst wieder eingesetzt. Mal schauen, wie es weitergeht ...

Wer auch bei Wiki User_in ist (oder es werden will) und weitere konkrete Argumente oder Belege hat, weshalb welche Selbsthilfegruppen wo genau bei Wiki wieder reinsollten, ist herzlich eingeladen mitzuhelfen ...

Nachtrag 2010: Nach wie vor ist Wikipedia fest in der Hand der MedizynerInnen und wird "Intersexualität" ausschliesslich als "medizinische Krankheit" abgehandelt ...

Monday, March 16 2009

Treffen "Netzwerk DSD" vom 28.2.09 in Lübeck

In kleinerem Rahmen als auch schon fand das erste Treffen des "neuen" Netzwerk DSD statt (vormals "Netzwerk Intersexualität"). Nachdem die seinerzeitigen Forschungsgelder Ende letztes Jahr ausliefen, wurde am letzten Treffen vom 6.9.08 beschlossen, das Netzwerk als Verein mit neuen Statuten und neuem Namen weiterlaufen zu lassen, um die etablierten Kontakte zwischen den beteiligten Kliniken weiterzupflegen. Das neue Netzwerk ist zudem eingebunden in "Euro DSD".

Von Seiten der Selbsthilfegruppen war für Intersexuelle Menschen e.V. und XY-Frauen diesmal Elisabeth "Museli" Müller ("Hermaphrodit Müller bitte, ich bin keine Frau") mit dabei. Auch die AGS Eltern- und Patienteninitiative war wiederum durch eine Mutter und eine betroffene Person vertreten.

Viel Platz nahmen bei dieser ersten Sitzung Interna in Anspruch. Bedauerlicherweise startet das "neue" Netzwerk ziemlich "chirurgenlastig", der neue Vorstand besteht aus einem Endokrinologen und zwei ChirurgInnen: Olaf Hiort (1. Vorsitzender, zugleich "Projektleiter" bei "EuroDSD"), Susanne Krege (2. Vorsitzende), Lutz Wünsch (Kassenwart). Ausführlich besprochen wurde die neue Satzung des Vereins (mehr dazu im Bericht vom letzten Treffen).

In einem 2. Teil wurde es dann für die Vertreter_innen der Selbsthilfegruppen spannend: Viele der Anwesenden sprachen sich für eine Verbesserung der psychologischen Unterstützung aus ("psychosoziale Versorgung von DSD-Patienten" im Jargon der anwesenden MedizinerInnen). Die einseitig ausschliesslich durch Endokrinologen und Chirurgen vorgenommene "Beratung" der Eltern wie der (in der Folge – Überraschung! – nach wie vor meist zwangsoperierten) jungen Zwitter wird schon seit 1992 von allen Selbsthilfegruppen einhellig kritisiert – und stattdessen erstmal umfassende und kompetente psychologische Unterstützung gefordert! Trotzdem ist es heute noch so, dass funktionierende psychologische Betreuung durch spezialisierte Fachkräfte (entgegen anderslautenden Lippenbekenntnissen auch aus dem Netzwerk) nach wie vor klar die Ausnahme darstellt. Letzten Angaben zufolge ist z.B. sogar in der Netzwerk-Hochburg Lübeck die psychologische Versorgung für das laufende Jahr nicht wirklich gesichert. Zu oft wird auch von Medizinerseite der Kontakt zu den Selbsthilfegruppen Trotz anderslautender Versprechen bewusst nicht hergestellt. Neuen Zündstoff erhielt die Ur-Forderung der Selbsthilfegruppen nach psychologischer Unterstützung nicht zuletzt durch die jüngste Lübecker Netzwerkstudie, die klar zeigt, dass Betroffene mit psychologischer Unterstützung eine bessere Lebensqualität haben. Forderungen und vor allem konkrete Schritte durch das Netzwerk zur allgemeinen Sicherstellung der "psychosoziale[n] Versorgung" für ALLE Zwitter und ihre Angehörigen wären demnach klar zu begrüssen – Fortsetzung folgt ...

Von Seiten der Selbsthilfegruppen wurde auch der unter Betroffen klar abgelehnte und als Affront und Unwort empfundene Begriff "Störung" kritisiert, der nun in der neuen Satzung durchgegend verwendet wird (im "alten" Netzwerk wurde das englische "Disorder" jeweils noch stillschweigend mit "Besonderheit" "übersetzt"). Von Seiten der AGS-Initiative wurde auf Milton Diamonds "freundlichere Beschreibung" "Varieties of Sex Development" hingewiesen, was unter den Anwesenden überraschenderweise überwiegend auf Zustimmung gestossen sei. Elisabeth Müllers Beitrag zur Diskussion:

Mein Kommentar dazu: es gelte hier nicht, irgendwelche großzügigen Freundlichkeiten zu verteilen, sondern den zwischengeschlechtlichen Menschen schlichtweg Menschenrechte zu gewähren. Zu Krege sagte ich: "Ihnen sagt doch auch keiner, daß Sie eine gestörte Körper- und Geschlechtsentwicklung haben".

Für zwangsoperierte und dadurch traumatisierte Zwitter kostet es aus naheliegenden Gründen immer starke Nerven, bei Mediziner-Veranstaltungen mit dabei zu sein. Vorletzen Herbst war es bei einem Netzwerktreffen in Buchum zudem zu unschönen Szenen gekommen, als viele Mediziner und ein Psychologe bei einem Vortrag von Betroffenen lauthals pöbelnd den Saal verliessen (eins / zwei) – eine unrühmliche Tradition seit 2000. Wie schon beim letzten Treffen scheint es auch dem "neuen" Netzwerk wichtig, dies künftig besser zu machen. Wie Elisabeth Müller berichtet, habe es bei ihr einzig mit der Anrede nicht auf Anhieb geklappt:

Als mir Versammlungleiterin Ute Thyen sehr höflich und mit Achtung  das Wort erteilte "Bitte, Frau Müller", habe ich mit beherrschter Stimme richtig gestellt, daß ich Hermaphrodit Müller sei.

Kommentar: Noch 1999 wurde Michel Reiter in Berlin von der Teilnahme an einem Kongress durch die Security kurzerhand ausgeschlossen. Offensichtlich haben die Proteste der letzten anderthalb Jahrzehnte zumindest einiges bewirkt. Bleibt zu hoffen, dass nicht zuletzt durch die neu erstarkte Zwitterbewegung die Mediziner auch künftig damit leben müssen, dass wo immer sie sich treffen, auch Vertreter_innen der betroffenen Menschen dabei sind und respektvoll angehört werden müssen!

Schön zu erfahren auch, dass die langjährige, begründete Kritik am menschenverachtenden Unwort "Störung" anscheinend mittlerweile auch im "Netzwerk der Geschlechtsentwicklungsgestörten" langsam anzukommen scheint. Zu schön, wenn nun das Netzwerk (und alle angeschlossenen Spitäler und vertretenen Standesorganisationen) in Namen (und Statuten) demnächst "freundlicher" würde(n) – auch und erst recht in den Behandlungsleitlinien! Denn nicht zuletzt dort hapert's nach wie vor gewaltig! Fortsetzung folgt ...

Siehe auch:
- 5. Netzwerk-Treffen Kiel 6.9.08: Intersexualität ade - DSD ahoi!
- Lübeck: Doch psychologische Versorgung auch 2009?
- Tagung RECHTE VON KINDERN IN MEDIZIN UND FORSCHUNG
- Netzwerk Intersexualität und wir Intersexuellen - Mitsprache geht anders

Tuesday, March 10 2009

"Intersexualität: Das dritte Geschlecht" - Focus 9.3.09

Die Zwitter Medien Offensive™ geht weiter!

Nach 3 Artikeln über "Intersexualität" im Jahre 2007 (ein kurzer über Genetikforschung an "XY-Frauen", gefolgt von einem Bericht zu Christianes 1. Prozesstag mit einem längeren Hintergrundartikel), legt Focus heuer nochmals deutlich einen oben drauf! Auch im Vereinsforum gab es gute Noten.

Nicht nur ist der Artikel länger als die vorherigen drei zusammen: Es kommen mehr Betroffene zu Wort, und nie zuvor standen die Folgen der Zwangsoperationen sowie auch die Kritik an den Zwangs"behandlungen" derart im Zentrum!

Abgerundet wird das Ganze u.a. durch einen Hinweis auf den Schattenbericht inkl. URL und die offensiven Forderung nach einem optionalen 3. Geschlechtseintrag.

Zwar hat es lokal immer noch ziemliche Schnitzer, wie z.B. "„Disorders of Sexual Identity“ (DSI)" (als wäre DSD nicht schon doof genug!), das immer wieder beliebte "Androgenitale Syndrom" (danke an sky für den Hinweis – Medinzinerdeutsch korrekt wäre "adrenogenital"), eine Betroffene spricht laut dem Artikel gar selbst von "meine Krankheit", Frauenbeschneidungen werden mit "islamischen Kulturen" in Verbindung gebracht (aber immerhin im Zusammenhang mit Zwangsoperationen überhaupt erwähnt!), es kann bemängelt werden, dass nur schon der Aufbau des Artikels immer noch stark von medizinischen Schubladen bestimmt ist, doch alles in allem, die Message stimmt!

Dieser Artikel bedeutet einmal mehr schlechte Nachrichten für die Zwangsoperateure und all ihre Komplizen in der Politik, die uns nach wie vor weismachen wollen, man hätte "all das halt nicht gewusst" ...

Danke allen Beteiligten!!!

>>> Focus: "Intersexualität: Das dritte Geschlecht"

(Danke an Hänselodergretel für den Hinweis.)

Monday, March 9 2009

Bundestag lehnt Yogyakarta-Vorstoss der Grünen ab

In derselben Sitzung, in der auch die CEDAW-Empfehlungen (nicht-)behandelt wurden, kam es zur Abstimmung über den Yogyakarta-Antrag der Grünen.

Intersexuelle waren in diesem Antrag bekanntlich als obligates Schlusslicht zu den "Schwulen, Lesben, Bisexuelle[n], Transgendern" einmal mehr bloss "mitgemeint". Konkret wurden sie in der Einleitung zwar noch in einem (nicht mal nur schlechten) Abschnitt erwähnt, im zentralen Teil des Papiers, den konkreten Forderungen, kamen sie jedoch gar nicht mehr erst vor – wie schon in den Yogyakarta-Prinzipen selbst. In der vorherigen Bundestagsdebatte zum Antrag benutzte zwar ein Abgeordneter 2x das Wort "Intersexuelle", meinte aber damit bezeichnenderweise Menschen, die in wegen "ihrer sexuellen Orientierung" verfolgt und diskriminiert werden in weit entfernten "Staaten [...], die eine andere Lebensweise haben", wie z.b. "Usbekistan und Turkmenistan" – und niemand, auch die antragstellenden Grünen nicht, fand es nötig, das richtig zu stellen.

Wie im Sitzungsprotokoll (>>> PDF-Download) auf S. 85 nachzulesen ist, wurde der Antrag nun im Bundestag am 5.3.08 in der 208. Sitzung ohne weitere Diskussion abgelehnt. 

Der Bundestag folgte damit einer Empfehlung des "Ausschusses für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe". Am 13.2.09, demselben Tag, an dem die schriftlichen CEDAW-Empfehlungen veröffentlicht wurden (sowie die beschämende Antwort des Hamburger Senats auf die historische erste Grosse Zwitter-Anfrage), war der Yoyakarta-Antrag dort Diskussionspunkt gewesen (>>> PDF-Protokoll). Schon dort wurden Zwitter ebenfalls gar nicht mehr erwähnt, sowie ging es einmal mehr lediglich um das "schlimme Ausland". Der Ablehnungsantrag wurde damit begründet, die Bundesregierung würde "dieses Thema" eh bereits kontinuierlich "unterstütz[en]", weshalb es dazu nicht noch einmal einen eigentlichen Beschluss brauche ...

Die Presseresonanz zur Ablehnung war gleich NULL- zumindest habe ich auf dem Web nichts gefunden.

Kommentar: Die Ausreden im (Nachtrag: auch sonst durch Mittäterschaft am unnötigen Fortdauern der Genitalverstümmelungen an Zwittern profilierten) "Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe" und überhaupt die gesamten Yogyakarta-Debatten zeigen einmal mehr, dass Zwittern mit solchen "Mitgemeint-LGBT-Vorstössen" prinzipiell schlecht gedient ist. Erstens gehen sie dort regelmässig unter bzw. werden für etwas ganz anderes gehalten. Weiter haben es solche Vorstösse in der aktuell realexistierenden politischen Landschaft schwer bzw. eine Mehrheit schon mal gegen sich (übrigens auch international, wie einschlägige UNO-Debatten zeigen). Wie andrerseits u.a. die im Vergleich dazu positiv ausgefallene CEDAW-Debatte illustriert, helfen den Zwittern Vorstösse, in denen es (statt um "Geschlechtsidentität" oder "sexuelle Orientierung") konkreter um die Zwangsoperationen als Menschenrechtsverletzungen geht, schon eher – obwohl es auch dort noch ein weiter Weg ist ...

Siehe auch:
- Bundestag / CEDAW: "Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe" will nix kapiert haben ...
-
- Yogyakarta-Debatte im Bundestag: "Intersexualität" = sexuelle Orientierung??!
- Lauter leere Versprechungen: Fachgespräch der Grünen 27.5.09
- Wie das "Netzwerk DSD" die "Lübecker Studie" frisiert – Grüne wollen nix gemerkt haben
- Menschenrechtsverletzungen an Intersexuellen: Yogyakarta untaugliches Instrument
- QueerGrün missbrauchen Zwittersymbol für TSG-Kampagne
- "Genitalverstümmelung ein afrikanisches Problem?"     

Friday, March 6 2009

CEDAW: Offener Brief des Deutschen Juristinnenbundes erwähnt Zwitter

Der djb hatte das CEDAW-Geschehen regelmässig verfolgt. In einem Offenen Brief an die CEDAW-Verantwortliche der Bundesregierung, Familienministerin von der Leyen, redete der djb am 4.3. (dem Vortag der CEDAW-Bundestagsdebatte) einmal mehr Klartext – und erwähnt erstmals "inter- und transsexuelle Frauen":

Und warum wird die Aufforderung an die Bundesregierung, in zwei Jahren einen Zwischenbericht über die getroffenen Maßnahmen [...] über die Zusammenarbeit mit den Verbänden von inter- und transsexuellen Frauen vorzulegen, überhaupt nicht erwähnt?

Danke!!

Der Offene Brief ist auch auf der CEDAW-Page des Deutschen Frauenrates enthalten. Dort gibts ebenfalls Klartext über die versammelten Ausweichmanöver der Bundesregierung in Sachen CEDAW – sowie einen Eintrag über den Zwitter-Schattenbericht noch aus dem alten Jahr:

Schattenbericht für Intersexuelle

18.12.2009 - Menschenrechte auch für Zwitter fordert der Verein Intersexuelle Menschen e.V. und hat daher einen eigenen CEDAW-Schattenbericht am 15. Dezember in Berlin vorgestellt.

Nach offiziellen Schätzungen leben etwa 80.000 bis 120.000 medizinisch mit dem Begriff „intersexuell“ („DSD“) klassifizierte Menschen in der Bundesrepublik Deutschland.

Viele von ihnen werden systematisch medizinisch nicht notwendigen und traumatisierenden Zwangsbehandlungen unterworfen. Diese stellten einen erheblichen Verstoß gegen ihr Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit, Selbstbestimmung und Würde dar, so der Verein, der die vollständige Umsetzung und Anwendung der Menschenrechte auch für Intersexuelle fordert.

Staatenbericht ignoriert Nöte der Intersexuellen

Intersexualität berührt eine Vielzahl universeller Menschen- und Frauenrechte. Mit ihrem Schattenbericht will der Verein Intersexuellen Menschen e.V. über die physische, psychische und soziale Situation intersexueller Menschen in Deutschland aufklären und die vollständige Umsetzung der Menschenrechte auch für intersexuelle Menschen durchzusetzen. Im 6. Staatenbericht der Bundesregierung zu CEDAW fänden die Anliegen intersexueller Menschen kein Gehör, bemängelt die Lobby für Intersexuelle. Deutschland dürfe als CEDAW-Vertragsstaat die schweren Menschenrechtsgefährdungen und -verletzungen an intersexuellen Menschen nicht mehr länger ignorieren.

Kommentar zum Frauenrat-Eintrag: Wenn da nur dieses Wort im letzten Satz nicht wäre! Lieber Frauenrat, "Menschenrechtsgefährdungen" an "Intersexuellen" ist a) die Untertreibung des Jahrzehnts: Die Menschenrechtsverletzungen an Zwittern sind in den "westlichen Demokratien" seit dem 2. Weltkrieg die wohl massivsten Menschenrechtsverletzungen überhaupt!! Und b) ein ziemlich peinlicher Griff in die falsche Schublade.

Ansonsten auch hier: Danke!!

Siehe auch:
- Schattenbericht Intersexuelle Menschen e.V.
- Schattenbericht: Bundesregierung leugnet Menschenrechtsverletzungen an Zwittern 
- Zwitter-Demos vor der UNO 26.1.
- Weitere Medienberichte zu Genf
- Genf: UNO mahnt Bundesregierung
- CEDAW: Schriftliche Empfehlungen an die Bundesregierung
- Oliver Tolmein zu CEDAW-Empfehlungen
- CEDAW: Offener Brief des Deutschen Juristinnenbundes erwähnt Zwitter
- CEDAW im Bundestag: Nach bekanntem Muster

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